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„Jedes Mal anders und jedes Mal wunderbar!“

Zum 90. Geburtstag von Rolf Kühn

INTERVIEW ROLF KÜHN - Waidhofen/Thaya, Music Festival 28/06/2019

Er ist in jeder Hinsicht ein Vorbild: Rolf Kühn hält sich auch im hohen Alter geistig und körperlich durch Musik fit, sei es bei Konzerten oder bei Studioproduktionen, die er meist mit KollegInnen bestreitet, die glatt seine Kinder oder Enkel sein könnten.

Es gibt sie noch, diese lebenden Musiklegenden, die sich auch im hohen Alter ihre Neugierde und ihren Wagemut erhalten haben. Den Drummer Roy Haynes etwa, der im März seinen 94. Geburtstag feierte, oder die Sängerin Sheila Jordan, die auch mit fast 91 noch auf der Bühne steht. Und da ist noch der Doyen des deutschen Jazz, Rolf Kühn, der am 29. September unglaubliche 90 Jahre alt wird und vor Schaffensfreude nur so sprüht.

Rolf Kühns Leistungen an der Klarinette oder als Komponist und Bandleader aufzuzählen, hieße Eulen nach Athen tragen. Dennoch hier einige Stationen aus seiner bewegten Karriere: Der in Köln geborene und in Leipzig aufgewachsene Musiker lernt zunächst Klavier, Komposition und Musiktheorie, dann ab dem 12. Lebensjahr Klarinette. Durch Jutta Hipp kommt er mit dem Jazz in Kontakt, spielt Saxofon und Klarinette in der Big Band des Senders Leipzig und im RIAS Tanzorchester. 1956-1962 lebt er in den USA, arbeitet u.a. mit Caterina Valente, Benny Goodman und Tommy Dorsey und übernimmt nach der Rückkehr nach Deutschland die Leitung des NDR-Fernsehorchesters in Hamburg.

Zahlreiche Kompositionsaufträge und Filmmusiken folgen (u.a. "Tatort", "Derrick"), außerdem leitet Kühn Musicalproduktionen oder spielt Jazz mit Friedrich Gulda, Chick Corea, Albert Mangelsdorff, Ornette Coleman, Michael und Randy Brecker, aber auch mit den Klarinettenkollegen Buddy DeFranco oder Ken Peplowski. Er ist im traditionellen wie im experimentellen Jazz, in großorchestralen Settings wie in Kleinstformationen zu Hause und spielt bis heute mit seinem um 14 Jahre jüngeren Bruder, dem Pianisten Joachim Kühn.

Rolf Kühn tritt in den letzten Jahren gern mit dem jungen Trio Benny Graupe (g), Johannes Fink (b) und Christian Lillinger (dr) auf, arbeitet aber auch mit der Cellistin Asja Valcic zusammen und hat für sein jüngstes CD-Projekt "Yellow + Blue" ein neues Quartett mit Frank Chastenier (p), Lisa Wulff (b) und Tupac Mantilla (dr, perc) formiert. Unter seinen zahlreichen Auszeichnungen finden sich 2016 den Jazz-ECHO als Instrumentalist des Jahres und 2018 die German Jazz Trophy für das Lebenswerk.

CONCERTO traf Rolf Kühn anlässlich eines Konzerts beim Musikfest Waidhofen/Thaya, wo das nachstehende Interview entstand.

Rolf Kühn beim Interview anlässlich seines Auftritts mit Bruder Joachim am 40. Int. Musikfest Waidhofen/Thaya / FotoCredit: Peter Purgar

Martin Schuster: Stimmt es, dass Sie nach wie vor 2 Stunden täglich üben?

Rolf Kühn: Ja. Das ist überhaupt keine Pflichterfüllung, aber natürlich ein inneres Muss, etwas, das ich wahnsinnig gern tue. Ich habe mein ganzes Leben lang geübt, wir sind noch immer fleißig. Es geht nicht ohne, und wir wollen auch nicht, dass es ohne geht!

MS: "Wir", das ist die Klarinette und Sie? Also ist das schon eine sehr intime Beziehung...

RK: Sie ist eine sehr komplizierte Dame, die Klarinette. Sie ist sehr schnell beleidigt, wenn man sie nicht anfasst. Aber wenn ich mich einmal ein paar Tage nicht wohl fühle und eben nicht üben gehe, dann zeigt sie's mir. Sie reagiert dann bösartig und sagt: Junge, jetzt wird es wieder Zeit, spätestens morgen!

MS: Also auch zum Beispiel im Urlaub?

RK: Immer, immer. Und wenn ich mal in einem teuren Hotel bin, dann nehme ich ein Übungsgerät, das nur ich höre. Da ist auch ein Klarinettenmundstück drauf und man kann die Muskeln trainieren, die man für den Ansatz braucht. Ohne andere zu stören. Und das ist besser als gar nichts.

MS: Wie kam es zu der Entscheidung, die Klarinette als Instrument zu wählen?

RK: Als ich noch zur Grundschule ging, lief da morgens um acht immer eine Band im Radio, Albert Vossen und seine Solisten vom WDR. Da war ein Klarinettist dabei, der für meine Kinderohren enorm gut klang. Bis zum heutigen Tag habe ich nicht herausgefunden, wie er hieß. Da hat es bei mir getickt. Mein Vater hatte mir vorher schon X Instrumente gekauft, die dann nach zwei Tagen in irgendeine Ecke flogen, wie z.B. eine Hawaiigitarre oder ein kleines Akkordeon. Das hat mir übrigens später geholfen, als ich als 17-Jähriger im Rundfunk spielte, da ging es um Tangos. Ich habe es nie gern gemacht, aber ich konnte es, weil ich schon mit 7 ein Klavierstudium begonnen hatte. Aber die Klarinette, das war Liebe beim ersten Hören.

MS: Sie haben einige Jahre in den USA gelebt. War es damals so einfach, aus der DDR auszureisen, noch dazu für so lange Zeit?

RK: Damals, als ich wegging, da war ich 20, und die DDR war noch gar nicht gegründet. Die Russen waren schon da, es gab eine russische Kommandantur und ich bekam witzigerweise durch meine Angehörigkeit zu einem Radiosender eine Möglichkeit zur Ausreise. Im WDR wurden da zwei Stunden live gesendet, und am Timmendorfer Strand hat das ein Bandleader gehört. Der hat rausgekriegt, wer da spielt, und ich bekam ein Angebot. Damit bin ich zur russischen Kommandantur und ich sagte, ich würde gern dieses Angebot für drei Monate wahrnehmen und dann komme ich selbstverständlich zurück. Das haben sie mir geglaubt. Dann wurden aber gleich nach und nach die Grenzen gesperrt und ein halbes Jahr später wurde die DDR gegründet. Zu Beginn ging es noch, dass man via Helmstedt über die Grenze gehen konnte. Das war die "grüne Grenze", die meine Mutter überquerte, um mich dann in Hamburg zu besuchen. Da ist sie schwarz durch die Wälder, mit dem kleinen Joachim, meinem Bruder. Da sind auch viele Sachen passiert, Leute wurden ausgeraubt. Aber das hat sie auf sich genommen.

MS: Welche musikalischen Begegnungen in den USA haben Sie am meisten geprägt?

RK: in die USA ging ich ja viel, viel später, um genau zu sein am 26. Mai 1956. Ich hatte dann eine Festanstellung beim Sender RIAS Berlin, war dort der 1. Saxofonist und Soloklarinettist. Als ich denen mitteilte, ich würde gern auswandern, haben sie mich alle für wahnsinnig erklärt. Wie kannst du diese tolle Stelle aufgeben und alles Mögliche ... Und ich sagte: Nein, ich probiere das jetzt mal. Ich kannte ja niemanden in den USA außer der Pianistin Jutta Hipp, die kannte ich aus Leipzig. Sie lebte unter den Fittichen von Leonard Feather in den USA, er hat sie sehr gefördert und ihr ein Trio zusammengestellt. Das war meine Anlaufadresse, die einzige, die ich wirklich hatte. Es war sehr aufregend, in New York anzukommen. Zunächst bekommt man ein bisschen Angst vor dieser Stadt, es ist alles so schnelllebig. Als Musiker muss man abliefern, sonst wird man nie wieder angerufen. Ich dachte: Jetzt musst du erst mal ein paar Musiker kennenlernen. Von Jutta hatte ich erfahren, dass es da "Charlie's Bar" in der Nähe des Birdland gab, wo sich die wichtigen Musiker drei Mal die Woche trafen, montags, mittwochs und freitags, aber vormittags zwischen elf und zwei. Ich bin da hingetigert und habe festgestellt, es war das Leichteste der Welt diese Leute kennenzulernen. Sie fragten mich, wie es in Deutschland gerade sei, man kam ins Gespräch, das waren ganz tolle, offene Jungs. Dann fragten sie gleich: Hast du Lust, zur Jam Session nächsten Sonntag zu kommen? Da trafen sich junge, begabte Leute und spielten um die Wette. Ich bin natürlich jeden Sonntag da hin gegangen. Da wird man sehr genau beobachtet und im besten Fall weiterempfohlen: Da gibt es einen tollen Pianisten, vielleicht solltet ihr einmal miteinander spielen.

Dann traf ich unseren berühmten Wiener, Friedrich Gulda, zufällig am Broadway. Wir kannten uns von Berlin. Er war ja eigentlich ein verkappter Jazzmusiker, das war sein Liebstes. Die klassische Konzertmusik hat ihn gar nicht so sehr interessiert. Wir hatten im Wiener Musikverein mehrere Konzerte mit der Euro Jazz Band, da war z.B. Freddie Hubbard dabei ... Wir gingen am Broadway in ein Café, und er sagte: Ich habe morgen mein übliches Carnegie-Hall-Konzert, er machte sich irgendwie gar nicht viel daraus. Da geh ich hin und spiele halt. Dann meinte er: Sag mal, kennst du John Hammond? Ich sagte nein. Er hatte damals Billie Holiday entdeckt, Benny Goodman und Count Basie. Gulda sagte: Das ist ein guter Freund von mir, willst du ihn kennenlernen? Er meinte: Überlass es mir. Ich spielte ihm in einem Studio am Broadway vor, gemeinsam mit Gulda. Und er sagte: "I like what I hear. I think we can do something for you." Er hat die alte Agentur von Goodman angerufen, die existierte damals noch. Die haben sich dann um mich gekümmert. Er sagte: Jetzt formieren wir eine tolle Gruppe für dich, und wir haben dann eine erste Produktion für ihn gemacht. Das war ein glücklicher Zufall, weil man diesen Mann normalerweise nie kennenlernt. Das spielt in meinem Leben eine Riesenrolle.

Auch Joachim hat Friedrich Gulda geholfen. Er veranstaltete in den 1960er Jahren in Wien einen Wettbewerb für Nachwuchskünstler, Randy Brecker war dabei. Und er hat meinen Bruder eingeladen. Joachim setzte sich damals, wo Leute an der Grenze erschossen wurden, ganz gemütlich in Leipzig in den Zug und fuhr nach Wien. Er hat beim Wettbewerb hinter Fritz Pauer den zweiten Platz gemacht, dann ist er aber im Westen geblieben. Ich hatte mich für ihn verbürgt, dass er auch wieder heil in die DDR zurückkommt ...

In Benny Goodmans Orchester war ich insgesamt sechs Jahre, das hatte aber mit John Hammond nichts zu tun, der wollte mich als Solokünstler mit Quartett aufbauen. Wir spielten in verschiedenen Clubs. Da kam plötzlich eines Tages so ein dicklicher Mann und sagte: "Ich bin Popsy, hat dich Benny schon einmal gehört?" Und ich sagte: "Nein, ich glaube nicht." Popsy war sein Leben lang Bandboy bei Goodman gewesen, und irgendwann gründete er eine Familie und blieb zu Hause. Er meinte: "Benny muss dich unbedingt kennenlernen." Er gab sich selbst den Namen Popsy, weil er so dick war, ein wahnsinnig liebenswerter Mensch. Ich dachte: Nun gut, das ist so Gerede, warum sollte mich Goodman unbedingt kennenlernen wollen. Nach drei Tagen kam ein Telefonat von seinem Büro, ob ich gewillt sei zu einer Audition zu kommen. Das machte ich, und danach hat er mich zwei Jahre dabehalten. Das war natürlich eine tolle Erfahrung, mit dem lebenslangen Idol plötzlich konfrontiert zu sein. Ich muss sagen, mich hat er super behandelt, er konnte aber auch ein eiskalter Hund sein und hat auch Leute während einer Probe reihenweise gefeuert. Ich war der einzige, der privat mal bei ihm eingeladen war.

Interviewer Martin Schuster und das Geburtstagskind Rolf Kühn./ Foto Peter Purgar

MS: Schreiben Sie noch Film- oder Fernsehmusik?

RK: Ich komme gar nicht dazu, bin viel zu viel unterwegs. Ich habe immer gern mit Regisseuren zusammengearbeitet, wenn sie gut waren. Leider gibt es von dieser Sorte nicht allzu viele. Aber ich habe das in angenehmer Erinnerung, aus guten Drehbüchern was zu machen. Das ist momentan auf Eis gelegt, aber sollte etwas Interessantes kommen, warum nicht? Meistens mangelt es aber an der Zeit.

MS: Derzeit wechseln Sie ja zwischen den beiden Quartetten mit Ronny Graupe etc. einerseits und mit Frank Chastenier etc. andererseits. Was ist das Besondere an diesen beiden Gruppen?

RK: Ja, und dann habe ich noch eine dritte Gruppe mit Asja Valcic, und da spielen wir beim "Glatt und Verkehrt" Festival in Krems. Aber in jeder dieser Bands spiele ich ganz unterschiedliche Musik, jeweils zugeschnitten auf die Bandmitglieder.

Ich liebe auch ungewöhnliche Kombinationen. Auf meiner Platte "Spotlights" beispielsweise habe ich den Oboisten der Berliner Philharmoniker Albrecht Mayer eingeladen, der sich hervorragend in das Konzept eingefügt hat. Dann natürlich Asja Valcic am Cello, die ich sehr schätze, dann gibt es da noch einen südamerikanischen Mandolinenspieler, Hamilton de Holanda. Der füllt in Brasilien Hallen mit 5000 Zuhörern. Brillanter Musiker. Dann habe ich noch den Sänger und Pianisten Ed Motta dabei, ein Riese, nicht nur körperlich. Das mache ich immer so: Wenn ich jemanden höre, mit dem oder mit der ich zusammenarbeiten möchte, aber ohne vorher zu wissen, was es denn sein könnte. Das finde ich sehr gut, wenn das so spontan passiert.

Ja, so entstehen viele meiner Aufnahmen. Aber demnächst kommt eine Riesenbox heraus mit neun LPs, die meine Karriere von verschiedenen Seiten her beleuchten, auch mit früheren lieben Kollegen wie Niels-Henning Ørsted Pedersen. Das sind Aufnahmen, die damals schon als LPs erschienen sind, die ich nun leicht überarbeitet habe, also Remasters. Eine Riesenbox nur mit LPs, die am 27. September herauskommt.

Da gibt es eine Liveaufnahme, die wir 1966/67 gemacht haben. Die A-Seite entstand im alten Berliner Sportpalast mit 8000 Zuschauern, dort, wo Goebbels die berühmte Frage stellte: "Wollt ihr den totalen Krieg?". Da haben wir aus Joachims altem Trio und mir ein Quartett gemacht. Außer uns gab es damals ein rein amerikanisches Programm: Dave Brubeck, Freddie Hubbard, Sonny Rollins. Die waren da alle auf einem Haufen, aber wir fanden damals keinen Produzenten. Später kamen wir dann drauf: Das war ja ein toller Abend. Zugaben waren für niemanden an diesem Abend erlaubt, aber die Zuschauer haben das förmlich von uns erpresst. Brubecks Band hatte schon das Schlagzeug aufgebaut im Hintergrund, und dann fingen wir zu spielen an. Eigentlich waren die Leute Brubecks wegen gekommen, und die wollten von uns noch eine Zugabe hören. Als wir durchgeschwitzt zur Garderobentür kamen, stand dort George Wein, der Macher des Newport Festivals, und sagte: "Mensch, das war ja ein tolles Konzert!" Ich dachte dann: Jetzt ist die Gelegenheit da für Newport. Ich fragte: "George, what about Newport?" Und er gab mir an diesem Abend die Hand drauf. Und dann sind wir eben nach Newport gefahren, das war dann 1967, das ist jetzt auf der B-Seite der LP. Es ging da um die Rechte. Wir mussten das beim SWR anfragen, wo Joachim-Ernst Berendts Stimme noch mit drauf war, die wollte ich unbedingt mit dabei haben, und das musste natürlich auch bezahlt werden. Obwohl er längst tot ist, haben die noch die Rundfunkrechte. George Wein hat uns das Newport-Material freundlicherweise (fast) kostenlos überlassen. Die Rechtsabteilung von MPS bekam mitgeteilt: Es ist OK, aber ihr dürft den Namen Newport nicht erwähnen. Also haben wir dafür extra bezahlt.

MS: Wo haben Sie Asja Valcic kennengelernt?

RK: Durch Joachim, denn die beiden hatten schon vorher öfter zusammen gespielt. Joachim hat sie immer sehr gelobt.

MS: Da gibt es ja Ende Juli beim Festival "Glatt und verkehrt" einen interessanten Auftritt, bei dem Valcic, aber auch Klaus Paier und Patrice Héral mit Ihnen auftreten werden...

RK: Ja, ich freue mich sehr darauf. Ich weiß noch nicht genau, was das wird, aber ich habe einen Stoß Noten mit, die ich Asja und Klaus mitgebe, und die werden sie sich einmal ansehen. Ein Abenteuer!

MS: Gibt es zwischen Ihnen und Ihrem Bruder eine spezielle Chemie, die im Zusammenspiel mit anderen Musikern nicht zustande kommt?

Rolf Kühn live beim 40. Int. Musikfest Waidhofen/Thaya. / Foto: Herbert Hopf

RK: Natürlich gibt es da eine langjährige Beziehung. Er ist ja 14 Jahre jünger als ich, und in den entscheidenden Jahren für Joachim war ich ja nicht da, zum Teil in Amerika. Die gesamte Entwicklung, die er durchgemacht hat, hat er ganz ohne mein Zutun geschafft, allein. Aber uns macht es immer noch viel Spaß. Wir haben natürlich genauso unser spezielles Repertoire, das ist wie mit meinen anderen Gruppen. Das sind so ungefähr halbe-halbe seine und meine Stücke. Es zählt die Qualität der jeweiligen Nummer. Und wir wissen nie, was passieren wird, wenn wir irgendwo auftreten (lacht). Aber das ist ja das Schöne an meinem Beruf, auch mit Asja oder jemand anderem: Es ist jedes Mal anders und jedes Mal wunderbar. Und darum geht es mir auch.

Ich kann mich an die Zeit mit Hans Koller noch ein bisschen erinnern, Fatty George, Erich Kleinschuster ...

MS: Das heißt, Sie haben auch früher schon mit vielen österreichischen Jazzmusikern gearbeitet. Auch mit Joe Zawinul?

RK: Ich kannte ihn, aber nicht ausführlich. Wenn ich noch einmal zu Friedrich Gulda zurückkommen darf: Zawinul war der Pianist, den er für sich gelten ließ. So wollte Gulda eigentlich sein. Es gibt ja auch Aufnahmen mit den beiden, genauso mit Gulda und Chick Corea.

MS: Was bedeutet Ihnen das Wort "Tradition"?

RK: Tradition ist ein sehr wichtiges Wort. Als Neueinsteiger die Tradition zu ignorieren halte ich nicht für gut. Wenn man auch verschiedene Stilrichtungen durchgemacht hat und durchmachen wollte, weil es gibt ja einen gewissen Weg, der zu gewissen anderen Dingen führt, da gehört Tradition unbedingt dazu. Nehmen wir diesen Klarinettisten aus den 1920er Jahren, Jimmy Noone, der hatte einen wunderbaren Ton und war der Vorläufer Goodmans. Der hat Goodman gefallen und Goodman hat das technisch verfeinert, auch von der Tongebung her. Aber natürlich ist das spannend. Ich habe jeden Morgen vor dem Frühstück mein iPad hier, und so fängt der Tag für mich mit guter Musik an, das finde ich einen schönen Anfang. Auch die alten Sachen, man findet ja heute alles, was man will. Der einzige Nachteil daran besteht für die Schallplattenindustrie, weil man das jetzt gratis bekommt.

Ich hatte ja jetzt ein Treffen in Hamburg mit Vertretern der Firma MPS wegen meiner Vinyl-Box. Und die sagten mir: Die jungen Leute kaufen wieder wie früher LPs. Ich glaube, das wird sich noch eine Weile halten. Der Klang ist ja nach wie vor runder, nicht ganz so aggressiv. Man ist begrenzter in der Gesamtlautstärke, und 22 Minuten ist eigentlich die Obergrenze für eine LP-Seite. Die neuen Produktionen dauern ja teilweise über eine Stunde, und deshalb haben wir daraus Doppel-LPs gemacht, um nicht die Dramaturgie der gesamten Platte zu zerstören. Da hat MPS glücklicherweise mitgemacht.

MS: Wie werden Sie Ihren 90. Geburtstag feiern?

RK: Ehrlich gesagt: Ich denke überhaupt nicht darüber nach, weil mir nie was an großen Geburtstagen gelegen ist. ich weiß noch gar nicht, was wir machen. Wahrscheinlich fahren wir weg, irgendwohin, und kommen dann hoffentlich wohlbehalten wieder (lacht). Aber worauf ich wirklich gespannt bin: Es wird einen Film über mich geben. Es kommt ein Dokumentarfilm über Joachim und mich, auch die verschiedenen Länder kommen vor, die für uns Bedeutung haben, natürlich Deutschland, aber auch Spanien und USA. In New York haben wir fünf Tage für das ZDF gedreht, ein Trip in die Vergangenheit, war aber spannend, muss ich sagen. Und Leipzig natürlich, wo wir aufgewachsen sind. Viele Konzertaufnahmen wurden auch im Film verwendet, es gibt auch Teile, die in Villingen, dem Geburtsort von MPS, gedreht wurden. Stefan Lamby, der heuer mit der Goldenen Kamera für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde, hat das gedreht.

CD/LP-Tipps: 

  • Rolf Kühn "The Best Is Yet To Come", MPS Records,
    Vertrieb: Edel. 7-fache Vinylbox (in digitaler Version ohne Konzertmitschnitte)
  • Rolf Kühn "Yellow + Blue", MPS/edel (2018)
  • Rolf Kühn "Spotlights", MPS/edel (2016)

  • Rolf Kühn Unit "Stereo" MPS/edel (2015)

  • Rolf & Joachim Kühn feat. John Patitucci & Brian Blade "Lifeline", Universal (2012)

Kino-Tipp:
20.09.: Darmstadt,"Brüder Kühn. Zwei Musiker spielen sich frei", Programmkino Rex (in Anwesenheit von Rolf Kühn)
TV-Tipp:
21.09.: "Brüder Kühn. Zwei Musiker spielen sich frei", 3Sat

Buch-Tipp:
Maxi Sickert "Clarinet Bird: Rolf Kühn - Ein Leben mit Jazz" (Broecking Verlag, ISBN: 978-3938763377)

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