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3 Days of Love and Peace - Zum 50. Jahrestag des Woodstock-Festivals.

Vom 15. bis 18. August 1969 kamen auf dem Gelände des Milchbauern Max Yasgur in Bethel in den Catskill Mountains, ca. 100 Meilen von New York City entfernt, an die 450.000 Menschen zusammen, um das bis dahin spektakulärste Open-Air-Musikevent mitzuerleben.

Titelseite des Original Woodstock Programmheftes /Archiv Herbert Höpfl

Man kann die Geschichte dieses Festivals aus zwei verschiedenen Blickwinkeln erzählen. Entweder man konzentriert sich auf den "Mythos Woodstock", der sich hauptsächlich auf Michael Wadleighs dreistündigen Dokumentarfilm gründet, welcher am 26. März 1970 in die Kinos kam, später einen Oscar erhielt und bei $600.000 Produktionskosten allein in den USA $50.000.000 einspielte. Das heißt, man erzählt die Geschichte von heute legendären Musikerinnen und Musikern, die in Woodstock zum Teil ihren Durchbruch schafften (etwa Santana oder Crosby, Stills, Nash & Young). Dazu gehören auch alle mythenbildenden Begleiterscheinungen wie die Tatsache, dass Woodstock trotz aller meteorologischer und logistischer Probleme ein wirklich friedliches Festival war und somit zur Ikone der (eigentlich zu Ende gehenden) Hippie-Ära werden konnte.

Oder man wirft einen nüchtern-realistischen Blick auf das Ganze. Dann muss man auch von organisatorischen und technischen Fehlern, vom eigentlich vorhersehbaren Verkehrschaos, von der prekären Versorgungslage und von Drogenexzessen erzählen. Und von versemmelten Auftritten: Von Janis Joplin etwa gibt es eine Reihe weit besserer Live-Aufnahmen, und Creedence Clearwater Revival wollten nicht einmal in den Film, weil sie ihrer Meinung nach so schlecht gespielt hatten. The Who, die am Samstag als Headliner gebucht waren, kamen mit 5-stündiger Verspätung und einer Riesenwut um 5 Uhr morgens am Sonntag auf die Bühne. Als sich dann kurz nach "Pinball Wizard" ein Aktivist das Mikro schnappte und zu einer Protestrede ansetzte, riss Pete Townshend der Geduldsfaden und er vertrieb den Störenfried mit einem Gitarrenhieb. Nicht gerade "love & peace"...

Der wirtschaftliche Aspekt von Woodstock 

Einen Monat vor Beginn des Festivals war die Location noch immer nicht fix. Die Hauptorganisatoren Michael Lang und Artie Kornfeld waren zuerst in Woodstock und dann noch in einem weiteren Ort abgeblitzt. Der Vorverkauf war zu diesem Zeitpunkt allerdings schon sehr gut gelaufen, d.h. es waren schon 186.000 Karten verkauft (ein 3-Tages-Ticket kostete $18, nach heutigem Kurswert $120). Da die viel zu spät errichteten und zu schwachen Umzäunungen bald von den Zuschauermassen niedergetrampelt wurden, verkündete der Ansager am Samstagmorgen, dass das Festival ab sofort bei freiem Eintritt stattfinden würde. Der Großteil der Gesamtkosten von 2,7 Millionen US-Dollar wurde von zwei Risikokapital-Investoren aufgebracht. Die Film- und Musikrechte lagen zum überwiegenden Teil bei Warner Brothers, bei Regisseur Wadleigh und bei Atlantic Records. Der Schuldenberg konnte erst 1980 vollständig abgetragen werden. Seitdem verdient auch z.B. Michael Lang über Lizenzen oder Merchandising am Woodstock-Mythos.

Viele Bandmanager weigerten sich, ihre Musiker ohne Vorkasse auftreten zu lassen, oder rieten ihnen überhaupt davon ab, vor einer Horde Hippies aufzutreten, wie im Fall von Led Zeppelin oder den Rolling Stones. Manche, wie Frank Zappa oder Ian Anderson (Jethro Tull), wollten ohnehin nicht vor "Ungewaschenen" auftreten, und andere wie Bob Dylan oder Joni Mitchell fehlten aus anderen Gründen. Mitchell schrieb dennoch mit "Woodstock" einen ihrer besten Songs - vor dem Fernseher in New York City.

Insgesamt traten beim Festival, das auf Grund von diversen Zeitverzögerungen bis Montag Vormittag dauerte (der Sonntags-Headliner Jimi Hendrix wäre schon um Mitternacht an der Reihe gewesen), 32 Acts auf: am Freitag hauptsächlich Einzelinterpreten (Richie Havens, Melanie, Joan Baez, Arlo Guthrie etc.), am Samstag u.a. Canned Heat (die mit "Going Up The Country" quasi den Titelsong zum Woodstock-Film lieferten), Santana, Mountain, Grateful Dead, Janis Joplin, Jefferson Airplane, The Who und - als einzige "schwarze Band"- die sensationellen Sly & The Family Stone. Die Highlights des Sonntags waren Joe Cocker & Grease Band, Ten Years After, The Band, Johnny Winter, CSNY, Blood, Sweat & Tears und zuletzt Jimi Hendrix, der zwar wenig Rücksicht auf seine frisch zusammengestellte Begleitband nahm, aber mit seiner Version der amerikanischen Nationalhymne die Vietnamkriegsproblematik wie kein anderer auf den Punkt brachte.

Woodstock-Veranstalter Michael Lang

Das Jubiläum in Wort, Bild und Ton

Bereits im Vorjahr erschien "Woodstock Live"des Franzosen Julien Bitoun, das in der deutschen Übersetzung den Untertitel "Three Days of Love and Peace. Das Festival, das die Welt veränderte" trägt. Der opulente, 240 Seiten starke Band ist eine gelungene Mischung aus Hard Facts (z.B. alle Bandbesetzungen und Setlists), viel Hintergrundinfo und Zusatzartikel wie "Der gesellschaftspolitische Kontext" oder "Die Gitarren von Woodstock"), sorgfältig zusammengetragenem Fotomaterial und eher zurückhaltenden Kommentaren. Das Layout ist dem Anlass entsprechend grell und bunt. Man kann dieses Buch in 5 Minuten schnell durchblättern oder auch nur einzelne Kapitel lesen, man kann es aber auch wie einen Roman oder wie einen reinen Bildband rezipieren. 

Weitere Bücher zum 50-Jahr-Jubiläum: "Woodstock. Chronik eines legendären Festivals"von Mike Evansund Paul Kingsbury, ein liebevoll zusammengestelltes, mit vielen Originalzitaten angereichertes Fotobuch. Michael Langs"Road To Woodstock" (2009) liegt nun auch auf Deutsch vor:"Woodstock. Die wahre Geschichte. Vom Macher des legendären Festivals". Lang glänzt als witziger Erzähler, der aber auch die Schattenseiten nicht ausspart; das Vorwort stammt von Martin Scorsese. Der italienische Musikjournalist Ernesto Assantenähert sich dem Phänomen Woodstock mit Material aus seinem exklusiven Foto- und Interviewarchiv. Ähnlich wie Bitouns Buch ist"Woodstock. Die Rock'n'Roll-Revolution von 1969"zugleich Bildband und Lesebuch.

Die Tonaufnahmen, die beim Woodstock-Festival unter teils abenteuerlichen Bedingungen zustande kamen, sind in den letzten 50 Jahren auf alle möglichen Arten ausgeschlachtet worden. Warner Music setzt zum runden Geburtstag noch eins drauf. Die Edition "Woodstock - Back To The Garden: The Definitive Anniversary Archive" erscheint Anfang August und ist eine aufwändige Sperrholzschachtel zum Preis von ca. € 700. Darin enthalten: 38 CDs mit 432 Tracks, die das gesamte Festival auf ca. 36 Stunden dokumentieren, dazu noch ein Faksimile des Original-Programms, das Buch von Michael Lang und einiges mehr. Abgespeckte Versionen beinhalten entweder 10 CDs, 3 CDs oder 5 LPs.

In der ganzen Welt finden diesen Sommer Konzerte und Festivals statt, die sich teilweise oder ganz dem Thema "Woodstock" widmen. Michael Lang hat angekündigt, dass er vom 16.-18. August ein Revival starten will, bei dem Acts wie Miley Cyrus oder Jay-Z, aber auch Altspatzen wie Santana, David Crosby, John Fogerty, Country Joe McDonald und Überreste von Canned Heat auftreten sollen. Bei Redaktionsschluss war noch nicht klar, ob Woodstock 2019 auch stattfinden wird. Aber auch in Österreich gibt es Einschlägiges; siehe Konzerttipps. 

Buchtipps:

  • Julien Bitoun "Woodstock Live", Delius Klasing, ISBN 978-3-667-11411-2

  • Mike Evans/Pul Kingsbury "Woodstock. Chronik eines legendären Festivals", riva, ISBN: 978-3-7423-0826-9

  • Michael Lang "Woodstock. Die wahre Geschichte", Edel Germany GmbH, ISBN: 978-3-8419-0646-5

  • Ernesto Assante "Woodstock. Die Rock'n'Roll-Revolution von 1969", White Star, ISBN: 978-88-6312-369-2

CD- und Vinyltipp:

  • Various Artists "Woodstock -Back To The Garden/50th Anniversary Experience", Rhino/Warner

Live-Tipps:

  • "50 Jahre Woodstock", 15.-17.08., Volkspark Laaerberg, u.a. mit Children Of The Revolution & Multimedia-Show "50 Shades of Woodstock"

  • Elephant Memory Band "Remembering Woodstock",
    07.09.19: Syrnau/Zwettl, 20.00
    12.09.19: Sargfabrik/Wien, 20.00

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