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Thilo Seevers Ensemble:

Zwischen Chopin und Lamar

Der junge Pianist Thilo Seevers durchstöbert wissbegierig und unermüdlich Musik aus den Bereichen Klassik, Jazz und Hip - Hop. Das Ergebnis seiner breitgestreuten Inspirationen ist mehr als bemerkenswert und erfreulich.

Vorweg muss schon konstatiert werden, dass die Musik des jungen Trios keineswegs lascher Kopierversuch oder verbissenes Epigonentum ist. Nein, das Ensemble bringt Neues, Unvorhersehbares und Variationsreiches; also Jazz, der den strengen Geruch verloren hat und frisch wirkt. Mit der Debüt-CD „Dancing Lights“ resümiert das Thilo Seevers Ensemble eine dreijährige Zusammenarbeit, die von ernsthaft eifrigem Üben und Live-Gigs vor allem in Graz gekennzeichnet ist. Frau Dr. Elisabeth Freismuth kann stolz sein. Die Juristin ist nämlich Rektorin der Kunstuniversität Graz, die seit 1963 Musiker_innen aus der ganzen Welt eine solide musikalische Ausbildung zusagt. Dem guten Ruf des Konservatoriums folgte auch der Pianist Thilo Seevers aus dem norddeutschen Bremen, der schon in jungen Jahren auffällig talentiert klassische Musik spielte. Gleich nach dem Abitur übersiedelte Seevers nach Graz, um sein Spektrum mit Jazz zu erweitern. 

Foto: Rolf Schöllkopf

Seit kurzem Bachelor

Vier Jahre vergingen schnell, und so erhält der Pianist in diesen Tagen seinen Bachelor. Ähnlich läuft es bei den 2 Kommilitonen Seevers. Der Bassist Ivar Krizic stammt aus Zagreb und studierte eigentlich Germanistik, bevor ihn der Jazz zum Umschwenken bewegte. So wie der Schlagzeuger David Dresler spielt Ivar u.a. auch bei The Lab. Dresler ist übrigens waschechter Österreicher aus Halbenrain in der Südoststeiermark, bekannt für guten Wein, Kernöl und Käferbohnen. Unüblich ist vielleicht, dass Seevers recht früh von der Klassik zu Jazz und Popular-Musik wechselte. In einem Gespräch erklärte er diesen Prozess als für ihn etwas ganz Natürliches. Seine Eltern hätten auch immer verschiedene Musik gehört, und er habe deshalb sehr früh Jazz kennen und lieben gelernt. Neben strenger und konsequenter Ausbildung zum klassischen Pianisten wuchs bei Thilo die Freude an der oft fröhlichen und pulsierenden Energie des Jazz. Ihn interessierte einfach immer drängender, zu improvisieren, kompositorisch Neues zu probieren und Schranken zu brechen. Jeder Künstler orientiert sich an Inspiratoren, die ihn beeindrucken und ihm besonders gefallen. Im Falle des Bremer Pianisten scheinen jene besonders gegensätzlich. Einen Lester Young, Charles Mingus, Maurice Ravel oder Kendrick Lamar kann man schwer in einen Topf werfen. Thilo meint, dass es darum für ihn sehr spannend sei, aus diesem Dickicht an Kompositionen musikalischer Vorbilder seine Version zu formen und darauf nach seinen Möglichkeiten zu reagieren. Dezidiert weist Seevers auch darauf hin, dass auf "Dancing Lights" auch die Vorlieben seiner Kollegen Ivar und David eingearbeitet sind, die sich selbstverständlich gravierend in das Ensemble einbringen. Jeder lernt von jedem, jedwede Beiträge sind im Ensemble willkommen.

Ergo legt sich Thilo Seevers mit seinem Ensemble nicht eindeutig auf ein gewisses Musikgenre fest, flaniert eher in diversen musikalischen Landschaften. Bei seinen Parallelprojekten ist eine Zuordnung unkomplizierter. Bei Saint Chameleon wird World mit kräftigen Rock-Tendenzen gespielt; bei Busart & The Ruffnacks verschreibt man sich trendigem Hip - Hop. Offensichtlich möchte Seevers bei seiner eigenen Formation alle Türen offen lassen und eine weitgefächerte Palette zur Option haben. Kriterien der Wertigkeit, wenn man von Mingus, Ravel, Chopin oder Lamar spricht, existieren für Thilo nicht. Für ihn ist der Rapper ein Genie wie Ravel. Dass man heute noch die Musik eines Chopin oder Ravel liebt, beruht darauf, dass sie Grandioses hinterließen. Ob diese Nachhaltigkeit auch bei Lamar der Fall sein werde, möge man in 50 Jahren wissen, habe aber für seine Empfindungen keine Relevanz, bemerkt Seevers. Die Motivation zu komponieren, begründet Thilo mit 2 Fakten: Zum einen wolle er Persönliches reflektieren und verarbeiten, zum anderen bemühe er sich, komplexe Jazz-Tunes zu schaffen, die zwar in ihrer Entstehung äußerst mühselig wären, jedoch für den Zuhörer einfach, nachvollziehbar und zugängig klingen sollten. Am schlimmsten wären für ihn Songs, die kompliziert strukturiert sind und auch so rüberkommen. Ernst Weiss

CD - TIPP: "Dancing Lights", Unit Records, Vertrieb: Harmonia Mundi

WEB - TIPP: www.thiloseevers.com

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