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Catherine Russell kann begeistern!

Zu den Fans der afroamerikanischen Sängerin gehören Pop-Stars wie David Bowie oder Cyndi Lauper, Bluesgrößen wie Dr. John oder Jazz-Pop-Experten wie Donald Fagen. Ganz zu schweigen von den Fans, die ihre Alben in den Jazz-Charts zu den meistverkauften machen.

Catherine Russel / FotoCredit: Weltenklang

Man sieht sich immer zweimal im Leben", das ist einer der Sätze, die alle Beteiligten an dieser Geschichte rot unterstreichen und unterschreiben dürften.

Sie handelt einerseits natürlich von Catherine Russell, der begeisternden afroamerikanischen Sängerin. Andererseits kann ihre Geschichte nicht erzählt werden, ohne den Mann zu erwähnen, der verantwortlich dafür ist, dass sie überhaupt auf österreichischen Bühnen zu erleben ist - und das, wie die Sängerin stolz erzählt, "bereits zum zweiten Mal!"

Der Mann hinter ihrem Tourerfolg heißt Dietmar Haslinger, liebevoll "Hasi" genannt, Herr über viele Tattoos und Chef der Agentur Weltenklang. Er bescherte österreichischen Konzertbesuchern Acts und Touren mit großer stilistischer Bandbreite. Das letzte Interview mit ihm fand im Concerto vor vier Jahren anlässlich seines zwanzigjährigen "Weltenklang"-Jubiläums statt. In den unterirdischen Garderobenräumen des Porgy & Bess kam es zur Zusammenkunft, und "Hasi" erzählte begeistert von den kommenden Ereignissen der Wintersaison 2013.

Vier Jahre später wiederholt sich die Geschichte, nur dass das Gespräch dieses Mal nicht in Wiens bestem Jazz-Club stattfindet. Aber einmal mehr zeigt sich Hasi als absoluter Fan seiner Musiker, mit denen er das hiesige Publikum beglückt. Den drei nordirischen McLaughlin-Schwestern, die er im September nach Österreich brachte, bescheinigt er, dass sie seiner Meinung nach mit "Far Beyond The Stars" das "Album des Jahres" aufgenommen haben. Vom September bis in den Oktober hinein bringt er mit den "Scottish Colours" Bands aus Schottland und Kanada auf die Bühnen, und mit der "22. Guiness Christmas Tour" (22.11. -16.12) präsentiert er mit Alan Kelly einen "Großmeister" am Piano-Akkordeon und mit Connla eine "großartige neue Band", die gerade mit dem "Live Ireland Music Award" als beste neue Gruppe ausgezeichnet wurde. Und dann ist da noch die "7. Nacht des Fado (22.1. - 3.2.2018), die bislang immer vor ausverkauften Häusern stattfand und dieses Mal mit der Stammband von Carlos Leitao und der Fadista Sandra Correia punktet, die bereits mit Amalia Rodriguez verglichen wird. Haslinger ist allemal begeistert, er ist Überzeugungstäter, und ein kleinlicher Kritiker könnte sich bei so viel absoluter Lobhudelei berufen fühlen, diesen Enthusiasmus zu dämpfen, allein, es will nicht funktionieren. Seine Agentur beschallt Österreich tatsächlich mit hervorragenden Acts. Hinzu kommt, dass die Wahl, die der Fan Haslinger mit seinem Künstlermix aus Bluesern und Jazzern, Schotten, Iren und Portugiesen getroffen hat, auch musikhistorisch einen Sinn macht und Fans aus allen musikalischen Lagern in die Konzerte locken müsste. Schließlich waren es portugiesische Sklavenhändler, die Afrikaner nach Amerika verschifften, wo sich afrikanische Musik mit portugiesischem, irischem und schottischem Liedgut verband und letztendlich Blues und Jazz entstehen ließen. Und vice versa, heute gilt der Fado immerhin als Blues der Portugiesen.

Ist ein Treffen mit Haslinger also the same procedure as every year? Ja doch. Und mehr. Denn solange es Spaß macht, freuen wir uns auf viele spannende Konzerte.

Der Weltenklang-Chef hatte sich einst im Porgy & Bess eingefunden, weil er mit einer afroamerikanischen Sängerin unterwegs war, die mit ihrem Trio auf der Bühne zum Soundcheck angetreten war. Gute Stimme, gute Songs, gutes Zusammenspiel. Haslinger insistierte: "Bleib' doch, das ist Catherine Russell auf der Bühne, eine fantastische Sängerin!" Das war damals vergebliche Liebsmüh'.

Catherine Russel / Foto: Weltenklang

 Die Ehre, die Stimme, das Songwriting

Das Lob wiederholt er auch vier Jahre später, doch heuer kann er sich den Verweis aufs Bleiben sparen. Denn dieses Mal ist klar: Diese Frau muss man ganz einfach hören! Tatsächlich dürfte es nur wenige Freunde der klingenden Muse geben, die ihre Stimme noch nicht gehört haben, selbst wenn sie den Namen dieser Frau noch nicht kennen sollten, weil sie das Kleingedruckte auf Schallplattenhüllen nicht lesen oder Streaminggeschädigte sind. Immerhin ist ihre Stimme auf, bitte anschnallen, rund 200 Alben von u.a. Amina Claudine Myers, Madonna, Donald Fagen, Al Kooper, Steely Dan, Paul Simon, Marc Cohn, Ivan Neville, Suzanne Vega, Hazmat Modine, Diana Ross und sogar bei Ute Lemper zu hören.

Nicht schlecht für eine Sängerin, deren Name Nebenbeihörern nicht so geläufig scheint, der aber wohl in vielen Notizbüchern von Stars verzeichnet ist. Auf die drei Fragen, ob sie eigentlich, Genre übergreifend, alles, selbst Telefonbücher besingen würde, ob sie für jeden Star mit gleicher Begeisterung die Stimmbänder anstrengen würde und ob ihr der Backgroundgesang mehr bedeute als ein bloßer Job, überlegt sie nur kurz: "Ja, natürlich war der Backgroundgesang immer auch ein Job. Schließlich muss ich Geld verdienen, und wenn sich die wunderbare Gelegenheit gibt, dass das eigene Talent erkannt wird, ist es ja auch eine Ehre, mit diesen Stars zusammen zu arbeiten. Mit David Bowie stand ich 2003 im Studio, im nächsten Jahr verpflichtete er mich für seine 'Realtity Tour'. Ich durfte damals sogar Mandoline, Percussion und Keyboards spielen, er brauchte ein Multitalent, und ich war bereit. Der Gesang ist mein Beruf, mit dem ich meinen Lebensunterhalt verdiene. Aber so ein Job macht natürlich mehr Spaß, wenn die Kompositionen stimmen. Ein schöne Komposition, und dann singe ich mit der gleichen Überzeugungskraft Country hinter Rosanne Cash, Pop mit Cyndi Lauper oder Folk und Blues mit Jackson Browne, Tosh Reagon oder Dr. John. Es kommt auf die Kunst des Songwriting an. Da mache ich auch keinen Unterschied, ob die Songs von schwarzen oder weißen Komponisten stammen."

Mit mehreren Musikern hat sie, wie mit Bowie und der Johnny Cash-Tochter, gleich mehrmals zusammengearbeitet. Doch um das Jahr 2004 reifte in ihr der Entschluss, ihre Gesangskunst in eigenem Namen auszuüben. Für eine Karriere als beliebte, aber letztendlich doch beliebig buchbare Tralala-Sängerin war sie sich mit all ihrem Talent wohl doch zu schade. Schließlich hatte sie Gesang im Berklee College of Music studiert und konnte auf einen familiären Background verweisen, der sie zu Größerem prädestinierte: Ihr Vater, Luis Russell, war immerhin Pianist, Bandleader und musikalischer Berater bei Louis Armstrong gewesen. Carline Ray, ihre Mutter, war ebenfalls studierte Musikerin und arbeitete als Bassistin und Sängerin. Während des 2. Weltkriegs tourte sie mit der Frauenjazzband International Sweethearts of Rhythm durch die Staaten, und Jazz-Größe Wynton Marsalis war sich vor wenigen Jahren nicht zu schade, seine Trompete zu ihren Basslinien erklingen zu lassen. Über ihre Eltern sprechen zu können, freut Catherine Russell. Aber sie fügt hinzu: "Die Geschichten mit Louis Armstrong und den International Sweethearts passierten lange Zeit vor meiner Geburt. Natürlich wuchs ich in einem Haus voller Musik auf. Und trotz meines Studiums würde ich sagen, dass meine Mutter meine wichtigste Lehrerin war."

Unter diesen Voraussetzungen verwundert es nicht, dass sie die Frage, ob sie nie befürchtet hatte, als zweite Stimme hinter den Stars auf Dauer eher unbekannt zu bleiben, so wie in den sechziger Jahren Merry Clayton oder Tata Vega, weit von sich weist: "Merry Clayton ist berühmt, sie ist eine großartige Sängerin. Nur fokussierten sich die Schallplattenfirmen damals auf einige wenige Stars. Eine Aretha Franklin hat ihnen gereicht. Heute haben sich die Möglichkeiten auch für schwarze Sängerinnen verbessert. Die Situation ist eine andere."

Von diesem Druck befreit, wurde ihr erstes, 2006 erschienenes Soloalbum "Cat" mit einer Mischung aus Blues, R&B, Soul und Swing eine gelungene, fast schon familiäre Reminiszenz an Vorbilder wie Etta James, Abbey Lincoln, Louis Armstrong, Ella Fitzgerald und Bessie Smith. Mit ihrem zweiten Album "Sentimental Break" (2008) begannen dann die Kritiker hellhörig zu werden: Es wurde mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik in der Sparte Jazz ausgezeichnet. Das übernächste Album "Strictly Romancin'" erhielt 2013 in Frankreich von der französischen Académie den Prix Billie Holiday für Jazz-Gesang, im Jahr 2014 gehörten ihre Alben zu den meistverkauften in den Jazz-Charts, und ihr Werk "Bring It Back" wurde gar für den Grammy nominiert. Den hatte sie (und ihre Mitstreiter) allerdings schon 2012 für die Soundtrack-Compilation zu der TV-Serie "Boardwalk Empire" gewonnen, zu der sie eine Coverversion des Klassikers "Crazy Blues" beitrug. "Oh ja", merkt sie an, "dieses Lied von Mamie Smith war die erste Blues-Schallplatte, die es gab!"

Es gibt Bluespuristen, die darüber streiten, ob die Komposition von Percy Bradford, die Mamie Smith 1920 aufnahm, wirklich ein Blues oder doch eher ein Vaudeville - also ein damals üblicher Popsong mit einst modischen Blues-Untertönen - war. Unbestreitbar ist, dass der Song ein kommerzieller Riesenerfolg war und die damaligen Schallplattenfirmen darauf aufmerksam machte, dass es ein großes, finanziell tatkräftiges, schwarzes Publikum für diese Art der Musik gab. Catherine Russell hört im "Crazy Blues" auch das Echo ihrer persönlichen Vorlieben: "Der 'Crazy Blues' ist einfach eine wundervolle Komposition. Gerade im frühen Blues gibt es wundervolle Kompositionen. Ich verehre Bessie Smith und habe mich viel mit diesen Frühformen des Blues beschäftigt. Die sind viel komplexer als einige Bluessongs von heute mit ihren simplen Zwölftaktern." Ihre Hochachtung vor den historischen Bluessongs verhindert allerdings nicht, dass sie auch hinter modernen Bluesgrößen wie Luther "Guitar Junior" Johnson zu hören ist. "Luther", sagt sie, "ist einfach ein toller Mensch und Musiker!". Vielleicht kommt es doch nicht nur auf das Geld und das Songwriting an?

Catherine Russel / Foto: Weltenklang

Zweimal Wien und ein erhofftes Ende

Es bleibt nicht aus, dass gegen Ende des Interviews die Rede auf ihren kommenden Auftritt in Wien kommt. Begleitet von ihrem Trio mit Matt Munisteri an der Gitarre, Mark Shane am Piano und Tal Ronen am Bass, werden natürlich die Songs im Vordergrund stehen, die sie mit ihrer Gesangskunst gefühlvoll zelebrieren wird. Dass sie ihr aktuelles Album "Harlem On My Mind" mit im Handgepäck hat, muss nicht von Nachteil sein.

Während sie noch über ihren ersten Auftritt im Porgy & Bess vor vier Jahren nachsinnt, kommen alte Erinnerungen hoch. Denn sie ist auch als Gastsängerin auf Alben der Holmes Brothers zu hören. Dieses fantastische Trio, mittlerweile durch den Tod ihrer tragenden Mitglieder leider aufgelöst, war mehrmals in Wien zu hören, auch dank Haslingers Weltenklang-Agentur und Milica Theessinks tatkräftiger Hilfe und kräftigender Kochkunst. Catherine Russell lässt vor ihrem inneren Auge die Zusammenarbeit mit den drei Musikern Revue passieren: "Oh, die Holmes Brothers. Drei tolle alte Herren. Mit ihnen zu arbeiten, das war eine wahnsinnig tiefgehende Erfahrung. Musikalisch berührte mich ihre Musik, diese Mischung aus Blues und Soul, und ich habe viel gelernt von ihnen: Menschlichkeit, Erfahrungen, Musikalität. Ich kann es nicht in Worte fassen, ich mochte sie sehr. Das war wundervoll."

Als die Holmes Brothers in Wien waren, gab es für sie im Hause Theessink ein opulentes Essen. "Hasi" war auch da, und alle Gäste warteten auf die Ergebnisse der amerikanischen Präsidentenwahl. Würden die Amerikaner wirklich erneut einen Afroamerikaner zum Präsidenten wählen? Als der Nachrichtensprecher verkündete, dass Barack Obama die Wahl gewonnen hatte, fielen sich alle Anwesenden erlöst in die Arme, und nicht nur die anwesenden Afroamerikaner hatten Tränen der Freude und Erleichterung in den Augen.

Die Schilderung dieses Abends lässt Catherine Russell schwer durchatmen. Auf die Durchsage, dass diese Erinnerung Wehmut angesichts des jetzigen amerikanischen Präsidenten heraufbeschwöre, erfolgt ein Lachen und ein Seufzen, getreu dem Satz, dass den Blues nur haben kann, wer gleichzeitig lachen und weinen kann. Dann sagt sie: "Alles auf dieser Welt hat einmal ein Ende. Das ist das einzig Gute, was ich zu dieser Regierung sagen kann." Ein guter Sager, mit dem sich diese Geschichte beenden lässt und einer zweiten Begegnung mit Catherine Russell im Porgy & Bess mit Freude entgegen gesehen werden kann. Harald Justin

CD-Tipp:

- Catherine Russel "Harlem On My Mind", Jazz Village (Nominierungen: Grammy Award - Bestes Jazz-Gesangsalbum, 2016)

- Catherine Russel "Bring It Back", Jazz Village, 2014

Beide im Vertrieb von Harmonia Mundi

 

Tourdaten:

24.10.: WIEN, Porgy & Bess, 20.00 Uhr

25.10.: BADEN, Cinema Paradiso, 20.00 Uhr

26.10.: GRAZ, Orpheum, 20.00 Uhr

27.10.: INNSBRUCK, Treibhaus, 20.00 Uhr

28.10.: BLUDENZ, Remise, 20.00 Uhr

 


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