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Tiefe Verbeugung - Das 36. Int. Musikfest Waidhofen im Rückblick

Das „dienstälteste“ Festival Österreichs, so stand es im Programmfolder, überzeugte mit einem fabelhaft abgestimmten Programm auf drei Schauplätzen.

Den Beginn machte der „Warming-Up-Day“ in der Altstadt von Waidhofen, 17 Bands gaben sich ein Stelldichein in den diversen Lokalen der mittelalterlichen Grenzstadt. 3500 Besucher konnten bereits an diesem Aufwärmtag bei freiem Eintritt heiße Klänge miterleben. Der weitere Schauplatz ist dann der Thayapark, wo das Festival von Freitag, 3. bis Sonntag, 5. Juli, über die Bühne ging. Genauer gesagt, waren es zwei Bühnen, die legendäre Badehütte und die neue Thaya-Bühne, die letztes Jahr installiert wurde.

Stefan Sterzinger (Foto ganz oben) eröffnete mit seinem orientalisch-wienerischen Trio sehr gelungen beide Bühnen. Es folgte die Gitarrenlegende Karl Ratzer (Foto 2. von oben), der ein erstklassiges Comeback mit seinem neuen Septett hinlegte. Jazz in allen Facetten, zeitlos, beständig und groovig zugleich. Ratzer feierte seinen 65. Geburtstag an diesem Tag und wurde vom Veranstalter mit Blumen und Torte und vom Publikum mit einem Happy Birthday-Ständchen beschenkt. Lokalmatador Paul Dangl (Foto 3. von oben)auf der Geige, der mit seiner Band Black Market Tune, nachsetzte, war neben Ratzer der Star des Abends. Folk Music auf höchstem Niveau wurde hier geboten. Die Mira Lu Kovacs steuerte dann noch den Extra-Bonus als Sängerin bei. Interessant dann auch der nachtmitternächtliche Übergang von Scottish Folk zur Scottish Ambient Electronics mit dem schottischen Trio Halcyon. Die Band bot abweschlungsreiche fließende Übergänge von Folk-Music in elektronische Klänge mit fetten Bässen, und das alles zum Abtanzen oder einfach Staunen. 

 

Am Samstag ging es mit hoher Qualität weiter. Der junge Vorarlberger Jazzpianist David Helbock überzeugte mit seinem hervorragend eingespielten Trio das Publikum. Ein schönes Beispiel für die musikalischen Grenzgänge und –überschreitungen, die in Waidhofen zu erleben sind, lieferte die deutsche Band Yellow Bird, die sich einer angejazzten Spielart von Country und Bluegrass verschrieben hat. Dass diese Unternehmung nicht bloß akademisch wirkt, verdankt sich dem Humor, mit dem das Quintett ans Werk geht. Danach mit Marc Ribot (Foto 2. von unten) und seiner Formation Ceramic Dog ein echtes Festival-Highlight: Zwar ist der Gitarrenexzentriker seit jeher frei vom Verdacht, zimperlich zu sein, so radikal wie beim Waldviertler Musikfest hat man den New Yorker aber selten erlebt. Die Freude, dem Publikum, wie vom Veranstalter versprochen, mit Power-Akkorden und entsprechender Lautstärke "einen Scheitel zu ziehen", war Ribot anzusehen. Den begeisterten Zuhörern ebenso. Für ein nicht ganz so lautes, aber nicht weniger sinnliches und hypnotisches Hörerlebnis sorgte danach die aus der West-Sahara stammende, heute in Barcelona lebende Sängerin Aziza Brahim. Ein grooviger Kontrapunkt wurde danach mit Count Basic gesetzt. Die energiegeladene Sängerin Kellie Sae (Foto 4. von oben) ließ die alte Badehütte brodeln.

Beim sonntäglichen Brunch trat erstmals nach 12 Jahren die BEBB, Bernhard Egger Blues Band, auf. Sie gelten als die Lokalmatadore im Waldviertel und genießen bereits Kultstatus, ähnlich der Bluespumpm. Die Wiedervereinigung hat sich ausgezahlt. Frisch und unbekümmert, aber voller Elan und voller Blues geigten die Altspatzen auf. Mira Lu Kovacs (Foto 2. von unten), bereits am Freitag bei Black Market Tune zu hören, wurde vom Veranstalter ein eigener Slot für ihre Band, Schmied Puls, zur Verfügung gestelllt. Und das war gut so. Die hinreißend unglaubliche Stimme von Mira Lu Kovacs, musikalisch mit ihrem Trio zu einer Einheit verschmolzen, zog das Publikum in den Bann. Joni Mitchell hätte ihre Freude daran gehabt. Mit zwei interessanten Konzerten schloss das Festival ab: David Krakauer & Ancestal Groove schlängelte sich durch die vielseitigen Facetten der Klezmer-Musik. Kategorie Weltklasse, viel mehr Worte gibt es hier nicht zu verlieren. Die Herzen berührte zum Abschluss das A cappella Ensemble Mozuluart (Foto ganz unten), gemeinsam mit dem Ambassade Streichorchester. Mit viel Humor, Unterhaltung und gleichzeitig hoher Qualität konnten Vusa, Ramadu und Blessings aus Zimbabwe gemeinsam mit Pianist Roland Guggenbichler ein emotionales, aber auch sehr grooviges Konzert hinlegen. Das Streichorchester legte dazu den musikalischen Sockel, auf denen das Quartett stand.

Jedes Jahr fragt man sich, wie dieses Festival funktioniert? Musiker von Weltklasse geben sich hier die Türklinke in die Hand, während die Veranstalter völlig unabgehoben nicht nur hinter der Bühne arbeiten, nein, fast im gleichen Augenblick Teil des Publikums sind. Nur so gibt’s sofort Feedback, lange Umfragen im Nachhinein erübrigen sich somit. 300 Mitarbeiter, die 4 Tage lang nur für einen Eintritt und ein Essen arbeiten, könnte man schon wieder als „Retro“ bezeichnen. Wie auch immer, es gibt in Österreich kein Festival mehr, das auf einer derartig professionellen Weise rein idealistisch und – noch dazu (!) – ohne finanzielle Förderung der öffentlichen Hand, agiert. Fazit: Tiefe Verbeugung! Waidhofen keep on retro! safra/glicka

Web-Tipp: www.folkclub.at

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