Concerto > Concerto-Ausgaben > Ausgabe 4/2018 > The Lost Album; Both Directions At Once

John Coltrane: Am Vorabend von „A Love Supreme“

51 n. Coltrane wurde aus den Tiefen der Archive ein Tape mit unveröffentlichten Studio-Aufnahmen des unantastbaren Saxophongiganten mit seinem epochalen Quartett aus dem Jahr 1963 gehoben. Titel dieses Lost & Found-Albums: "Both Directions At Once".

John Coltrane / FotoCredit: Chuck Stewart Photography LLC

Das Reservoir an Attributen der Superlative ist ausgeschöpft, wenn die im Mittelpunkt stehende Person John Coltrane heißt. Bei jeder posthumen Neuerscheinung von Musik unter seinem Namen werden diese aufs Neue aus dem Köcher gezogen. Nicht anders bei den als Sensationsfund gewerteten und von der weltweiten Kritik wie Jazz-Manna empfangenen Studioaufnahmen für eine regulär geplante LP-Veröffentlichung aus dem Jahre 1963.Wahr ist allerdings, man sieht sich bei der Musik Coltranes mehr oder weniger wirklich mit der Unbeschreiblichkeit konfrontiert. Und bei Coltrane äußert sich dieser Umstand, wie nur noch bei Miles Davis, eklatant. Also, man schreibt das Jahr 1963. Coltrane steuerte in der Gefolgschaft seines legendären Quartetts (McCoy Tyner, Jimmy Garrison, Elvin Jones) nach einer äußerst erfolgreichen Europatournee auf eine weltweite Popularität und musikalisch in dieser Konstellation auf einen absoluten Höhepunkt zu. Und der Saxophonist legte einen ungeheuren Schaffensdrang an den Tag.

 

Gegen Ende eines zweiwöchigen Engagements im New Yorker Birdland im März 1963 fand sich das Quartett am 6. dieses Monats erneut in Rudy van Gelders berühmtem Studio ein. Diese intensive Session bildet den Inhalt der vorliegenden jüngsten Veröffentlichung unter Coltranes Banner. Zu den Details: Besagte unveröffentlichte Musik belegt unumwunden Coltranes Forschen an einer Klangsprache, die seine energischen Tonausbrüche aus "Giant Step"-Zeiten neu definiert und ausweitet. Ergebnisse waren eine umfassende Motivarbeit, pointierte Transponierungen, unorthodoxe Harmonieprogressionen und ausgefeilte rhythmische Schichtungen, durchweht von immer bestimmender werdender hymnischer Aura und spiritueller Integrität. Auch das Aufgreifen von indischen, respektive arabischen Skalen ist nun integraler Bestandteil seines Spiels. Im Besonderen auf dem Sopransaxophon, zu dem Coltrane bei den beiden unbekannten "Untitled Originals" greift. Diese weisen konzeptuelle Ähnlichkeiten zu seiner "My Favorite Things" Version auf und bilden abermals mit prägnanten chromatischen Themen den Ausgangspunkt für die modalen, neue Territorien aufsuchenden, intensitätsberstenden Höhenflüge des Saxophonheroen. Coltrane eröffnete dem Jazz, allerdings noch auf tonale Zentren bezogen, neue gestalterische Perspektiven. Kongenial mitverantwortet von seinen famosen Partnern, die sich in einen gehörigen Spielrausch steigern. Selbst konventionellen Gestaltungsschemata zugrunde liegende Stücke, wie den unveröffentlichten Coltrane Originals "Slow Blues" oder "One Up, One Down" (diese Komposition wurde zuvor nicht nur, wie in der PR-Vorankündigung angemerkt, auf einem Bootleg eines Birdlandmitschnittes veröffentlicht, sondern offiziell erstmals auf einer Impulse-Compilation mit dem Titel "Dear Old Stockholm" in den 1990er Jahren) bzw. dem bekannten "Impressions" und der Adaption der Lehar Komposition "Vilia", erfahren durch das mittlerweile auf einzigartige Weise koinzidierende Kollektiv zuvor nicht gekannte "Freigaben". Coltrane ist auf den letztgenannten Stücken ausschließlich auf dem Tenor zugange und festigte seine damalige Stellung als begnadetster und auf Grund des Anklingenden, was noch folgen sollte, und bis in die Jetztzeit, einflussreichster Musiker auf diesem Instrument. Die Aufnahmen markieren jene Übergansphase, die Coltranes musikalisches Manifest einer unter religiöser Hingabe immer freier ausgelegten individuellen Improvisationsauffassung sowie kollektiv interagierenden Entäußerung begründete. Wiewohl er mit Überblastechniken, nach denen sein Streben in den oberen Oktavbereich verlangt, noch ein wenig hadert und ihm folglich einige Gickser unterlaufen. Doch der Perfektionist Coltrane, möglicherweise (eine Mutmaßung) hing es damit zusammen, dass er die Aufnahmen zu Lebzeiten nicht veröffentlicht haben wollte, gelangte folglich auch hier zum Ziel. Die Tore in Richtung des Territoriums freier Improvisation standen schon weit offen. Den Stellenwert eines Missing Link kann diese Veröffentlichung für sich nicht beanspruchen, aber sie stellt einen funkelnden Mosaikstein in Coltranes denkwürdiger Tonträger-Chronik dar. Die lupenreine Tonqualität ist Marke van Gelder. In folgenden Formaten sind die Aufnahmen erhältlich: Einzel LP, Einzel CD, Doppel LP und Doppel CD (beide inklusive Alternate Takes und mit differierendem Cover). Hannes Schweiger

 

Vinyl-Tipp:

JohnColtrane „Both Directions At Once“, Impulse, Vertrieb: Universal


 

 

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