Concerto > Concerto-Ausgaben > Ausgabe 4/2016 > Blues Pills

Blues Pills -

Nur nicht zu früh aufgeben!

Blues Pills veröffentlichen ihr zweites Studioalbum

Lovely Days Festival im burgenländischen Wiesen anno 2014. Auf dem Programm stehen, stilistisch breit gefächert, altgediente Heroen wie Tokyo, Grandmothers Of Invention, Johnny Winter - der kurz darauf leider verstarb -, Chicago und John Fogerty. Die Eröffnung ist jedoch einer jungen Formation vorbehalten, die im ausverkauften Gelände kaum größere Bekanntheit genießt. Vor ihrem Auftritt wohlgemerkt. Denn danach war sie in aller Munde. Hochenergetisch wirbelt die Sängerin über die Bühne, der Gitarrist schüttelt, trotz augenscheinlicher Jugend, kompetent adulte Riffs und Läufe aus den Saiten, und die Rhythmustruppe zimmert ein felsenfest pumpendes Fundament. Das alles wirkt frisch, spielfreudig und dennoch vertraut. Denn ohne Koketterie oder gar Ambitionen zum Plagiat lässt die Band erkennen, dass ihnen die (Blues)Rockgeschichte kein Buch mit sieben Siegeln scheint.

FotoCredit: Blues Pills Archiv

Der Startschuss zu Blues Pills erfolgt Ende 2011 in Kalifornien. Dort lernten die amerikanischen Halbbrüder Zack Anderson und Cory Berry die schwedische Sängerin Elin Larsson kennen und musikalisch schätzen. Man spielte im Trio ein Demo ein, stellte es auf YouTube, und prompt meldete sich Crusher Records bei den knapp jeweils zwanzigjährigen Musikern. Eine EP sowie eine Tournee in Spanien folgten. Mittlerweile war das Trio ins schwedische Örebro übersiedelt, wohin sich schließlich auch der von Anderson und Berry in Frankreich entdeckte, blutjunge Gitarrist Dorian Sorriaux gesellte. Blues Pills war komplett und ging auf extensive Live-Reisen. Ein ohne große Erwartungen an das deutsche Label Nuclear Blast gesandtes email führte zu einem entsprechenden Vertragsabschluss, und nach zwei weiteren EPs, die geradezu huldigendes Echo bei den Kritikern auslösten, wurde 2014 das selbstbetitelte Longplayer-Debüt auf den Markt geworfen, produziert von Don Alsterberg. André Kvarnström ersetzte danach Cory Berry an den Drums, und in dieser Besetzung ging die Gruppe an das Einspielen des zweiten Albums, "Lady In Gold", welches dieser Tage veröffentlicht wird. Vom Sound her bewegt sich das Quartett in Rockgefilden, welche ungeniert die entsprechende Ära der Sechziger- bzw. Siebziger-Jahre aufleben lässt, von Led-Zeppelin-Anleihen bis zu diffizilen Psychedelic-Anflügen. Doch auch die klassische Soulära ist an den Blues Pills nicht spurlos vorbeigezogen, und dass Sängerin Elin Larsson immer wieder mit Janis Joplin verglichen wird, ist so verständlich wie letztlich zu kurz greifend.

Das Gesamtkonzept Blues Pills verortet sich konsequenterweise auch in der Optik in jenem Bereich, der heutzutage gerne als "retro" apostrophiert wird. Dies zieht sich bis zum Cover hin, das einmal mehr von Marijke Koger-Dunham stammt. Die Holländerin gestaltete mit ihrem psychedelischen Artwork nicht nur die Wände des Aquarius Theatre in Los Angeles für die HAIR-Aufführungen oder des APPLE-Cultural-Center der Beatles in London sondern sie war auch für Cream, Procul Harum, The Move, The Hollies oder The Incredible String Band tätig. Ihre nahezu fünfzig Jahre alten Sujets wurden gemeinsam mit Blues Pills für deren Zwecke adaptiert. Zudem verstärken die Musikvideos der Band diese in unseren Tagen wieder eigenwillige Atmosphäre, allen voran zum Titeltrack des neuen Albums, aufgenommen in einer schlossähnlichen Umgebung in Stockholm unter der Regie von Johan Bååth. All diese Ingredienzien lassen Blues Pills zu einer höchst eigenständigen, interessanten Rockformation werden.

FotoCredit: Dietmar Hoscher

INTERVIEW mit Zack Anderson /Blues Pills

Wie kam es dazu, dass Blues Pills als eine Art Amerikanisch/Schwedisch/Französisches Joint Venture ins Leben gerufen wurde?

Elin und ich haben uns getroffen, als sie in Kalifornien war, wo ich zu jener Zeit gerade lebte. Wir begannen, zusammen Songs zu schreiben, und daraus entstand schließlich alles. Dorian wiederum hatte ich während einer meiner Tourneen in Frankreich spielen gesehen. Er beeindruckte mich mit seiner Gitarre ungemein. Als wir dann Blues Pills formierten, suchten wir über Facebook Kontakt. Wir sandten ihm Demos, und er machte sich in Frankreich daran, seine Parts darauf aufzunehmen. Irgendwie endeten wir dann aber alle mit unseren Wohnsitzen in Schweden, und daraus entstand letztlich die Home Base für unsere Band.

Als ihr Blues Pills ins Leben gerufen habt, welcher musikalischen Stil schwebte euch da vor?

Zunächst sind wir hauptsächlich von Gruppen der 60er- und 70er-Jahre beeinflusst. Dementsprechend beabsichtigten wir Musik zu produzieren, welche den Fokus in erster Linie auf Gefühle und Emotionen richtet und nicht vordergründig auf technische Dinge. Besonders wichtige Vorbilder waren Peter Greens Fleetwood Mac, Aretha Franklin, die Allman Brothers usw. Die Dynamik in den Songs bedeutet uns sehr viel, also bewegen sich unsere Alben von „soft to hard, fast to slow etc.“.

Was ist in diesem Sinne das Konzept hinter „Lady In Gold“, eurem jüngsten Tonträger?

Eigentlich gibt es kein Konzept, mit dem wir von vornherein an die Platte herangegangen wären. Es ist einfach eine Sammlung an Liedern, welche wir in den vergangenen Jahren im Studio entwickelt haben. Der Song „Lady In Gold“ handelt vom Tod, der uns alle irgendwann ereilt. Aber statt ihn als grimmigen Sensenmann darzustellen, wählten wir die Form einer „Lady In Gold.“

Nun ist „Lady In Gold“ erst euer zweites Studioalbum. Überrascht euch – angesichts dieser Tatsache – der Erfolg, den die Gruppe bereits erreicht hat?

Im Grunde ist alles äußerst schnell gegangen. In der Tat sind wir immer wieder überrascht, wenn wir vor großem Publikum auftreten, und es erfüllt uns wirklich mit großer Dankbarkeit. Ich glaube nicht, dass dies irgendjemand von uns in dieser Form erwartet hätte. Definitiv erstaunt uns dies nach wie vor. Allerdings haben wir auch hart dafür gearbeitet. Letztlich ist es eine Kombination aus diesen Anstrengungen und einigem Glück.

Wenn man Songs wie „Rejection“, „Burned Out“, „Gone So Long“, „Bad Talkers“ oder sogar das zitierte „Lady In Gold“ heranzieht, könnte man den Eindruck gewinnen, das Album wäre ein zumindest leicht pessimistisches?

Ich denke, dies kann man so sagen. Auch für unser erstes Album, „Blues Pills“, kann dies gelten. Es ist sicher nicht so, dass wir selbst übermäßig negativ eingestellt wären aber ich finde, es ist leichter Texte über Dinge zu schreiben, die das Gefühl von Niedergeschlagenheit produzieren. Möglicherweise entstammt dieser Ansatz unseren Blueseinflüssen. Bluessongs handelten immer schon von den dunkleren Seiten des Lebens.

Im Blues war oft auch Autobiographisches verwoben. Wie autobiographisch sind eure Songs?

Ich würde sagen, dieses Album beinhaltet zur Hälfte Themen, welche von Menschen um uns herum inspiriert wurden. Die andere Hälfte besteht aus ausgedachten Geschichten.

Wie entstand die Zusammenarbeit mit Marijke Koger-Dunham?

Ich erinnerte mich an ein Cover eines Albums der Incredible String Band. Also forschte ich nach, von wem es stammte und stieß so auf Marijke. Ich beschäftigte mich mehr mit ihr und brachte in Erfahrung, dass sie nach wie vor aktiv ist. Ich schrieb ein Email an sie und seitdem zeichnet sie für unser gesamtes Artwork verantwortlich. Wir lieben ihren speziellen Stil und fühlen, dass er zu unserer Musik passt.

 

Wie würdet ihr selbst den derzeitigen musikalischen Stil von Blues Pills beschreiben?

Als eine Mischung aus Psych, Blues und Rock, kombiniert mit Soul-Music. Dies alles außerdem mit einem Touch der 60er und 70er versehen.

Und wie bedeutend ist dieser genannte Blueseinfluss für euch?

Ich glaube, dass Blues generell so ziemlich alles im Rock und Soul beeinflusst hat. Lange vor unserer Zeit hat der Blues praktisch alle Rockbands der 60er inspiriert und diese wiederum uns selbst. Egal, welchen Aspekt des Rock du betrachtest, jeder kann auf den Blues zurückgeführt werden. Also ist dessen Einfluss enorm!

Und wie verhält es sich mit Soul?

Aretha Franklin ist Elins größte Inspiration als Sängerin, schon seit sie ein kleines Mädchen war. Aretha Franklin war einer der Gründe, warum Elin überhaupt mit dem Singen begonnen hat. Wir alle hören eine immense Menge an Soulmusik der 60er-Jahre. Daher ist Soul auch eine der wichtigsten Quellen unserer Inspiration.

Wenn wir dies also alles zusammenfassen, von welchen Künstlerinnen und Künstlern wurdet ihr am intensivsten geprägt?

Sicherlich Fleetwood Mac, Aretha Franklin, Jimi Hendrix, Marvin Gaye, The Temptations, die Allman Brothers, Al Green, Janis Joplin usw. Die Liste könnte ewig lang Fortsetzung finden.

Manche Kritiker bezeichnen Blues Pills als „retro“. Wie siehst du dies selbst?

Im Moment interessieren sich viele Menschen für die Musik vergangener Jahrzehnte, also musste man ein Label dafür finden und dies heißt nun einmal „retro“. Nachdem es natürlich auch eine Menge an Bands gibt, welche von älterer Musik beeinflusst wurden, wird diese Bezeichnung konsequenterweise auch auf sie und ihre Musik angewandt. Es ist eine Klassifikation. Ich empfinde dies aber nicht als beleidigend, denn im Grunde stimmt es ja. Wir sind nun mal in erster Linie von älterer Musik geprägt.

Ihr tretet sehr viel live auf, darunter bei großen Festivals wie dem Crossroads/Rockpalast-Festival, den Lovely Days, dem Hammer of Doom, Roskilde, bei Rock am Ring oder Rock im Park. Demgegenüber stehen – wie erwähnt – erst zwei Studioalben. Siehst du Blues Pills eher als Live- oder als Studioband?

Wir sind beides, sehen es aber als zwei verschiedene Sachen an. Im Studio haben wir die Freiheit, Dinge auszuprobieren, die zwangsläufig nicht live gebracht werden können, da sie Overdubbing und andere Techniken erfordern würden. Andererseits vermittelt ein Liveauftritt mehr raue Energie und bietet die Möglichkeit, mit dem Publikum zu interagieren, was wir sehr mögen. Das eine verbindet sich im Wesentlichen mit dem anderen, denn du brauchst ein gutes Album, um in den Menschen den Wunsch zu wecken, dich auch im Konzert zu sehen und zu hören. Du kannst das eine nicht ohne das andere haben und auch deshalb ist beides sehr wichtig für uns.

Nun seid ihr bei einem Deutschen Label, Nuclear Blast, unter Vertrag. Wie kam es dazu?

Wir haben ihnen einfach ein Email mit einem Link zu einem unserer Live-Clips gesandt und sie ersucht, uns zu schreiben, falls es ihnen gefallen würde. Offensichtlich tat es das, denn sie kontaktierten uns tatsächlich und seitdem arbeiten wir zusammen. Ohne Nuclear Blast hätten wir nicht jenen Level erreichen können, auf welchem wir uns heute befinden!

Welchen Rat würdet ihr jungen Bands geben, um im Musikgeschäft reüssieren zu können?

Einfach jene Musik zu machen, die ihnen selbst entspricht, und nicht zu früh aufzugeben. Außerdem ist es notwendig, ständig zu üben und auf Tour zu gehen, um die Musik unter die Leute zu bringen.

Die Blues- und Rockszene in Skandinavien scheint sehr vital zu sein. Hast du eine Begründung dafür?
Das kann ich dir leider wirklich nicht sagen. Ich glaube, dass es in Skandinavien in allen Genres eine Menge guter Künstler gibt, nicht nur im Blues und Rock. Skandinavien hat ja auch eine große, musikalische Geschichte. Zweifelsfrei hilft aber das Bildungssystem, denn es erlaubt den Kindern, Musikinstrumente zu erlernen und eine gute musikalische Ausbildung schon in sehr jungen Jahren zu erhalten. Dietmar Hoscher

VINYL/CD-TIPP:

  • Blues Pills „Lady In Gold“, Nuclear Blast

LIVE-TIPPS:

  • 12.8.2016, Picture On Festival, Bildein

  • 17.10.2016, Posthof, Linz

  • 18.10.2016, Planet.tt/Gasometer, Wien

WEB-TIPPS:

Kontakt

CONCERTO-Magazin,
P.O.Box 144, A-3830 Waidhofen/Thaya, Austria
e-mail: concerto@concerto.at 
Tel. (++43) 2842-54904
Fax (++43) 2742 222 333 93 92 

Bankadresse: Waldviertler Sparkasse Bank AG, Austria
IBAN: AT 44 20272 00900 000845
Swift/Bic-Code: SPZWAT21XXX
Empfänger: Concerto-Verein

Wo kann man das CONCERTO-Magazin kaufen?

Hier erfahren Sie es!