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„Dann bin ich gespannt!“ - Wolfgang Puschnig

Er ist seit Jahrzehnten eine Fixgröße des österreichischen Jazz und hat sich auch international, etwa als Mitglied der Carla Bley Big Band, einen Namen gemacht. Das Konzerthaus Wien feiert Wolfgang Puschnig, der im kommenden Mai 60 wird, ab 6. November mit einer vierteiligen Konzertserie. Grund genug für CONCERTO, mit dem angehenden Jubilar ein ausführliches Gespräch zu führen...

Anfang der 80er Jahre, TU-Wien.V.l.n.r.: Paul Schwarz, Hans Koller, Bernd KKonrad, Attila Zoller, Jürgen Wuchner, Wolfgang Puschnig, Manfred Balasch. FOTO: RYGALIK

Wir schreiben das Jahr 1988. Ein 32-jähriger Saxofonist aus Kärnten veröffentlicht die erste CD unter eigenem Namen. Sie trägt den fast prophetischen Titel „Pieces Of The Dream“ und besteht ausschließlich aus Duos, die dieser Wolfgang Puschnig mit befreundeten österreichischen und amerikanischen MusikerInnen aufgenommen hat, unter ihnen Hans Koller, Harry Pepl, Linda Sharrock, Carla Bley, Steve Swallow und Jamaaladeen Tacuma. Eigentlich ist diese Debüt-CD schon eine Art Zwischenbilanz, denn Puschnig hat damals bereits eineinhalb Jahrzehnte lang die österreichische Jazzszene aufgemischt.

„Pieces Of The Dream“ enthält in nuce schon alle wesentlichen Charakterzüge seiner Künstlerpersönlichkeit: stilistische Offenheit, die sich aber nicht in Beliebigkeit äußert; die Beschäftigung mit den eigenen (Volksmusik)-Wurzeln; die Fähigkeit, andere zu überraschen, sich aber auch selbst überraschen zu lassen; und die Vorliebe für das Duo-Format, die sich bis heute durch sein Schaffen zieht. „Da geht es um die Kommunikation zwischen zwei Menschen und wie man es schafft, in diesem Rahmen Musik entstehen zu lassen. Es ist sehr nackt und eigentlich viel anstrengender als in einer großen Besetzung zu spielen.“

Wolfgang Puschnig in kurzer Hose zu den Gründungszeiten des Vienna Art Orchestra. FOTO: RYGALIK
Wolfgang Puschnig, 2015, beim Interview mit Martin Schuster. Foto: Höpfl

Wien und das VAO

Aber wie hat alles angefangen? „Ich habe eine klassische Ausbildung an der Querflöte gemacht, zuerst am Klagenfurter Konservatorium und noch zwei Jahre an der Wiener Hochschule, und dann bin ich sozusagen zum Jazz und zum Saxofon abgebogen.“ Also weiter ans Jazzkonservatorium Johannesgasse zu Karl Kowarik, der wiederum ein großer Fan von Hans Koller war. „Ich habe immer wieder diesen Namen gehört und hatte keine Ahnung, wer das war. Und wie das Leben so spielt, wurde Hans Koller etwas später mein Mentor und Freund. Ich habe mit ihm sehr oft im Duo gespielt, das war eine interessante Schule.“

Apropos Schule und Lernen: Puschnig erwähnt in diesem Zusammenhang noch Namen wie Harry Pepl oder Jamaaladeen Tacuma, aber er ist ohnehin ein Mensch, der immer weiterlernen will und muss. Als ich ihn frage, ob er den Lebenstraum, der im CD-Titel „Pieces Of The Dream“ anklingt, schon ganz oder teilweise verwirklicht hat, antwortet er kryptisch: „Es ist schon einiges weitergegangen. Aber man hört ja nie mit der Suche auf.“

Ende der 1970er Jahre trifft der aufstrebende Musiker in Wien viele interessante Leute – unter ihnen auch den Schweizer Pianisten Mathias Rüegg, der Abend für Abend bei der Jazz-Gitti am Bauernmarkt spielt. Das Duokonzert Rüegg/Puschnig, das dort 1977 stattfindet, gilt als Geburtsstunde des Premier Orchestre d’Art de Vienne, wie sich das Vienna Art Orchestra anfangs nennt. Etwas später schreibt Rüegg für Puschnig Solo-Features wie „Tango From Obango“ oder „Concerto Piccolo“; der gemeinsame Weg mit dem VAO dauert bis 1989, aber Puschnig wirkt auch danach sporadisch bei Studioaufnahmen mit.

In diese Zeitperiode fallen diverse VAO-Abspaltungen wie das Quintett Part Of Art mit Puschnig, Herbert Joos, Uli Scherer, Jürgen Wuchner und Wolfgang Reisinger, Kollaborationen mit Ernst Jandl („bist eulen?“, „vom vom zum zum“ und „lieber ein saxophon“) unter Beteiligung von Lauren Newton, Woody Schabata, Uli Scherer, Klaus Dickbauer, Bumi Fian und Mathias Rüegg, den beiden Bands Pat Brothers und Airmail sowie Duos mit Hans Koller, Uli Scherer („mein erster Duopartner überhaupt, ein Seelenverwandter“) und Wolfgang Mitterer. Schon damals und bis heute gab es bezeichnender Weise nie eine Formation, die etwa „Wolfgang Puschnig Quartett“ geheißen hätte, und so etwas wird es auch nie geben; der Kärntner ist kein „natural born leader“, sondern der kollegiale Kommunikator schlechthin, der einzig darauf achtet, ob er mit jemandem musikalisch und vor allem auch menschlich kann: „Ich liebe es, plötzlich in Situationen zu sein, wo man auf nichts zurückgreifen kann außer auf sich selber, damit zu arbeiten und in Kommunikation zu treten.“

Austrian folk music and beyond

Nächste wichtige Station: „Alpine Aspects“ (1991). Aber zunächst wieder zurück zu „Pieces Of A Dream“. Ermutigt vom Komponisten Günther Mittergradnegger arrangiert Puschnig das Chorstück „Is schon still uman See“ und setzt damit den emotionalen Schluss- und Höhepunkt der CD, ein Statement für seine Kärntner Heimat, weitab von Deutschtümelei und dumpfem Nationalismus. Diese Volksmusik-Wurzeln sind natürlich auch in unserem Interview ein Thema: „Ja... was auch immer das ist. Ich denke, das ist so ein leicht bluesiges Grundgefühl, Dur und Moll gleichzeitig, irgendwo dazwischen. Meine amerikanischen Kollegen haben mir das immer wieder gesagt, mir selber wäre es gar nicht aufgefallen.“

Puschnig tut sich für „Alpine Aspects“ mit dem Ex-Studienkollegen Robert Pussecker zusammen, dessen Amstettner Musikanten durch eine österreichisch-amerikanische Funk-Band konterkariert, kommentiert und zu neuen Höhen getrieben werden. Das Publikum in ganz Europa ist begeistert, und das Projekt taucht in regelmäßigen Abständen bis heute in Puschnigs Konzertkalender auf; 2008 gibt es in ähnlicher Besetzung eine „Homage to O.C.“, womit kein Geringerer als Ornette Coleman gemeint ist. „Ich hatte ja das große Privileg, mit Ornette bei einer Produktion von Jamaaladeen Tacuma persönlich zu tun zu haben. Er hat unsere CD auch gehört und gesagt: ‚Great! Some things are harmolodic!’“

Der damalige Chef von PolyGram Austria, Wulf Müller, ist anfangs skeptisch, lässt Wolfgang Puschnig aber dann freie Hand. Warum ein Blasorchester? „Mir hat dieser Blechklang bei der Blasmusik immer gut gefallen, obwohl mir nicht alles an dieser Musik zusagt, vor allem die ideologische Komponente, die das teilweise hat. Für mich hat das immer etwas leicht Funkiges gehabt.“ Die allerneueste Auflage von „Alpine Aspects“ konnte man im März dieses Jahres im Wiener Konzerthaus hören. Dieses Programm unter dem Motto „Trauermärsche und mehr“ wurde auch aufgezeichnet, und Puschnig hofft es im Jahr 2016 auf CD veröffentlichen zu können.

Ein relaxter Wolfgang Puschnig beim Interview. Foto: Höpfl

„Ich bin kein Weltmusiker“

Auf Grund seiner Wandelbarkeit und Anpassungsfähigkeit wird Wolfgang Puschnig seit Beginn seiner Karriere immer wieder eingeladen, als Sideman an verschiedensten Projekten mitzuwirken. Eines davon ist die vom Perkussionisten Reinhard Flatischler in den 1980er Jahren gegründete Band MegaDrums. „Ich habe ein paar solche Sachen gemacht, fühle mich aber nicht als Weltmusiker; für mich ist das eher eine Genrebezeichnung, und so etwas grenzt nur unnötig ein.“ Über Flatischler lernt Puschnig das koreanische Perkussionsensemble SamulNori kennen, und kurz darauf hat er die Gelegenheit, die Koreaner für ein gemeinsames Konzert zum Moers Festival einzuladen. „Das war die Geburtsstunde von SamulNori & Red Sun, halb mit westlichen und halb mit koreanischen Musikern.“ Diese neuartige Form des genreübergreifenden Musizierens wird zu einer weiteren Konstante im Schaffen des Saxofonisten und führt ihn auf Konzertbühnen in der ganzen Welt. 

Puschnigs damalige Lebenspartnerin, die außergewöhnliche Sängerin Linda Sharrock (CONCERTO widmete ihr 2005 eine Titelstory), ist auf vielen seiner Produktionen der späten 1980er bis frühen 2000er Jahre präsent - von der asketischen Triobesetzung AM4 über die Pat Brothers, SamulNori & Red Sun, „Chants“, „Alpine Aspects“ bis zur „Late Night Show“. Puschnig wirkt als fixes Mitglied an mehreren Tourneen und CD-Produktionen der Carla Bley Big Band mit und arbeitet u.a. mit Steve Swallow, Willi Resetarits („Almost Blue“, 2000), Harry Sokal („Voices Of Time“, 2005), Paul Urbanek, Dhafer Youssef, Mark Feldman, Sainkho Namchylak und immer wieder Jon Sass, Uli Scherer, Jamaaladeen Tacuma, Reinhardt Winkler und Herbert Joos.

Die saxofonistische Glückseligkeit

Und da wäre noch so eine Konstante: 1991 gründen Wolfgang Puschnig, Florian Bramböck, Christian Maurer und Klaus Dickbauer anlässlich der Austria Jazz Tage Vöcklabruck das Holzbläserquartett Saxofour, von dem es bis dato 10 Tonträger gibt (darunter drei Weihnachts-CDs sowie je eine Kollaboration mit der portugiesischen Sängerin Maria João und dem amerikanischen Perkussionisten Don Alias). Saxofour ist eine Band, die einen als Zuhörer verstehen lässt, was „serious fun“ bedeutet: ein ebenso humorvolles wie virtuoses und klanghomogenes Ensemble von Weltformat, das auf höchstem Niveau blödeln, aber auch die vertracktesten Arrangements realisieren kann.

Weitere Manifestationen von Puschnigs „saxofonistischer Glückseligkeit“ in den letzten Jahren (ohne Anspruch auf Vollständigkeit): „Room“, ein rockiges Bandprojekt, das der rührige Musiker u.a. mit Vokalist Eric Mingus (Sohn von Charles) beim Jazzfestival Saalfelden 2009 vorstellt; „Mutua“ (2012), ein Trio mit dem afrikanischen Balafonisten Mamadou Diabaté und Jon Sass an der Tuba; und „For The Love Of It“ (2013), eine slowenisch-deutsche Reverenz an Kärnten mit Mezzosopranistin Bernarda Fink, Violinist Mark Feldman, Kontrabassist Mike Richmond (ein alter Kumpel aus Airmail-Tagen), den Vienna Flautists und dem Gesangsquartett schnittpunktvokal.

Wolfgang Puschnigs Beharrlichkeit und die unbestreitbare künstlerische Qualität seines Schaffens schlagen sich im Lauf der Jahre in diversen Auszeichnungen nieder: 1998 wird er „Jazzmusiker des Jahres“ (Hans Koller Preis), 2003 erhält er den Würdigungspreis des Landes Kärnten, 2004 als erster Musiker überhaupt die Ehrendoktorwürde der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Er unterrichtet seit geraumer Zeit an der Musikuniversität Wien und leitet heute das Institut für Popularmusik („Aber bitte nicht ‚Herr Professor’ sagen!“).

Ein Konzertzyklus zum Sechziger

In den kommenden Monaten bekommt der musikalische Kosmopolit vom Wiener Konzerthaus ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk in Form einer vierteiligen Personale, die einige Aspekte seiner 40-jährigen Karriere beleuchtet. Es beginnt am 6. November 2015 mit „The Philly Connection“, einer Band, die Puschnig mit seinem Geistesverwandten Jamaaladeen Tacuma am Bass, mit Rick Iannacone an der Gitarre und Tim Hutson am Schlagzeug präsentiert. „Viele berühmte Jazzmusiker kommen ja aus Philadelphia. Der ‚Philly Sound’ und das ganze ‚Philly Feeling’ ist schon eine besondere Sache, die sich aber mit Worten schwer beschreiben lässt.“ Als besonderen Gast an diesem Abend begrüßt Wolfgang Puschnig die indischstämmige Sängerin Asha Puthli, die schon 1971 auf Ornette Colemans „Science Fiction“ mit von der Partie war.

„Wenn ich kein Saxofonist wäre, würde ich ja so gern singen. Aber dafür ist es jetzt wohl zu spät... “, meint der Fast-Jubilar zum zweiten Konzertabend unter dem Motto „Songlines – a vocal world“ (25. Jänner 2016), der ihn mit dem Kärntner Männerquartett schnittpunktvokal, dem Gesangstrio Insingizi aus Zimbabwe sowie mit Jon Sass (Tuba) und Christian Bakanic (Akkordeon) die musikalische Landkarte des eigenen kulturellen Hintergrunds erforschen lassen wird. Ein Monat später stellt Puschnig das österreichische Quartett Homegrown vor, mit dem er soeben eine CD aufgenommen hat, die 2016 erscheinen soll: Paul Urbanek (p), Raphael Preuschl (b) und Lukas König (dr). Genau an seinem 60. Geburtstag, dem 21. Mai 2016, setzt der Saxofonist mit „Korean Spirit“ einen fulminanten Schlusspunkt unter seine Personale, indem er Saxofour, den armenischen Pianisten Karen Asatrian und Jamaaladeen Tacuma auf SamulNori treffen lässt. „Das wird ein großes Ramba-Zamba“, freut er sich jetzt schon.

Außerdem in der Pipeline für 2016: eine Doppel-CD mit alten und neuen Duopartnern, darunter Mamadou Diabaté, das Koehne Quartett, Iva Bittová, Woody Schabata, Ali Gaggl und Puschnigs 17-jähriger Sohn Samo am Klavier. Und dann, frage ich Wolfgang Puschnig abschließend, wie wird das sein, so mit 60? Er antwortet frei nach Ernst Jandl: „Dann bin ich gespannt.“ Wir auch!

Artikel und Interview: Martin Schuster

Live-Tipps:
„Porträt-Reihe“ Wolfgang Puschnig im Wr. Konzerthaus:

2015:
06.11., Konzerthaus Wien, Großer Saal: „The Philly Connection“

2016:

25.01.:, Konzerthaus Wien, Mozart-Saal: „Songlines – a vocal world“

27.02.:, Konzerthaus Wien, Mozart-Saal: „Homegrown“

21.05.:, Konzerthaus Wien, Großer Saal: „The Korean Spirit“

Info: www.konzerthaus.at

 

Web-Tipp: www.puschnig.com

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