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David Helbock - „Musik ist ein Mysterium“

Von Beethoven bis "Star Wars", von Persien über Griechenland nach Afrika und wieder zurück: Das sind die Stationen der musikalische Reise, die der Pianist David Helbock mit seinem Trio auf der aktuellen CD "Into The Mystic" unternimmt, immer auf der Suche nach der Magie dessen, was sich nicht in Worte fassen lässt. 

FotoCredit: Astrid Dill

Er stammt aus Vorarlberg, lebt heute in Wien und Berlin, ist 32 Jahre jung und hat schon ein gutes Dutzend CDs unter eigenem Namen veröffentlicht. David Helbock ist einer dieser Young Lions, die nonchalant aus den verschiedensten Quellen schöpfen und unbeirrt ihren Weg gehen. Mit seiner neuen Veröffentlichung „Into The Mystic“ schlägt er nun ein weiteres Kapitel seiner bisher schon steil verlaufenden Karriere auf und besinnt sich auf den mystischen Kern des Musizierens selbst, ohne dabei auf Groove und Feuer zu verzichten.

David Helbock begann im Alter von sechs Jahren Klavier zu spielen, studierte in weiterer Folge bei Prof. Ferenc Bognar am Konservatorium Feldkirch und schloss 2005 mit dem klassischen Konzertfach-Diplom ab. Es traf sich gut, dass sich Peter Madsen um die Jahrtausendwende der Liebe wegen in Vorarlberg niederließ. Der New Yorker Jazzpianist wurde Helbocks Lehrer, Mentor und Freund und versorgte ihn mit allen möglichen musikalischen und außermusikalischen Inputs.

Madsen erinnert sich: „Ich habe ihm damals Ideen von allen Musikstilen, von Kunst und Philosophie mitgegeben. Er suchte sich intuitiv das heraus, was er wollte, und kreierte daraus sein eigenes Ding. Das macht für mich die wahre Kunst eines Improvisators aus.“ Schon 1998, also mit zarten 14 Jahren, produzierte David Helbock seine erste CD, später nahm er an diversen Wettbewerben teil und gewann mit seinem HDV Trio (mit Bassist Lucas Dietrich und Schlagzeuger Marc Vogel) 2006 den New Generation Award im bayrischen Straubing. Ein Jahr darauf belegte er beim renommierten Jazz-Piano-Solo-Wettbewerb in Montreux den zweiten Platz, 2011 erhielt er den Outstanding Artist Award des Bundes Österreich.

 

Mit dem heute nicht mehr aktiven HDV Trio hat Helbock zwei CDs veröffentlicht, dazu insgesamt drei Solopiano-CDs, von denen „Purple“ (2012), eine originelle Auseinandersetzung mit der Musik von Prince, besondere Beachtung fand. Außerdem ist der Pianist auf zwei CDs des von Peter Madsen geleiteten CIA (Collective of Improvising Artists) zu hören und hat je eine Duo-CD mit dem Violinisten Simon Frick und dem Trompeter Lorenz Raab eingespielt. Dazu kommen noch das Trio Random/Control (zwei CDs), ein Gastauftritt auf Michael Mantlers „The Jazz Composer’s Orchestra Update“ und eine CD von Mistura, einer Formation, bei der Helbock das Piano Peter Madsens mit Keyboardsounds ergänzt.  

Der Klangtüftler und Vielschreiber

Auch das ist eine Eigenheit des Vorarlberger Musikers: Er liebt das Experimentieren mit verschiedensten Klängen, sei es nun mit Hilfe von Synthesizern oder durch Klangverfremdung im Flügel; das reicht vom schnellen Griff ins Innere des Instruments, um die Saiten abzudämpfen und damit perkussive oder obertonreiche Klänge zu produzieren, bis zu „prepared piano“-Effekten. Diese Erweiterung des pianistischen Vokabulars zieht sich wie ein roter Faden durch das Schaffen des 32-Jährigen.

So etwas wie einen typischen Tagesverlauf gibt es bei David Helbock übrigens nicht: „Ich habe keine Rituale, aber wenn ich in eine musikalische Idee reinkippe, dann kann es sein, dass ich wochenlang nur am Klavier sitze.“ Eine solche Situation ergab sich 2009, als Helbock an jedem Tag des Jahres eine Komposition niederschrieb, angeregt durch den „Kalender des Sounds“ des Brasilianers Hermeto Pascoal (von dem ihm wiederum Peter Madsen erzählt hatte). Das „Personal Realbook“ erschien schließlich in Buchform Anfang 2010. „Das Komponieren war immer meine erste Tätigkeit am Tag. Die meisten der Stücke sind am Morgen entstanden, quasi nach dem Aufstehen. Teilweise sind das nur kleine Skizzen, so wie wenn man in zehn Minuten schnell eine Melodie aufschreibt.“ David Helbock versteht das „Personal Realbook“ als seinen privaten Ideenfundus, aus dem er noch heute immer wieder schöpft.

Das Trio als Idealbesetzung

Seit fast 10 Jahren besteht das Trio Random/Control, wobei der Name hier Programm ist: das Zufällige, Improvisierte, trifft auf das Kontrollierte, Auskomponierte. „Wahrscheinlich zieht sich das durch meine ganze Musik; ich denke immer in Kontrasten, auch wenn ich frei improvisiere. Ich mache gern das Gegenteil von meinem Gegenüber, manchmal auch unterbewusst. Das beste Beispiel dafür ist vielleicht Random/Control, denn da steht der Kontrast schon im Namen. Das ist nicht nur eine Band, sondern auch ein musikalisches Konzept.“ Drei Musiker und ca. 30 Instrumente sind hier zu hören: David Helbock, Johannes Bär und Andreas Bogner bedienen nicht nur alle möglichen Electronics, Percussion und Spielzeug, sondern auch Keyboards und eine Vielzahl an Blech- und Holzblasinstrumenten, von der Piccolotrompete bis zum Alphorn, von der Piccoloflöte bis zur Bassklarinette. Das zweite Album dieser Formation ist den „personal heroes“ des Pianisten gewidmet: Hermeto Pascoal (der sich geehrt fühlte und sogar einen Track beisteuerte) und Thelonious Monk.

 

Und dann reizt es Helbock natürlich auch, seine Lesart des klassischen Piano-Trios zu pflegen und weiterzuentwickeln; zunächst mit dem schon erwähnten HDV Trio, in den letzten Jahren aber mit Raphael Preuschl, der mit seiner Bassukulele den ohnehin oft perkussiven Klangvorstellungen des Pianisten entgegenkommt, und mit den Schlagzeugern Herbert Pirker und neuerdings Reinhold Schmölzer. Mit Preuschl und Pirker erforschte Helbock das Potential synästhetischer Parallelen etwa zwischen Schönberg und Kandinsky auf der CD „Aural Colours“, die Anfang 2015 erschien und bei zahlreichen Konzerten in der ganzen Welt auch live gespielt wurde.  

Von Mythen und Mystik

„Schon immer beeinflussten außermusikalische Lebenserfahrungen meine Kompositionen. Ein paar interessante Noten aneinandergereiht, das reicht irgendwie nicht.“ Auf „Into The Mystic“ geht David Helbock mit Preuschl und Schmölzer der Frage auf den Grund, wie wir Musik aufnehmen und verstehen können, und er kommt zum Schluss: „Musik ist ein Mysterium, das dort beginnt, wo Worte versagen.“ Der theoretische Unterbau kommt von Joseph Campbell, einem amerikanischen Mythenforscher, dessen Werke wie „The Hero with a Thousand Faces“ oder „The Power of Myth“ ihm vor Jahren wieder Peter Madsen empfahl. Campbell war eine wichtige Inspirationsquelle für Künstler aller Art, darunter die Hippie-Band Grateful Dead oder Filmregisseur George Lucas.

„Campbell sagt, dass man durch das Studium des Mythos mystische Erfahrungen machen kann, und da gibt es für mich eine Querverbindung zur Musik. Campbell vergleicht es auch oft mit Träumen, ein berühmtes Zitat von ihm lautet: ‚Myths are public dreams, dreams are private myths.’ Man kann das auf drei Ebenen aktivieren: Ein Traum kann rational gedeutet werden, rein emotional, oder – für mich noch eine Stufe weiter – durch Mystik. Es ist ein innerliches Berührtwerden, das man nicht erklären kann, und so funktioniert Musik ebenso.“

Als ACT-Chef Siggi Loch das Trio Helbock/Preuschl/Schmölzer beim Jarasum Jazz Festival in Korea hörte, wurde das Projekt konkret. „Für Siggi ist es immer wichtig, dass es ein Konzept gibt, einen roten Faden, das haben fast alle ACT-Platten. Das hat mir gut gepasst, weil ich ohnehin gern so arbeite.“ Die Musik auf „Into The Mystic“ schöpft ihre Inspiration aus dem Dualismus von materieller und spiritueller Welt. „Wenn man es wieder von der Seite der Mystik her betrachtet: Im Englischen gibt es das Wort ‚soul’, das ich auch für einen Titel auf der CD verwendet habe, das Erdverbundene, das aber trotzdem auch einen Weg zur Spiritualität bietet. Das andere Prinzip ist ‚spirit’, und der strebt immer nach oben, ist luftig.“

Helbock gießt all diese theoretischen Reflexionen in packende Musik, wobei der Anstoß einmal vom persischen Sufi-Poeten Hafez (14. Jahrhundert) und ein andermal von modernen Mythen wie der „Star Wars“-Serie kommen kann. Für drei kurze Solo-Statements zieht sich der Pianist vom Trio zurück, um die Querverbindungen zwischen George Lucas und dem Mythos der Heldenreise musikalisch zu reflektieren. „Ein Held ist jemand, der immer seiner Intuition folgt. Laserschwerter und Raumschiffe machen letzten Endes nicht den Helden aus, sondern es ist, wie bei ‚Star Wars’, die helle Seite der Macht, die kultiviert wird, das Spirituelle.“


Beethoven, Monk und Jesus

Für den Beginn seiner CD hat Helbock den 2. Satz der 7. Beethoven-Symphonie für Solopiano arrangiert. „Bei diesem Orchesterstück kriege ich jedes Mal eine Gänsehaut, das verbinde ich mit Mystik. Ich dachte mir, das wäre ein schöner Anfang für das Album, auf dem ich dann mit meinen Stücken aufbauen kann.“ Der Hammerklavier-Effekt entstand durch einen über die Pianosaiten gelegten Schal. „Spiritual Monk“ ist eine erneute Verneigung vor dem Genius Thelonious Monks in Form einer klassischen Jazz-Ballade, und „A Child Is Born“ wurde ausgewählt, weil nach persischen, griechischen und afrikanischen Elementen auch die christliche Tradition nicht zu kurz kommen sollte: „Ich wollte etwas, das unseren christlichen Urmythos repräsentiert. Thad Jones hat das für Jesus geschrieben.“

Das geheimnisvolle Titelstück mit seiner A-B-A-Form und dezenter Elektronik hat eine besondere Bedeutung für David Helbock: „Ich habe es als Bassukulelen-Suite für Raphael geschrieben, und es ist sehr auskomponiert. Da geht es um Rituale, die auch in der Mythenforschung eine wichtige Rolle spielen. Das ist wie ein Initiationsritus, bei dem man von einem Abschnitt zum nächsten geht. Diese Transformation ist das Thema des Stücks; es geht von einem ruhigen, meditativen Teil in einen bewegten und wieder zurück, aber es fließt ineinander.“ Und immer wieder nützt der Pianist die vielfältigen Klangmöglichkeiten seines Instruments, mit perkussiven, harfenartigen oder obertonreichen Effekten.

Wie wird diese teilweise hochkomplexe, aber immer sehr sinnliche, Musik erarbeitet? „Wir spielen so viele Konzerte, dass ich neue Stücke einfach zum Soundcheck mitbringe. Wir probieren sie ein, zwei Mal aus und arbeiten sie dann ins Live-Programm ein. Ein Großteil der Probenarbeit passiert auf der Bühne, auch wenn das jetzt vielleicht blöd klingt.“

Aber David Helbock ist auch an anderen Fronten aktiv: Im September gab es an zwei Abenden im Wiener Porgy & Bess eine Art Vorschau auf eine CD, die nächstes Jahr bei ECM erscheint und auf dem das Max Brand Ensemble Michael Mantlers Songzyklus „Comment c’est (How It Is)“ mit Himiko Paganotti (Stimme), Michael Mantler (Trompete) und David Helbock (Klavier) als Solisten interpretiert. Im nächsten Halbjahr steht aber eine ausgedehnte Promo-Tournee für „Into The Mystic“ auf dem Kalender von Helbock/Preuschl/Schmölzer, die das Trio nicht nur durch Zentraleuropa, sondern auch u.a. nach Großbritannien und in den Iran führen wird.

„Der kreative Akt, das Spielen und das Improvisieren ist an sich schon eine geheimnisvolle Erfahrung. All das lässt sich schwer beschreiben, weil das rationale Denken endet, wenn die Inspiration beginnt. Musik kann auf rationaler Ebene verstanden und auf emotionaler Ebene genossen werden; sie kann uns aber darüber hinaus auf eine mystische Art berühren. Musik ist ein Mysterium.“ Martin Schuster

CD-Tipp:

David Helbock Trio „Into The Mystic“ ACT Music, Vertrieb: edel

Live-Tipps:

  • 21.10.: Salzburg, Jazz & The City

  • 10.11.: Pregarten, Musikschule

  • 11.11.: Innsbruck, Jazzfestival

  • 17.11.: Leibnitz, Kult

  • 14.12.: Wien, Porgy & Bess

Web-Tipp: 

www.davidhelbock.com

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