HI5 - Eingeschworene Vierergemeinschaft

2011 sind sie zusammengekommen - vier junge Tiroler Musiker, die auf erfrischende Weise das Jazzvokabular neu deuten und die mit einer klaren Soundvorstellung und absolutem Zusammenhalt punkten. HI5 waren schon in vielen Ländern rund um den Globus zu Gast; allein im Jahr 2019 spielten sie Konzerte in Amerika, China, Indien, Japan, Kanada und Mexiko.

HI5 / FotoCredit: Verena Nagel

Statt einer Einleitung ein paar Basics zu dieser Band: HI5 wird als "high five" ausgesprochen. Die Band bezeichnet ihre Ausrichtung als "minimal jazz chamber music". Die vier Musiker (Gitarrist Philipp Ossanna, Bassist Clemens Rofner, Vibrafonist Matthias Legner und Schlagzeuger Chris Norz) haben sich im Jazzlehrgang des Tiroler Landeskonservatoriums kennengelernt und spielen seit 10 Jahren in dieser Besetzung. Clemens Rofner lebt in Wien, die anderen drei in Tirol. HI5 haben bis dato sechs Tonträger produziert, der neueste entstand während einer China-Tournee im März 2019 und heißt "Southern Inspection Tour". Unter den bisherigen Auszeichnungen: Joe Zawinul Preis 2012, 1. Platz bei der Bucharest International Jazz Competition 2013, Jimmy Woode European Jazz Award 2013.

Philipp Ossanna erklärt das Etikett "minimal jazz chamber music" noch etwas näher: "Wir wollten unseren eigenen Sound entwickeln, eigene Stücke spielen und das Zusammenspiel vorantreiben. Es war auch relativ schnell definiert, dass es nicht eine ,klassische Jazzband' werden soll, sondern wir wollten neue Formen, neue Spielarten und einen Bandsound erarbeiten." Clemens Rofner ergänzt: "Bei den meisten unserer Kompositionen spielt jedes Instrument eine konkrete und essenzielle Stimme - ähnlich wie bei einem Kammermusikensemble." HI5 versuchen also abseits der traditionellen Rollenverteilung in einem Jazzquartett neue Wege zu gehen, oft mit großen Dynamikunterschieden, kompositorischer Finesse, bewusster Vertracktheit oder insistierenden, repetitiven Mustern, die Assoziationen zur Minimal Music oder auch zum Prog Rock wecken. Der Autor dieses Artikels schrieb 2012 über das Album "Tangled Simplicity": "Es mag sich zwar um Kammerjazz mit Minimal-Music-Flair handeln, der Output ist in jedem Fall maximal."

Gewinner des InterReg Preises in Brno/Tschechen / FotoCredit: Herbert Hoepfl

Der Sound und das Repertoire

Eine HI5-CD aus dem Jahr 2014 hieß "Attack Decay Sustain Release". Der Titel leitet sich von vier Grundparametern der elektroakustischen Tonbildung auf einem Korg MS20 Synthesizer ab. Er bezeichnet so einerseits eine Phase in der Bandentwicklung, in der man sich vermehrt elektronischen Geräten zuwandte, andererseits steht er für das gesamte HI5-Universum, das sich aus verschiedensten kleinsten Elementen und Details besonders bei Konzerten zu einem großen Ganzen formt. Philipp Ossanna: "Wir versuchen, verschiedenste musikalische Parameter wie zum Beispiel Dynamik, Rhythmik, Melodik etc. zu definieren und in all ihren Facetten und Extremen zu verarbeiten. Ein Liveset ist dann darauf ausgelegt, jedem Aspekt seinen Freiraum zu geben. Deshalb sind wir ja eine Band, die man live erleben sollte." Chris Norz: "Wir spielen sehr gerne mit Extremen. In einem HI5 Set gibt es immer extrem laute und leise, schnelle und langsame Passagen sowie meditative Teile und Elemente, mit denen wir das Publikum provozieren. Interaktion, Spontanität und Improvisation spielen genauso eine wichtige Rolle wie Auskomponiertes und geplante Aspekte."

Wie gestaltet sich die Arbeit an neuem Repertoire bei einer Band, deren Mitglieder nicht alle am selben Ort leben und die in verschiedenste andere Projekte involviert sind? Nun, man trifft sich in regelmäßigen Abständen zu Probenklausuren und versucht die kurze gemeinsame Zeit optimal zu nutzen. "Grundsätzlich werden die Stücke sehr detailliert ausgearbeitet und mit einer klaren Vorstellung des Komponisten im Vorfeld der ersten Probe an alle Musiker per E-Mail geschickt. Dadurch können wir uns während des Probens vermehrt auf Sounds und Feinabstimmungen konzentrieren, wenn jeder sich im Optimalfall das Notenmaterial bereits im Privatstudium zu Gemüte geführt hat", sagt Matthias Legner.

Chris Norz meint: "Wie wir an ein neues Stück herangehen, hängt sehr stark von der Komposition ab. Manchmal ist klar, was zu tun ist, und wir können gleich drauflos spielen. Andere Stücke brauchen mehr Zeit. Unser Glück ist, dass wir uns gegenseitig auch musikalisch sehr gut kennen und dass wir vor allem in den ersten paar Jahren wirklich sehr viel geprobt haben." Hier bewahrheitet sich wieder einmal, dass der Eindruck von Leichtigkeit und Spontanität in den meisten Fällen aus harter, kontinuierlicher Proben- und Tourarbeit entsteht - ein Vorteil, den eben nur langlebige Working Bands haben. Mittlerweile zählt das HI5-Bandbook schon ca. 70 Titel, die in den letzten zehn Jahren bei Konzerten gespielt und meist auch auf CD dokumentiert wurden.

Schon ab der dritten Veröffentlichung "Attack Decay Sustain Release" kann man eine stärkere Einbeziehung von elektronischen oder elektronisch verfremdeten Klängen feststellen. Philipp Ossanna: "Auf diesem Album hört man z.B. eine Gitarre, die durch den Synthesizer gejagt wurde, oder ein Vibrafon mit Effekten - da haben wir allerdings gerade damit angefangen in die elektronische Klangwelt einzutauchen. Bis heute sind wir nicht daraus aufgetaucht. Aber diese Welt ist auch nur ein Tool von vielen und hilft uns manchmal dabei, den Überraschungsmoment oder den Aha-Effekt zu erzeugen, den wir alle lieben. Und nicht zu vergessen: Wir sind Menschen, keine Computer."

HI5 in China zu Gast / FotoCredit: Verena Nagel

Auf nach China!

Im Frühjahr 2019 erhielten die vier österreichischen Musiker die Gelegenheit, ihre Musik im Rahmen einer größeren Tournee dem chinesischen Publikum näher zu bringen. Der Kulturmanager Chang Liu war der Ansprechpartner von HI5 in China und ebnete den vier österreichischen Musikern viele Wege. Chris Norz bezeichnet ihn im Nachhinein als "Booker, Tourmanager, Veranstalter und Dolmetscher in einer Person." Chang Liu war es auch, der die Idee hatte, den Tourplan entlang der Route zu erstellen, die die beiden Qing-Kaiser Kangxi und Qianlong im 17. bzw. 18. Jahrhundert auf Inspektionsreisen im Süden ihres Reichs genommen hatten. So entstand der Name "Southern Inspection Tour", der auch den Titel des dazu gehörigen Tonträgers bildet. Chang Liu Die Tour führte die Band zu zehn Konzerten in Städte wie Wuhan, Suzhou, Hefei oder Luoyang und stellte eine große logistische Herausforderung dar, weil von vornherein geplant war alles live mitzuschneiden.

Zunächst wurde das Tourgepäck durch Verwendung eines Xylosynths statt eines Vibrafons sowie durch Verzicht auf einen Kontrabass wesentlich reduziert, denn die gesamte Reise wurde von HI5 per Zug und Taxi absolviert. Clemens Rofner erläutert weitere technische Details: "Für den Livesound haben wir uns auf lokale Tontechniker verlassen, das Recording machten wir selbst. Wir haben uns in Tirol mit einem befreundeten Tontechniker getroffen, der uns bei der Mikrofonierung geholfen hat, und dann haben wir Audiointerface, Kabel, Splitter und DI-Boxen etc. in unserem Koffer mit uns rumgeschleppt. Die Mikrofone für's Recording wurden uns vom Asien-Vertrieb von Beyerdynamic zur Verfügung gestellt."

Während der 14-tägigen Tournee bekamen Ossanna, Legner, Norz und Rofner einen Eindruck von der Vielfalt und der Weitläufigkeit des Reichs der Mitte. Sie waren teilweise richtig erschlagen von den Wolkenkratzerschluchten in den Großstädten, lernten aber auch ansatzweise das ländliche China kennen. Matthias Legner erzählt die folgende Anekdote: "Nach einem Konzert kam ich mit einem Konzertbesucher ins Gespräch. Er entschuldigte sich bei mir, dass an diesem Abend nicht allzu viele Gäste kamen, allerdings sei diese Stadt eben eine kleine und die Zuschauerzahl daher verständlich. Daraufhin habe ich ihn gefragt, wie viele Einwohner denn die Stadt hätte und er meinte, dass es nur eben 9 Millionen seien."

Wieder in Österreich, wählte die Band dann sieben längere Stücke und die Miniatur "Skijumping" für die CD aus. Alles, was auf der "Southern Inspection Tour" in der Setlist stand, wurde eigens dafür geschrieben, es ist also vollkommen neue Musik und kein "Best Of" mit Liveversionen von älteren Studiotiteln. Das Endergebnis klingt sehr konzentriert, kontrastreich und bisweilen rockig. "Kalt" heißt der packende Opener aus der Feder von Chris Norz; für ein anderes seiner Stücke, "Schubert", verwendet er Samples aus dem Streichquartett "Der Tod und das Mädchen" (D 810). Philipp Ossanna steuert etwa die beseelt-ironische "Ballad For Bastards" bei und beschwört einen "Hurricane" mit quirligem Unisono-Thema und frenetischen Bass-, Gitarren- und Xylosynth-Solos.

Alles in allem vermittelt "Southern Inspection Tour" den Eindruck einer eingeschworenen Vierergemeinschaft, die mit unverkennbarem Bandsound und Herzblut wohl noch locker weitere zehn Jahre in Angriff nehmen wird. Im Dezember (siehe Live-Tipps) gibt es schon ein weiteres Projekt von HI5 in Kombination mit dem radio.string.quartet zu hören. Die "Southern Inspection Tour" mit dem von Matthias Brunthaler entworfenen Kinegramm auf der Cover-Vorderseite gibt es übrigens auch in einer auf 300 Stück limitierten (und schon fast vergriffenen) Vinyl-Version. Martin Schuster

HI5 „Southern Inspection Tour”, SessionWorks

CD/Vinyl-Tipp:

- HI5 "Southern Inspection Tour", Sessionwork Records, Vertrieb: Preiser Records

 

HI5-Diskografie:

- "A Piece Of Numbers" (2011, vergriffen)

- "Tangled Simplicity" (2012, Sessionwork Records)

- "Attack Decay Sustain Release" (2014, Sessionwork Records)

- "Live (Tuscia in Jazz)" (2015, Eunote Records)

- "Fünf" (2016, Sessionwork Records)

Web-Tipp:

www.hi5music.at

Live-Tipps:

- 02.11.: Alter Schlachthof, Wels (HI5)

- 10.11.: Café Museum, Passau (HI5)

- 02.12.: Treibhaus, Innsbruck (HI5 & radio.string.quartet)

- 03.12.: Porgy & Bess, Wien (HI5 & radio.string.quartet)

- 04.12.: Klangfabrik, Kufstein (HI5 & radio.string.quartet)

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