Concerto > Concerto-Ausgaben > Ausgabe 3/2022 > Willi Resetarits

Willi Resetarits: Ein Nachruf

Nachrufe als Musikjournalist zu schreiben, ist an und für sich nicht sehr lustig; kann man sich wohl denken. Mit den meisten MusikerInnen, die uns verlassen haben, verbindet einen etwas: eine "gemeinsame" Jugend, exzessive Konzerte, Messages und Codes, die einem das Leben leichter oder schwerer machten, Emotionen oder tiefe Sinnlichkeit.

Willi Resetarits / FotoCredit: Herbert Hoepfl

Schreibt man nun über eine Person, mit der man bis spät in der Nacht über Gott und die Welt philosophierte, wird der Nekrolog zu etwas sehr Mühsamem. Bleiben wir bei der Wahrheit, über Gott hat der Autor dieser Zeilen nie mit Wilhelm Thomas Resetarits gesprochen; und es gab auch nur einmal diese direkte Begegnung. Ansonsten beobachtete man den Willi, hörte seine Musik und wunderte sich, dass er nie die Nerven verlor und als die personifizierte Freundlichkeit durch das Leben schritt. Das besagte, persönliche Treffen fand in einem kleinen, chinesischen Restaurant statt, das gegenüber dem Wohnhaus Willis in Wien zu finden war. Der Autor arbeitete dazumal in der Kulturredaktion einer Tageszeitung aus gelbem Papier und interviewte den Ostbahn-Kurti, also gar nicht mehr den Willi. Nach 2, 3 Stunden wollte der Journalist aufbrechen, doch der Kurti wollte mit aller Gewalt, dass man noch in seiner Küche ein Fluchtachterl trinken sollte. Die Frau Chinesin hatte die beiden Herren schon hinaus gebeten. Fast hätte sich die Situation noch einmal wiederholt, da Willis Gattin, Beatrix Neundlinger, keine Freude mit dem nächtlichen Besuch hatte.

Willi Resetarits wurde am 21. Dezember 1948 in Stinatz im südlichen Burgenland geboren. Eine Marktgemeinde mit 1200 Einwohnern, in der sich mehr als 60 % als Burgenland-Kroaten oder Kroaten deklarieren. Die Familie Resetarits war oder ist burgenländisch-kroatisch. Willi sprach, als man 1952 nach Wien übersiedelte oder zuwanderte, nur Kroatisch, erlernte vorerst den Favoritener Dialekt, später Hochdeutsch. Von der Musik war Willi recht früh infiziert und schloss sich diversen Bands an. Eine davon nannte sich The Odds, also die Chancen. Die nützte Resetarits in seinem Leben immer, aber ganz ohne Druck und Unfairness. Das erste Kapitel der musikalischen Vita Willis heiß Schmetterlinge. Hinter dem beinahe blauäugig naiven Bandnamen steckte eine Politrockband, die volle Kanne gegen korrupte Politiker, rechte Ideologien, soziale Ungerechtigkeit und das durch die Mächtigen behütete Elend der Menschheit losmarschierte. Einer, den die Schmetterlinge verhöhnten und an die Kandare nahmen, war z.B. Richard Nixon. Willi Resetarits war dazumal in der linken Szene ein wilder Hund und "ließ sich nichts gefallen". Dass in dieser Zeit Bruno Kreisky am Regieren war und die sozialistischen Bürgermeister Slavik und später Gratz (beide SPÖ) hießen, schenkte Willi Resetarits und den Schmetterlingen uneingeschränkte Meinungsfreiheit. In dem politischen Oratorium "Proletenpassion" thematisierte man 4 Jahrhunderte an Revolutionen, Unterdrückung und willkürlichen Machtapparaten.

Willi Resetarits war für die Bourgeoisie und Konservativen ein rotes Tuch. Wuascht, die Schmetterlinge waren nicht zu bremsen und wurden "sogar" mit ihrem Liedchen "Boom-Boom-Boomerang" zum Eurovision Song Contest entsandt. Der Song war eine bewusste Provokation gegen die Schwachsinnigkeiten, die oft bei dem Bewerb vorgetragen wurden. Mit einem vorletzten Platz kehrte man aus London heim. In der Radiosendung "Schlager für Fortgeschrittene" hetzte Moderator Gerhard Bronner fuchsteufelswild gegen die frechen Schmetterlinge. Willi und seiner Band passte das sicher. Günter Brödl (1955 - 2000), ein begabter Autor, Musikjournalist und Songtexter zimmerte ab 1979 an der Legende, dass es, wie in seinem Theaterstück "Wem gehört der Rock n´ Roll", einen Rockstar namens Ostbahn-Kurti geben soll, der auch schon Langspielplatten veröffentlicht hatte, jedoch aktuell unauffindbar wäre. Eine rockige Mär. 1983 verließ Willi Resetarits die Schmetterlinge und entpuppte sich nach einem Treffen mit Brödl als der charismatische Ostbahn-Kurti. Jetzt kam Resetarits wirklich ins Geschäft und entwickelte sich zu einem Sänger, der ungeahnte Erfolge einfahren konnte. Brödl übersetzte Texte eines Bruce Springsteen, Marvin Gaye oder von Bands wie ZZ Top mit großartigem Sprachgefühl ins Wienerische, und Kurtl intonierte sie perfekt und glaubhaft. In verschiedener Besetzung (Ostbahn Kurti & die Chefpartie, Kurt Ostbahn & die Kombo) veröffentlichte man 20 Tonträger. Der Ostbahn-Kurti wird unvergesslich bleiben. Nach Ostbahns Pensionsantritt musizierte Willi Resetarits weiterhin erfolgreich z.B. mit Stubnblues, Ernst Molden oder der Viererbande. Was jedoch Willi Resetarits größtes Verdienst ist, dass er ein riesiges Herz für alle Menschen besaß, deren Leben ein Spießrutenlauf und Problemlabyrinth ist. Er war Mitbegründer der Vereine "Asyl in Not" und "SOS Mitmensch". Willi realisierte das "Integrationshaus Wien" und achtete sorgsam und persönlich darauf, dass den Betreuten tatsächlich geholfen wurde. Er war ein Mann, der unantastbar war. Obwohl in Österreich permanent eine braune Brühe brodelt, wurden niemals Pfeile aus dem rechten Eck gegen Willi geschossen. Eine einmalige, große Persönlichkeit hat uns am 22. April für immer verlassen. 

Ernst Weiss

Kontakt

CONCERTO-Magazin,
P.O.Box 144, A-3830 Waidhofen/Thaya, Austria
e-mail: concerto@concerto.at 
Tel. (++43) 2842-54904
Skype: concerto1

CONCERTO - Verein zur Förderung der kulturellen Zusammenarbeit
Vereinsregistrierung: ZVR:823 628 971

Bankadresse: Waldviertler Sparkasse Bank AG, Austria
IBAN: AT 44 20272 00900 000845
Swift/Bic-Code: SPZWAT21XXX
Empfänger: Concerto-Verein

Wo kann man das CONCERTO-Magazin kaufen?

Hier erfahren Sie es!