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Heiße Soul-Party, Botschaften und Grillhendl

38. Musikfest Waidhofen/Thaya

Jahr für Jahr haben wir es uns vorgenommen. Aber der Weg vom Balkan Österreichs ins oberste Waldviertel ist halt auch nicht gerade um die Ecke. Aber waren wir wirklich schon so lange nicht mehr beim Musikfest in Waidhofen an der Thaya? Und waren wir damals vielleicht wirklich so jung, dass uns die Hippie-Ära noch so in den Knochen lag, dass uns deren Relikte dort im idyllischen Thayapark nicht aufgefallen waren

Die begnadete Sängerin Gisele Jackson, die im Herbst mit der Mojo Blues Band auf Tour gehen wird, war die Sensation des Festivals / FotoCredit: Josef Maier

Zelte dicht an dicht, kommunale Abendrunden zwischendrin, schlapfende Veteranen und junge Widerspenstige, ein bunter Jahrmarkt der Beschaulichkeiten mit einschlägigen Devotionalien und schmucker Körperausstattung. Im Zentrum der Gemütlichkeit, der geselligen Gastromeile mit den zweitbesten Grillhendln auf der Welt, besticht die Geduld, mit der hier jeder sein Bier an der Schank holt oder seine Pfandmünzen einlöst. Wie in alten Zeiten eben. Und hat man erst sein Plätzchen in Gesellschaft eines regionalen Publikums am Biertisch gefunden, kann man sich allerlei soziologischer Studien im friedlichen Tumult der 1500 bis 2000 Besucher hingeben.

Und hört trotzdem gut, was derweil auf der Hauptbühne musikalisch zugange ist.

Am Freitag fällt uns da etwa wieder einmal die aufbrechende Spielfreude des Trios Edi Nulz auf, dessen stilistische Unbekümmertheit zwischen Punkrock und Jazz immer abgedrehter zu werden scheint. Und das mit seinem Esprit das noch frische Publikum in helle Begeisterung zu versetzen vermochte.

Brechend voll war das liebevolle, alte hölzerne Strandbadgebäude dann bei Stargast China Moses, die einmal mehr ihr Charisma als Entertainerin spielen ließ. Vielleicht zu ausgiebig? Die Sängerin war zur Präsentation ihrer neuen CD "Nightintales" mit lauter Eigenkompositionen angetreten, fabulierte dann aber doch etwas zu abseits des Themas und darüber, dass sie nicht länger im Schatten ihrer prominenten Mutter Dee Dee Bridgewater stehen möchte. Umso erfreulich aber ihre Tourband (die "Not For Boys" hatte sie in London gelassen) rund um deren musikalischen Direktor Luigi Grasso aus Neapel, der sich am Altsaxophon als harmonisch kühner Virtuose locker unsere persönliche Auszeichnung als bester Solist des gesamten Festivals holte. "Ich nenne diese Band meine ´Vibe Tribe", gestand uns China Moses nach der Show, "weil sie mir hilft, die volle Emotion der Songs zum Leben zu bringen". Das war bei einer gesanglich etwas unterrepräsentierten Sängerin an diesem kühlen Abend aber auch recht unerlässlich.

Weitaus inbrünstiger und impulsiver zeigte sich am nächsten Abend Ex-Raylette (Ray Charles) Gisele Jackson zusammen mit Raphael Wressnig & The Soul Gift Band als Ersatz für das krankheitsbedingt abgesagte John Abercrombie Quartet. Damit fehlte dem äußerst vielfältigen Festival diesmal zwar ein veritables Jazzkonzert, aber dafür wurden die rührigen Veranstalter schließlich mit dem größten -echten- Publikumserfolg belohnt. Zumal man es auch nicht für möglich hielt, dass Mrs. Jackson und Wressnigs formidable Band in dieser hitzig-groovigen Blues- und Soul-Party erstmals aufeinandertrafen. Über die Tage gesehen, hat die vom Fleck weg inspirierte und tadellos disponierte Gisele unserer China diesmal glatt die Show gestohlen.

Eine Einserbank als Stimmungskanone gilt seit ihrem kurzen Bestehen freilich auch für die Ismael Barrios Salsa Explosion aus Graz, die das aufgeheizte Publikum bis in die Puppen mit Drive und erotischem Appeal zum Tanze peitschte.

Derweil die Folk- und Singersongwriter-Beauftragten auf der am stillen Flusse gelegenen Thaya-Bühne stets das Zelt zu füllen und mehr oder weniger überzeugend mit ewig gültiger Message den Gemeinschaftsgedanken zu pflegen vermochten, gab es auf der Hauptbühne entschlossene stilistische Meisterschaft in aller Breite. Beim Duo Hans Theessink & Ernst Molden etwa konnte man sich vergewissern, was die Leute bei diesem Festival, einer Mischung aus Mini-Woodstock, Friedens-Camp und amikalem Volksfest, am meisten schätzen: vertraute Haudegen der Folk- und Songwriterszene, von denen man weiß, was man bekommt. Und andererseits scheut man sich am anderen Ende des Spektrums auch nicht vor einem Quäntchen Innovation und Experiment. Das preisgekrönte, aus der Jazzwerkstatt Wien hervorgegangene Quartett "Kompost 3" lieferte mit seinem eigenwilligen, wunderlich verzerrten Impro-Konzept aus Soundscapes und Grooves den Beweis, dass man auch bei einem tanzseligen Stammpublikum Land gewinnen kann. Solange man es versteht, vor zu viel Spaß virtuos die Kurve zu kratzen.

Alle zu vereinen scheint indes semper et ubique die immer professioneller werdende "Fanfare Ciocarlia" aus Rumänien, die mit ihrem neuen Perkussionisten durchwegs an Abwechslung und Gestalt gewonnen hat. Ein vielleicht auch symbolischer Abschluss eines unangestrengten Querfeldeinfestivals mit Charme und Wiesenduft, ein Festival mit ein bisschen jener hippieesken Zuversicht, die uns schon verloren gegangen zu sein schien. Anachronistisch ist das nicht, eher hat es etwas Versöhnliches und etwas Entspannendes. Und die Nächte sind auch nicht länger als bei einem Jazzfestival. Otmar Klammer

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