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Neue kollektive Komplexität - Orjazztra Vienna

Jazzige Großbesetzungen sind rar geworden. Der ökonomische Druck ist gestiegen, einer versucht es aber antizyklisch: Komponist und Posaunist Christian Muthspiel hat ein Orjazztra Vienna gegründet und dieses in Saalfelden präsentiert. Mit 17 tollen Kollegen und Kolleginnen entfacht er das großorchestrale Feuer. 

Christian Mutspiel - Leiter des Orjazz Orchestra / Foto Herbert Höpfl

Eine Großbesetzung auf die Beine zu stellen, ist schon eine wilde Angelegenheit - organisatorisch und ökonomisch. Wenn es dann allerdings so weit ist und die Bandleader, in unserem Fall Christan Muthspiel, vor ihren Kollegen stehen, ist ihnen oft beschwingte Freude anzusehen. Muthspiel gibt im Congress Saalfelden, wo das Jazzfestival sein Zentrum hat, nicht nur Einsatz und Dynamik für die von ihm komponierten Stücke vor. Er ist ganzkörperlich an der Musik beteiligt, ist ein ausgelassener Motivator. Seine Kompositionen sind neu. Der Mann, der klassische und jazzige Signations für den Sender Ö1 ersonnen hat, will sich nicht wiederholen, eher für sich neue Aspekte erschließen. Der vielseitige Komponist, Posaunist, Pianist und Dirigent hat für sein Orjazztra Vienna dabei nicht den einfachsten Weg gewählt. "Ich habe komplexe Partituren geschrieben, die dem Begriff Orchester so nahe sind wie dem Begriff Jazz." Da sind dann also 17-stimmige Partituren entstanden. Einflüsse? Die Namen Carla Bley und Vienna Art Orchestra darf man in Muthspiels Gegenwart durchaus nennen. Er schätzt deren Inspiration. "Ich will nicht Einflüsse verleugnen. Würde jemand zu mir sagen, das Orjazztra klinge nach Bley, würde ich mich eher freuen als beleidigt sein." Die Besetzung mit doppelter Rhythmusgruppe, sechs Saxofonen mit vielen Wechselinstrumenten und einem eher kleinen Blechsatz sei aber sehr individuell, wie auch etwa der Schwerpunkt "polyrhythmisches Komponieren". In Saalfelden präsentiert sich das neue Projekt dann auch solistenfreundlich. Muthspiel lässt zu Beginn Momente eines kontrollierten Durcheinander der freejazzigen Art anklingen. Später hört man eher ein konzentriertes Kollektiv, das dem Einzelimprovisator reichlich Raum gewährt. Dahinter sind dann obligate Big-Band-Momente und elegische Partien zu hören (erinnern an Gil Evans). Und mitunter bäumen sich die Stücke zu komplexen, raffinierten Bläsereinwürfen auf. Hier erlangt die Großbesetzung ihren wahren Sinn. Hier zeigt sich, zu welch kompositorischer Raffinesse im Sinne kontrapunktischer Gruppenkräfte der dirigierende Muthspiel fähig ist. Mehr solcher munterer Episoden wird es in Zukunft wohl geben. Das Orjazztra ist auch ein "Work in Progress", das noch viel vorhat. Unter anderem ist es im Porgy & Bess Stageband (ab 27. 11).

Orjazztra Vienna / Foto: Lukas Beck

In Saalfelden konnten sich in einer Stunde natürlich nicht alle solistisch präsentieren - es sind ja doch einige: Am Saxofon hört man Lisa Hofmaninger, Astrid Wiesinger, Ilse Riedler, Gerald Preinfalk, Robert Unterköfler und Florian Bauer. Um Trompeten und Verwandtes kümmern sich Gerhard Ornig, Dominik Fuss und Lorenz Raab. Die Posaunen wiederum spielen Alois Eberl und Daniel Holzleitner, während die Tuba bei Tobias Ennemoser gut aufgehoben ist. Am Klavier schließlich entdeckt man Philipp Nykrin; ja, und die Doppelbesetzungen: Die zwei Bassistinnen sind Beate Wiesinger und Judith Ferstl, und die Schlagzeuge betätigen Judith Schwarz und Marton Juhasz.

Warum die Combo, warum diese Musiker? Muthspiel wollte mit jungen MusikerInnen arbeiten, "das Durchschnittsalter ist um die 30!". Durch deren "andere Spielweise und Sicht auf den Jazz - auch aufgrund völlig unterschiedlicher musikalischer Sozialisation als in meiner Generation - spüre ich eine Frische und Qualität, die mich inspiriert." Er habe sich viele Konzerte junger Bands angehört, "um mir ein Bild zu verschaffen, bevor ich - was die musikalische und menschliche Chemie anbelangt - die Band sehr bewusst zusammengestellt habe." Und dass eine Schlagzeugerin, zwei Bassistinnen und drei Saxofonistinnen dabei sind, "repräsentiert den längst überfälligen Einzug der Frauen in die Jazzszene, welche diesbezüglich der Klassikwelt leider um Jahrzehnte hinterherhinkt."

Selbst mitspielen wird Muthspiel nicht. "Wäre eindeutig zu viel. Außerdem sind ,meine' zwei Posaunisten so großartig, dass ich eigentlich eher froh bin, nicht mithalten zu müssen."

Ist ok. So können noch mehr komplexe Stücke entstehen. Das Projekt ist ja nicht für eine kurze Phase vorgesehen. "Nach nunmehr 35 Jahren als Komponist, Dirigent und Instrumentalist, immer zwischen den Stühlen agierend und diese regelmäßig wechselnd - vom Leiten zahlreicher Jazzbands bis zum Dirigieren einer Mahler-Symphonie, vom Komponieren für Symphonieorchester bis zur Produktion der Signations für Ö1 - soll das Orjazztra für die nächsten Jahre nun mein musikalischer Schwerpunkt und die größtmögliche gemeinsame Schnittmenge der Summe dieser Erfahrungen werden." Und sie werden wohl hoffentlich irgendwann auch auf CD eigefangen werden. Ljubisa Tosic

Web-Tipp:
www.christianmuthspiel.com 

Live-Tipps: 
Muthspiel & ORJAZZTRA VIENNA, Saison 2019/20 (Stand Juni 2019)

2019:
27.11.: Wien Porgy&Bess, Stageband 1
28.11.: Innsbruck Treibhaus
11.12.: Wien Porgy&Bess, Stageband 2

2020:
21.01.: Wien Porgy&Bess, Stageband 3
22.01.: Linz Brucknerhaus
23.01.: Amstetten Pölz-Halle
24.01.: Graz Orpheum
18.03.: Wien Porgy&Bess, Stageband 4
19.03.: Dornbirn Spielboden
20.03.: Salzburg Oval
30.04.: Wien Porgy&Bess, Stageband 5 (International Jazz Day, live Ö1)
10.06.: Wien Porgy&Bess, Stageband 6
11.06: Innsbruck Treibhaus

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