Concerto > Concerto-Ausgaben > Ausgabe 3/2022 > Ulrichsberger Kaleidophon

Klangkunst feinstofflicher Genese

Vom 29. 04 bis. 01.05. fand das ULRICHSBERGER KALEIDOPHON statt.

"gehen und denken und" nennt die österreichische Bildhauerin Gabriele Berger eines ihrer aktuellen Kreativwerke, in dem sie audiovisuelle Medienkunst bildender Kunst gegenüberstellt, respektive sie ineinandergreifen lässt, was im Rahmen des heurigen Kaleidophons präsentiert wurde bzw. noch bis 11. Juni 2022 in der jazzateliereigenen Galerie zu erkunden ist.

Craig Taborn / FotoCredit: Uli Templin

Jene Zuschreibung ließe sich auch passend, nach der zweijährigen erzwungenen Pause, als Anregungsinitiative des Festivals interpretieren. Man konnte wieder zum Mühlviertler Fantasie-Biotop normenweitender Tonkunst "gehen", das analoge/physische Erleben ist zurück, und man hörte und hörte und konnte darüber mit anderen "denken". Wie eine Kollektivumarmung fühlte sich das Zusammentreffen der Neigungsgemeinschaft "atmungsaktiver" Echtzeitmusik an.

Die Schaffenden waren angetrieben und beseelt, wie die Aufnehmenden konzentriertest die Ohren weiteten. Kaleidophon-"Dirigent" Alois Fischer betont, dass die performative Durststrecke dank der subventionellen Zusprüche von Bund und Land gut gemeistert werden konnte. Da gab´s nichts zu bemängeln. Lamentieren ist seine Sache so und so nicht. Fischer ist ein Ermöglicher. Erneut gelang es ihm, in unseren Breiten unbekannte MusikerInnen neben szenepräsenten, namhaften Persönlichkeiten auf die Bühne zu holen. Die Ausrichtung lag auf einer Klangarchitektur subtilstrebiger Beschaffenheit. Jedes der Projekte pflegte ein entsprechend relevantes Eigenleben.

Agierend mit bemerkenswertester Nuancenvielfalt einschließlich fokussierten Formsinns. Den beiden größer besetzten Ensembles war die Synergie aus Materialdetermination und Momentschöpfung ein dringliches Anliegen. Das EMIßATETT rund um die Cellistin Elisabeth Coudox vertiefte sich in eine extrovertiert mehrschichtige Kraftkammermusik, wohingegen sich die zehnköpfige Percussiontruppe des australischen Drummers Will Guthrie, ENSEMBLE NIST-NAH, rhythmischer Energie und Unmittelbarkeit verschrieb. Ohne jegliche vordergründige Aneignung strebten in den Kompositionen Guthries rhythmische Intensionen des Jazzidioms, afrikanische, indonesische Traditionen und Minimal Music-Prinzipien in selbstständiger Weise ineinander. Klanglich ausgereizt von Schlagzeugen, Gamelaninstrumentarium und Metallobjekten. Faszinierend entrückt wie bodenverhaftet. Zu entdecken galt es zum einen das hochverdichtete, introspektive Kollektivimprovisationen ausleuchtende Quartett der afro-amerikanischen Violanistin Judith Insell JUMP OFF THIS BRIDGE. Abstrakt poetisches Narrativ - bestechend interagiert. Entschleunigungsenergie als Anreger detailreichen Klangfarbengemischs ist die Prämisse der diaphanen Aggregatzustände des Trios OHLMEIER/KHROUSTALIOV/FISCHERLEHNER (bcl-electronics-dr). Verbunden mit Genauigkeit und Achtsamkeit in der Klangauslösung und dessen Modulation. Höchst speziell besetzt war das Trio INAWHIRL, initiiert vom aparten Pianostilisten Georg Graewe. Behände schäumende "Laufbahnen", melodisch/harmonisch exponiert, rhythmisch wallend, verschränkt mit aerobatischen Gesten der von Sara Kowal gespielten Harfe, intelligent kontrastiert durch die "Readymades" aus Dieb 13 Plattenkistel. Fein gewirkte Klangbilder, präzise skizziert - kollektiv verortet im Gestus spontaner Schaffenskraft. 

Sara Kowal / FotoCredit: Uli Templin

Eingeschränkt ergiebig waren die Klangreden des DUOs BAARS BUIS. So originell die Idee war, nur anhand von Tenorsaxophon/B-Klarinette und Posaune Kompositionen von Duke Ellington und Herbie Nichols als Dialog auszuhorchen, so sperrig und in den Improvisationskapricen zu unverbindlich war die Folgerung daraus. Drei Recitals signifikanten Kommunikationspotentials rundeten die Vortragsreihe ab. Die Cellistin SOIZIC LEBRAT schlussfolgerte eigene essentielle Stränge aus klassisch interpretatorischem und improvisatorischem Verständnis. "Imperfect Measures" überschrieb Bassist MICHAEL FORMANEK seinen Monolog. Umtriebig in diversen Ausdrucksformen der Jazz Moderne, zu seinem Vokabular eingeschmolzen, schickte er seine herzhaften musikalischen "Maßnahmen" in den Äther. Anfänglich zu kribblig, aber folglich immer stringenter und wesentlicher. Perfekt unvollkommen. Mit einer Feierstunde extemporierter Tonkunst par excellence tastete sich der Pianist CRAIG TABORN in seinen "Shadow Plays" zum höchsten Lichtpunkt der diesjährigen Zusammenkunft empor. Durchschreitung der Stilausformungen des 20. Jhdts und die Bündelung entsprechender Klavierspieltechniken. Verweise auf Debussy, Webern, Boulez, Art Tatum, Monk bis zum Handschlag mit Cecil Taylor. Als explizit elaborierter Code - der Seine. Ein durchgehender Erzählstrang der sowohl poetischen Sternenstaub regnen ließ als auch gefasste, dionysische Intensität entfachte.

An den drei Tagen tat sich wiederum die "Anderswelt" auf. Also, "hören und empfinden und"...auf und Kaleidophon. Hannes Schweiger

Postscriptum: 

Das Jazzatelier Ulrichsberg, der Veranstalter des Kaleidophons, veranstaltet auch während des Jahres äußerst interessante Konzerte.

Das Programm finden Sie per Mausklick: www.jazzatelier.at 

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