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Karl Ratzer: Das Comeback des Meisters

Für ein Gespräch mit CONCERTO verließ Karl Ratzer die Privatsphäre seines „Underground Systems“, ein selbstgewähltes Refugium, um dort in Ruhe und mit Disziplin konzentriert am Jazz arbeiten zu können.

Die Stimmung war bestens, Ratzer erzählte hochmotiviert von anstehenden Projekten, seiner attraktiven, internationalen Band und seinem Glück, von Menschen umgeben zu sein, die ihn fördern und stützen. Mit seiner neuen CD, „Underground System“, gelang dem Gitarren-Genie ein großer Wurf, der sukzessive weitere Erfolge erwarten lässt.

Was waren die Beweggründe für die Produktion der neuen CD?

„Vor 4 Jahren stand ich an, hatte keine Perspektiven mehr, um mich in vielerlei Hinsicht weiterzuentwickeln oder zu verbessern. Die Motivation, durch Musik Halt zu finden, war gegen Null gesunken. Einzig Fritz Pauer redete mir immer wieder zu, mich ganz auf meine Eigenkompositionen zu konzentrieren, mein eigenes System aufzubauen und alles andere in den Hintergrund zu stellen. Ich beschloss also 2010, meinem Leben einen Ruck zu geben und alles anders zu machen. Ich wollte z.B. nie als Lehrer tätig sein, habe mich dabei nicht wohlgefühlt und gespürt, dass das nicht meine Welt ist. Trotz meiner Bemühungen habe ich mich in Schulen nie zurechtgefunden. Das war übrigens schon, als ich in den 50ern Volksschüler war. Ich wollte auch nicht im Austropop meinen Platz suchen oder prinzipiell Musik spielen, die mir nicht am Herzen lag. Das war und ist alles nicht mein Ding.“


A oida Weana braucht an Herrgott.


Unter welchen Umständen formierte sich dein Septett?

„Jetzt, als reiferer Herr (Anm.: Karl Ratzer ist 64.), erinnerte ich mich an die wunderbaren Zeiten, als ich in den USA, vor allem in Atlanta, mit super Kollegen spielte und welch tolle Musiker ich kennenlernen durfte. Das war wirklich eine meiner besten Zeiten. Die Leute meiner aktuellen Band sind alles große Individualisten und herausragende Musiker. Denen kannst du nicht eine Komposition vor die Nase setzen, die du geschrieben hast, und behaupten, das sei Jazz. Es hat natürlich eine immense Wertigkeit, wer deine Musik spielt und wie sie interpretiert wird. Ich bin sehr glücklich, dass meine Bandmitglieder untereinander kompatibel sind, aufeinander hören und eingehen. Man könnte sagen, ein idealer Zufall; aber auch, dass ich ein oida Weana bin, und a Weana braucht sein Herrgott. Die Verbindung zu den Musikern meines Septetts geht oft 30 Jahre zurück, wir sind alle ungefähr im gleichen Alter. Nur der Tenorsaxophonist, Johannes Enders, ist j
ünger. Er sah mich als Vierzehnjähriger spielen und träumte seither davon, mit mir auf der Bühne zu stehen.“

Wie kam es, dass die CD in Deutschland aufgenommen wurde?

„Durch Rudi Wilfer und Rudi Staeger bekam ich vor vielen Jahren Kontakt zu der bayrischen Jazz-Szene. Ich spielte seither immer wieder zum Beispiel im „Village“ in Habach, das dem wunderbaren Dieter Uebler gehörte. Damals lernt

e ich auch schon die Familie Scheffner kennen. Der Vater, Manfred, rief mich immer wieder an und fragte nach meinem Befinden. Seine beiden Zwillingssöhne, Thorsten und Jan, sind mittlerweile Produzenten und haben ein Studio in Obing in der Nähe des Chiemsees. Den Kontakt zu ihnen stellte Peter Tuscher, mein Trompeter, her, der auch schon immer wieder mit mir spielen wollte. Die Scheffners sind feine Leute, die mich praktisch wieder aufweckten und zur Produktion der CD animierten. Ed Neumeister aus Francisco, ein Perfektionist, war vorerst wegen des Sounds im Obinger Studio skeptisch, ist aber nun, wie auch die anderen der Band, voll begeistert.“


Internationales Format der Ratzer-Band


In deiner Band spielen mit Neumeister, Curtis und Porter 3 US-Amerikaner. Auch der Vorarlberger Peter Herbert lebte ja sehr lange in den Staaten. Wie kamst zu diesen Top-Musikern?

Den Schlagzeuger Howard Curtis, der ja in Graz unterrichtet, stellte mir noch Fritz Pauer vor. Nachdem Fritz Pauer gestorben war und ein riesiges Loch als Mensch und Musiker hinterlassen hatte, war plötzlich der exzellente Bassist Peter Herbert in meinem Leben. Er spielt so dicht, dass ich oft glaube, ich zupfe selber den Bass mit mir. Wenn ich 2 Bläser in der Band habe, kann ich sie auf der Gitarre begleiten, habe ich aber drei (Neumeister, pos, Enders, ts, und Tuscher, tp), benötige ich ein Klavier in der Gruppe; das ist mein ästhetischer Anspruch. So vermittelte Peter Tuscher Larry Porter aus Ohio, der schon lange in Berlin lebt und den ich von früher aus München kenne. So hat sich das Septett quasi von allein zusammengefügt und wächst immer mehr zusammen, was mir große Freude bereitet.“

Auf deiner CD „Underground System“ findet man nur Eigenkompositionen aus deiner Hand. Sind die Songs alle neueren Datums?

Wir spielen Kompositionen aus meinen diversen Lebensphasen. „Moon Dancer“ etwa stammt aus 1998, „Inserts“ schrieb ich auch in den 90ern. Ich schüttle meine Songs nicht so leicht aus dem Ärmel, mit Zwang und Krampf geht gar nichts. So begann ich zu beten. Und je mehr ich betete, desto mehr Lieder legte mir der Herrgott frei. Es gibt sie ja alle schon, die Songs, nur muss „er“ sie frei geben, dass ich Zugriff bekomme. Bist du ein bisserl ein Arschloch, schenkt „er“ dir nur 8 oder 16 Takte. Du grübelst und haderst viele Jahre, und es kommt dir nichts Adäquates in den Sinn. Oder Gott schenkt dir den gesamten Song mit der Bridge oder vielleicht sogar mit dem Text.“

Es gibt ja ein zweites Septett, mit dem du spielst.

Mit dem Heinz Czadek-Septett spiele ich ganz ein anderes Programm, das eigentlich nichts mit meiner internationalen Band zu tun hat. Heinz Czadek ist in all den Jahren stets ein überaus kompetenter und obendrein klasser Bursch gewesen, der Optimales aus jeder Band rausholen kann und als Arrangeur sensationell begabt ist.“

Du lässt dich offensichtlich von der Musik anderer Kulturkreise beeinflussen.

„Ich spiele natürlich mit Begeisterung lateinamerikanische Musik, da bei ihr der Rhythmus an erster Stelle steht; später kommt erst die Melodik. Ich war immer ein versierter Rhythmusgitarrist, schon als Bub. Lange getraute ich mich nicht zu solieren, da ich Angst hatte, den Rhythmus zu verlieren. Bei einem Mambo kommst du mit 2, 3 Akkorden aus, bei einem Samba spielst du wiederum viele Akkordwechsel, die ihm das besondere Flair verpassen.“

Übernimmst du als bekannter Künstler Verantwortung für das Geschehen dieser Welt?

„In dem Song „Sabah El Nur“, einem arabischen Gruß, dachte ich 1998, als ich ihn das erste Mal aufnahm, dass Kunst in jedweder Form dem Frieden verpflichtet ist und Liebe als oberstes und stärkstes Gebot anerkennen muss. Ich finde es überhaupt nicht vernünftig, Menschen wegzuschicken, weil sie an den Islam glauben. Ich selber spiele für Menschen aller Rassen und Religionen dieser Welt. Alle haben Ohren, um meine Botschaft des Bebop zu hören und zu fühlen.“

Wie siehst du den Stellenwert des Jazz weltweit?

„Ich verbrachte wunderbare Jahre in den USA und hatte geniale Lehrer wie Joe Chambers, Eddie Gomez oder Jeremy Steig, die meine Musik bis heute prägen. Bedauerlich ist, dass diese talentierten Musiker in ihrer Heimat kaum Anerkennung oder Jobs finden und oft nach Europa kommen, um überleben zu können. Dabei denke ich mir manchmal, Österreich ist ein Operettenland, da muss doch auch für uns Jazzer Platz sein und die Möglichkeit bestehen, mit unserer Musik Geld zu verdienen.“

Findest du persönlich Unterstützer in Österreich?

„Ich bin glücklich, etliche Menschen um mich zu haben, die meine Freunde sind und mir helfen, wo es nur geht. Dazu zählt etwa Christoph Huber, künstlerischer Leiter des Wiener „Porgy & Bess“, oder meine Managerin, Eva Mikusch.“

Es schaut gut aus für Karl Ratzer. Er war nie wirklich weg, ist jedoch derzeit auffallend frisch und engagiert dabei, seine Karriere auf einem Level voranzutreiben, den er bis dato in mancher Beziehung leider nicht immer kontinuierlich umsetzen konnte. Für das Frühjahr sind schon Gigs in ganz Österreich fixiert oder im Gespräch, die Gelegenheit geben werden, die unangefochtene Nummer Eins des österreichischen Jazz live erleben zu können. 

Interview: Ernst Weiss
Fotos (von o. nach.u.): Klaus Goehr, Herbert Höpfl, Jan Scheffner, Rainer Rygalik


AKTUELLE CD:

Karl Ratzer Septet, „Underground System“, Organic Music, Vertrieb: Hoanzl


WEB-TIPP:

www.karlratzer.com


LIVE-TIPPS:

Karl Ratzer International Septet:

31.12. und 01.01.: Wien, Porgy & Bess, 20.30

03.01.: Feldkirchen, Kärnten, Amthof, 20.00

 


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