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Franco Ambrosetti: Ausschließlich der Musik gewidmet?

Mehrere Dekaden lang verfolgt der hauptsächliche Jazzmusikexporteur der Schweiz, Franco Ambrosetti, gleichzeitig eine Karriere als Unternehmer und jene des professionellen Jazzmusikers. Seitdem er Ersteres aufgegeben hat, widmet er sich ausschließlich der Musik und zeigt sich in der Folge produktiver denn je. Dass die Leidenschaft für Musik in ihrer Intensität nicht abnimmt, stellt der Trompeter auf seinem neusten Album "Long Waves" auf Unit Records erneut unter Beweis.

Franco Ambrosetti / Foto: John About

Die Rolle der Ambrosettis in der Jazzgeschichte der Schweiz reicht über Franco Ambrosetti hinaus bis hin zu seinem Vater, dem Saxophonisten Flavio Ambrosetti, der bereits in den späten 40ern zu den prägenden Figuren der europäischen Bebop-Szene gehörte. Doch der Sohn trat nicht nur in die musikalischen Fußstapfen seines Vaters, sondern schuldet ihm auch das Doppelleben im industriellen Bereich, was auf die Firma Ambrosetti Technologies zurückzuführen ist, welche Flavio Ambrosetti gründete und die sein Sohn Franco Ambrosetti im Jahr 1973 übernahm und bis 2000 leitete. Doch die Vollzeitarbeit bei der Firma, deren Aktivität hauptsächlich aus der Radproduktion für Fahrzeuge und Fahrwerke besteht, hielt Ambrosetti Junior nicht vom Musizieren ab. Er schaffte es, sich zeitlich so zu organisieren, dass er zum Üben kam und konnte die gewonnenen Kompetenzen in der Wirtschaft sogar auf seine musikalische Karriere anwenden: "Es war immer ein Gleichgewicht zwischen beiden Bereichen: dem musikalischen und dem wirtschaftlichen. Nicht aus zeitlicher Sicht natürlich. Schließlich muss man ja mindesten acht Stunden täglich im Büro verbringen. Aber in der Musik gibt es zwei Elemente, die man unterstreichen muss: Zum einen das Instrument - in meinem Fall die Trompete - welches man jeden Tag üben muss. Punkt. Da hat man keine Wahl. Man kann aber beim Üben versuchen Zeit zu sparen. Sich konzentrieren und, wie in der Wirtschaft, effektiv und produktiv die Übungszeit nutzen. Das andere Element ist das, was musikalisch im Kopf passiert, das kompositorische Element, wenn man will. Ich musste im Rahmen meiner Arbeit immer viel Auto fahren - eine dreiviertel Stunde morgens, eine dreiviertel Stunde abends - und habe während dieser Zeit einfach im Kopf komponiert und dann gesungen und das während der Fahrt auf einem Tonband festgehalten. An Wochenenden oder im Urlaub habe ich mich dann ans Klavier gesetzt, wo ich heute meistens komponiere, habe mir die Aufnahmen angehört und angefangen auszusortieren. Das, was ich als brauchbar erachtete, benutzte ich und schrieb es fertig. So sind tatsächlich etliche meiner Kompositionen entstanden."

Den letzten Teil der italienischen Fabrik von Ambrosetti Technologies verkaufte Franco Ambrosetti im Jahr 1988. Fortan war er lediglich Präsident und nicht mehr Aktionär der Firma, bis er 2000 auch noch den letzten Teil des Unternehmens in Lugano verkaufte. Seitdem ist der Schweizer beinahe ausschließlich auf seine musikalischen Tätigkeiten fokussiert, wenngleich er bis vor wenigen Jahren noch als Präsident für die Handelskammer des Schweizer Kantons Tessin fungierte - eine Rolle die aber deutlich weniger zeitintensiv war und ihn nicht vom Musikmachen abhielt. Seine Jahre teilt der Trompeter nun geografisch auf: Er verbringt abwechselnd sechs Monate in seinem Anwesen auf Paros in den griechischen Kykladen und die übrigen sechs in der Schweiz oder auf Tour. Was er mit der ganzen "freien" Zeit macht? "Jetzt konzentriere ich mich zu 100 Prozent auf die Musik. Ich spiele mindestens zwei Stunden Klavier am Tag und bin ständig am Komponieren. Den Wirtschaftsteil der Zeitung lese ich nur, weil ich meine Investitionen kontrollieren muss", ergänzt Ambrosetti mit einem hörbaren Augenzwinkern, das so unernst wohl nicht gemeint ist.

Franco Ambrosetti live im Studio / Foto: John Abott

Ambrosetti meint, dass die Insel Paros ihm zusätzliche Inspiration zum Musik schaffen gibt und von einer besonderen Atmosphäre geprägt ist, die für ihn den Kompositionsprozess fördert. Dafür könnte es seiner Meinung nach auch eine ganz bestimmte, ungewöhnliche Ursache geben: "Hier auf Paros hat man das Gefühl, dass man produktiver ist. Aus welchem Grund weiß ich nicht genau, aber es könnte mit dem überdurchschnittlichen Magnetismus der Insel zusammenhängen, der auf die Marmorvorkommen zurückzuführen ist." Die Insel ist in der Tat für ihren Marmor bekannt. So wurde der Parische Marmor in der Antike für Skulpturen wie die "Venus von Milo", die heute im Louvre bewundert werden kann, verwendet. Der erhöhte Eisengehalt im Marmor ist nachweislich für einen besonderen Magnetismus der Insel verantwortlich. "Es könnte ja sein, dass das mein Gehirn aktiviert" meint Ambrosetti und fügt danach hinzu: "Die Produktivität hängt natürlich auch sicherlich mit der Ruhe zusammen und dem Meer vor der Haustür. Aber man weiß ja nie..."

Mit diesen Faktoren muss es wohl auch zusammenhängen, dass der Trompeter in den letzten Jahren ununterbrochen aufregende neue Alben veröffentlicht und spannendste neue Kollaborationen an den Tag bringt. Nachdem er 2017 noch mit dem, von großen Gastmusikern bestückten, Album "Cheers" (Enja) seinen 75. Geburtstag feierte, bot er unmittelbar im Jahr darauf auf "The Nearness Of You" (Unit) eine beeindruckend ambitionierte Zusammenarbeit mit Orchester, die Erinnerungen an vergangene Großtaten von Miles Davis und Gil Evans hervorrief. Seine neuste Platte für Unit Records heißt nun "Long Waves" und beschränkt sich wieder auf eine intimere Formation von Musikern, nämlich auf das Quintett. Neben erhabenen, neuen Kompositionen kennzeichnet diese Session vor allem wieder die Größe der Namen an den Instrumenten. An der Gitarre schließt sich Ambrosetti erneut John Scofield an, mit dem er bereits seit der Zusammenarbeit auf dem 1986 erschienenen "Movies" (Enja) häufiger kollaborierte, während sich am Schlagzeug Jack DeJohnette breit macht, der schon auf dem zuvor erwähnten "Cheers" die Trommeln bürstete. Der Leader selber kann von dieser Besetzung nur schwärmen: "Natürlich ist das eine Traumbesetzung! Es hat sich so ein bisschen aus den Sessions für "Cheers" ergeben. Da habe ich zum ersten Mal mit Jack DeJohnette zusammengespielt. Obwohl wir uns natürlich seit vielen Jahren kennen, kamen wir hiervor noch nie zum gemeinsamen Musizieren. Scofield hatte ich bereits zum ersten Mal in den 70ern beim Jazzfest in Berlin kennengelernt. Ich war von seinem Spiel natürlich sehr beeindruckt und wir sind schnell Freunde geworden und haben über die Jahre öfter miteinander gespielt - so auch wieder auf "Cheers"." Zu den amerikanischen Veteranen der Scheibe gesellt sich außerdem Pianist Uri Caine, den Ambrosetti auch bereits in den 80ern im Rahmen der Enja Allstars Konzerte kennenlernte und mit dessen Trio er 2007 auf dem kritisch hoch gelobten Album "The Wind" (Enja) zu hören ist. "Mit Scott [Colley] habe ich nie gespielt allerdings kenne ich ihn schon lange sehr gut und wollte schon immer mit ihm aufnehmen" begründet er die Entscheidung Scott Colley mit an Bord zu holen.

Ambrosetti betont vor allem den freundschaftlichen Aspekt dieser Zusammenstellung von Musikern: "Das sind alles Freunde, die ich seit sehr vielen Jahren kenne und mit denen ich regelmäßig verkehre, so wie früher beispielweise Michael und Randy Brecker. In New York mit diesen Leuten aufzunehmen hat sich sehr familiär angefühlt, vor allem in Anbetracht dessen, dass diese Stadt sich in den 80er Jahren sowieso wie mein zweites Zuhause anfühlte, weil ich dort so viel gespielt habe." Die große Begeisterung und der Spaß während der Aufnahmesession für "Long Waves", worauf sowohl Label Chef- und Co-produzent Harald Haerter als auch Ambrosetti selbst mehrfach zu sprechen kommen, ist jedem Takt der sieben Kompositionen anzumerken und wird durch den Chef-Produzenten Jeff Levenson und den Tonmeister Jim Anderson gekonnt über die Lautsprecher kommuniziert. Dass sich das markante musikalische Vokabular eines John Scofield oder eines Jack DeJohnette den Kompositionen und dem Zusammenspiel so natürlich fügt, liegt aber nicht nur an deren besonderer Anpassungsfähigkeit, sondern auch und vielleicht vor allem daran, dass Ambrosetti diese Musiker für die Kompositionen explizit im Blick hatte: "Andere Stücke hätte ich in dieser Besetzung wahrscheinlich nicht gespielt. Kompositionen wie "Milonga" oder "Try Again" und auch "Silli's Long Waves" sind wirklich für genau diese Gruppe Musiker gedacht. Wenn man die Besetzung schon im Kopf hat ist der Kompositionsprozess natürlich implizit darauf zugeschnitten."

John Scofield, Produzent Jeff Levinson und Franco Ambrosetti (v.l.n.r.) / Foto: John About

Das gesamte Album wurde binnen zwei Tagen aufgenommen und zeugt dementsprechend auch von einer reibungslosen Chemie zwischen allen Beteiligten. Eröffnet wird die Platte von Scott Colley am Bass, dessen kristallklare repetitive Linie auf "Milonga" einen Modaljazz einleitet, der in Aufbau und Sound ein Gefühl des Zeitlosen hervorruft. Die flächigen Akkorde am Klavier erzeugen im Zusammenspiel mit dem Becken-lastigen Schlagzeugspiel DeJohnetts ein adäquates Fundament für melodiebedachte Soli seitens Scofield und Ambrosetti, wobei sich auch die anderen Musiker jeweils flüchtig im Alleingang vorstellen dürfen. Der Begriff Cool-Jazz wäre hier wohl nicht völlig fehl am Platz, wobei die Betonung ganz deutlich auf dem Wort vor dem Bindestrich liegt. Von lebendigen Bop-Köpfen lebende Auszüge wie zum Beispiel "Try Again" oder die Bronislaw Kaper Nummer "On Green Dolphin Street" stellen das Zwischenspiel der Virtuosen in den Vordergrund und lassen die Instrumente in einem schwunghaften Swing die Linien hin und her reichen. Balladesquere Ausflüge wie die, seiner Frau gewidmeten, Stücke "Silli's Long Wave" und der Walzer "Silli's Waltz", stellen auf der anderen Seite die Dialoge in den Vordergrund, welche elegant im Wechselspiel zwischen den akkordischen Mitstreitern und der Trompete geführt werden. Das bluesige, teilweise sogar rockige Vokabular Scofields auf ersterer Nummer steht dabei in einem aufregenden Kontrast zu Caine's ausufernden Soli an den Tasten - im Walzer wechselt der Gitarrist dann kurzerhand in den Bopmodus und umspielt das harmonische Fundament mit feinfühligen Durchgangsdissonanzen, die vom Klavier aufgegriffen und anschließend zu Ambrosettis segelndem Trompetenton getragen werden. Zu den fünf Eigenkompositionen Ambrosettis gesellt sich neben den beiden Standards "On Green Dolphin Street" und "Old Folks" außerdem "One For the Kids" - eine Komposition, die aus der Feder des 2013 verstorbenen Schweizer Jazzvorreiters und Pianisten George Gruntz stammt. Dieser war nicht nur Jahrzehnte lang ein Bandkollege von Franco Ambrosetti, sondern bedeutete dem Trompeter noch weitaus mehr: "George [Gruntz] war für mich wie ein zweiter Vater. Von dem Moment an, ab dem George im Quintett meines Vaters anfing zu spielen, hat er mir musikalisch viel geholfen, mir vieles beigebracht. Er war ein Musiker, der immer nach etwas Neuem suchte - ein unglaublich kreativer Komponist und Pianist, von dem ich ständig viel gelernt habe, auch abseits der Jazzmusik. Es ist schade, dass er zu früh gegangen ist." Die persönliche Verbindung zum Komponisten ist der beseelten Interpretation des Stücks anzuhören und lässt es in einem anderen Licht scheinen.

Was auf "Long Waves" geboten wird ist nicht nur spielerisch beeindruckend, sondern auch kompositorisch auf höchstem Niveau. Die Nummern sind sowohl in der Tradition verankert als auch mit dem ganz persönlichen Charakter versehen, den Ambrosetti über die vielen Jahre ausgebaut und gepflegt hat. Dass er damit noch lange nicht fertig ist, will er mit einer Reihe von neuen Projekten beweisen, die zu diesem Zeitpunkt bereits in den Startlöchern stehen und schon bald aufgenommen und veröffentlicht werden sollen. Bis dahin ist einem jedoch mehr als genügend musikalische Feinkost aus dem Hause Ambrosetti geboten, die mit "Long Waves" an Qualität nicht abnimmt. Friedrich Kunzmann

Aktuelle CD 

Franco Ambrosetti, "Long Waves", Unit Records

Web-Tipp

www.francoambrosetti.com 

Live-Tipps

01.11.: Uster, Musikcontainer Uster

02.11.: Glarus, Soldenhoffsaal

03.11.: Luzern, Jazzclub Grand Casino Luzern 

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