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Beatrix Neundlinger: Politische Poesie mit Nachhaltigkeit

Die Gründe dürften mannigfaltigst sein, warum einst renommiert engagierte Politrock- oder Politfolkbands mit den Jahren seit den 70ern den Löffel abgegeben haben und sich meist nun um ein gefällig seichtes Musizieren bemühen. Beatrix Neundlinger fällt nicht in diese Kategorie. Auch mit ihrem neuesten Bandprojekt, Zelinzki, bewahrt sie Haltung.

Beatrix Neundlinger / FotoCredit: Herbert Höpfl

Über Robert Zelinzki jun., den Namensgeber der Band, sind etliche und oft divergierende Gerüchte im Umlauf und hüllen die Gruppe in einen Mantel, der mit einer Vielzahl an Interpretationsmöglichkeiten dekoriert ist. Ziemlich sicher ist, dass Zelinzki, ein Zeitgenosse der deutschen Dichterin Else Lasker-Schüler, von ihrem modern avantgardistischen Stil, ihrem Mut und akzentuierten Expressionismus fasziniert war. Da hätten wir schon eine Begründung, warum Zelinzki einen Text Lasker-Schülers, „Viva“, auf ihrer neuen CD vertonten. Auf einem staubigen Dachboden fand man Tagebücher Robert Zelinzkis, deren Aufzeichnungen poetischen und politischen Inhalts man immer wieder mit der Jetztzeit in Verbindung setzt und so mit dem roten Faden eines Programms belohnt wird.

Vom Meilenstein zum Schmetterling

Der hohe Stellenwert der Sängerin, Querflötistin und Saxophonistin Beatrix Neundlinger ist untrennbar in der Historie der österreichischen Folk- und Politrock-Historie implentiert. Schon 1968 war Neundlinger Gründungsmitglied der Milestones, die mit exzellent mehrstimmigem Gesang und elegant akustischen Arrangements sehr erfolgreich waren. Mit dabei im Quartett war auch Günther Grosslercher (voc, git), der 7 Jahre später in anderer Funktion mit Neundlinger bei den Schmetterlingen einstieg. Weitere bekannte Namen der Milestones sind Christian Kolonovits (p; nun Produzent, Dirigent und Komponist) oder Norbert Niedermayer (voc, git), der später mit Springtime Erfolge feierte. Damals schon kooperierten die Milestones mit dem Schriftsteller Heinz Rudolf Unger, dessen kritische und kämpferische Texte die Schmetterlinge groß machten und dessen vielsagende, engagierte und subtile Poesie wir auf Zelinzkis Debütalbum, „Die Weltformel“, in 3 Liedern wiederfinden: „Weckt nicht den Kleinen“, „Love Song“ und „Die Weltformel“. Die Schmetterlinge, wohl die erfolgreichste Politrockband im deutschen Sprachraum, wurden zwar schon 1969 gegründet, empfingen die hoch talentierte und charismatische Sängerin Beatrix Neundlinger jedoch erst 1976 mit offenen Flügeln in der Band, da Pippa Armstrong, eine ebenso begabte Sängerin den Schmetterlingen davongeflogen und nach München übersiedelt war. Beinahe 10 Jahre (1976 bis 1985) erlebte Neundlinger mit den Schmetterlingen einen beachtlichen Höhenflug, der mit der „Proletenpassion“ schon bald nicht nur bei links denkendem Publikum legendäre Erfolge feierte. Mit Willi Resetarits (voc, dr, perc, harp), der sich später in die Rolle eines Herrn Kurti Ostbahn hinein identifizierte, hatte man einen redegewandten Moderator auf der Bühne, der mit Witz, Schmäh und Courage der Zuhörerschaft explizierte, worum es in den Lyrics H. R. Ungers gehe.

Belebung des Widerstandsgeistes

Im Klartext wollte man zur Obstruktion gegen Herrschaftsstrukturen, übermächtige Konzerne oder Politiker motivieren. Dies gelang den Schmetterlingen in jenen Zeiten auch nachhaltig und oft effektiv. Dass nun, 40 Jahre später, mancher Kabarettist damalige Agitationen als kindische Jugendstreiche hinstellt, erklärt Beatrix Neundlinger mit der Resignation des Alters und einem Rückzug in eine desinteressierte Spießbürgerlichkeit. Zelinzki ist das 4. Bandprojekt, das Neundlinger gründete. Ab 2004 trat sie mit der Gruppe 9dlinger und die geringfügig Beschäftigten auf und hielt, wie auch aktuell mit Zelinzki, an ihrem persönlichen Masterplan fest, sich mit intelligenten, poetischen und oft gesellschaftspolitischen Themen einer künstlerischen Talfahrt des Zeitgeistes und einem Nihilismus ohne Rückgrat entgegen zu stemmen. So überrascht es einen nicht, neben Ungers Beiträgen, Texte von Leuten wie Christine Nöstlinger, Robert Gernhardt, Bert Brecht, Francisco Tanzer oder H. C. Artmann serviert zu bekommen. Mit Stefan Schubert (voc, git, synth), Alex Meik (voc, b, sax), Friedrich Pürstinger (git) und dem Schlagzeuger Robert Kainar hat Neundlinger solide und kreative Musiker zur Seite. Das politische Lied feiert mit Zelinzki ein erfreuliches Comeback. Ernst Weiss   

WEB-TIPP:
www.9dlinger.at

CD-TIPP:
Zelinzki, „Die Weltformel“, Sowiesound Records, Vertrieb: Lotus

LIVE-TIPP:
29.10.: Konstanz (DE), Theater


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