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Der Weg ist das Ziel: Zum 70. Geburtstag von Karl Ratzer

Er ist einer der wenigen international bekannten Musiker Österreichs, und er ist durch alle Höhen und Tiefen gegangen, die ein Künstlerleben bieten kann. Kurz vor dem "Runden" am 4. Juli hat CONCERTO den Gitarristen Karl Ratzer zum Interview gebeten.

Der Weg ist das Ziel: Karl Ratzer on the road / FotoCredit: Andreas Biedermann

1960, mit zehn Jahren, bekam er seine erste Gitarre, kurz danach spielte der Autodidakt schon bei einer Amateurband. Karl Ratzers musikalische Vorbilder waren Jeff Beck, Peter Green, aber auch Soul-Größen wie Aretha Franklin und Ray Charles oder der legendäre, aus Ungarn geflohene Gitarrist Costa Lukács. Die Wiener Szene in den späten Sechzigern brodelte, Ratzer war mittendrin. Man traf sich im San Remo, im Atrium und im Voom Voom. Seine ersten Bands hießen Slaves, Charles Ryders Corporation, C-Department und, schon an der Wende zu den Siebzigern, Gipsy Love. "Bei C-Department waren Richard Schönherz und Manuel Rigoni die Masterminds, ich war da nur ein Glöckerl. Wir spielten symphonischen Rock, orchestral mit dreistimmigem Gesang, der Zeit in Österreich damals ziemlich voraus. Gipsy Love war ein Kollektiv von sehr kreativen Leuten. Die Musik war vom R&B inspiriert und hatte enorme Energie."

Die LP "Gipsy Love" (1971), auf der Karl Ratzer schon mehr als eine Talentprobe abgab, gilt heute als Rock-, Soul- und R&B-Rarität. Bei der Band, die auch das Sprungbrett für Peter Wolf (später bei Frank Zappa), Kurt Hauenstein (später Supermax) und Harri Stojka war, hält es den Gitarristen allerdings nicht lange, denn es ergibt sich für ihn die Möglichkeit, in die USA zu gehen. "Die acht Jahre in den USA waren meine Universität. Die prägendste Zeit. Da war oft das Beste und das Schlimmste nicht weit voneinander entfernt." Ratzer verbringt diese Jahre hauptsächlich in Atlanta, lernt Jeremy Steig, Bob Mintzer, Joe Chambers und andere Jazzer kennen und nimmt unter eigenem Namen ein paar Platten auf. Ein anderer Seelenverwandter aus den amerikanischen Jahren ist der Organist Dan Wall. "Ich habe Dan 1973 in Atlanta kennengelernt und das war 'hand in glove' mit ihm, unzertrennlich, wie eine Symbiose. Mit ihm hab ich eine Band gehabt. Wir waren täglich ausverkauft." 1997, viele Jahre danach, kommen Ratzer und Wall für die CD "Saturn Returning" wieder zusammen.

Happy Birthday zum 70iger, Karl Ratzer. / Foto: Biedermann

Ups and Downs

Dann holt ihn der schwer süchtige Chet Baker in seine Band: "Man hat mich gewarnt vor ihm, dass er mir alles stehlen wird. Dabei war er ein Sir." Während einer Europatournee entschließt sich Ratzer, in Österreich zu bleiben. "Ich hab nur mehr aus dem Koffer gelebt. Und ich wollte von den harten Drogen weg." Nach erfolgreichem Entzug klinkt er sich wieder in die hiesige Szene ein und lernt seine Frau Anna kennen. Er spielt mit alten Bekannten wie Fritz Pauer ("Ich hab von ihm sehr viel über die Musik und das Leben gelernt") und Art Farmer, begleitet Musiker wie Eddie Lockjaw Davis und Lee Konitz und bringt alle paar Jahre eine Platte heraus.

Ratzers Gitarrenstil wird im Lauf der Jahre ruhiger, abgeklärter. Er beginnt zu unterrichten, pflegt seine stilistische Vielseitigkeit: "Ich bin Musiker, mich interessiert unterschiedlichste Musik, ich mag keine Kastln." Als es ihm 2010 gesundheitlich sehr schlecht geht, holt ihn seine Frau mit den Worten: "So kann ein König keinen Abgang machen!" wieder aus dem Tief, und er formiert mit Peter Herbert am Bass und Howard Curtis am Schlagzeug ein bis heute bestehendes und für diverse Produktionen erweitertes Trio. "Das sind so informierte, kompetente Musiker, wenn die ein einfaches Lied spielen, hört man schon die ganze Tiefe in ihrer Interpretation." Zwei weitere Projekte neueren Datums sind erwähnenswert: einerseits die luftig-leichte Kooperation Ratzers und Herberts mit den vier Damen von eXtracello (siehe dazu CONCERTO 4/2019), andererseits das brandneue Trio wieder mit Peter Herbert und mit Ratzers altem Weggefährten, dem Trompeter Franz Koglmann: "Sein Spiel ist voller Information, innerhalb und außerhalb der Tonalität, und er vereint das mit einer so genialen Stilistik. Wir wollten im Juni ins Studio gehen. Das verzögert sich jetzt durch die Krise."

Worum es bei guter Musik geht, frage ich den Jubilar abschließend. "Um die Dreifaltigkeit: Geist, Seele und Kraft. Wenn von einem zu viel ist, ist die Musik nicht in der Balance. Zu viel Kraft macht sie zu brunftig, zu viel Geist zu kopflastig und zu viel Seele zu schmalzig. Bei guter Musik ist das Instrument Sprachrohr und kein Therapietool." Martin Schuster

Live-Tipp:

01.09.: Ratzer/Herbert/eXtracello: The Grand Reopening, 20:30 Uhr, Wien, Porgy & Bess 

Web-Tipp: 

www.porgy.at 

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