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Angelika Niescier - Vögel im Räderwerk

Längst ist ihr Name vom Geheimtipp deutscher Provenienz zur Trademark des europäischen Jazz avanciert. Beim Jazzfestival Leibnitz wird die Saxophonistin Angelika Niescier nun ihr italienisches Trio erstmals in Österreich vorstellen

Also das wollen wir jetzt bitte überhört haben. „Ich bin Coltrane-geschädigt“, soll Angelika Niescier der Überlieferung nach einmal behauptet haben. Davon ist auf ihrer CD NOW aber nichts zu bemerken, zumindest keine Schädigung. Es sei denn, sie meint die Experimentierfreude, mit der sie selbst so ein vermeintlich kontemplatives Trio wie dieses beflügeln kann.

Immerhin bewegt sich die in Polen geborene und in Deutschland aufgewachsene Saxophonistin mit ihren famosen italienischen Partnern in dieser Mischung aus raffinierten Kompositionen und wachem Improvisationsgeist näher an komplexer Urbanität als an folkloristisch gezeichneter Traditionsmusik. Dort jedenfalls, wo ein gerüttelt Maß an Gefühl und Intuition zwingende Innovation und Impulsivität evoziert. Expressive Hochspannung also.

Geschuldet ist dieses außergewöhnliche Trio einem Kompositionsauftrag, den das Südtiroler Jazzfestival Alto Adige vor drei Jahren an Angelika Niescier erteilte und der die virtuose Saxophonistin, die 2010 mit dem deutschen Musikpreis ECHO ausgezeichnet wurde, erstmals mit dem experimentierfreudigen Akkordeonisten Simone Zanchini und dem Bassisten Stefano Senni zusammenbrachte, zwei fantasievollen schrägen Vögeln aus der italienischen A-Liga.

Mit seiner scheinbar unerschöpflichen Fülle atemberaubender Virtuosität, schwungvoller Melodik und dicht verwebter Klangflächen, kraftvoll und klar gleichermaßen, erweist sich nun der ursprüngliche Versuch als Kunstgriff.

Angelika Niescier, Alt- und Sopransaxophonistin sowie Komponistin und Arrangeurin, wurde im polnischen Stettin an der Ostsee geboren (Warum müssen wir bei polnischen Musikern mit nichtpolnischen Namen immer an Frankreich denken?). Mit elf ist Klein-Angelika schließlich nach Deutschland gekommen, um dort heute als eine der führenden Saxophonistinnen des Landes zu firmieren. Und seit etwa 15 Jahren ist sie nun in wechselndem Kontext zwischen Solo, Duo, Trio, verschiedenen Knospen ihres Quartetts Sublim und zahlreichen anderen Formationen bis hin zum German Women Jazz Orchestra so überzeugend auf eigenen Füßen zugange, dass ihr unter Insidern lange als Geheimtipp gehandelter Name zur Premiummarke geworden ist. Wobei ihre Zusammenarbeit mit Jazzgrößen wie Joachim Kühn, Steve Swallow, Achim Kaufmann, Jim Black, Simon Nabatov, Julia Hülsmann oder Ulrike Haage ihrer internationalen Reputation nicht gerade zuwiderliefen.

 

Angelika Niescier ist heute eine der aufregendsten Stimmen im deutschen Jazz, und sie ist eine der wenigen, die auch im Mutterland des Jazz auf Interesse stoßen. So wird sie etwa auch nach ihrem Auftritt am 15. Oktober beim Jazzfestival Leibnitz, wo sie das erwähnte formidable Trio erstmals in Österreich präsentieren wird, sich umgehend wieder auf den Weg nach New York machen, wo sie in John Zorns Etablissement The Stone erwartet wird.

Niescier ist eine Virtuosin mit einem ungeheuer wandlungsfähigen, beweglichen Ton, durchdringend, überschäumend und einfallsreich. Jederzeit bereit, es zwischen kontemplativer Versenkung und expressiver Hochspannung mit jedem und allem aufzunehmen. Warmes Timbre und Schrillheit liegen dabei oft nur knapp nebeneinander.

Die zirka 45-jährige Instrumentalistin vermag es, mit großer Stilsicherheit zwischen freier Improvisation und zeitgenössischer Komposition zu wechseln und nahtlos aus der großen Freiheit in die Konzentrationsexerzitien umzuschalten. Und als Komponistin ist Niescier ohnehin detailversessen, farbenfroh und ganzheitlich genug, um entschlossen an komplexen musikalischen Räderwerken zu drehen.

 

Entsprechend war auch ihr Drang, sich noch weiter in das Projekt mit den beiden Italienern hinein zu begeben und dem Konzert in Südtirol eine Aufnahme folgen zu lassen. Das Ergebnis: NOW, eine CD, die nun auch endgültig das gleichnamige Trio auf den Plan gerufen hat.

Alles auf neu, alles auf jetzt: Nie zuvor hatte die Saxophonistin mit einem Akkordeonisten zusammengearbeitet. Zudem sind die beiden musikalisch doch recht anders sozialisiert, und Zanchini und Senni bringen auch ein gewisses italienisches Kolorit in die oft dichte Textur. Intuition und Spielfreude haben hier einen ganz natürlichen, ja authentischen musikalischen Prozess bestimmt, der weit und breit seinesgleichen sucht. Und der trotzdem erst am Anfang steht.

Die Nachfrage nach dem originellen Trio lässt jedenfalls die Glocken läuten. Nächste Gelegenheit, Angelika Niescier mit Simone Zanchini und Stefano Senni zu hören, gibt’s eben am Eröffnungstag des Jazzfestivals Leibnitz, wo die Veranstalter das kammermusikalisch temperierte Trio noch dazu in das atmosphärisch dichte Ambiente des barocken Weinkellers auf Schloss Seggau stecken, einem der größten Europas. Wenn´s da nicht knistern wird? safra

Jazzfest Leibnitz: 

Do. 15.10.: Weinkeller Schloss Seggau, ab 19.00 Uhr: GIUFFRE ZONE, ANGELIKA NIESCIER & NOW, 20.30 Uhr
Fr. 16.10.: Kulturzentrum Leibnitz, Hugo Wolf-Saal, ab 19.30 Uhr: Nostalgia Trio, Carmen Lundy
Sa. 17.10.: Kulturzentrum Leibnitz, Hugo Wolf-Saal: ab 19.30 Uhr DENA DeROSE US-TRIO featuring GARY SMULYAN, DAVE DOUGLAS QUINTET
So. 18.10.: Weingut & Weingartenhotel Harkamp, ab 11.00 Uhr: MATTHIAS SCHRIEFL TRIO & MARA LUKASHEVA

Nähere Info: www.leibnitz-kult.at

Foto oben: (by Arne Reimer; v.l.n.r.): Stefan Senni, Angelika Niescier, Simone Zanchini sind NOW.

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