Concerto > Concerto-Ausgaben > Ausgabe 5/2016 > Jim Black Interview

Das gesamte Interview mit Jim Black

Concerto-Mitarbeiter Martin Schuster im Gespräch mit dem Jazz-Drummer Jim Black beim Jazzfestival Saalfelden 2016

Jim Black beim Jazzfest in Saalfelden 2016/ FotoCredit: Herbert Höpfl

Interview Jim Black

28.08.2016, Saalfelden

Gestern Abend traf ich meinen Freund Lucas Niggli, und ich erinnerte mich, dass er mir in einem Interview vor ca. 15 Jahren sagte: Ich habe die letzten 15 Jahre damit verbracht, ein guter Drummer zu werden, jetzt möchte ich die nächsten 15 Jahre dazu verwenden, ein guter Musiker zu werden…

Jim Black: Manchmal gibt es zu Beginn eine große Kluft zwischen dem, was du bist, und dem, was du lernst. Natürlich muss man, wenn man ein Musiker sein will, das Handwerkliche einmal lernen. Und hast du es dann schon erreicht? Nein. Die Uni ist ein hervorragender Ort, um all das Technische einmal zu erlernen. Ich kann dann all diese verschiedenen Stile spielen, ich lerne, wie man etwas aufschreibt und arrangiert. Aber die Frage ist immer: Bin das ich? Hat das schon etwas mit mir zu tun? Interessanterweise war die Band Human Feel für mich der Einstieg ins Künstlerleben. Es war die erste Band, für die ich Musik schrieb, es gab keine Vorschriften, keinen anderen Drummer, der diese Musik vorher gespielt hatte. Und das zwingt dich dazu, dich vollkommen auf die Musik zu konzentrieren und nicht auf das Schlagzeugspielen. Da ging es nicht mehr darum, was du glaubst, dass einen Musiker ausmacht. Du musst es sein, weil du alles von vorne bis hinten kreierst. Jetzt sind 25 Jahre vergangen und wir spielen noch immer mit dieser Band; aber das war der Prozess, der mich auf den Weg brachte. Was ich heute spiele, ist es ein Ausdruck dessen, was ich höre. Punkt. Ich habe in der Zwischenzeit meine tollen Drummer-Tricks verlernt, ich konnte im College technisch viel besser spielen. Aber darum geht es mir nicht mehr, sondern darum, zu spielen, was ich höre. Wenn wir uns dann alle 5 Jahre wieder zusammentun, klingt es immer gut, aber es klingt auch immer anders. Es spiegelt unsere Veränderungen wieder. Und darum geht es in der Musik: Es ist ein Abbild deiner Selbst. Du spielst, was du hörst, du hörst, was du spielst, und das funktioniert auch in einer Band.

Macht es für dich einen Unterschied, ob du eine Reunion mit deinen alten College-Freunden machst, oder wenn du eine vollkommen neue Band aufziehst?

JB: Das mit der neuen Band habe ich ja gestern mit Malamute hier gemacht! Das war unser erster Gig bei einem großen Festival. Wir hatten schon miteinander gespielt, aber nie diese Musik. Wir haben gerade das Album geschnitten und gemischt und es kommt Anfang nächsten Jahres heraus. Ein neues Projekt, nicht mehr, nicht weniger. Wir vertragen uns auch privat sehr gut, das ist ein richtiges Familiengefühl, wenn wir auf Tournee sind. Wenn ich mich mit meinen alten Freunden treffe, dann schließen wir immer an dem Punkt an, wo wir uns das letzte Mal verlassen haben. Da geht es auch um 25 Jahre Leben – Kinderkriegen, Sterben und so weiter. Das richtige Leben, und das gibt der Musik unheimlich mehr Bedeutung. Wenn wir dann wieder eine Pause gemacht haben, sagen wir meistens zueinander: He, wir können das doch nicht einfach beenden! Das ist doch die beste Band der Welt! Auch wenn wir alle dauernd neue Projekte haben. Das ist etwas Einzigartiges. Kurt Rosenwinkel spielt nur in dieser Band auf diese Weise, und uns geht es genauso. Es ist einfach die spezielle Kombination dieser vier Leute. Es ist die Musik und das große Vergnügen sie zu spielen.

Werden da immer die alten Sachen gespielt, oder bringt jeder auch neue Songs mit?

JB: Wir bringen auch immer Neues mit. Die halbe Setlist heute besteht aus neuen Songs, die noch nie aufgeführt worden sind. Wir haben aber auch ein paar alte Songs aus dem Kasten geholt, weil wir uns sagen: Wir haben das seit 20 Jahren nicht mehr gespielt, aber es klingt doch großartig! Jetzt kann ich es endlich spielen (lacht)! Wir haben ja eigentlich zwei fertige Alben, die nur auf ihre Veröffentlichung warten.

Jim Black / FotoCredit: Herbert Höpfl

Also ist es in vielen Fällen ein neuer Blick auf altes Material, inklusive all der Erfahrungen, die ihr in der Zwischenzeit gemacht habt?

JB: Wir schreiben ständig neue Sachen. Die alten Sachen klingen auch gut, natürlich aber jedes Mal anders. Die Grundidee ist musikalisch vorwärts zu schreiten, denn so ist auch das Leben. Wir leben alle an verschiedenen Orten, das heißt, wir müssen uns verabreden, um zusammenzukommen und eine nette Zeit zu verbringen.

Was ist das Konzept von Malamute? Wollt ihr wirklich die immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspannen im Zeitalter von Twitter und Spotify musikalisch reflektieren?

JB: Es soll kein eklektischer Ansatz sein, sondern ich verstehe es eher als ein Art Mixtape, wie wenn du früher jemandem eine Kassette mit besonderen Stücken geschickt hast. So eine Art spezielles Programm, das gar nicht für die Ewigkeit gedacht ist. Du tust einfach 20 Stücke in so eine Playlist. Das hatte ich im Kopf, als ich ein paar musikalische Notizen niederschrieb. Da gehe ich von einer klaren Klangvorstellung aus, aber das mache ich nicht für die Ewigkeit. Wir müssen auch nicht dauernd mit Thema und Entwicklung arbeiten, das habe ich sowieso satt. Ich wollte keine zeitgenössische, ausgeschriebene Musik machen, das habe ich mit anderen Bands und mit großem Vergnügen schon getan. Wir können diese Elemente verkürzen, oder ausdehnen, oder man kann einfach beginnen, ohne die geringste Ahnung zu haben, was als nächstes kommt. Also passen wir beim Spielen ständig auf wie Wachhunde, und darum geht es in diesem Projekt.

Warum hast du den isländischen Saxofonisten Oskar Gudjunsson in dieser Band?

JB: Den kenne ich schon lange, seit wir vor Jahren einmal eine Session in Island spielten, wir haben auch schon im Duo gearbeitet. Und er wollte unbedingt etwas Neues mit mir machen. Er ist ein bisschen jünger als ich, und er hat meine Sachen mit Alasnoaxis genau studiert. Seine Band heißt ADHD, und er sagt mir immer, dass ich ihn sehr beeinflusst habe. Wir hören uns unsere Musik gegenseitig an, es ist auch eine nette Freundschaft.

Und spielst du in dieser Band Electronics, um mit Elias Stemeseder an den Keyboards in eine andere Art Dialog treten zu können?

JB: Das kommt von dieser Mixtape-Idee: Es ist ganz einfach eine weitere Klangfarbe. Die Frage ist immer: Ist es notwendig, passt es dazu? Ich könnte es noch mehr verwenden. Wenn wir auf Tour sind und längere Konzerte spielen, dann breiten wir uns da ein wenig aus, das macht Spaß. Das Album ist 52 Minuten lang, und es gibt darauf eine Laptop-Improvisation, die Teil eines Songs ist, nicht mehr.

Also diese CD mit Malamute kommt Anfang 2017 heraus?

JB: Ja, vielleicht auf Intakt. Die sind so nett, und das Label hat so etwas Angenehmes. Ich habe ja schon auf vielen Labels Platten veröffentlicht. Das ist das erste Label, bei dem alles positiv ist, da gibt es keine krummen Sachen und echten Enthusiasmus. Ich bin so glücklich mit ihnen, und sie stehen wirklich hinter uns.

Und die Österreich-Verbindung: Elias Stemeseder. Du hast ihn bei einem JIMS-Workshop in Salzburg getroffen?

JB: Er spielt in einigen meiner derzeitigen Projekte, ja. Ich habe viel Zeit investiert, um mit ihm zu arbeiten, weil er Musik genauso hört wie ich. Man kann ihm Monat für Monat zuschauen, wie er als Musikerpersönlichkeit wächst, dabei ist er jetzt gerade einmal 26. Wir beeinflussen uns gegenseitig, und wir erarbeiten sehr viel miteinander. Aus dieser herrlichen JIMS-Atmosphäre ist schon sehr viel erwachsen. Die Idee zu Malamute kam mir bei einem Jazzkonzert, das wir genau in dieser Besetzung spielten. Ich hörte mir das nachher an und dachte mir: Das können wir auch noch spielen, wenn wir tot sind (lacht). Dann sagte ich zu Elias: Wie wäre es, wenn du Keyboards spielst? Ich weiß auch nicht, wie Chris am elektrischen Bass klingt, aber er soll doch elektrisch spielen, und ich mache ein bisschen was am Laptop. So kam es zu dieser Band. Ich wusste zu Beginn nicht einmal, wie wir klingen würden, da war nur diese Idee. Also viele meiner Bekannten arbeiten auf diese Weise: Du sitzt irgendwo beim Kaffee zusammen, und plötzlich taucht da ein neues Projekt aus dem Nichts auf. Ja, ich habe drei verschiedene Bands mit Elias, aber das ist doch nichts Großartiges. Wir sind nicht die ganze Zeit am Werken, wir haben dazwischen auch mal eine Zeit lang frei. Wir spielen auch Sessions in New York und checken Sachen aus. So haben wir vor 8 Jahren schon gearbeitet, und das geht bis heute so. Ich genieße es, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der jünger als ich ist. Du lehrst ihn, aber er lehrt dich eben auch. Und diese Erfahrung hat auch meine Art zu spielen völlig verändert. Ich werde auch in Berlin ab Oktober 6 Monate lang unterrichten, darauf freue ich mich schon sehr.

Wie ist dein Unterrichtsansatz?

JB: Was ist schon ein „richtiger Lehrer“? Wir haben jahrelang in New York daran gearbeitet, z.B. in Ralph Alessis Improvisationsworkshops. Ich nenne das Old School, so sollte man Wissen und Traditionen weitergeben. Aber ich mache das nach der Methode „I play, you play“. Für so einen Lehrerjob brauchst du eine Menge Herz, aber auch psychologisches Wissen. Ich habe dafür die Energie; für mich gibt es keinen Unterschied zwischen einem Konzert und Unterricht. Vielleicht gibt einem das Unterrichten noch ein wenig mehr Befriedigung, weil du jemandem helfen kannst. Mir geht es darum, dass ein Student besser ist, wenn er nach einer Stunde hinausgeht. Und ich profitiere auch davon.

 

Jim Black / FotoCredit: Herbert Höpfl

Also das ist keineswegs eine Einbahnstraße?

JB: Das sollte es nicht sein, es geht ja um Teilen von Wissen und Fähigkeiten. Das ist, als ob du mit deinen Freunden Musik hören würdest. Eine großartige Sache. Und es macht so viel mehr Spaß als der herkömmliche Konservatoriums-Unterricht. Man muss zulassen, dass es um die Musik geht, und nicht dauernd an sein Können am Instrument denken. Das ist alles unnötig - Image, Ego und so weiter. Nein: spiel, was du hörst, sei du selbst, lass es heraus. Und beim Unterrichten geht es genauso darum, sich zu entspannen und mit Leuten zu kommunizieren.

Das wirst du also bei deinem Lehrauftrag in Berlin genauso halten?

JB: Selbstverständlich. Die geben mir auch die Freiheit, es so zu machen. Natürlich muss man den Jungen ein paar Basics beibringen, Standards und so. Sie müssen nachweisen, dass sie so und so viele Standards spielen können, um für Stipendien anzusuchen. Aber ist das der richtige Weg? Eine Jazzschule? Wie nachhaltig soll denn das sein? Aber in Berlin suchen sie auch nach neuen Zugängen. Denn viele der Studenten spielen nicht, was sie lernen. Sie lernen etwas auf der Uni, aber im wirklichen Leben verfolgen sie andere musikalische Projekte. Aber trotzdem ist so eine Jazz-Uni eine wunderbare Basis, von der aus man dann seinen eigenen Weg gehen kann, so lange dort mit offenem Geist unterrichtet wird. Es ist wichtig, alles im Kontext des Jetzt zu verstehen. Es geht nicht darum, sich z.B. für Rock oder Jazz zu entscheiden; nein, das ist dasselbe. Verwende deine Ohren und improvisiere! Wenn du es hören kannst, dann spiele es! An diesem Konzept haben wir in New York jetzt seit Jahren gearbeitet: es gibt keine Hierarchien, alle Arten von Musik sind gleich wichtig. Wenn dir etwas gefällt, dann versuch es zu spielen und den Sound zu erzeugen, und dann erweitere es und finde deine Version davon.

The Constant“ wirkt auf den ersten Blick wie ein seltsamer CD-Titel...

JB: Nein. Es gibt da ein rhythmisches Element, das ich auf allen Songs des Albums verwende. Und das ist es, nicht mehr und nicht weniger: „The Constant“. Ich mag aber schon kryptische Songtitel, es ist wie ein Spiel. Da gibt es auch „High“, „Medium“ und „Low“ - mehr oder weniger derselbe Song, aber auf drei verschiedene Arten, in verschiedenen Arrangements gespielt. Und die Kennbuchstaben für vier andere Songs ergeben zusammengefügt das Wort „H-O-M-E“, das ist auch eine Konstante. Im Grund besteht die CD für mich aus einem Musikstück. Es war ursprünglich ein Auftragswerk, und ich schrieb damals das erste Motiv für den Anfangssong; das war der Ausgangspunkt. Ich habe all die Musik auf dem Album praktisch in einem Arbeitsgang geschrieben. Dann hast du 10 Notenblätter, du fügst verschiedene Elemente zusammen, dann wartest du drei Wochen und hast wieder einen anderen Blickwinkel darauf, und langsam kommen die Elemente an ihren richtigen Platz. Ich suche da einfach nach Musik, die mir gefällt. Und natürlich ergeben sich da auch ganz klare Song-Ideen, wo man sofort weiß, in welche Richtung es gehen soll. Also, mir ging es bei „The Constant“ hauptsächlich darum, die Verbindungen zwischen einzelnen Ideen zu finden, das hat auch damit zu tun, wie das Trio miteinander improvisiert. Ganz am Schluss interpretieren wir den alten Standard „Bill“, den Thomas Morgan noch mit Paul Motian spielte. Normalerweise vermeide ich es, Covers und Standards auf meinen Alben zu machen, weil es oft aus den falschen Gründen getan wird. Uns hat aber niemand gefragt, wir haben uns einfach in den Song verliebt, besonders die Version mit Ava Gardner, die das eben nicht wie eine Sängerin, sondern wie ein Schauspielerin interpretiert, und das macht sie so gut! Ich wollte schon immer ein Trio haben, das so spielen kann. Wir können buchstäblich alles machen!

Das wird also als Projekt weitergeführt, es ist ja auch schon eure dritte CD...

JB: Ja, die erste CD dieses Trios war überhaupt die erste Studioaufnahme von Elias Stemeseder. Er wusste gar nicht, was er da tat, es war großartig, weil er nicht zu viel nachgedacht hat. Aber jedes unserer Alben ist eine andere Geschichte, ich will auch nicht dauernd die gleiche Platte machen, das ist ja langweilig. Die Frage ist immer: Wohin führt uns die Reise? Ich suche immer einen Weg, wie es interessant für uns klingen könnte. Also, ich habe eine Menge zu tun, und dieser Aufenthalt in Berlin während der nächsten sechs Monate gibt mir die Gelegenheit, zu schreiben - und zu üben! Ich bin schon neugierig, wie es sein wird, regelmäßig zu üben. Ich habe es im Juni eine halbe Stunde lang ausprobiert, und das war eine interessante Erfahrung. Ich verstand, dass mein Körper nicht imstande ist, bestimmte Emotionen auszudrücken, die ich in mir höre. Und dann musst du dich eben dazu zwingen, so lange dranzubleiben, bis das funktioniert. Es ging mir gar nicht so darum, diese Idee zu spielen, sondern ich will meinen Körper lehren, sich zu öffnen. Andererseits spiele ich oft bei Gigs Sachen, von denen ich nicht weiß, wie ich sie gemacht habe. Das passiert, wenn du es einfach zulässt, ohne zu denken. Dein Körper trifft dann die richtigen Entscheidungen. Also kann Üben deinem Körper neue Türen öffnen.

Interview: Martin Schuster / Fotos: Herbert Höpfl

Kontakt

CONCERTO-Magazin,
P.O.Box 144, A-3830 Waidhofen/Thaya, Austria
e-mail: concerto@concerto.at 
Tel. (++43) 2842-54904
Fax (++43) 2742 222 333 93 92 

Bankadresse: Waldviertler Sparkasse Bank AG, Austria
IBAN: AT 44 20272 00900 000845
Swift/Bic-Code: SPZWAT21XXX
Empfänger: Concerto-Verein

Wo kann man das CONCERTO-Magazin kaufen?

Hier erfahren Sie es!