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Von Istanbul ins All - ILHAN ERSAHIN

Ilhan Ersahin ist ein musikalischer Weltenbürger. Seine Lebensreise hat ihn nun gar ins All befördert. Dabei sucht er nur menschliches Leben im All. Fühlt er sich denn auf der Welt nicht mehr wohl?

Ilhan Ersahin live/ Foto: Archiv O-Tone Recordings

In Tagen wie diesen redet man sich schon einmal zusammen. Das gesunde Volksempfinden spricht mit der „Krone“ als Sprachrohr sogenannte „autochthone“ Österreicher von allen Verbrechen, von Mord und Totschlag, Drogengebrauch und Betrug, Wahnsinn und Vergewaltigung generell frei. Für kriminelles Tun sind die Anderen, die Fremden verantwortlich, die seit 2015 invasionsbereit das schöne Österreich fluten. Ausländer überall, Türken, Afghanen und „Neger“, Juden und Moslems, natürlich. Falls doch einmal irgendein Sepperl tatauffällig wird, machen sich die Ahnenforscher an die Arbeit und weisen nach, dass er eigentlich erst in der zweiten Generation Österreicher und somit doch nur ein Zugereister ist. Wer demgegenüber in Braunau oder im Ausseerland seinen Genpool durch jahrhundertlange Inzucht veredelt hat, dem erscheint Wien als rotgrün gesteuerter Multikultimoloch, in dem Überleben auf den Straßen nach 20 Uhr nicht mehr gewährleistet ist und Frauen von einem Vergewaltiger zum nächsten weitergereicht werden.

Demgegenüber aber gibt es auch Wiener, die setzen sich an einen Tisch mit Freunden, die sich in Wien zuhause fühlen und österreichische, aber eben auch kroatische, serbische, türkische, kurdische, afrikanische, deutsche, englische oder französische, schweizerische oder italienische Ahnen haben. Wahrscheinlich freuen sich alle Anwesenden schon auf das kommende Mord- und Brandschatzen auf dem Nachhauseweg, quer durch eine Stadt, die als besonders lebenswert einmal mehr in diesem Jahr prämiert wurde. Bislang aber sitzt man ganz nett zusammen.

Aus dieser Stadt, mit ihrer seit Jahrhunderten ganz eigenen Melange vielfältiger kultureller Einflüsse, fällt es leicht, nach New York, dem anderen Melting-Pot, zu telefonieren. Zieladresse: der Musiker Ilhan Ersahin, den die französische Zeitschrift „Liberation“ als „König der Downtown-Szene“ bezeichnet und der im East Village seit 2002 den Club Nublu betreibt. Auftretende oder hörende Gäste waren u.a. Lou Reed, Caetano Veleso, David Byrne oder Gilberto Gil; Turntable-Spezi Moby soll gesagt haben, dass er „lieber vor 75 Gästen im Nublu-Club auflegen würde als für 10.000 Menschen anderswo“. Für Fans sind das wahrscheinlich gleich mehrere Anreize, sich in diesem Club einen vergnüglichen Abend zu machen. Doch der Clubbetreiber, den es 1990 in die Stadt am Hudson zog, ist gerade ganz woanders als in seinem „zweiten Wohnzimmer.“ Wo ist er? Wer ist er?

Ilhan Ersahin / Credit: O-Tone Recordings

Meine Welt, meine Reise

Neben seinem Königsein als Clubbetreiber ist er Saxofonist, Komponist und Tasteninstrumentalist, Produzent und Festivalveranstalter. Er lebt in New York, aber eigentlich ist er dank seiner Eltern Schwede und Türke, der aber nicht Patterson oder Langstrumpf heißt. Aufgewachsen in Stockholm, Dub, Reggae, Punk, Jazz, Bossa, Rock hörend, entdeckte er seine Liebe fürs Saxofon. 1986 entschloss sich der Autodidakt, dieser Liebe ein solides theoretisches Fundament zu verschaffen und verließ Schweden in Richtung der legendären Berklee School of Music in Boston. Dort hielten ihn trockene Skalenübungen nicht lange, zu wichtig war ihm das Leben in und mit der Musik. In den Neunzigern lebte er in New York, mitten im East Village, mitten im Zentrum einer Szene, die sich anschickte, das Regelwerk des Jazz zu überschreiben. Bei Sax-Größen wie Joe Lovano und John Purcell holte er fehlendes Wissen nach, die Praxis erwarb er sich im Spiel in der dortigen Clubszene mit u.a. Cinfy Blackman, Larry Grenadier, Wallace Rooney oder Jeff Ballard.

Wie es der Zufall will, erreicht ihn der CONCERTO-Anruf nicht in New York, sondern in der Türkei. Die erste Frage lautet: „Das ist schon eine ganz schöne Reise, von deinen türkischen Wurzeln hin nach Schweden, wo du aufgewachsen und sozialisiert wurdest hin in den Multi-Kulti-Melting-Pot New York und dann wieder zurück in die Türkei, das ist schon ein weiter Weg, oder?“ In der Leitung knackknistert es. Dann ertönt, fern, aber doch auf besondere Art ganz nah, Ilhans Antwort: „Das ist nicht nur eine Reise, sondern ein Lebensweg. Ich liebe das Reisen, ich kann überall zu Hause sein. Meine Frau ist Brasilianerin, ich habe also nicht aufgehört zu suchen und mein Glück gefunden“, lacht er. „Ich bin ein Stadtkind, in den Städten der Welt fühle ich mich überall wohl. Mein Zuhause ist überall, wo ich Freunde finde. Dass du mich jetzt in der Türkei antriffst, hat nichts mit Rückkehr zu meinen türkischen Wurzeln zu tun, sondern eher mit meiner Neugier nach außergewöhnlicher Musik. Die finde ich hier, aber ich mag es halt, mit Musikern aus aller Welt zu spielen.“

Das Stadtkind gibt sich natürlich nicht damit zufrieden, auf der ganzen Welt ins Horn zu stoßen, sondern betätigt sich zudem seit Jahren als Festivalveranstalter. In Istanbul leitete er das Akbank Jazz Festival und ab 1996 vier Jahre lang das Istanbul International Jazz Festival. Und dann ist da noch sein eigenes Nublu Festival, das er seit 2009 in New York, in Istanbul und eben, zur Freude seiner Frau und vieler Fans, in Sao Paolo veranstaltet. Der internationalen Kontaktpflege kann das nur nützlich sein, sein Adressbuch ist prall gefüllt mit Namen befreundeter Musiker. Die lassen es sich nicht nehmen, auf seinen Festivals aufzutreten und mit ihm zu spielen. Die kleine Auswahl, von Sam Rivers, Roy Hargove, Roy Ayers, Dave Douglas, John Zorn, Marcus Miller, Robert Glasper über Erik Truffaz hin zu Nicolas Payton, macht ihn ebenso stolz wie die internationalen Freundschaften. „In den Städten passiert viel, das Leben pulsiert, und die jungen Leute haben die Möglichkeit, sich selbst und viele andere Welten zu entdecken. Sie sollten rausgehen und das Leben genießen!“ Tatsächlich konnte man ihn in der Vergangenheit im Tokyoter Club Blue Note im gemeinsamen Spiel mit Bugge Wesseltoft hören, in Sao Paolo jammte er mit den Red Hot Chili Peppers, und auf europäischen Bühnen trat er mit türkischen Folklore-MusikerInnen auf. Er, der Weltenbürger, ist überall zu finden, wo es spannend wird und teilt offenbar die Angst der österreichischen Mehrheitsgesellschaft vor dem Fremden nicht. Keines seiner Saxofone muss er vor Vergewaltigungen in Schutz nehmen, und ja, ein Foto mit einem türkischen oder amerikanischen Potentaten wird es mit ihm nicht geben. Denn der Stadtmenschenfreund setzt auf das menschliche Miteinander.

So antwortet er auf die Frage, wie sein aktuelles Album „Solar Plexus (Istanbul Sessions)“ entstanden ist, etwa, wie neuerdings üblich, durch den elektronischen Austausch von Musicfiles oder durch ein analoges gemeinsames Spiel der Musiker miteinander, mit einem verblüfften Lachen. „Nein, für mich ist der persönliche Kontakt wichtig. Das gemeinsame Spiel. Bugge Wesseltoft“, der auf dem aktuellen Album nicht mit dabei ist, „ist ein alter Freund von mir, ich spielte früher in seiner Band. Mit Erik Truffaz oder Nils Petter Molvaer“, die beide mit dabei sind, „verbinden mich ebenso alte Freundschaften. Die Aufnahmen waren wie ein Familientreffen, die Musik entwickelte sich ganz organisch aus unserem Spiel.“

Erfolgreich unterwegs

Recht organisch entwickelte sich auch seine musikalische Karriere. Eckpunkte gefällig? Nach seinen ersten beiden Alben, „Our Song“ (1997) und „Home“ (1998), von Kritikern als „Post-Bop“ bezeichnet, vertiefte er im neuen Jahrtausend seine musikalische Vision im „Wax Poetic“-Projekt, indem er auf Sängerinnen, Hip-Hop-Poeten und Electronics setzte. Norah Jones war zwei Jahre lang die Sängerin der „Wax Poetics“, N’Dea Davenport, Marla Turner oder die grandiose türkische Sängerin Nil Karaibrahimgil traten ebenso vor die Mikrofone wie Saul Williams. Musiker wie Kurt Rosenwinkel, Brian Blade, Arto Tuncboyaciyan, Eddie Henderson spielten mit, als zudem der Einsatz von Electronica für schweißtreibende Abende auf dem Dancefloor sorgte. Mit der Mischung aus Jazz, Weltmusik und Electronica war das Projekt ungemein erfolgreich, die Beteiligung von türkischen Musikern machte das Album „Harikalar Diyar“ (2002) in der Türkei zu einem enormen Erfolg.

Der Zusammenklang zwischen türkischer Musik, Weltmusik und Jazz ist für Ersahin eine ganz natürliche Sache und beruht auf den gemeinsamen modalen Strukturen. Um diese Gemeinsamkeiten besser zu erforschen, begab er sich, ganz Klangerforscher, auf die Reise um die Welt, ab 2005 gar mit seinem neugegründeten Nublu-Label. Die ersten Albentitel können als Beleg für seine Weltaufgeschlossenheit gelten: „Copenhagen“ (2006), „Brasil“ (2007) und „Istanbul“ (2007). Dass er mit dem schwedischen Pop-Produzenten Klas Wikkberg arbeitete, mit John Zorn und DJ Logic, verwundert ebenso wenig wie die Filmmusik, die er für eine britisch-schwedische Filmdokumentation über den türkischen Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk 2008 einspielte. Nicht zu vergessen, weil zumindest geografisch wieder in eine ganz andere Richtung zeigend, war dann die Filmmusik zu Fatih Akims Film „New York, I Love You“ (2008).

Ebenfalls auf seinem Nublu-Label erschien ein Album seines Projektes Our Theory, das er mit Eric Truffaz begonnen hatte und zusammen mit einem Musiker aus Neuseeland, einem Schweden und einem Deutschen ausführte. Innerhalb von zwei Tagen entstand eine musikalische Reise in die Gefilde des Ambientjazz. Um allerdings fertig zu werden, bedurfte das Multikultiprojekt mit improvisierten Teilen und viel elektronischer Frickelei zwei Jahre intensiver Studioarbeit. „Normalerweise arbeite ich aber anders“, sagt er und verweist auf das aktuelle Album.

Ilhan Ersahin mit der Istanbul Session Band / Foto: Archiv O-Tone Recordings

Einmal durchs Universum und zurück

„Solar Plexus“, trägt den Untertitel „Istanbul Sessions” und ist als vierter Teil einer im Jahr 2009 begonnenen Unternehmung zu verstehen. Die Aufnahmen waren ein besonderes Abenteuer, bei dem improvisierte, komponierte und im Studio nachbearbeitete Teile verwendet wurden. „Wir entwickelten“, erzählt er, „gemeinsam die Ideen, hörten die Aufnahmen ab, entschieden direkt im Studio, was zu verbessern ist. Samples verwendeten wir nicht, wir waren“, er lacht, „auf ganz altmodische Weise zusammen, so wie einst Pink Floyd.“

Gemeint sind natürlich weniger die späten als vielmehr die frühen Pink Floyd, mit denen noch ein „Interstellar Overdrive“ auf der Suche nach „Control For The Heart Of The Sun“ möglich war. Doch wo die Science Fiction-Themen bei Pink Floyd angedacht waren und sich die Band bei ziellosen Jams im interstellaren Flug verlor, gehen Ilhan und seine Flugbegleiter zielbewusster vor. Die zehn Stücke auf „Solar Plexus“, zwischen 2:31 und 11:20 Minuten lang, entfalten mit Titeln wie „Farewell To Earth“ über „Jupiter Window“ oder „“Love in Space“ bis hin zu „Arrival“ den Sog einer in sich schlüssigen akustischen Reise durchs All.

Recht schnell findet sich für diese Musik das Prädikat „cinematografisch“. „Stimmt“, findet er, „meine Haupteinflüsse für das Album waren Filme wie ‚2001 – Odyssee im Weltraum’ und ‚Blade Runner’.“ Beide Filme zeichnen nun kein sonderlich positives Bild von der Zukunft; in beiden Filmen steht in der Zukunft das auf dem Spiel, was den Menschen auszeichnet, seine über alle maschinelle Vernunft hinausweisende Emotionalität, seine Mitmenschlichkeit. Arthur C. Clarke und Philip K. Dick, die die Romanvorlagen für die Kinoerfolge schrieben, verwandelten so das Genre der zukunftsfreundlichen, vom technischen Fortschritt schwärmenden Science Fiction in düstere Dystopien. Das Leben in naher Zukunft erscheint bei ihnen nicht als sonderlich sonnig. Wie ist also Ersahins SF-Reise zu hören? Als Eskapismus? Als Warnung? „Oh“, rauscht es aus Istanbul ’rüber, „es stimmt, zur Zeit sind die Zukunftsaussichten auf dieser Welt nicht besonders gut. Aber gerade diese Dystopien können uns helfen, uns zu erinnern, wer wir Menschen auf unserer Lebensreise sind.“

Ganz richtig, und der Musikfreund erinnert sich, dass der Zusammenklang von Film und Musik, speziell dort, wo es um Jazz und Verbrechen ging, nie besser klang als nach dem II. Weltkrieg, als Menschlichkeit wieder neu definiert werden musste. Cinematografisch wurde es im Jazz, als Duke Ellington die Anatomie eines Mordes nachzeichnete und Miles Davis einen Mörder zum Schafott begleitete, als Henry Mancini einen Peter Gunn gegen Shorty Rogers Klagelied eines Süchtigen ins Feld brachte.

Da wäre es schon ziemlich „down to earth”, wenn das Raumschiff Ersahin in Österreich landen würde. In Gespräche über Menschlichkeit und Verbrechen könnten sich die Crew-Mitglieder sofort einklinken, oder? Ilhan Ersahin lacht. „Ich war schon einmal in Wien und habe dort gespielt.“ Ob es genützt hat? Man sollte sich einmal am Stammtisch umhören. Harald Justin

AKTUELLE CD

Ilhan Ersahin’s Istanbul Sessions, Solar Plexus“, Nublu Records/O-Tone Music, Vertrieb: Edel Kultur

CD-TIPP

Various Artist: „Jazz Noir – 60 Menacing Masterpieces Of Mystery, Murder & Mayhem“, NOT Music (2014)

WEB-TIPP

www.ilhanersahin.net

Kontakt

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