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Norwegian Wood - Das Helge Lien Trio

Drei Norweger, bei denen man nicht auf Holz klopf muss. Agiler Post-Bop-Jazz abseits des (Landes-)Klischees

Helge Lien Trio / FotoCredit: C.F.Wesenberg

Ein kurzer Blick in unser Rezensions-Archiv offenbart, dass für aufmerksame Leser das Helge Lien Trio keine unbekannte Größe sein kann: sämtliche Neuerscheinungen der letzten Jahre wurden besprochen. Gegründet 1999, hat Helge Lien mit seinem Trio insgesamt 10 Tonträger aufgenommen.

Anfänglich mit Knut Aalefjaer am Schlagzeug, in der aktuellen Besetzung begleiten ihn der Bassist Frode Berg und der Drummer Per Oddvar Johansen. Der 42-jährige norwegische Pianist lernte das Spiel zuerst auf der elektronischen Hausorgel und begann erst mit 13 am Klavier. Einen prägenden Einfluss erfuhr Lien durch den bekannten Moskauer Pianisten Misha Alperin, der ab 1993 an der Musikakademie Oslo unterrichtete, wo Lien seine Studien begann, die ihn später auch ans Berklee College of Music führten. Von den etlichen angetragenen Vergleichen, die zur Charakterisierung seines Individualstils bemüht werden, akzeptiert Lien freimütig den Hinweis auf Keith Jarrett, für den er sich aufgrund allzu großer Vorbildwirkung sogar ein Abstands- resp. Kopierverbot verordnet hat. Und in der Tat: mehr als die stereotypen Verweise auf Bill Evans, Brad Mehldau und Esbjörn Svensson drängt sich beim Hören die jüngere Generation norwegischer Klavierspieler wie Espen Eriksen, Tord Gustavsen oder Christian Wallumrød auf. Gemeinsam ist diesen eine gewisse auch formale Zurückgenommenheit und Prägnanz, ein lyrischer Minimalismus, der die große Geste bewusst verweigert und versucht zu verdichten statt zu eskalieren. Sein ausgeprägtes Formbewusstsein manifestiert sich bei Lien auch im verbindend konzepthaften Aufbau seiner Alben, die sich, wie beispielhaft die jüngste Veröffentlichung „Guzuguzu“, häufig einer übergeordneten musikalischen Idee, hier dem Lautmalerischen japanischer Aktionsverben, verschreiben. Auch wenn Lien bevorzugt in Moll-Tonarten schreibt, sind die Kompositionen alles andere als statisch, schwerfällig, im Gegenteil: eine abwechslungs- und kontrastreiche, stellenweise durchaus schroffe Dynamik, Synkopen und extravagante Harmonien intensivieren den Ausdruck, ohne die diskursiv-musikalische Logik der songhaften Stücke zu unterminieren. Wirklich herausragend sind die klangliche Textur des Trios, die Räumlichkeit des opulenten Klangbildes und die klangliche Feinstabstimmung der akustisch gespielten Instrumente. Die Reife der Kommunikation zwischen den Spielern manifestiert einen agil-flüssigen und dabei körperhaften Bewegungssinn, der sich auch dann nicht verliert, wenn das Trio sich als Begleitgruppe aufstellt, wie im Zusammenspiel mit dem jungen polnischen Geiger Adam Baldych, mit dem es jüngst 2 CDs eingespielt hat, wovon die eine, „Bridges“, im Sommer 2015 erschienen ist und die jüngere „Brothers“ im kommenden Herbst zur Veröffentlichung ansteht. Wer Tourismusmanager dabei unterstützen will, wie sie Jazz, als Attraktion Sommerlöcher zu füllen, einsetzen, hat die Gelegenheit einer Aufführung von „Brothers“ im vorarlbergischen Lech Mitte August beizuwohnen. Achim Doppler

CD-TIPP

Helge Lien Trio „Guzuguzu“, Ozella Music

LIVE-TIPP

13.08.: Jazzbühne Lech Festival, Lech

WEB-TIPP

www.helgelien.com


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