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40th Anniversary: Mojo Blues Band

Freude, Stolz und Dankbarkeit!
Auch nach 40 Jahren glänzt das Feuer in Erik Trauners Augen.

Bandgründer Erik Trauner. / FotoCredit: Hoscher

Lassen wir das Jahr 1977 etwas Revue passieren: Bundespräsident war Rudolf Kirchschläger, Bundeskanzler der „Sonnenkönig“ Bruno Kreisky, Elisabeth II. feierte Silbernes Thronjubiläum, und die Sex Pistols widmeten ihr „God Save The Queen“. Ob sie darüber „amused“ war, entzieht sich unserer Kenntnis. Meister der heimischen Fußballliga wurde die Spielgemeinschaft Wattens/Wacker Innsbruck vor dem SK Rapid Wien. Der Torschützenkönig trug den Namen Hans Krankl. Die Nummer Eins Hits des Jahres stammten u.a. von Boney M., Smokie, Donna Summer oder Baccara. Angesichts der angeführten musikalischen Fakten dürfte es nicht verwundern, wenn manche darob der Blues ereilte. Ob dies auch bei Erik Trauner so der Fall war, bleibt zu hinterfragen. Tatsache ist jedoch, dass die Mojo Blues Band in diesem legendenumrankten Jahr zum ersten Mal die Bretter, die angeblich die Welt bedeuten, betrat. Im Wiener Jazzland. Rund um Mastermind Trauner scharten sich Joachim Palden am Klavier, Matthias Mitsch am Bass und Bobby Sperling hinter dem Schlagzeug.

40 Jahre und rund 5000 Auftritte später sind „The blackest white boys I’ve ever seen“, wie Tail Dragger dereinst urteilte, immer noch unermüdlich im Dienste des Blues unterwegs, die Protagonisten neben dem Leader sind – nun auch schon seit langen Jahren - Siggi Fassl an der Gitarre und den Vocals, Charlie Furthner an den Tasten, Herfried Knapp am Bass und Didi Mattersberger an den Drums. Ein Dream-Tream, wie auch Trauner festhält.

Das Geheimnis der anhaltenden Frische des Blueskollektivs liegt zweifelsfrei in ihrem unprätentiösen Zugang zu ihrem Tun. Ja, Trauner hat stets Wert auf Authentizität und blueshistorisches Bewusstsein gelegt, weist aber auch dem Spaß an der Sache seinen ihm gebührenden Stellenwert zu. Ein Konzert der Mojo Blues Band vermittelt Genrewissen, eingebettet in gute Laune statt in pseudomoralisierendes Fingerheben. Die Mojo Blues Band unterhält ihr Publikum - und das im besten Sinne des Wortes. Dergestalt holt man den elektrischen Nachkriegsblues nachhaltig aus dem Museum und geleitet ihn ohne falsche Romantisierung in die Gegenwart. Große Kunst!

Exakt 20 Jahre nach der CONCERTO-Coverstory anlässlich „20 Years In The Blues Jungle“ stellt sich der Mastermind der „Mojos“ wieder dem Jubiläumsinterview. Und wirkt energiegeladen entspannt wie selten zuvor, gleichwohl humorvoll wie stets.

 


Die aktuelle Mojo-Formation (v.l.n.r.): Erik Trauner, Herfried Knapp, Charlie Furthner, Diddi Mattersberger und Siggi Fassl. / FotoCredit: Andreas Mueller

Wie würdest du 40 Jahre Mojo Blues Band auf eine kurze Formel bringen?

Freude, Stolz und Dankbarkeit! Es ist für mich immer noch ein Wunder, dass man mit einer Kultur, die man sich zu eigen macht, so lange erfolgreich sein kann. Die Frage, die ich in den vergangenen 40 Jahren am öftesten zu hören bekam, war natürlich, wie ein weißer Wiener dazu kommt, den Blues zu spielen. Die Antwort darauf hat sich aber inzwischen erübrigt. Denn jetzt ist es zu spät, darüber nachzudenken! (lacht)

1977 war doch eher die, kurze, Hochblüte des Punk!

Ja, aber das hat mich überhaupt nicht interessiert! Wenn sich meine Generation heute über die Musik von damals unterhält, fällt mir gerade „Smoke on the Water“ ein. Oder The Who, die mir gefallen haben. Man darf natürlich nicht vergessen, dass die Popmusik, gerade die britische, in den 1970ern noch sehr bluesverhaftet war. Andererseits, „Kung Fu Fighting“ von Carl Douglas war damals für mich das Ende der Musikgeschichte! Heute gefällt mir die Nummer mörderisch gut! (lacht) So relativiert sich über die Zeit manches!

Was war dann wirklich die Initialzündung für dich, den Blues betreffend?

Hans Maitners Sendung „Living Blues“ im ORF. Damals war Ö3 noch sehr offen, bunt und kreativ. Katie Webster, Fred McDowell haben mich umgehauen. Vor allem die akustischen Gitarren haben mich begeistert, noch weniger das Elektrische. Sogar der Blues der 1940er war mir schon zu modern! Da war ich 15! In den Pre-War-Blues bin ich völlig hineingekippt. Von dem wenigen Geld, das ich hatte, kaufte ich ständig Platten von Johnny Parths Document Records. Da war für mich klar, dass ich genau diese Musik professionell machen möchte. Ich ging dann zu allen einschlägigen Livekonzerten, die ich finden konnte: Al Cook oder auch Hansi Dujmic. Letzterer war ja auch Gitarrist und Sänger der Wiener Szene Band Small Blues Charly. Da konnte man auch Leute wie J.B. Hutto live erleben, etwa im Auge Gottes Kino. Es gab aber etliche Bluesliebhaber, die vehement die Meinung vertraten, dass Weiße keinen Blues spielen könnten. Im Wesentlichen musstest du dir also alles selbst beibringen. Damals war ich mit akustischer Gitarre unterwegs, verdiente mit 18 meine ersten Gagen als Straßenmusiker oder in Clubs wie dem Links, kaufte mir die Bücher von Stefan Grossman, und meine Heros waren Lightnin’ Hopkins oder Robert Johnson. Angesagt in meiner Altersgruppe waren allerdings die Beatles, Reinhard May und andere. Musikalisch gesehen warst du mit Blues damit sozial sehr isoliert. Also versucht man Gleichgesinnte zu finden, etwa im Wiener Jazzland, wo Größen wie Louisiana Red, Blind John Davis, Johnny Shines oder John Jackson auftraten. Axel Melhardt, der Besitzer des Jazzland, ließ mich immer gratis in den Club, da ich kein Geld hatte. Er hat meine Begeisterung sehr gefördert. Im Jazzland lernte ich dann auch Joachim Palden kennen, und wir spielten zunächst im Duo. Daraus entwickelte sich die erste Auflage der Mojo Blues Band.

Herfried Knapp. / Foto: Hoscher

Hattet ihr damals schon klare Vorstellungen über euren künftigen Stil?

Ich muss ehrlich zugeben, dass wir am Anfang – für meine Begriffe – nicht wirklich gut waren. Es gab niemanden, an dem wir uns hätten messen können, denn die Bluespumpm spielte einen ganz anderen Stil. Wir wollten traditionellen Chicagoblues auf die Bühne bringen. Der erste, den wir begleiteten, war Johnny Shines. Und der war entsetzt! (lacht) Aber das war gutes Lehrgeld. Wir lernten daraus. Zurück in den Proberaum und das, was wir machen wollten, eingehend studieren! Mit großem Fleiß kreierten wir schließlich wirklich unseren eigenen Sound. Wir meinten es absolut ehrlich, und das spürte das Publikum auch. Als Christian Dozzler zu uns gestoßen ist, mit seiner markanten Art, die Harp zu spielen, ging es weiter aufwärts, auch durch die Rhythmsection mit Michael Strasser und Gerhard Strauhs.

Damals gab es ja auch noch Radiopräsenz.

Zunächst wurden wir viel zwischen den Fremdenverkehrskursen gespielt, Instrumentalboogie! (lacht) Wirklich los ging es mit Radioeinsätzen dann ab der zweiten LP „Hey Bartender“. Nach der ersten Platte, „Shake That Boogie“, wollte ich übrigens mit der Musik aufhören, so schlimm hat es für mich geklungen. Vor allem mit meinem Gesang war ich überhaupt nicht zufrieden. Wenn ich uns mit jungen Musikern von heute vergleiche, ist es für mich unglaublich, was die manchmal technisch schon drauf haben, im Gegensatz zu uns damals.

Aber zählen im Blues nicht in erster Linie das Gefühl und der Ausdruck?

Da hast du Recht. Oft läuft den Jungen heute dann das Leben hinterher, vom Ausdruck her. Eine gewisse Reife ist für den Blues notwendig.

Siggi Fassl. / Foto: Dietmar Hoscher

Zurück zum Radio.

„Hey Bartender“ wurde oft gespielt. Aber die gesamte Journalistenszene war anders gestaltet. Viele waren eben auch im Blues zu Hause, kannten ihn von Joe Cocker, Canned Heat oder Bob Dylan, aus der musikalischen Bewegung der 1960er. Da war echte Freude spürbar, dass es auch in Österreich eine Bluesband gibt. Die Bluespumpm etwa war total im Trend der Zeit, mit Bauernhof, Selbstversorgung usw. Aber Rockblues war nie so mein Ding. Das kommt sicher auch daher, dass ich unheimlich viel mit den afro-amerikanischen Legenden des Blues zusammengearbeitet habe. Ich stehe auf das „Einfache“, das Ausdrucksstarke. Wenn ich manchmal als „Purist“ abgetan werde, so empfinde ich dies nicht als Schimpfwort. Ich bewahre gerne diese Traditionen. Aber auch die Musik der Mojo Blues Band ist organisch gewachsen, und das ist gut so. Soul, Gospel und Country sind zu unserem Blues dazu gekommen. Der anfangs sehr eingeschränkte Zugang des Jahres 1977 existiert bei uns heute überhaupt nicht mehr. Für mich geht es um das Bluesfeeling, darum, eine Gänsehaut zu bekommen. Und das kann dir heute bei Adele oder Rag ´n´ Bone Man genauso passieren. Ich habe viele Berührungsängste abgebaut. Purismus darf aber niemals bedeuten, dass man sich abschottet, für nichts mehr offen ist und verbittert. Die Menschen suchen sich das aus, was ihnen gefällt. Ich bin sicher nicht die Bluespolizei. Wenn man mich provoziert aber die Bluesinquisition! (lacht)

Gab es in den 40 Jahren der Mojo Blues Band jemals einen Zeitpunkt, an dem du absolut nicht mehr weitermachen wolltest?

Von der Musik her nie. Aber nach dem Ende der Formation 2001, mit Peter Müller, Dani Gugolz oder Markus Toyfl eine der längsten in der Geschichte der Band, war ich sicher, dass das Projekt MBB in dieser Form, mit einem eigenen Bandsound, aber wurzelnd in der Tradition, nicht mehr wiederaufleben kann. Aber auch ich habe mich weiterentwickelt. Ich konnte früher schon ziemlich dominant sein, um es vorsichtig auszudrücken. Ich denke, dass ich heute viel liberaler bin und mehr zulasse. Du brauchst in einer Band jemanden, der den roten Faden vorgibt, das stimmt schon. Aber die Kreativität, die wir heute in der Mojo Blues Band haben, stammt auch daher, dass wir mehr gemeinsam abstimmen. Es hat keinen Sinn, Musiker zu etwas zwingen zu wollen. Da ist es wesentlich vernünftiger, es ihnen „schmackhaft“ zu machen. Auch die Streitkultur in der Gruppe passt. Ich fühle mich in dieser Besetzung wieder sehr wohl.

Und mit Siggi Fassl habt ihr quasi einen zweiten Frontman.

Das ist natürlich ein großer Luxus! Ein riesiger Vorteil. Zwei verschiedene musikalische Persönlichkeiten, aber trotzdem harmoniert es! Er deckt andere Bereiche auf der Gitarre ab als ich und ist auch ein toller Sänger. Manchmal werde ich gefragt, warum ich einen zweiten Frontman „zulasse“, aber es wäre geradezu ein Frevel, dies nicht zu tun! Man muss doch das gesamte Potential einer Band bestmöglich nutzen!

Charlie Furthner. / Foto: Dietmar Hoscher

Was auffällt, ist, abgesehen vom musikalischen Können, der ungeheure Spaß, den ihr immer noch auf der Bühne vermittelt. Nach so langen Jahrzehnten im Geschäft klingen andere Bands längst nach Routine.

Wenn ich da von mir ausgehe, so liegt das sicherlich daran, dass ich immer darauf bedacht war, das Kind in mir zu erhalten. Wenn es dir gelingt, dich immer noch „kindlich“ oder „naiv“, egal wie du es nennen willst, an einem Muddy-Waters-Riff zu erfreuen, dann bleibt der Zugang so, wie beim ersten Mal. Das habe ich, glaube ich, nicht verloren. Trotzdem ich mittlerweile zwischen 5.000 und 6.000 Auftritte auf dem Buckel habe. Ich habe meinen Stil gefunden. Zufrieden darf ein Musiker nie mit sich selbst sein, aber ich bin „happy“ mit dem, was ich tue.

Zweifelst du noch immer so stark an dir wie etwa bei unserer letzten Titelgeschichte vor exakt 20 Jahren?

Zweifel gibt es immer noch, aber nicht im Sinne von „verzweifeln“ ,sondern eher als Antrieb, um ständig an sich zu arbeiten. Aber vielleicht bin ich auch deswegen ruhiger, weil ich meinen Platz gefunden habe. Künstler sind bis zu einem gewissen Grad immer Egoisten, die Musik machen, um ihren eigenen Seelenfrieden zu finden. Dann kommt eine weitere Erfüllung hinzu, wenn dies auch anderen gefällt. Ich hatte auch schlimme Zeiten in meinem Leben, Depressionen, Herzinfarkt usw. Da denkst du über das Leben anders nach und findest in der Musik einen Ausdruck. Diese Erfahrungen dann weitergeben zu können, macht dich ruhiger. Ich kann heute auf die Bühne gehen und einfach mein Ding durchziehen. Das gibt mir Kraft. Ich glaube, ich kann heute auf Menschen besser und konstruktiver eingehen als früher. Bei all dem, was man berechtigterweise kritisieren kann, darf man nie die Empathie verlieren.

Was erwartet uns nun, anlässlich 40 Jahre Mojo Blues Band?

Das hätte ich dir vor vierzig Jahren auch nicht sagen können. Ich werde stets vom Blues besessen bleiben. Natürlich wird das Touren und das Leben aus dem Kleidersack immer anstrengender, und die Einsamkeit auf Tour, nach den Konzerten, nimmt zu. Aber noch ist es erträglich. (lacht) Tonträgermäßig haben wir, auch dank der Unterstützung der Casinos Austria music line, einiges vor. Es wird eine DVD geben und einen Live-Tonträger. Im Moment sind wir sehr im Einsatz, da wir auch viel live spielen. Das kommt dem Publikum sehr entgegen. Die Mojo Blues Band war nie Trittbrettfahrer, wir waren immer ehrlich in unserer Musik. Wir sind mit Sicherheit eine jener Bands, die mit den meisten Legenden dieses Genres gemeinsam gespielt hat. Aber es war nie unsere Art, damit anzugeben oder auf den Tisch zu hauen, wie man im Wienerischen so schön sagt. Das konsequente Verfolgen unseres künstlerischen Weges war uns immer wichtiger. Wir haben übrigens festgestellt, dass der Wiener Humor und die Wiener Art ungeheuer kompatibel mit dem Blues der Legenden, mit denen wir gearbeitet und von denen wir ungeheuer viel gelernt haben, ist. Viel Doppelsinniges, Erotik, nicht ernst gemeintes Lamentieren usw. Ein gemeinsames Grundverständnis.

Diddi Mattersberger. / Foto: Hoscher

Wenn du, mit dem heutigen Wissen ausgestattet, 40 Jahre Mojo Blues Band noch einmal gestalten könntest, würdest du irgendetwas anders machen?

Ja! Ich würde nicht zum Rauchen anfangen! (lacht) Im Ernst, ich halte überhaupt nichts vom Bereuen. Alle Fehler, die wir vielleicht gemacht haben, haben uns weiter gebracht. Das war nötiges Lehrgeld. Ich hätte der Band sicher einiges ersparen können, wenn die Wahl auf Bandmitglieder gefallen ist, wo ich wusste, dass es nicht funktionieren würde. Aber selbst dies hat die Band geprägt. Rückblickend hatte alles seine Berechtigung und war ein Teil von Rädchen, die ineinandergreifen. Jede Zeit war ganz wichtig für uns, auch wenn sie ein Ablaufdatum hatte.

Gehen wir davon aus, dass CONCERTO auch in zwanzig Jahre noch erscheinen wird. Wird es dann wieder eine Titelgeschichte mit der Mojo Blues Band geben?

Versprechen kann man so etwas nie, aber die Hoffnung besteht zweifelsfrei! Ich gehe davon aus, dass ich jene Musik, die ich nun schon so lange liebe und mache, weiterführen werde, bis ich umfalle. Ich kann mir nichts anderes vorstellen!

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