Scopes: Europa Transatlantisch

Nachdem sich das Kerntrio der neu formierten Gruppe "Scopes", bestehend aus dem österreichischen Schlagzeuger Mathias Ruppnig, dem deutschen Bassisten Tom Berkmann und dem französischen Pianisten Tony Tixier, bereits in New York kennenlernte und in der amerikanischen Jazzhauptstadt gemeinsam musizierte, findet es sich nun, durch den holländischen Saxophonisten Ben Van Gelder ergänzt, auf europäischer Seite wieder zusammen, um sein brisantes Debütalbum mit gleichem Namen auf dem Label Whirlwind Recordings zu präsentieren.

Scopes / Foto: Schaffernak

Auch wenn der Jazz bereits seit geraumer Zeit eine Plattform für den Austausch diverser Kulturen, Nationalitäten und allgemeiner globaler Vernetzung darstellt, kann man bei diesem Quartett trotzdem noch einmal auf seine beeindruckend internationale Zusammensetzung eingehen, welche ihren gemeinsamen Nenner in New York hat. In dieser Stadt nämlich verbrachten die vier Protagonisten einen großen Teil ihrer noch jungen Karriere, und hier fingen sie an, gemeinsam zu musizieren. Der Deutsche im Bunde, Tom Berkmann, kommentiert selbst die Ironie, die sich hinter dieser internationalen Zusammenstellung verbirgt: "Tony [Tixier] kommt aus Frankreich, Ben [Van Gelder] kommt aus Holland, er [Mathias Ruppnig] kommt aus Österreich, ich komme aus Deutschland, das Album wurde in Polen von einem Schweizer aufgenommen und wird bei einem englischen Label veröffentlicht." Eine europäische Versammlung, deren Entstehungsgeschichte auf der anderen Seite des Atlantiks beginnt.

Während Tony Tixier in Frankreich das Spiel an den Tasten erlernte und schon mit 12 und 14 seine ersten Abschlüsse am Konservatorium absolvierte, erhielt van Gelder in seiner Heimat eine sorgfältige Ausbildung am Saxophon, bevor er 2006 seine Studien an der New School in New York begann. Die beiden Rhythmiker, welche als einzige Komponisten der Platte vermerkt sind, haben ebenfalls in ihrer Heimat, Berkmann in München, dann in Berlin, Ruppnig in Graz, das Studium der Jazzmusik begonnen. Über seine Ausbildung an der Kunstuniversität Graz kann Mathias Ruppnig retrospektiv nur schwärmen: "Die Universität ist super. Es gibt ein breites Angebot, sehr gute Lehrer und auch unter den Studenten eine tolle Gemeinschaft. Das Niveau ist ziemlich hoch. Während man an der Universität studiert, weiß man das eventuell noch gar nicht so richtig zu schätzen, doch im Nachhinein muss ich feststellen, dass ich extrem viel davon mitgenommen habe." Vor allem die tiefe Verwurzelung im traditionellen Jazz im Rahmen des Lehrangebotes in Graz weiß Mathias Ruppnig sehr zu schätzen. Dies macht sich unter anderem bemerkbar, wenn er auf seinen Musikgeschmack und seine hauptsächlichen musikalischen Einflüsse zu sprechen kommt: "Das zweite Miles Davis Quintett ist bis heute noch eine der grandiosesten Bands, die es je gegeben hat!". Die Instrumente und das Vokabular, welche ihm in Graz mitgegeben wurden, sieht er als notwendige Mittel, um sich anschließend wieder von ihnen loslösen zu können und seine eigene Ausprägung im Rahmen dieser Musik zu schaffen. Schon der eröffnende Titel von Scopes "Echo of their Own Prejudices" stellt seine vordenkerische Haltung als Komponist unter Beweis. Hier treffen breit umrahmende Kadenzen auf ein ausschweifendes rhythmisches Muster, welches im Laufe des Stückes entwickelt und von Klavier und Saxophon prägnant umspielt wird. Dass der Grundpuls von einem verworrenen 7/4-Takt vorgegeben wird, spielt nur eine untergeordnete Rolle; in den Vordergrund rücken melancholisch anmutende Harmoniebewegungen und brisante melodische Motive.

Scopes / Foto: Jasmin Schuller

Während Tixier für gewöhnlich auch seine Stärken als Komponist zur Geltung bringen darf und schon auf dem ebenfalls in diesem Jahr auf Whirlwrind Recordings erschienenen Seamus Blake Album "Guardians of the Heart machine" das ein oder andere Stück beisteuern durfte, spielt er hier "lediglich" die begleitende und interpretierende Rolle und konzentriert sich auf das Zusammenspiel und die harmonische Einbettung. "Einer der Gründe, weshalb von Tony [Tixier] keine Stücke auf dem Album sind, liegt darin, dass wir im Trio immer hauptsächlich Tonys Musik gespielt haben und wir [Ruppnig & Berkmann] nun auch mal unsere Musik verwirklichen wollten. Auf einem möglichen zukünftigen Album darf Tony dann auch mal wieder ran."

Dass die beiden mehr als genügend Ideen haben, um ein abwechslungsreiches Album zu gestalten, steht im Grunde schon nach dem zweiten Titel "Chamberlain", diesmal aus der Feder Berkmanns stammend, fest. Nach der Einleitung durch träumerisch arpeggierte Klavierläufe in impressionistischer Manier ertönt ein Themenkopf, der in seinem traditionellen harmonischen wie auch melodischen Aufbau im direkten Kontrast zum Opener steht. Aus der klanglich hoch transparenten Produktion tritt Berkmann's Anschlag der tiefen Saiten dynamisch hervor und wird von Ruppnig zu einem mehr als süffisanten Fundament ergänzt, sodass ein kurzer solistischer Ausflug des Kontrabasses von besonderer Balance und Eleganz zeugt. Dass die rhythmische Einheit sich so blendend versteht, liegt allerdings gar nicht (so sehr) daran, dass die beiden die deutsche Sprache gemein haben, sondern viel mehr an der über viele Jahre andauernden professionellen wie auch privaten Zusammenarbeit. Der Österreicher und der Deutsche lernten sich zufällig an der Manhattan School in New York kennen. Auf dem Abschlusskonzert des Fachgenossen und Freundes von Ruppnig, Peter Lenz, spielte Berkmann Bass. Ein Jahr später zog Berkmann zurück nach Berlin, wo er in der Folge weiterhin regelmäßig mit Ruppnig musizierte und aufnahm. Erst auf dem kürzlich erschienenen Tobias Meinhart Album "Berlin People" (Sunnyside Records) treten die beiden schon wieder als kompromisslose rhythmische Einheit zusammen in Erscheinung und können bei dieser Gelegenheit auch den amerikanischen Gitarristen Kurt Rosenwinkel begleiten. Der in Berlin sesshafte Gitarrenvirtuose gehört zu den musikalischen Idolen Tom Berkmanns und ist außerdem der namensgebende Anstoß für den Closer des vorliegenden Albums, "Mode", in Anlehnung an Rosenwinkels auffordernden Rat bezüglich neuer musikalischer Situationen: "Just get into the mode!".

Im Gegensatz zu dieser jahrelangen Kollaboration als mittlerweile eingespieltes Team muss der, mit einer Woche äußerst kurz ausgefallenen, Vorbereitungszeit mit dem Quartett allerdings ein ganz eigener, anderer Prozess zu Grunde liegen. Mit einer guten Chemie zwischen den Musikern sind allerdings die besten Voraussetzungen bereits gegeben und das ist hier, wie Ruppnig bestätigt, der Fall: "Es hat von Anfang an funktioniert. Man überlegt sich das ja schon vorher gut, welchen Musiker man fragt, bei einem Projekt mitzumachen. Für große Experimente ist dahingehend sowieso keine Zeit. Wir waren eine Woche gemeinsam als Quartett auf Tour und sind danach sofort ins Studio. Das war's. Die Kompositionen waren bereits durcharrangiert und fertigkomponiert. Natürlich haben die sich auf der kurzen Tour noch etwas entwickelt, da wir sie in der Besetzung vorher so noch nicht zusammengespielt hatten." Berkmann fügt hinzu, wie passend und wichtig es war "in der Woche vorher als Band zusammenzufinden und gemeinsam ein Gefühl für die Stücke zu bekommen." Aufgenommen wurden die neun Stücke live im Studio Recpublica Studios Lubraza in Polen innerhalb von wenigen Tagen. Nur vereinzelte Keyboardelemente wurden nachträglich per Overdub eingespielt. Das Mischen und Mastern wurde in Berlin vom Langzeitkollaborateur Ruppnigs, dem Schweizer Martin Ruch, übernommen und zu einem höchst zufriedenstellenden Ergebnis ausgeführt. "Ich habe schon oft mit ihm gearbeitet und mache beinahe alles mit ihm", ergänzt Ruppnig und fügt hinzu: "Er [Martin Ruch] ist sehr gut in dem, was er macht, und ohne ihn würde das alles bei weitem nicht so schön klingen".

Scopes / Foto: Jasmin Schuller

Zu keinem Zeitpunkt lässt die Platte vermuten, dass das Ensemble vor der Aufnahme erst eine Woche lang miteinander gespielt hat. Sowohl in den behutsameren balladesken Ausflügen wie "Aquaponies" oder "Nostalgia" einerseits als auch in den schwunghafteren Nummern wie "Whistle" oder dem klassisch boppenden "Alter Ego" andererseits ist eine Einheit zu vernehmen, die sich sowohl im fügsamen Zusammenspiel als auch auf individuelleren Exkursen durch eine besondere Gelassenheit auszeichnet und einzigartige Klasse beweist. Tixiers präzise rhythmische Hiebe mit der Linken bilden eine besondere Symbiose mit der ausschweifenden Melodizität seiner rechten Hand. Anschließend bringt er durch den Einsatz eines Synthesizers eine weitere dynamische Steigerung ins Spiel, wodurch der Klangteppich weiter aufgerissen wird und nur das Saxophon thematisch den Bezug zum Fundament aufrecht zu halten scheint ("Echo of their Own Prejudices).

Immerzu zwischen moderneren Ausführungen und traditionelleren Kompositionen abwechselnd, profiliert sich das Quartett durchwegs vor allem durch sein makelloses Zusammenspiel. Das auf rhythmische Wechsel aufgebaute "Balance" stellt durch die alterierende Struktur für die Band keine Probleme dar, sondern öffnet, ganz im Gegenteil, die Möglichkeit, für Saxophon und Synthesizer eine neue formübergreifende melodische Ebene zu schaffen, die über Bass und Schlagzeug in schwebender Manier eine leichtfüßige Note anfügt. Zwischenzeitlich spielen sich Saxophonist Van Gelder und Pianist Tixier gekonnt die Takte zu, deren rasante Solopassagen an die Werke klassischer Fusion Pioniere wie Weather Report oder Return To Forever erinnern.

Spätestens ab der zweiten Hälfte des Albums verfliegt der anfängliche Eindruck, dass Ruppnig den moderneren und Berkmann den traditionelleren Kompositionsansatz hätte. Mit "Alter Ego" beweist Ruppnig, dass auch er ein Faible für klassische Bop-Harmonien hat und nicht unbedingt einen vertrackten ungeraden Takt braucht, um seinen Kompositionen mit dem Schlagzeug ordentlich einzuheizen. Die darauf folgende Berkmann Nummer "Lakeview" zeigt wiederum gänzlich andere Facetten des Bassisten. Durch das verspielt lebendige Schlagzeugspiel Ruppnigs und die von ruckartigen Verschiebungen geprägten harmonischen Wechsel wird diese Ballade in aufregende neue Farben getaucht. "Ironischer Weise höre ich sehr viel Musik, die auch von Schlagzeugern komponiert ist", erklärt Ruppnig und führt fort: "Es gibt unheimlich viele Schlagzeuger, die sehr tolle Kompositionen an den Tag bringen, so wie beispielsweise Kendrick Scott auf amerikanischer Seite oder auch der Österreicher Klemens Marktl. Immer wieder erwische ich mich selber dabei, wie ich beim Musikhören auf Kompositionen von Schlagzeugern zurückkomme, beinahe aus Versehen."

Die abschließende Komposition "Mode" ist aber wieder Tom Berkmann zuzurechnen und bewegt sich entlang des Mittelwegs der zuvor durchwanderten Stilprägungen, womit das Album versöhnlich zu Ende gebracht wird. Neben den minimalistischen Akkordgriffen Tixiers auf der 1, dringt hier vor allem das zierliche Thema auf dem Saxophon durch und bringt mit Hilfe von melodischen Basslinien den 3/4 sanft ins Schaukeln. In Anbetracht der großen Menge an Inspiration, instrumentaler Fertigkeit und musikalischer Eigenständigkeit, die hier zum Vorschein kommt, kann man bei Scopes schon vorsichtig von einer "Supergroup" sprechen, die mit ihrem Debütalbum bereits von Anfang an ein sehr starkes Album vorlegt, das so schnell den Plattenteller nicht verlassen wird. Friedrich Kunzmann

Aktuelle CD

Scopes, "Scopes", Whirlwind Recordings

CD-Tipp

Tobias Meinhart, "Berlin People", Sunnyside Records

Seamus Blake, "Guardians of the heart Machine", Whirlwind Recordings

Web-Tipp

www.scopesmusic.com

Live-Tipps:

21.08.: Graz, Generalihof

21.09.: Berlin, Zigzag

25.09.: Basel, Bird's Eye

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