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Catherine Russel: Ein erlesenes Sortiment an Swing

Der österreichischen Jazz-Kommune wird der Herbst mit einer Tour der prominenten New Yorker Sängerin Catherine Russel versüßt. Die Tochter berühmter Eltern überrascht u.a. damit, dass ihre Interpretation eines Standards oft besser empfunden wird als das Original.  

Obwohl Russel relativ spät mit 50 an den Schrauben ihrer Solokarriere zu drehen begann und mit einem fulminanten Album, „Cat“, debütierte, ist sie natürlich im Musikbusiness alles andere als ein Greenhorn. Die u.a. in Boston („Berklee College“) ausgebildete Künstlerin stand fast 30 Jahre als Background-Sängerin, Pianistin und Perkussionistin mit Stars wie Paul Simon, Donald Fagen, Cyndi Lauper, David Bowie, Jackson Brown, Madonna, Boz Scaggs oder Michael McDonald auf der Bühne oder im Studio. Die Dame hat also eine erstklassige Visitenkarte in der Pop/Rock Branche; der Jazz spielte offensichtlich lange in Sachen Erwerbstätigkeit keine vorrangige Rolle. Dabei wuchs Catherine mit dem Jazz auf, war permanent mit dieser Musik durch ihre Eltern konfrontiert, die beide als professionelle Musiker einen Namen hatten.

Louis und Luis

Der Vater, Luis Russell, verstarb 1963 relativ jung, Catherine war erst 7 Jahre alt, stammte aus Panama und fungierte in den 30er Jahren als Bandleader und musikalischer Direktor für Louis Armstrong, mit dem er große Erfolge feierte. Luis war vor allem dem New Orleans-Jazz verbunden und spielte mit dazumal absoluten Größen wie dem Kornettisten King Oliver (gest. 1938), der sich als engagierter Mentor von Louis Armstrong hervortat. Der King dürfte es auch gewesen sein, der Luis Russell mit Satchmo zusammenführte. Die Mutter, Carline Ray, verließ erst 2013 diese Welt und reüssierte als Sängerin, Pianistin und Gitarristin, die immer wieder mit prominenten Jazz-Musikern kooperierte und auch eigene Bands leitete. Bezeichnet man Catherine Russel in keineswegs böser Absicht oder mit süffisantem Unterton als Spätzünderin, liegt man richtig. In den letzten 9 Jahren veröffentlichte die begnadete Sängerin 4 CDs, die allesamt optimale Kritiken zugesprochen bekamen, kommerziell erfolgreich waren und auch mit Preisen dekoriert wurden; also eine erfreuliche Erfolgsstory ohne Bruchstellen. Das Phänomen „Catherine Russel“ schöpft seine Einmaligkeit aus den bestens genährten Wurzeltöpfen des Blues, R&B, Swing, Soul und einem Jazz ohne Ablaufdatum und muffigen Beigeschmack. Obwohl Russell auf ihrer fünften „Neuesten“, „Bring It Back“, u.a. Songs aus der vergoldeten Schatztruhe des Jazz hervorkramt, klingt aus ihrem Munde alles frisch, mit einer Überdosis an Soul und einem faszinierend tiefen Groove, der einen emotionell abschleppt. Jeder der 13 Songs reflektiert in einer modernen und individuellen Version das Feeling der Tin Pan Alley, kreiert also Bezugspunkte zu frühestem Jazz, wie er Ende des 19. Jahrhunderts entstand und bis Ende der 30er Jahre populär war.

Geniale Idole

Catherine Russells wunderbare Stimme erinnert dezent an ihre überragenden Idole wie Billie Holiday, Bessie Smith, Sarah Vaughan, Ella Fitzgerald, Etta James oder Pearl Bailey, die wohl unwidersprochen in ihrer charismatischen Gesamtheit Stimmungen und Gefühle ausdrücken konnten, wo intellektuelles Gestammel lächerlich wirkt. Einer schwarzen Sängerin, und das ist wohl ein sehr subjektiver Eindruck, kommt Russel in ihrer Erscheinung und in ihrer Art zu singen besonders nahe: Esther Phillips. Auch die Texanerin verwirklichte sich wie Russell neben dem Jazz im Pop, dem Country, Blues oder Soul und verlor keinen Deut an Glaubwürdigkeit. Einige Jahre vor ihrem dem Heroin geschuldeten Tod (1984) kam Phillips durch Musiker wie Joe Beck, Michael Brecker oder David Sanborn noch einmal gut ins Geschäft, What a Diff´rence a Day Makes. Live werden wir Catherine mit dem Trio Matt Munisteri (g), Mark Shane (p) und Tal Ronen (b) erleben. Munisteri ist ganz sicher der derzeit wichtigste Mann für Russell. Der Gitarrist begleitet sie von Anbeginn ihrer Solo-Karriere, setzt immer wieder überraschende Akzente und bleibt nie stereotyp an einem funktionierenden Klischee kleben. Der hoch begabte und einfühlsame Arrangeur ist wohl einer der federführenden Jazzer der New Yorker Szene. Auf „Bring It Back“ lud Munisteri ein Dutzend an hochkarätigen Saxophonisten, Bassisten und Trompetern ein - und Glenn Patscha mit seiner Hammond B-3. Diese herrliche CD ist ein Hammer und würde auch jene Menschen begeistern, die beim Wort Jazz die Nase rümpfen. Ernst Weiss

 

CD-TIPP: „Bring It Back“, Jazzvillage Music, Vertrieb: Harmonia Mundi

WEB-TIPPS: www.catherinerussell.net und  www.weltenklang.at

LIVE-TIPPS: 17.10.: Stainach, CCW; 19.10.: St. Pölten, Cinema Paradiso; 20.10.: Baden, Cinema Paradiso; 21.10.: Wien, Porgy & Bess; 23.10.: Salzburg, Oval; 24.10.: Feldbach (Stmk.), Zentrum, Festival „Jazzliebe“

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