Concerto > Concerto-Ausgaben > Ausgabe 5/2020 > Nils Wülker

Electro-Melancholie - Nils Wülkers neues Album „GO“

Der rührige Trompeter aus Bonn, Jahrgang 1977, ist seit gut zwei Jahrzehnten in verschiedensten Konstellationen aufgefallen - Berlin Jazz Orchestra, Omara Portuondo, Klaus Doldinger, JazzBaltica Ensemble, Dominic Miller, Gregory Porter und eigene Bands. Auf seinem aktuellen Album "GO" adaptiert Nils Wülker coole Electronica als Background für seine beredten Instrumentalbeiträge.

Nils Wülker / FotoCredit: Claudia Hunter

2015 erschien "UP", auf dem es um Pop-Songwriting ging, 2017 "ON" mit jazzigen HipHop-Klängen, nun kommt "GO". Wülker: "Das ist tatsächlich so passiert. Der Trilogie-Gedanke kam mir erst während der Produktion von 'GO', als ich feststellte, dass jedes der drei Alben Jazz plus ein anderes Genre als Grundlage hat." Für die aktuelle Scheibe hat sich der Trompeter auf die Mitarbeit seines Langzeitpartners Arne Jansen (g) sowie von je zwei Keyboardern (Maik Schott und Albin Janoska) und zwei Drummern (Oli Rubow und der gebürtige Linzer Simon Gattringer) gestützt. "Generell ist mir bei meinen Mitmusikern wichtig, dass sie meine musikalische Vision verstehen, aber auch eine eigene Persönlichkeit mitbringen. Ich habe die Stücke komponiert und Basic Tracks produziert, von denen viele Parts auch auf dem Album gelandet sind. Damit bin ich dann für weitere Parts zum Beispiel zu Albin nach Wien und Maik nach Hamburg gefahren. Als wir dann alle aufgrund Corona festsaßen, wurden auch noch Parts verschickt."

Ach ja, Corona: Die Produktionsweise von "GO" hat ironischerweise in dieses verrückte Jahr 2020 gepasst, denn Nils Wülker hat vieles, auch Keyboard- und Bass-Tracks, ohnehin selbst gespielt, und die letzten drei Stücke wurden während des Lockdowns fertig gestellt. Dass diese für viele Musiker klaustrophobische Situation auch formal interessante Ergebnisse hervorbringen kann, zeigt der Track "Blow Up": "Ich wollte für mich ausreizen, was ich alleine mit meinem Hauptinstrument im Studio machen kann, ohne dass es nach Gimmick klingt. Der Track besteht ausschließlich aus 49 Trompeten- und Flügelhorn-Spuren, der Beat beispielsweise aus verfremdeten Klappergeräuschen der Ventile und Schlägen aufs Mundstück. Für die Begleitung habe ich Akkorde geschichtet und geloopt, gefiltert, rhythmisch zerhackt usw. Manchmal klingt das dann eher nach Synth, manchmal nach Akkordeon."

Dann gibt es noch "Highline", ein ursprünglich gar nicht geplantes Duo mit Wülkers amerikanischem Trompeter-Kollegen Theo Croker. "Während des Corona-Lockdowns habe ich einen Instagram Post von ihm gelesen, in dem er schrieb, dass er es vermisst, mit anderen gemeinsam kreativ zu sein und dass man die Zeit doch irgendwie nutzen müsste. Ich habe Theo spontan angeschrieben, ob er Lust hätte eine Nummer auf meinem Album zu spielen, und er hat zugesagt. In dem Moment hat sich das zum einen wie eine solidarische Handreichung über den Atlantik angefühlt und zum anderen als Bestätigung, dass einen Corona als Musiker nicht zum totalen Stillstand zwingt."

"Wenn die Frage 'A oder B' ist, kann die Antwort auch mal 'A und B' sein..."

Das Album bietet aber auch eine klassische Ballade ("The Frame"), coole Funk-Grooves mit Synth-Bässen (z. B. "Perlage" oder "Seat 47") oder "Hybrid", bei dem der programmierte 7/4-Groove auffällt, über den Simon Gattringer ein sehr jazziges Schlagzeug legt. Eine melancholische, dennoch positive Grundstimmung durchzieht alle 10 Tracks, die von der "erzählenden" Trompete Nils Wülkers dominiert werden. "Mein Ziel beim Musikmachen ist immer, andere zu berühren. Ich selbst kann das wahrscheinlich am wenigsten beurteilen, aber tatsächlich kommen häufig nach Konzerten oder dem Hören der Alben Leute zu mir und sagen, dass sie das Gefühl hätten, ich würde durch die Trompete zu ihnen sprechen. Für mich ist das tatsächlich das schönste Kompliment."

Von Brian Eno stammt angeblich der Ausspruch "Faced With A Choice, Do Both", der für Wülker hervorragend zum letzten Track von "GO" zu passen schien: "Es ist aus der Kombination von zwei verschiedenen Songideen entstanden, bei denen ich mir unsicher war, welche ich denn jetzt verfolgen soll. Dann sind es beide in einem geworden. Wenn die Frage 'A oder B' ist, kann die Antwort auch mal 'A und B' sein." Es ist der perfekte Abschluss eines vielschichtigen und interessanten Albums, das gar nicht erst "elektronische Kälte" aufkommen lässt, weil programmierte Sounds mit analogen Klängen eine wunderbare Einheit bilden.

 

Vinyl- und CD-Tipp: 

Nils Wülker "GO", Warner Music

 

 

Web-Tipp:

www.nilswuelker.com

 

 

Kontakt

CONCERTO-Magazin,
P.O.Box 144, A-3830 Waidhofen/Thaya, Austria
e-mail: concerto@concerto.at 
Tel. (++43) 2842-54904
Skype: concerto1

CONCERTO - Verein zur Förderung der kulturellen Zusammenarbeit
Vereinsregistrierung: ZVR:823 628 971

Bankadresse: Waldviertler Sparkasse Bank AG, Austria
IBAN: AT 44 20272 00900 000845
Swift/Bic-Code: SPZWAT21XXX
Empfänger: Concerto-Verein

Wo kann man das CONCERTO-Magazin kaufen?

Hier erfahren Sie es!