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Erik Truffaz Quartet: Unter dem Blutmond

Der Trompeter Erik Truffaz entspricht überhaupt nicht den Umständen unserer Zeit. Er scheint ruhigen Schrittes seinen Weg zu gehen und Bedrängungen des Business unbeschadet an sich abtropfen zu lassen

Erik Truffaz / Foto: Warner

Truffaz, in einem Schweizer Nest mit ländlichem Ambiente, Chene-Bougeries in der Nähe Genfs, 1960 geboren, gilt als französischer Musiker; eigenartig. Dabei scheint er in der Persönlichkeitsliste seines Heimatortes auf; egal. Weiters ist nicht nachzuvollziehen, warum er manchmal als Epigone des genialen Miles Davis bezeichnete wird. Da machen es sich wohl einige Fachleute leicht. Nein, Erik Truffaz ist ein kreativer, virtuoser Trompeter, der sich nicht scheut, aktuelle Strömungen in seine Musik zu infiltrieren und mit den richtigen Kollegen neue Sounds zu schaffen. Der beste Beweis ist sein neuer Tonträger, "Lune Rouge", der unterm Strich von seinem Drummer Arthur Hnatek, 1990 in Genf geboren, produziert wurde. "Wir wollten neue Dinge für das Album", erklärt Erik Truffaz. "Wir haben den Dirigentenstab an Arthur Hnatek weitergereicht und ihn darum gebeten, das Basismaterial zu komponieren, aus dem das Quartett einen Sound gewinnen kann, in dem wir Einzelteile zusammenfügen und sie anschließend wieder auseinanderpflücken." So passiert das also, es wird gefügt und gepflückt. Erik erwähnt nicht, dass stundenlange Jams gespielt wurden, in denen die Ideen des Quartetts eingebracht, getestet und justiert wurden. 

Erik Truffaz / Foto: Onno Karens

Keine zwänglerischen Bemühungen

Formalitäten, Perfektion oder nervige Korrekturen spielten im Studio "du Flon" in Lausanne, das dem Keyboarder und Toningenieur des Quartetts, Benoit Corboz, gehört, keine Rolle. Truffaz, der in einem zerknitterten Hemd da hockte, an seiner Brust baumelte die Brille, verströmte irgendwie die Weisheit das Alters. Äußerlichkeiten sind ihm egal, große Reden zu schwingen, verabscheut er. Wenn er etwas von sich gibt, macht er lange Sprechpausen, dass man Angst hat, die Geduld zu verlieren. Doch er ist eine europäische Galionsfigur des Nu- und Electronic-Jazz. Seine Performances mit Leuten wie DJ Goo oder dem Schweizer Rapper Nya startete er schon Mitte der 90er. Truffaz kennt seine Kompagnons viele Jahre. Der italienische Bassist Marcello Giuliani und Benoit Corboz (key) sind bald 30 Jahre an seiner Seite. Schon auf "Doni Doni", einem Album, das 2016 erschienen ist, arbeitete man in dieser Konstellation und ließ zusätzlich die malische Sängerin Rokia Traoré 4 Songs singen. Eriks neue CD lebt vom Klang des Atmens, der sich unüberhörbar aus den Sounds herauskristallisiert. Nichts wirkt komplett vollendet, alles suggeriert, dass man es mit kontinuierlicher Arbeit zu tun hat. Nichts ist statisch, alles bleibt in Bewegung. "Wir haben eine Menge kleiner Geschichten improvisiert, die als Verbindungen zwischen den Kompositionen dienen", meint Truffaz und denkt an "Tanit", "Algol" oder "Alhena". 

Der Mond: Dreh- und Angelpunkt

Die Titelnummer des Tonträgers ist Track 7 (von 12), "Lune Rouge" (also "Blutmond), und wurde bewusst in den Mittelpunkt positioniert, da sie wegen einer griffigen Melodie, die Erik trompetet, einem Wall an Synthesizerklängen von Corboz und dominanten Drums, die immer wieder Tempowechsel vornehmen, besonders beeindruckt. "Um einen Blutmond sehen zu können, müssen verschiedene Faktoren zusammengehen: Eine totale Sonnenfinsternis, wenn der Mond, die Erde und die Sonne in exakter Linie zueinanderstehen und der Mond in Erdnähe ist, also nahe unserer Umlaufbahn. Es ist eine atemberaubende Kombination aus mineralischem Licht, verheißendem Aufprall und glücklichen Zufällen. Der perfekte Blutmond ist die Folge einer gelungenen Ausrichtung", sinniert Truffaz´s Plattenfirma Warner Music. Das Gros der Kompositionen schwebt in einem emotionsgeladenen Lyrismus, den Erik mit der Trompete optimal wiedergibt und nachempfindet. Sein Ansatz auf dem Instrument ist nie gepresst oder darauf aus, sich mit den Mitmusikern anzulegen. Fast wagt man die Feststellung, er hält sich zurück, um diesen oft meditativen und melancholischen Sound nicht zu stören. Ihre musikalischen Instinkte fordern die Musiker natürlich trotzdem leidenschaftlich gegenseitig heraus. Nach und nach spüren sie anscheinend ein Album auf, das sie eigentlich so nicht geplant hatten. Dies alles läuft mit einer eindringlichen Gelassenheit ab. Also ganz, wie es Erik Truffaz liebt; in einem Raum und einer Zeit, die alles zulassen und durch grenzenlose Wiederholungen und fassbare harmonische Strukturen geöffnet werden. Ernst Weiss

aktuelle CD:
Erik Truffaz Quartet, "Lune Rouge", Warner Music

WEB-TIPP:
www.eriktruffaz.net

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