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„YOU MAY SAY I’M A DREAMER…“ John Lennon (1940–1980)

Am 9. Oktober würde John Lennon seinen 80. Geburtstag feiern, leider aber auch am 8. Dezember seinen bereits 40. Todestag. Er gründete die berühmteste Pop-Band der Welt, die Beatles, und war zeitlebens ein umtriebiger, ständig unter Strom stehender Zeitgenosse. Seine ambivalente Charakterpalette reichte vom jugendlichen Gang-Leader und Schlägertypen bis hin zum über alles liebenden Vater. Lennon erfand sich immer wieder neu, unter anderem war er der erste intellektuelle Popmusiker, der seine Persönlichkeit als moralische Instanz erfolgreich ausnutzte.

CONCERTO möchte hier nicht die ohnehin schon bekannte Biografie dieser schrägen, kauzigen und provokativen Persönlichkeit herunterbeten, sondern versuchen, einige Aspekte von Lennons künstlerischem Portfolio zu beleuchten: seine Qualitäten als Komponist und Texter gemeinsam mit Paul McCartney, das „Making of Imagine“, sein Kunstverständnis abseits der Musik und last but not least seine Provokationen, die teilweise bereits Kultstatus genießen.

Artwork: Harry Ergott

Das Komponisten-Duo Lennon/McCartney

Rodgers und Hammerstein, George und Ira Gershwin, Gerry Goffin und Carole King – seit jeher ziehen sich Komponistenpartnerschaften dieses Kalibers wie ein roter Faden durch die Großtaten der jüngeren Musikgeschichte. Auf dem ersten Blick haben diese einflussreichen Songwriter-Duos reichlich wenig mit den Beatles zu tun. Wie es sich aber herausstellt, war gerade letzteres erheblich dafür verantwortlich, dass Paul McCartney und John Lennon sich schon im jugendlichen Alter regelmäßig für die gemeinsame Arbeit an Stücken trafen. Goffin und King’s Kompositionen haben den Chartpop der 60er dominiert. Zu ihren Hits zählen unter anderem der Animals Song „Don’t Bring Me Down“ oder Aretha Franklins „(You Make Me Feel) Like a Natural Woman“, wobei es wahrscheinlicher ist, dass vor allem die frühen Singles wie „Will You Love Me Tomorrow“ von The Shirelles oder Bobby Vees „Take Good Care Of My Baby“ John Lennon als Beispiel dienten. Es wird John sogar nachgesagt, dass er bereits 1963 behauptet hätte, mit Paul der „Goffin-King“ von England werden zu wollen. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Beatles eben mit ihrem Debütalbum „Please Please Me“ den großen Durchbruch geschafft, und es zeichnete sich schon ab, dass die Beatles Lennons Ziel nicht nur erreichen, sondern auch übertreffen könnten.

Die enge gemeinsame Arbeit an ihren Songs pflegten Paul und John bis Mitte der 60er-Jahre. Sie trafen sich teilweise drei Stunden am Stück, um zusammen an Songs rumzutüfteln. Im Gegensatz zu den oben erwähnten Komponistenpartnerschaften beteiligten sich beide Beatles natürlich sowohl am lyrischen wie auch musikalischen Gehalt der Songs. In einem Gespräch mit Pulp-Frontmann Jarvis Cocker von 2018 ging Sir Paul etwas genauer auf ihre Zusammenarbeit ein und erklärte: „Wenn wir zusammen an etwas arbeiteten, war es häufig so, dass einer der Schöpfer des Songs war und die erste Strophe mitbringen würde und wir dann gemeinsam daran sitzen und von jener Stelle weitermachen würden.“ Viel genauer noch bezieht er sich in der offiziellen McCartney Biographie „Many Years From Now“ (Secker & Warburg, 1997) auf den Songwriting Prozess mit John. Auf etlichen Stunden Interview Aufzeichnungen basierend, können in der Biographie McCartneys Stellungnahmen zu beinahe jedem Beatles Song nachvollzogen werden, in denen er auch auf die Songwritinganteile zwischen ihm und John eingeht. Darauf, dass sich die beiden Komponisten mit gewissen Stücken direkt auf einen Song des jeweils anderen bezogen und antworteten, kommt McCartney in dem Buch ebenfalls zu sprechen. So zum Beispiel im Zusammenhang mit „Strawberry Fields“ und „Penny Lane“: „Ich glaube, wir schrieben sie [die Lieder] ungefähr zur selben Zeit, wir antworteten oft aufeinander Stücke, also könnte das [„Penny Lane“] auch meine Version eines Erinnerungsliedes sein […]. […] Als ich es schrieb, kam mir John für die dritte Strophe zur Hilfe, wie es so häufig der Fall war.“

Auch wenn es nicht immer eindeutig belegbar ist und sich die Geister (oder auch John und Paul selber) manchmal darüber scheiden, wer der beiden welchen Anteil einer Komposition geschrieben hat, herrscht unter den Kennern bei den meisten Fällen Einigkeit darüber. Schließlich hatten Paul und John auch unterschiedliche musikalische Vorbilder, deren Einflüsse sich in ihrem kompositorischen Ansatz differenziert herauskristallisieren. Die sich daraus ergebende unterschiedliche Stilistik im Songwriting ist nicht erst ab der späteren Phase, in welcher die Beatles zunehmend alleine an ihren Stücken arbeiteten, erkennbar, sondern auch schon in früheren Werken wie „A Hard Day’s Night“ oder „Beatles For Sale“. McCartneys virtuos-melodiegetriebene Charakteristik, wie sie auf „And I Love Her“ oder „I’ll Follow The Sun“ nachvollzogen werden kann, steht hier mit John Lennons sarkastischem riff- und akkordgetriebenem „You Can’t Do That“ oder „I’m A Loser“ direkt im Kontrast. Auf der Single „We Can Work It Out“ stehen sich die unterschiedlichen Ansätze 1965 dann sogar innerhalb einer Nummer gegenüber. Pauls unbeschwert melodiöse Strophen und Refrain werden hier von einer Middle Eight abgelöst, deren Pessimismus Johns Signatur in jedem Takt mit sich trägt. Von da an machen sich die individuellen Stile der beiden zunehmend bemerkbar. Pauls pianistischer und durcharrangierter Typus, wie er von „Martha My Dear“ oder „Golden Slumbers“ repräsentiert wird, auf der einen Seite und John Lennons spontaner, klangforschender Ansatz, wie von „I’m So Tired“ oder „Happiness is a Warm Gun“ verkörpert, auf der anderen.

Auch wenn zur Verbildlichung ihrer Zusammenarbeit gerne auf die späteren, „zusammengesetzten“ Stücke der beiden verwiesen wird („A Day In The Life“ & „I’ve Got A Feeling“), erstreckte sich ihre tatsächliche Kollaboration beim Songwriting vor allem auf die frühen und mittleren Jahre der Beatles, ehe ihre jeweiligen Songs Ende der 60er inhaltlich und musikalisch persönlicher wurden. Fritz Kunzmann

The Making of „Imagine“

 

Man schrieb das Jahr 1971. Die Beatles hatten sich am 10. April des Vorjahres endgültig aufgelöst. Harrison, Starr, Lennon und McCartney gingen ihre eigenen Wege, wobei die drei Erstgenannten einander noch sporadisch bei Soloprojekten aushalfen. So arbeitete George Harrison gemeinsam mit Ringo Starr an dessen Single „It Don’t Come Easy“ (April 1971), wofür sich Ringo am 1. August desselben Jahres mit einem Gastauftritt bei Harrisons „Concert for Bangla Desh“ im New Yorker Madison Square Garden revanchierte. McCartney schickte aus seinem schottischen Schmollwinkel das Album „Ram“, während sich John Lennons Aktivitäten hauptsächlich auf die Plastic Ono Band beschränkten. Nebenbei feilte Lennon aber schon an seinem Magnum Opus, das schließlich am 9. September (USA) bzw. 8. Oktober 1971 (UK) erscheinen sollte: „Imagine“.

Die übereinander projizierten Polaroidfotos, die Yoko Ono für das Front- und Backcover verwendete, sind ein kluger Kommentar zur Grundaussage des Albums: Im Englischen sagt man „he’s got his head in the clouds“, um auszudrücken, dass jemand weltfremd, idealistisch, naiv, vielleicht eigenbrötlerisch ist. John Lennon nimmt auf „Imagine“ die Rolle des letztlich doch optimistischen Mahners/Träumers ein, dem es vorwiegend um die Suche nach innerem und äußerem Frieden geht. Er kultiviert zwei seiner vordringlichsten Künstlereigenschaften – den zynischen Kommentator des Weltgeschehens und den absoluten Romantiker – und macht daraus in Form von zehn Songs ein klassisches, fast symmetrisch angeordnetes Album.

Phil Spector produziert „Imagine“ im für ihn typischen „Wall of Sound“-Stil, was manche Songs etwas mulmig klingen lässt, und setzt an ein paar Stellen ein „The Flux Fiddlers“ genanntes Streichorchester ein. Ansonsten besteht die Kern-Band aus Klaus Voormann (b), Alan White (dr), John Lennon (p, g, voc) und George Harrison, der fünf schöne Gitarrensolos beisteuert. Lennon hatte manche Songs schon geschrieben, lange bevor die Aufnahmen in seinen hauseigenen Ascot Studios (Tittenhurst Park) begannen, z. B. „Crippled Inside“, „Oh Yoko!“ und „Oh My Love“, letzteres eine Kollaboration mit Yoko Ono. „Crippled Inside“ ist ein echter Lennon-Song: Über einer akustischen Rock’n’Roll-Begleitung wird der Unterschied zwischen Sein und Schein, Äußerlichkeiten und inneren Werten thematisiert. Auch die Ballade „Jealous Guy“ hatte Lennon unter dem Titel „Child Of Nature“ schon 1968 bei den Aufnahmen zum „White Album“ verfasst; im endgültigen Text spricht er über seine eigenen Schwächen: „I was feeling insecure/You might not love me anymore“.

„Imagine“ ist immer wieder und zu Recht als pazifistisches Album gesehen worden. Die stärksten politischen Aussagen trifft Lennon in dem tranceartigen Blues „I Don’t Wanna Be A Soldier Mama I Don’t Wanna Die“ und in „Gimme Some Truth“, wo er in alter Protestsong-Tradition die Mächtigen und die Bornierten angreift: „No short haired, yellow bellied son of Tricky Dicky/Is gonna Mother Hubbard soft soap me“ („Tricky Dicky“ war ein gängiger und abfälliger Spitzname für den damaligen US-Präsidenten Richard Nixon). „How Do You Sleep?“ ist eine rockige Breitseite gegen Paul McCartney mit Sätzen wie „The sound you make is muzak to my ears“. Angeblich haben Starr und Harrison noch heftigere Textzeilen verhindert. Zwischen diese zeitkritischen Statements streut Lennon verträumte Liebeslieder an Yoko Ono, die auch als Koproduzentin am Cover angeführt ist.

 

Und dann ist da noch der Titelsong. In dieser ultimativen Pianoballade vereint Lennon die oben erwähnten Künstlereigenschaften und schafft nonchalant den Spagat zwischen politischer Botschaft und Hitparadentauglichkeit. In einem offenen Brief, mit dem er auf ein McCartney-Interview im „Melody Maker“ antwortete, schrieb Lennon im November 1971 im selben Magazin: „So you think ‚Imagine’ ain’t political? It’s ‚Working Class Hero’ with sugar on it for conservatives like yourself!! You obviously didn’t dig the words.“ Nun, die Bedeutung des Songs ist heute unbestritten, sein Erfolg berechtigt, und Lennon macht uns jedes Mal, wenn wir „Imagine“ am Lagerfeuer singen, mit den Worten „but I’m not the only one“ zu seinen Mitstreitern.

Abschließend noch einige Details zur Produktion. Manche Songtexte sind von Arthur Janovs Urschrei-Therapie beeinflusst, der sich Lennon gerade unterzog. Einige der akustischen Gitarrentracks stammen von zwei Mitgliedern der Band Badfinger sowie von Ted Turner, einem der Gitarristen von Wishbone Ash. Der Keyboarder von Moody Blues, Mike Pinder, hätte ursprünglich auf einigen Tracks Mellotron spielen sollen; da sich Lennons Instrument aber als unspielbar erwies, ist Pinder auf zwei Songs am Tambourin zu hören. King Curtis, der bei „It’s So Hard“ und „I Don’t Wanna Be A Soldier“ die Saxofonsoli beisteuert, wurde im August 1971 vor seiner New Yorker Wohnung von einem Drogenabhängigen erstochen. Das dem Cover beigelegte Foto, das Lennon mit einem Schwein zeigt, ist eine zynische Parodie auf „Ram“, auf dessen Frontseite McCartney mit einem Schafbock in ähnlicher Pose zu sehen ist.

(Der Text von "The Making Of Imagine" ist ein Vorabdruck aus einem Buch über das Rock-Jahr 1971, das 2021 von Martin Schuster erscheinen soll.)

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