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Impulse! – Stein des Anstoßes

Zeitgeschichte mit den Ohren hören? Das Impulse!-Label macht es zum 60. Geburtstag mit einer opulenten Edition möglich. Plötzlich sind wir wieder in den Sechzigern!

Die Jubiläums-Box von Impulse:„Music, Message And The Moment“;

An der Schwelle der 1950er/1960er Jahre proklamierte Amerikas Medienwelt lauthals eine erstmalige Renaissance des Jazz. Bezogen auf den Popularitätsschub, der diesem in der Swing-Ära der 1930er Jahre widerfuhr. Doch nun handelte es sich um die künstlerische, mit dem Bebop begründete, avancierte Fortschreitung des Jazz, der mittlerweile der Sammelbegriff Modern Jazz zuteilwurde. Und jene Strömung brachte ebenso einen radikalen Teilaspekt auf den Weg, welcher alsbald unter der Kategorisierung Free Jazz die Jazzwelt polarisieren sollte, heute aber einen bedeutenden Platz in der Historizität des Jazz bekleidet.

Zum anderen erlebte dieser Zeitabschnitt eine überdurchschnittliche "Geburtenrate", was Jazzlabels betrifft. Neben den Big Playern wie Capitol, RCA/Victor, Columbia etablierten sich kleine, unabhängige Labels, die vor allem den neuesten Entwicklungen Rechnung trugen. Verve, Prestige, Riverside, Mercury, Pacific Jazz, Contemporary seien als Beispiele genannt. Hier beginnt auch die Geschichte des in den 1960er Jahren bedeutendsten Labels: Impulse!.

Ausgangsort war der Unterhaltungskonzern ABC-Paramount, dem in seinem Portfolio ein Plattenlabel fehlte. Zunächst wurde amerikanische Populärmusik produziert. Der semiprofessionelle Trompeter und Produzent Creed Taylor, der mit dem Arrangeur Sid Fellner das ABC-Label verantwortete, lancierte 1959 erfolgreich die Gründung eines ausschließlich sich dem Jazz widmenden Labels. Auf Basis folgenden Konzeptes: Jazzkünstler der Spitzenklasse, höchste Produktionsstandards, künstlerisch hochwertiges Design und edle Aufmachung. Letzteres betreffend etablierte Taylor das laminierte Gatefold-Cover als Standardausführung. Ein entsprechender Labelname geisterte Taylor ebenfalls im Kopf herum. In einem Interview mit dem Jazzpublizisten Ashley Kahn erzählte Creed Taylor dazu Folgendes: "Zunächst versuchte ich "Pulse" als Labelnamen zu etablieren, weil mir das Motto "Feeling The Pulse" vorschwebte. Dafür waren die Urheberrechte jedoch nicht mehr frei. Also setzte ich das "I" und das "M" davor. Auf die Idee mit dem Rufzeichen kam der Designer." Zudem wählten er und sein Team als "Eyecatcher" sowohl für das Label als auch für das Cover eine Farbkombination aus Orange und Schwarz, gebündelt in einem ikonographischen Schriftzug/Logo. Anlassbedingt unterlagen diese natürlich immer wieder Abänderungen. Der begleitende Slogan lautete nun: "The New Wave In Jazz...Feel It On Impulse"

John Coltrane, 1962, FotoCredit: Chuck Stewart

In einem relativ kurzen Zeitraum erschienen Anfang 1961 die ersten vier Impulse! Alben: Ray Charles "Genius + Soul = Jazz", J.J. Johnson/ Kai Winding "The Great Kai & J.J.", Gil Evans "Out Of The Cool", Kai Winding "The Incredible...". Mit dem ebenfalls 1961 veröffentlichten Debüt John Coltranes "Africa/Brass" waren Impulse und sein Erfinder endlich in aller Jazzmunde. Creed Taylor war mittlerweile von MGM abgeworben worden, um die Leitung von Verve Records zu übernehmen. Ihm folgte als Produzent Bob Tiele, der Impulse in dessen künstlerisch aufregendsten Jahren betreute und auch Coltranes Meisterwerk "A Love Supreme", die einzige Veröffentlichung, die kontinuierlich über die Jahrzehnte in neuen Editionen veröffentlicht wurde, hervorbrachte. Nicht unerwähnt bleiben darf der Name jenes Mannes, der, wie zuvor schon bei einigen anderen Labels, für die maßstabsetzende Klangqualität verantwortlich zeichnete: Rudy van Gelder. Coltrane avancierte in kürzester Zeit zum Dreh und Angelpunkt des Labels. Nicht nur war er der mit einer Handvoll anderer Musiker wichtigste Neuerer, der die gängige Funktionsharmonik aufbrach und das modale Konzept auslotete und in den Free Jazz überleitete, er brachte auch seine humanistischen/moralischen Ansprüche und tiefe Spiritualität mit ein. Begleitet von einem neuerwachten Selbstbewusstsein der AfroamerikanerInnen und der durch alle Gesellschaftsschichten und Diversität der Hautfarben gehenden und erstarkenden Bürgerrechtsbewegung konnte Coltrane auch die Verpflichtung von einigen jungen, schwarzen Avantgardisten bei Impulse erwirken: Archie Shepp, Albert Ayler, Pharoah Sanders, Marion Brown. Für eine kurze Zeit waren weitere der wichtigsten Jazz-Musiker der 1960er bei diesem Label unter Vertrag, raunen wir die Namen in aller Ehrfurcht: Charles Mingus, Max Roach, Duke Ellington, Coleman Hawkins, Count Basie, Sam Rivers, Ornette Coleman, Sun Ra ... und ... und ...! Impulse! war zum Jazzlabel des Jahrzehnts aufgestiegen. Bei der Verpflichtung aktueller Musiker war das Label bislang nicht so glücklich. Woran das liegen mag? Ist etwa die Trompeterin Andrea Motis, Verpflichtung des Jahres 2017, einfach nicht gut genug, oder spielen beim Jazz auch noch andere Faktoren eine Rolle? Wer die Edition zum 60. Geburtstag hört, merkt, warum der Jazz von heute mit dem von einst zwar einige Instrumente gemeinsam hat, aber eben nicht mehr. Es fehlt der Spirit, es fehlen Entdeckerfreude und Radikalität. Es fehlt alles. An der Person von John Coltrane lässt sich dieses Diktum festzurren. Ashley Kahn, Hauschronist, schrieb einst ein Buch mit dem beziehungsreichen Titel "Das Label, das Coltrane erschuf". Impulse! wurde für John Coltrane geschaffen, doch er war es, der den Ruf des Labels zu begründen half. Das alte Huhn- und Ei-Problem. Auf einem einmaligen Gleichklang von sozialem Engagement, politischem Bewusstsein und Spiritualität basierte das Label. Nun, zum Jubiläum, passend zu "Black Lives Matter" und den neuen sozialen Bewegungen in Amerika, gibt sich das Label ausgesprochen engagiert. Es fehlt an nichts. Coltrane erinnert an einen Terror-Anschlag weißer Terroristen, Archie Shepp an einen Gefängnisaufstand und Malcom X, Charlie Haden, zupft die Bürgerrechtshymne "We Shall Overcome". Zugleich erklingt Spirituelles, "The Creator Has A Masterplan", oder es werden im Einklang mit den damaligen Befreiungsbewegungen Orientalismen geblasen. Und man begegnet um nichts weniger engagierten MusikerInnen, die auf bisherigen Impulse! Jubiläums-Ausgaben bzw. in Reissue-Serien nicht zu finden waren: Dewey Redman, John Handy, Shirley Scott, Stanley Turrentine. Man mag diese politische Ausrichtung für einen Marketing-Trick halten. Tatsächlich waren Alben zu vorherigen Jubiläen wesentlich anders ausgerichtet. Aber auf den 25 Stücken dieser Doppel-CD/4 LP Box wird hörbar, was einst in aller Vielfalt an aufregender Musik zu hören war, so nie wieder erklingen wird und den Soundtrack einer Generation ausmachte, die für eine Utopie der Vielfalt auf die Straßen ging.

Archie Shepp, 1966 / FotoCredit: Chuck Stewart

Schön wäre gewesen, wenn man begleitend zu der Jubiläumsausgabe eine Reissue-Reihe mit bis dato noch nicht oder selten wiederveröffentlichten Alben oder überhaupt unveröffentlichten Aufnahmen, so sollen z.B. gemeinsame von Coltrane und Albert Ayler existieren, ins Leben gerufen hätte. Etwa Platten von Gato Barbieri aus dessen "Chapter"-Serie", Ornette Coleman: "Ornette At 12", Chico Hamilton: "Passin Thru", Roy Haynes Quartet: "Out Of The Afternoon", John Klemmer: "Waterfalls", The Russian Jazz Quartet: "Happiness", Roswell Ruud: "Everywhere", Yusef Lateef: "1984". An relevanten Archivschätzen dürfte es keineswegs mangeln. Aber vielleicht türmt sich in Folge die New Wave noch einmal so richtig auf. Gerade aus obig erwähnten gesellschaftspolitischen Gründen wäre dies so und so unerlässlich.

Die LP Box (Hartkarton), in Weiß und Orange gehalten mit ausgestanztem Impulse!-Logo, beinhaltet zudem eine 24-seitige Broschüre mit profunden Texten von A.B. Spellman und Greg Tate, rarem Fotomaterial und Faksimiles von Original-Veröffentlichungsinseraten sowie eine LP-Slipmat mit Impulse!-Logo. Ein Manko sind die nicht gefütterten Innersleeves!

Harald Justin, Hannes Schweiger

Alice Coltrane: Musik aus dem Ashram

Ravi Coltrane, einer der 3 Söhne von Alice und John Coltrane, 1965 geboren, ist es geschuldet, dass 14 Jahre nach dem Ableben seiner Mutter ein Album erscheint, das einen wichtigen Abschnitt ihrer musikalischen Biografie bedeutet: Alice Coltrane, "Kirtan Turiya Sings", Universal Music. Man ist sich nicht sicher, ob Mutter Coltrane mit der Entscheidung Ravis einverstanden wäre. Nicht, weil es an Qualität mangelt, sondern, weil die 9 Mantras überhaupt nicht für die breite Öffentlichkeit bestimmt waren. Turiya (der religiöse Namen von Alice) nahm die "heiligen Gesänge" auf, um damit mit den StudentInnen ihres Ashrams, also ihres Meditationszirkels, zu arbeiten. Als Alice 1966 in das John Coltrane Quartet integriert wurde, musste sie mit Gehässigkeiten und Abwertungen leben, da ihrem Mann, John, längst eine offenkundige Apotheose zugedacht worden war. Man ningelte über technische Mängel ihres Klavierstils. Erwähnt wurde in diesen Anfeindungen nicht, dass die 1937 in Detroit geborene Musikerin nach dem Tod ihres Ehemannes, 1967, mit Koryphäen wie u.a. Ron Carter, Rashied Ali, Joe Henderson oder Archie Shepp kooperierte; da passte es plötzlich mit ihrer jazzigen Güte. Tragisch ist, dass Alice und John nur ein Jahr zusammen spielen konnten, da der Saxophonist wegen eines Leberleidens verstarb. Bei all den letzten Tonträgern des John Coltranes Quartet´s, wie z.B. "Expressions", ist Alice dabei. Das Ehepaar Coltrane verband u.a. eine tiefe Religiosität und die Idee, all ihre Musik dem "höchsten Gott" zu widmen. Alice reiste immer wieder nach Indien, besuchte ihre Gurus und erlernte die traditionellen Bhajans, die devotionalen Lieder, in denen Gott gepriesen wird. Auch auf dem Tonträger "Kirtan Turiya Sings" hört man diese musikalischen, spirituellen Visionen in Sanskrit. Alice Coltrane beherrschte die altindische Sprache der Gelehrten und Schriftsteller, Sanskrit, perfekt. Sie begleitet sich auf dem Album nur auf einem Wurlitzer, einem elektrophonischen Tasteninstrument, das in der 70ern modern wurde und immer wieder durch aktuelle Bands ein Comeback feiert. Mit ihrem devotionalen, südasiatischen Singstil und dem repetitiven Wechselgesang, dem Kirtan, vermittelt Alice eine wohlig mentale Ruhe. Nicht umsonst berufen sich aktuelle Superstars wie Radiohead oder der Saxophonist Kamashi Washington auf die Künstlerin mit dem berühmten Familiennamen. Ernst Weiss

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