Scopes – Age of Reason

Auf seinem zweiten Album "Age of Reason" präsentiert sich das Quartett Scopes reifer als zuvor und bildet trotz der Veränderung im Line-Up eine noch festere, zwingende Einheit.

Scopes haben von Beginn an vieles richtig gemacht. Die Gründung der Band basierte auf dem gemeinsamen Wunsch, nicht nur mit guten Musikern zu spielen, sondern sich auch mit ebenso guten Freunden auszutauschen. Gleichzeitig war es Schlagzeuger Mathias Ruppnig, Bassist Tom Berkmann und Pianist Tony Tixier ein Anliegen, die Zusammenarbeit als fortlaufendes Projekt aufrecht zu erhalten - eben eine "working-band", kein "one-off". Zwar wurde Ben Van Gelder, der Saxophonist der ersten Stunde, inzwischen bereits mit Matt Chalk ersetzt, doch schlüpft der in Kansas geborene Bläser mit Leichtigkeit in die neue Rolle und fügt seinen segelnden Altsaxophonton nahtlos in den zugleich traditionsbewussten und modernen Sound der Jazzeinheit. Die reibungslose Chemie rührt auch daher, dass er seit vielen Jahren mit einzelnen Mitgliedern der Gruppe, die sich ursprünglich in New York kennenlernten, befreundet ist. "It was a family affair!", erklärt Chalk dementsprechend im Interview. "Das Besondere an dieser Gruppe ist, dass wir uns sowohl auf musikalischer wie auch persönlicher Ebene bestens verstehen. Alles geschieht völlig mühelos, und das sickert auf diesem Album meiner Meinung nach auch durch", meint Ruppnig, der Österreicher im Bunde.

Scopes / FotoCredit: Jasmin Schuller

Eine weitere Veränderung im Vergleich zum Debütalbum spiegelt sich in der kompositorischen Beteiligung wider, die diesmal gänzlich demokratisch ausfällt (zuvor teilten sich Berkmann und Ruppnig diese kreative Aufgabe). Entsprechend ist die Musik von großer stilistischer Vielfalt gezeichnet, das Album als Ganzes klingt gleichzeitig ausgesprochen kohärent. Tixiers "Deep Water" eröffnet das Programm mit einem dicken Synthteppich, der in akkordische Klaviermuster überführt (Ein Echo von Massive Attacks "Teardrop" hallt im Unterbewusstsein), bevor die restlichen Instrumente das atmosphärische Dickicht in eine kontemplative Elegie verwandeln. Die von Ruppnig geschriebene Nummer "More Hope" verzaubert durch ihre rhythmische Ambivalenz, die das simultane Zählen in 9/8 und 3/4 erlaubt, ohne dass der melodische Kern unter dem koordinativen Experiment in Mitleidenschaft gezogen wird. "Vice" stammt aus der Feder Berkmanns und bringt mit Bossa-Clave das lateinamerikanische Flair in die Gruppe, während Chalks Komposition "Riotous Silence", nach dem gleichnamigen Poem - ebenfalls aus seiner Feder stammend - getauft, das freieste und luftigste Zusammenspiel des Quartetts hervorruft.

Der in Paris lebende Amerikaner ist nicht der einzige, für den Lyrik und Komposition Hand in Hand gehen. "Ich kann für uns alle sprechen, wenn ich sage, dass es nicht nur Musik ist, die uns inspiriert und unsere Kompositionen beeinflusst", erklärt Berkmann. "Ich für meinen Teil lese viel und schreibe häufig Musik in Anlehnung an Bücher. Häufig existieren die Stücke vorher in einer Pop Version mit Lyrics." Auch der Titeltrack "Age of Reason" war ursprünglich ein kompakter Song mit Text, der in enger Verbindung mit der Lektüre von Jean-Paul Sartres Roman "L'âge de raison" (auf Englisch "The Age of Reason") entstand. Scopes waren auf Tour, als Berkmann das Stück schrieb und, zusammen mit den "einerseits seltsamen und andererseits genialen" Dingen, die Sartres philosophische Schriften laut dem Bassisten ausmachen, fließt die live gewonnene Erfahrung im Zusammenspiel und daraus resultierende Energie in den Titeltrack wie auch in das gesamte Album mit ein. Die Interaktion der Gruppe präsentiert sich aus einem Guss, unbeschwert, lässig (im positivsten Sinne).

Zwischendurch lässt Ruppnig auf dem Album mit "Continuity" eine gute Portion Swing und Bop aufblitzen, "Chocolate Travels Slowly" bietet die Gelegenheit für rasante Sturzflüge über die Tasten und polternde Raufereien zwischen Schlägel und Felle bevor "Here's My Prayer" - mit einem Hauch Gospel in der Kadenzierung - das Album zu seinem versöhnlichen Ausklang bringt. Alles wird in einen Kontext gebracht, in einem individuellen Klangkonzept präsentiert, dem nicht nur der Jazz als gemeinsame Sprache zugrunde liegt, sondern etwas Größeres, etwas Zwischenmenschliches und Ganzheitliches: "Mit Scopes haben wir einen ganz eigenen Ansatz. Wir sind ein echtes Kollektiv. Toms Musik, Mathias' Stücke oder auch Matts - all das fühlt sich jetzt auch wie meine Musik an und umgekehrt. Wir stecken da alle gemeinsam mit drin", erläutert Tixier. Dass es sich bei "Age of Reason" nur um das zweite Album und damit immer noch um die Anfänge dieser Gruppe handelt, lässt die Musik nicht vermuten. Scopes klingen einerseits frisch und spannend, andererseits erfahren und unzertrennbar - letzteres sei diesem Line-Up zu wünschen, damit es nächstes Mal genauso erfolgreich gelingt. Pat Youngspiel

CD-Tipps

Scopes "Age of Reason", Whirlwind Recordings (2021)

Scopes "Scopes", Whirlwind Recordings (2019)

Web-Tipp

www.scopesmusic.com 

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