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Wir haben uns ineinander verliebt

Karl Ratzer, Peter Herbert und eXtracello auf gemeinsamen Musikpfaden

Karl Patzer, Margarethe Herbert, Peter Herber (v.l.n. r.) präsentieren stolz ihr gemeinsames Erstlingswerk / Foto. D. Hoscher

"Wir befruchten uns ständig gegenseitig und positiv. Diese Begegnung war ein großes Glück. Wir hatten in diesem Projekt von Anfang an großes Vertrauen darin, dass wir miteinander arbeiten können. Es stand kein Ego im Weg! Wir haben uns gleichsam verliebt ineinander!". Wenn Karl Ratzer über die Zusammenarbeit mit dem Bassisten Peter Herbert und den vier Cellistinnen von eXtracello - Margarethe Herbert, Edda Breit, Melissa Coleman und Gudula Urban - spricht, gerät er ins Schwärmen und man vermeint, seine Augen hinter den getönten Brillengläsern aufblitzen zu sehen. Mit Peter Herbert verbindet Ratzer bereits eine langjährige, musikalische Partnerschaft. "Als Fritz Pauer 2012 gestorben ist, da entstand ein riesiges Loch für mich, denn er war eine wichtige Bezugsperson. Aber plötzlich, als hätte ein Blitz ihn geschickt, kam Peter in mein Leben. Da gab es sofort ein musikalisches Einverständnis. Er kann in jeder möglichen Besetzung spielen, einfach unvergleichlich. Er spielt, vor tausenden Zuschauern, mit Marcel Khalifé, dann wieder mit dem unvergleichlichen Georg Gräwe und er spielt mit mir", kommt Ratzer im CONCERTO-Interview nicht aus dem Schwärmen heraus. Dass schließlich auch, um 2015, das ungewöhnliche Quartett von eXtracello hinzukam, ist maßgeblich ebenfalls "Mastermind" Peter Herbert zu verdanken. "Ich hatte einmal in unserem Tourbus die erste CD von eXtraello gespielt. Karl war von dem Sound begeistert und meinte, wir müssten unbedingt etwas gemeinsam machen", hält Herbert fest. Kennengelernt hatte man sich bereits 2015 in Linz. "Ich absolvierte damals auf der Bruckner-Uni ein Improvisationsstudium, und Karl hielt dazu einen Workshop ab. Wir beschäftigten uns mit Tunes von Karl, etwa "Moondancer"", erklärt Margarethe Herbert.

Vom gegenseitigen Können und wohl auch der wechselseitigen, tönenden Extravaganz überzeugt, beschloss man, zunächst live gemeinsame Sache zu machen, ein erstes Konzert ging 2017 in Weiz über die Bühne. "Peter und ich sind durch den Jazz einseitig geprägt. eXtracello kommt wiederum von der Klassik. Dadurch gelangt ein etwas anderes Rhythmusgefühl in das Projekt. Was mich zudem völlig überwältigt hat, war, wie eXtracello und Peter Herbert meine Songs überarbeitet haben. Die Streicherinnen haben den Kompositionen ein Kleid gegeben", erzählt Ratzer. Die auf den nun vorliegenden Tonträgern - die CD umfasst drei Stücke mehr als die auf 500 Stück limitierte, in ein grafisch äußerst ansprechendes Gatefold gehüllte LP - derart präsentierte "Kleider"-Kollektion ist dabei an Vielfältigkeit nicht zu überbieten. Genussvoll wird über die Jahrhunderte hinweg nach neuen Wegen gesucht, welche auch gefunden werden, ruhig und fließend. Von teilweise erstmals veröffentlichten Ratzer-Kompositionen wie dem Titeltrack oder dem bereits zitierten "Moondancer" über das American Songbook der 1920er ("Sweet Lorraine") oder der - ausklingenden - British Invasion ("Oh Well") Ende der 1960er bis zur Klassik (Bachs "Prélude aus der Suite Nr. 2 in D-Moll") und Operette ("Helenental") reicht das Repertoire. "Bach ist auch deswegen dazu gekommen, weil viele Jazzmusiker einen starken Bezug zum Barock haben. Barockmusik kann, selbst wenn sie original gespielt und nicht verjazzt wird, unglaublich grooven. Live spielen wir etwa auch die Passacaglia aus den Rosenkranzsonaten von Heinrich Ignaz Franz Biber", führt Margarethe Herbert aus. Dabei wäre Karl Ratzer auf diesem Stück beinahe gar nicht zu hören gewesen, wie er lachend anfügt: "Das Bach-Präludium habe ich zum Beispiel ein dreiviertel Jahr geübt, und dann sagt mir Peter bei der Probe, dass ich das nicht spielen muss. Wenn du als Gitarrist mit Geigen aufgenommen werden willst, musst du zunächst einmal beweisen, dass du es wert bist! Im Nachhinein habe ich im Studio aber dann, meiner Frau Anna zuliebe, doch noch über den Bach drüber gespielt." Auch die Adaption des Operettenschlagers "Ich kenn ein kleines Wegerl im Helenental" aus der Feder von Edmund Eysler und Alexander Steinbrecher, geht letztlich auf eXtracello zurück. "Wir haben zum 70. Geburtstag von Johanna Dohnal gespielt, und sie hatte sich dieses Stück gewünscht. Das war so lustig, dass wir es danach immer als Zugabe gespielt haben", begründet Margarethe Herbert. Gesungen wird es auf der Platte übrigens ausnahmsweise nicht von Karl Ratzer, sondern von Gudula Urban. "Ich wollte diese Stimme unbedingt auf Platte hören", hält der Jazz-Großmeister dazu fest.

Über Genregrenzen hinwegzugehen, sei natürlich ein Ziel gewesen, lässt Anna Ratzer keine diesbezüglichen Zweifel aufkommen: "Das Projekt sprengt die Grenzen und soll gerade in Zeiten wie diesen, in denen wieder so viele Grenzen errichtet werden und der Rassismus wieder so bedrohlich im Raum steht, ein Gegenentwurf sein." Dass dieser ungeheure Abwechslungsreichtum den beteiligten Musikerinnen und Musikern große (Spiel)Freude bereitet, ist unüberhörbar. Aber fällt dies auch bei Publikum und Veranstaltern auf ebenso fruchtbaren Boden? "Die Platte ist das absolute Gegenteil von einem Businessplan. Den gab es nie!", bestätigt Peter Herbert und Gattin Margarethe ergänzt: "Karl kennt man als Rock- und unglaublichen Jazzmusiker, und dann spielst du ein Wienerlied, das ist einfach unglaublich charmant. Außerdem, bei Karl ist ohnehin immer alles möglich!" Dietmar Hoscher

VINYL/CD-TIPP

  • Ratzer/Herbert/eXtracello "Occasion", monkey

LIVE-TIPPS
Ratzer/Herbert/eXtracello:

  • 2.10.: Innsbruck, Treibhaus

  • 04.10.: Raab, Musikschule

  • 15.10.: Graz, Orpheum

  • 22.11.: Ried im Innkreis, KiK

  • 13.12.: Völkermarkt, STEP

Vorschau 2020: 

  • 04. 07.: (= 70. Geburtstag von Karl Ratzer): Waidhofen/Thaya,
    41. Int. Musikfest, Original Thayapark

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