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Yvonne Mwale: Mit Glück die Seele befreien!

Afrikanische Musik genießt momentan nicht das beste Ansehen. Ob sich das ändert, hat auch mit Sängerinnen wie Yvonne Mwale zu tun. Sie agiert charismatisch auf der Bühne, und ihre Stimmkraft empfiehlt sich als Glücksmittel.

Yvonne Mwale /FotoCredit: Matthias Krämmer

Yvonne Mwale ist eine junge afrikanische Musikerin. Eine Sängerin aus Sambia. Sie lebt mittlerweile im Hintertaunus in Deutschland. Das bedeutet Leben in tiefster Provinz. Traurige, dumpf-eindimensionale Provinzialität ist ihrer Musik allerdings nicht anzuhören. Sie birgt vielmehr ein Glücksversprechen. Was bitte, ein Glücksversprechen? Ausgerechnet die Musik einer afrikanischen Sängerin soll Ausdruck ihres Glücks sein und, darüber hinaus, uns Hörende glücklich machen?

Noch vor drei, vier Jahrzehnten hätte man diese Frage mit einem "Warum nicht?" beantworten können. Zu den längst in Europa und Amerika etablierten Namen afrikanischer Musiker wie der "Pata Pata"-Sängerin Miriam Makeba, dem von Eric Burdon und dem Rockpublikum in Monterey einst hymnisch gefeierten Trompeter Hugh Masekela und Manu Dibango mit seinem "Soul Makossa"-Hit, gesellten sich in den Achtzigern King Sunny Adé mit seinen Juju-Sounds, ein Mory Kanté 1987 mit seinem Welthit "Yéké". Der Name von Ali Farka Touré verband sich dank des Erfolgsalbums "Talking Timbuktu" (1997) ebenso mit dem von Ry Cooder und des afroamerikanischen Bluesgranden John Lee Hooker, als dessen afrikanisches Missing-Link zum Blues Touré gepriesen wurde. Youssou N'Dour genoss für sieben Sekunden nicht nur afrikanischen, sondern sogar Weltruhm, Angélique Kidjo startete ihre Weltkarriere.

Alles schön und gut. Es schien, als wäre, nachdem die Rohstoffe auf räuberische Weise aus Afrika längst ihren Weg nach Europa gefunden hatten, nun zumindest auch die Musik zumindest für eine Zehenlänge im Westen angekommen. Sogar in Österreich. So unternahmen etwa 1993 Attwenger eine Tour durch Zimbabwe, den Nachbarstaat Sambias, und erzählten damals, was sie sich dort musikalisch erhofften. Für den Attwengerschlagzeuger Markus Binder war klar: "Mich interessiert der Rhythmus. Der Rock'n'Roll kommt aus Afrika." Er fügte hinzu: "Erwarten tun wir uns nichts Genaues, weil wir es nicht wissen, aber dass Attwenger dorthin fährt, ist schon ein Statement, sich aus dem hiesigen Musikmarkt einmal abzuseilen, sich auf etwas einzulassen, wo du nicht weißt, was dabei herauskommt, auf andere Gedanken zu kommen und auch unsere Arbeit anders einzuschätzen. Was wir von den Texten mitbekommen haben, von gewissen Leuten, Liedern und welche Rolle die Musik im Befreiungskampf gespielt hat. Das ist auch deshalb interessant, weil sich uns schon immer wieder die Frage gestellt hat, was bewirkt die ganze Musik? Verkommt das nur noch zur Unterhaltung und wie weit ist Musik ein politischer Faktor, eine politische Sprache?" Das war 1993, und es hat den grundsätzlichen Fragestellungen nach dem, was Musik bedeutet und wo sie etwas bewirken kann, sicherlich nicht geschadet, dass ein Hubert von Goisern 1998 ebenfalls nach Afrika pilgerte und ein "Afrika" betiteltes Album zurückbrachte oder Jazzer wie Sigi Finkel und Wolfgang Puschnig mit dem ursprünglich aus Burkina Faso stammenden, aber längst eingebürgerten Neu-Wiener Mamadou Diabaté musizierten. Darüber hinaus sei der Beitrag des österreichischen Musikers und Ethnologen Gerhard Kubik nicht vergessen, der bereits seit den sechziger Jahren in verdienstvollen Studien etwa den inneren Zusammenhang von afrikanischer traditioneller Musik mit amerikanischem Jazz und Blues untersuchte.

Yvonne Mwale / FotoCredit:Sascha Ross

Schöpferische Menschen!

Wer nach den Reibungsflächen von Österreich und der Musik Afrikas fragt, kann die Fragestellung gleich erweitern und nach dem Verhältnis von Kunst und Kultur fragen. In den Neunzigern befragte ich dazu in Paris den kürzlich verstorbenen Saxofonisten Manu Dibango. Er erklärte: "Auch wenn ihr es nicht glauben wollt, aber es gibt in Afrika auch Städte, sogar große Städte. Trotzdem bildet das Dorf immer noch unsere geistige Heimat. Auf dem Land, im Dorf, ist Musik mit den Traditionen des Alltags verbunden. Die traditionelle Musik erzählt vom Fischen, vom Arbeiten, von Initiationsriten, von der Brautwerbung. Sie hat ein starkes Mitteilungsvermögen. Dort gibt es keine Kunst: 'Kunst' ist eine Konzeption des Westens. Dieser Begriff spielt im traditionellen Afrika keine Rolle, es gibt ihn nicht. Wenn ihr über 'Kunst' redet, dann nehmt ihr eine westliche Perspektive ein. Die künstlerischen Werte Afrikas sind andere als die künstlerischen Werte des Westens. Allein schon der Begriff 'Künstler'! Das sind von Mäzenaten oder vom Staat abhängige Menschen. 'Schöpfer' wäre ein viel besseres Wort. In der afrikanischen Tradition gibt es jenseits der Griots keine 'Künstler', sondern schöpferische Menschen. Sie stellen keine Kunstwerke zum Verkauf her, sondern Schönheit für den Gebrauch, für die Spiritualität. Was bedeutet das für mich als Musiker? Als ich zum ersten Mal mit Nicht-Afrikanern Musik machte, ging es mir um die Musik, um das Abenteuer des musikalischen Miteinanders. Musik kennt doch keine Grenzen. Wenn ich aber unterwegs bin, in Europa oder in Amerika, dann reise ich nicht als Afrikaner, sondern als Musiker. Das Publikum sieht mich aber vor allem als Afrikaner. Ist ja auch klar, ich bin Afrikaner. Aber wollen sie nun den Afrikaner hören oder den Musiker? Wenn man weiter nach der Farbe urteilt, dann hat sich am Rassismus nicht viel geändert. Das Maß der eigenen Neugier sollte sich nicht auf das Dorf, eine Stadt oder einen Kontinent beschränken. Musiker kennen wie die Musik keine Grenzen, und manche müssen um die Welt reisen, um anzukommen. Ob man den Durchbruch schafft, hängt von vielen Faktoren ab. Ist man zur richtigen Zeit am richtigen Ort? Das zu bestimmen, ist letztlich auch eine spirituelle Aufgabe für das eigene Selbst des Musikers. Leider sind auch afrikanische Musiker zunehmend den Gesetzen des Westens und des Marktes unterworfen. Sie müssen sich anpassen und ihre Musik dem Geschmack des Westens angleichen, wenn sie finanziell überleben wollen. Das bedeutet für einen afrikanischen Musiker, dass er einem doppelten Druck ausgesetzt ist. Er muss ein schöpferischer Mensch sein, zugleich will er im Westen erfolgreich sein und muss seine Musik dem Geschmack der Europäer anpassen."

Yvonne Mwaler / Foto: Matthias Krämer

Von Sambia in den Hintertaunus

Als mir dieses Interview, geführt vor über zwei Jahrzehnten vor einem schweißtreibenden Konzert voller begeisterter Fans im "Petit Journal Montparnasse" in Paris wieder einfällt, spreche ich gerade mit Yvonne Male. Die einstige Freude an afrikanischer Musik ist mittlerweile eher der Furcht vor den vermeintlich unkontrollierbaren afrikanischen Menschenmassen geworden, die nur darauf warten, Europa mit Drogen und dem Koran zu überfluten. Die Zeiten haben sich geändert, social distancing ist angesagt. Wozu wurde schließlich das Telefon erfunden? Es funktioniert sogar zwischen Wien und dem düsteren Tann des Hintertaunus, und die Frage, wie es ihr, einem Sonnenkind Afrikas in den dunklen Wäldern Deutschlands gefällt, quittiert sie mit einem Lachen. "Oh, ich liebe die Dunkelheit", erklärt die Sängerin aus Sambia, "und ich liebe große Bäume. Sie haben etwas Spirituelles an sich. Sie sind groß und stark, sie haben viel erlebt. Wenn man sie umarmt, erfährt man viel über sich und über das Leben. Sie haben so viel Lebensenergie in sich, ich liebe es, sie im Dunkeln zu besuchen. Ich habe dieses spirituelle Wissen von meiner Großmutter, weißt du, ich bin im Osten von Sambia aufgewachsen, bei den Nsenga. Viele alte Lieder habe ich dort gelernt. Im Dorf ist Musik kein Selbstzweck, wir sangen zu Erntefesten Lieder über die Natur, bei der Initiation Lieder, die vom Erwachsenwerden handeln, spezielle Totenlieder, wenn jemand gestorben war. Es gab für jeden Anlass bestimmte Lieder. Als ich dann in die Stadt, nach Lusaka kam, war alles anders. Wir tragen alle das Dorf in uns, aber in der Stadt schämt man sich für diese eigene Vergangenheit." Was wie eine Ergänzung der Worte Manu Dibangos klingt, wird durch einen schnellen Blick auf die Musikgeschichte ihrer Heimat noch plausibler.

Heute heißt es bei Wikipedia, dass die sambische Musikszene reich sei. Diese Einschätzung ist tendenziös und zumindest ergänzungswürdig. Denn jahrzehntelang galt Sambia gerade nicht als Musterland mit eigener musikalischer Identität. Wo die Musik Malis etwa einen sofort identifizierbaren Klang hat, konnte das Land der Victoriafälle nichts dergleichen bieten. Das hatte etwas mit der besonderen Lage dieses ostafrikanischen Landes zu tun. Es heißt, Sambia wäre mit einem Kupferlöffel im Mund geboren, weil das Land mit seinen großen Kupfervorkommen Teil des sogenannten Kupfergürtels ist, der den Weltmarkt mit Kupfer versorgte. Die Folge war eine relativ hohe Urbanisierung von nahezu 40 Prozent mit Millionenstädten wie Lusaka, wo eben auch Yvonne Mwale lebte. Wer als Arbeitsimmigrant vom Dorf in die Stadt kam und sich nicht als Dorftrottel blamieren wollte, gab sich chic und modern, die alten Lieder von Saat und Ernte waren bei der Untertagearbeit in den Kupferminen nutzlos, und die Kollegen aus den Nachbarländern brachten ihre Musik mit. Arbeiter aus allen Teilen Sambias, dem damaligen Nord-Rhodesien und den damaligen Nachbarstaaten bis nach Südafrika wurden angeworben, und eine Populärmusikmixtur entstand, die sich seit den fünfziger Jahren als neuer urbaner Sound herausbildete und sich mit der Musik der Nachbarländer vermengte. Was in Sambia erklang, hörte sich in Zaire ähnlich an. Man kleidete sich europäisch, man tanzte den Kalela und hörte in den Fünfzigern Alic Nkkhata. Aus Südafrika kam der Jive, und in den Sechzigern entwickelte sich, angelehnt an die omnipräsenten Vorbilder der Beatles und Jimi Hendrix eine Spielart der Rockmusik, der Zamrock. Damals hieß es in der "Zambia Daily Mail", dass "wir in der Hauptsache kongolesische Platten bekamen, ohne dass wir selbst etwas hätten schaffen können. Wir bekamen alles aus Süd-, Ost- und Westafrika." Dann kam Kalindula, eine neotraditionelle Musik, die, mit Zamrock vermischt, Gruppen wie 5 Revolutions hervorbrachte und Sambia in ein "Kalindulaland" verwandelte. Aber das ist lange her, eine Mode macht auf die Dauer eine Szene nicht reicher, und soviel Musik in Sambia auch gehört wird, so arm ist die Szene in Wirklichkeit. Was geblieben ist, fasste der Musikexperte Wolfgang Bender 1985 mit den Worten zusammen: "Der Liedtext ist für die afrikanischen Hörer von überragender Wichtigkeit, während für uns der Text bestimmter Lieblingslieder auch unverstanden bleiben kann." Es geht um den sozialen Zusammenhang, der über die Musik und die Texte hergestellt werden soll.

Noch bevor ich fragen kann, wie eine sehr temperamentvolle Yvonne Mwale sowohl ihre Spiritualität als auch das Element der social togetherness von Sambia in den Hintertaunus transformieren konnte, legt sie auch schon los: "Als ich 2013 nach Deutschland kam, war es natürlich schwierig. Aber dann haben die Leute gesehen, wie wichtig mir die Musik ist und welche Energie ich auf die Bühne bringe. Allein der Titel meiner CD 'Free My Soul' und der gleichnamige Song sagen schon viel. Das ist ein ganz persönlicher Song. Es gilt, sich aus dem Gefängnis der Seele zu befreien, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen und sich durch Musik auszutauschen. Kommunikation mit Menschen, von Seele zu Seele. Ich möchte, dass das Publikum mir zuhört und sieht, wer ich bin. Natürlich ist meine Musik auch Tanzmusik. Tanzen ist Therapie, um sich besser zu fühlen. Du musst dich fühlen und lernen, dich selbst zu lieben. Dann kannst du auch andere Menschen lieben. Wer bei meiner Musik nicht mit dem Popo wackelt, versteht sie nicht."

Beim Popowackeln hilft ihr eine unaufdringlich spielende deutsche Band, die mit afrikanisch anmutender Gitarrenarbeit und Keyboardklängen den Spagat zwischen Tradition und Moderne hinbekommt. Dass Sambia keinen eigenen Musikstil hervorgebracht hat, ist hier vielleicht von Vorteil, klingt dieses Album, ihr viertes, doch so pop-international, dass es an jede unserer westlichen Hörerfahrungen andocken kann. Was ihre Musik allerdings so besonders, so einzigartig macht, ist Yvonne Mwales Stimme. Mühelos befreit sie sich von herkömmlichen Songstrukturen, von zärtlichem Sprechgesang schwingt sie sich zu divenhaften Tönen zwischen Jazz, Oper, Funk oder Soul. "Ich liebe es, wie im Jazz zu scatten und zu improvisieren. Ich liebe Beatboxen und Rappen, die Stimme ist mein Instrument." Dieses Instrument setzte sie bei Songs ein, deren Songtitel wie "Learn about Life" oder "Inner Spirit" ihr spirituell-soziales Anliegen verdeutlichen. Und sie schafft mit dieser Stimme etwas Ungehörtes, ganz Neues. Wer sich darauf einlässt, kann zumindest eine CD-Länge glücklich werden. Harald Justin

CD-TIPP

Yvonne Mwale, "Free Soul", o-tone music, Vertrieb: Edel Kultur

WEB-TIP

Yvonne Mwale
www.yvonnemwale.com

O-Tone Recordings
http://shop.o-tonemusic.de/shop/shop_content.php?coID=4

 

 

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