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Musikfest Waidhofen/Thaya: Einzigartiger Spirit

Nach zwei Jahren Pause war es wieder soweit: Die Pforten des sogenannten "Folkfestls" Waidhofen wurden wieder geöffnet. Im März entschied sich der Veranstalter, das Risiko zu wagen, das Festival, trotz damals hoher Corona-Zahlen, stattfinden zu lassen. Der Erfolg des diesjährigen Events gab den Organisatoren recht.

Laut Obmann Herbert Höpfl war man darauf eingestellt, dass dieses Jahr aufgrund der Corona-Nachwirkungen eine geringere Besucherzahl zu erwarten sei. Das hat sich erfreulicherweise als falsch herausgestellt. Die Besucherzahlen waren eher rekordverdächtig. Und auch heuer gab es wieder zwei Bühnen, die thematisch zwar unterschiedlich programmiert waren, sich jedoch hervorragend ergänzten.

Shalosh Trio / copyright Andreas Biedermann

Die Hauptbühne

Klaus Paier am Akkordeon und Bandoneon und Asja Valcic am Cello eröffneten das Programm auf der Hauptbühne mit ihrer superb fragilen Melange aus Jazz und Klassik. Das anschließend auftretende Shalosh Trio aus Israel, die Band wurde extra aus Tel Aviv für das Festival eingeflogen, war sichtlich die Überraschung des Abends. Die Jungs sind mit Nirvana aufgewachsen. Eine perfekte Mischung an Jazz und Rock, die genau zum aufgeschlossenen Waidhofner Publikum passte. Anspruch, Stilpluralismus und Pathos rissen die Besucher zu Begeisterungsstürmen hin. David Öllerer alias Voodoo Jürgens sorgte mit seinen Strizzi-Songs für einen perfekt ausklingenden Abend. Der Mann hat was zu sagen, seine Dialektsongs sollten im Deutschunterricht Pflichtlektüre werden. Cool und schlaksig lässt Voodoo Jürgens bei seinen Songs nichts anbrennen. Das Publikum dankte überschwänglich.

Erfrischend und traditionell, verknüpft mit rockigen Attitüden, ging es am Samstag mit der mährischen Band Tomas Kocko Orchestra weiter. Die Band existiert zwar schon über 20 Jahre, trotzdem war sie zum 1. Mal in Österreich zu Gast, wohl aber nicht zum letzten Mal. Authentizität, Spielfreude und Herzlichkeit standen hier im Mittelpunkt! Quasi ein perfekter Start in den Samstag. Karl Ratzer bot gemeinsam mit Komponist Peter Herbert und Extracello grazilen Jazz, der Konzentration und Anspruch an das Publikum stellte.

Legendary Blues Man JIM KAHR / Foto Biedermann

Für ein Blues-Highlight sorgte Jim Kahr & Band. Kahr, der bereits in den 70iger Jahren mit John Lee Hooker tourte, bot speziell Slow Blues mit langen intensiven Gitarrensoli, das Ganze garniert mit dem B3-Hammond Sound des Franzosen Alex Logel. Erste Blues-Sahne! Der Abschluss am Samstag, mittlerweile zählte der Besuch eineinhalbtausend Besucher, war einer eher unbekannten, aber umso interessanteren New Soul Band namens Spitting Ibex gewidmet. Starke Performance der Lead-Sänger Tanja Peinsipp und einer perfekt harmonisierenden Band brachten die alte Badehütte nochmals ordentlich ins Wanken. Ein Auftritt, wo auch Tanzfreudige zu ihrem Vergnügen kamen.

Für die traditionelle Sonntags-Matinee sorgte eine der tollsten Jazz-Vokalistinnen Österreichs: Simone Kopmajer swingte bei herrlich blauem Himmel mit ihrem Quartett in den Tag hinein.

Tomas Kocko Orchestra / copyright Biedermann

in besonderes Projekt erwartete das Publikum mit David Helbock's Random/Control mit special guest Yasmin Hafdeh (besser bekannt als Yasmo). David Helbock hat für sein unkonventionell besetztes Klaviertrio Gedichte von William Blake bis Erich Fried vertont. Das Projekt entpuppte sich alles andere als kopflastig, sehr entspannt, coole Grooves mit trotzdem sehr anspruchsvollen Texten. Ein Act zum Zuhören und Genießen. Der aus Mali stammende Musiker Habib Koité demonstrierte anschließend verschiedene musikalische Traditionen, unterschiedliche Klänge aus Mali, facettenreich drapiert mit Elementen aus Flamenco, Rock und integriertem Blues. Einfach mitreißend, originär. Zum Finale eine weitere Überraschung: Yasmo & die Klangkantine überzeugte nicht nur mit fettem HipHop Sound, Leadsängerin Yasmo brachte genial Themen wie Migration, Feminismus und Politik auf den Punkt, dabei niemals aufgezwungen, sondern mit der überzeugenden Energie einer wahren Power-Frau. Hut ab!

OEHL / copyright Biedermann

Die Thayabühne

Die Thayabühne konnte mit ihrem entschleunigenden Charme zum Erholungscharakter der Festivals beitragen. So hat die verstrichene Zeit seit 2019 vor allem den Gewächsen entlang der Thaya Möglichkeit zum Wachstum gegeben, wodurch ein dichtes Blätterdach das Hinterhaus des Thayabühnenzelts konstruierte. Die Eröffnung des Festivals durch eine Band aus der Region, die Mundart-Songwriter von Tante Hedwig, wurde freudig empfangen und bewies schon früh: der Folkfestl-Geist weht wie eh und je. Und kurz danach wurde schon heftigst getanzt, euphorisch gejubelt und dem außerhalb des Zelts einsetzenden Regen getrotzt, denn die Pumn De Tarana Band projizierte eine animierende Mischung aus rumänisch-deutschem Hip Hop, Balkan Beat und Jazz Rock in die Menge. Den ersten Festivalabend beschlossen die journalistisch hochgelobten Oehl mit intensiver Dialektik von Text und Klang, ihr melodischer Indie-Pop führte zu einem emotionalen Ausklang. Samstag Mittag betraten die bildenden Künstler*innen des Festivals, Harry Ergott, Anna Kohlweis, Georg Kuttelwascher für eine Vorstellungsrunde die Bühne. Anna Kohlweis verhalf der Interviewreihe mit ihrem Alias Squalloscope zu einem musisch-poetischen Rahmen.

Habib Koité / Copyright Biedermann

Nachmittags strömte erneut tanzbare Luft ins Zelt, als Desert Rock der Habib Samandi Band Traditionals aus Nordafrika erfolgreich dem Pop-Genre zuführte. Was danach folgte, war eine besondere Grätsche, geografisch wie klanglich, denn Sóley aus Island brachte sphärisch wie harmoniegeschwängert melancholischen Dream-Pop höchst erfolgreich dem Publikum näher. Die beeindruckende Offenheit des Musikfestpublikums dankte den klanglichen Quantensprung mit herzhaftem Applaus. Und ganz bewusst forderte man die Flexibilität und Neugierde der Gäste zum Abschluss des Festivalsamstags erneut heraus, als die südafrikanischen The Shabs zu frenetischen Freudenausbrüchen und Tanzwütigkeit der Besucher*innen führten. Pedal Steel Guitar für Folk, schnelle Drum Lines, Guitar Strumming und Sozialkritik für ausreichend Punk-Attitüde. Der Sonntag startete traditionell mit dem umjubelten Kinder-Figuren-Theater Die Birne Helene des Theater Gundberg. Bei strahlendem Sommerwetter strahlten auch viele Gesichter, denn der Singer-Songwriter-Pop von Violetta Parisine adressierte auf höchst sympathische Weise die bereits zitierte Entschleunigung. Und am Ende eine erneute Premiere am Musikfest, denn Contemporary Dance traf auf World und Folk Music bei Black Market Tune & freitanz, die das Publikum bis zum Ende freudig affizierten.

Summa summarum hat Waidhofen doch einen einzigartigen Spirit, mit über 300 freiwilligen Mitarbeiter*innen ist es Österreich größtes Volunteer-Festival in dieser Musiksparte. Die 40 Jahre Organisationserfahrung tragen zum Gelingen des Festivals bei. Es wirkt alles sehr gelassen, selbstverständlich und unaufgeregt. Und gerade das bedeutet immense Arbeit der Veranstalter im Hintergrund. Ein wirkliches Happening, wo genauso Kinder ihre Spielinsel genießen wie die reiferen Boys und Girls das Ambiente des tollen Thayaparks, die Kulinarik und die vielfältige Güte der Musik schätzen.

Das 42. Int. Musikfest geht nächstes Jahr vom 30. Juni bis 2. Juli über die Bühne. Man kann sich jetzt schon freuen. safra/heka

Web-Tipp: www.folkclub.at 

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