James Blood Ulmer - It's all about the Gimmicks

"James Brown pflegte seinen exaltierten Tanzstil, Jimi Hendrix spielte die Gitarre hinter dem Rücken oder mit den Zähnen, Jewel Bryner nahm während des Konzertes ihre Perücke ab und sang mit kahl geschorenem Kopf. Alles großartige Musiker. It's all about the gimmicks!" Hell auflachend kann James Blood Ulmer, laut Greg Tate, Kritiker der Village Voice, "The missing link between Jimi Hendrix and Wes Montgomery on one hand, between P-Funk and Mississippi Fred McDowell on the other", einiges an Anekdoten erzählen. Immerhin stand er bereits im zarten Alter von sieben Jahren mit einem Familien-Gospel-Quartett, The Southern Sons, auf der Bühne. "Ich habe das Gefühl, mein Vater wollte mit uns das machen, was Joe Jackson mit The Jackson 5 unternahm", fügt er ebenso lachend hinzu.

 

Blood“

Geboren wurde die Jazzikone Ulmer am 2. Februar 1942 im ländlichen St. Matthews, South Carolina, als erstes von neun Kindern einer religiösen Familie. St. Matthews war ein „kleines Nest“ mit gerade einmal 1.800 Einwohnern. „Eine alte Kolonialstadt, da gab es keine Clubs oder Ähnliches. Musik fand nur in der Kirche statt, und hier spielte ich bis zum Alter von etwa 13 Jahren. Danach ging es auf die Highschool, und dort interessierte ich mich zuallererst einmal für die Mädchen.“ Nicht verwunderlich, dass der an Musik äußerst interessierte, junge Mann bald die Enge seiner Heimatstadt zu verlassen suchte. „Blues war zum Beispiel zu Hause kein Thema, durfte dort nicht stattfinden. Und für die Bluesclubs selbst war ich noch zu jung, da konnte ich auch nicht hinein.“ Also verließ Ulmer South Carolina in Richtung Pittsburgh. Zunächst verdingte er sich bei Doo-Wop Gruppen wie The Savoys, um darauf in den R&B zu wechseln. In Pittsburgh erhielt er auch den schmückenden Beinamen „Blood“. In der Stadt angekommen, fragten ihn die Musiker, die er kontaktierte, nach seinem Namen. Er verweigerte indessen diese Auskunft und nannte sich lieber „Youngblood“. „Das machte ich so lange, bis sie beschlossen, „Blood“ würde reichen, so jung wäre ich auch nicht mehr! (lacht) Die zweite Geschichte über „Blood“ geht zurück auf meine Mutter. Sie erzählte mir, ich stamme vom Blut meines Vaters. Dieser hieß „James“, also wurde ich zu „Jamesblood“. In Pittsburgh spielte „Blood“ unter anderem auch für Jewel Bryner & The Swing Kings, der „wahrscheinlich am härtesten arbeitenden Band ohne Plattenvertrag. Jewel war eine fantastische, charismatische Sängerin.“ Doch auch der aufstrebende Organ-Jazz dieser Zeit hatte es „Blood“ angetan. In Columbus, Ohio, traf er denn auch auf den Organisten Hank Marr. „Hank war im Jazz und Blues sehr progressiv unterwegs, und ich begleitete ihn dabei. Ich war schon damals beseelt davon, Musik zu „studieren“, Stile „aufzusaugen“, indem ich mit verschiedensten Musikern zusammenarbeitete. Marr spielte Standards ebenso wie Jimmy-Smith-Tunes, Blues, Funk etc. In dieser Band lernte ich sehr viel. Auch mit Jimmy Smith jammte ich einige Male. Hank war aber progressiver als alle anderen, er konnte sogar Klassik spielen.“ Nächste Station war Detroit. „Damals zog Detroit alle großen Jazz-Musiker an. Miles Davis, John Coltrane, Art Tatum. Also musste man dahin, bevor man nach New York ging. Hier konntest du dir die Reifeprüfung holen. Wenn du es in Detroit schafftest, stand dir die Welt offen.“ In Detroit trat James „Blood“ Ulmer lange im Bluebird auf, einem Club, der auch Miles Davis verpflichtete. Schließlich überredete der Besitzer des Lokals Ulmer nach New York zu gehen, um dort Miles Davis zu treffen. Er gab dem Musiker sogar das Geld für die Reise, doch es kam alles ganz anders.


Coltrane

In New York angekommen, machte sich Ulmer sofort auf die Suche nach Davis … und traf auf Billy Higgins, Ornette Colemans Drummer. „Wir trafen uns in einem kleinen Studio in Brooklyn. Higgins mochte mein Spiel und stellte mich Coleman vor. Ich stieg für einen einzigen Jam ein, in Colemans Haus, und wachte plötzlich als Bandmitglied auf! Bevor wir aber gemeinsam auftraten, schleifte mich Coleman ungefähr sechs Monate lang. Ich lebte in seinem Haus, und täglich spielten wir bis zu acht Stunden lang! Ich war eine Art Sparring Partner für ihn!“ Daneben trat Ulmer aber auch mit anderen Jazzgrößen regelmäßig auf, etwa mit Rashied Ali in Harlem oder mit Art Blakey und den Jazz Messengers in Milton’s Playhouse. Doch es waren der erwähnte Coleman und die damalige Loft Jazz Szene, die Ulmer letztlich mit dem harmolodischen Konzept infizierten, welches ihn in nie zuvor geahnte Höhen katapultierte. „Coleman gab mir Sicherheit, und durch ihn erkannte ich, dass meine Musik durchaus gut war. Wir hatten eine intensive Beziehung, über eine lange Zeit, mit vielen wichtigen Diskussionen, insbesondere über Western Music und Harmolodic Music.“ Bis zu jener Zeit hatte Ulmer nichts vom harmolodischen Konzept gehört, nun eröffnete es ihm ungeahnte Möglichkeiten. Umgekehrt hatte Coleman laut Ulmer bis dahin nicht mit Gitarristen gearbeitet, was das Aufeinandertreffen umso spannender gestaltete. „Ungefähr ein Jahr nach Beginn dieser Zusammenarbeit hatte ich, wiederum in Colemans Haus, einen entscheidenden Traum. Ich träumte von einer ganz speziellen Gitarrenstimmung. Ich wachte auf, nahm mein Instrument, stimmte es so, wie ich es geträumt hatte, und begann zu spielen. Es war fantastisch! Ich rannte in Colemans Zimmer, um ihm meine Entdeckung zu zeigen. Ich hatte die harmolodische Struktur in die Gitarre transponiert. Er war begeistert!“ Gleichzeitig bedeutete dies aber auch die Abnabelung des Gitarristen von seinem Mentor. Ulmer bezog eine eigene Wohnung in Manhattan, forciert von Coleman, der meinte, Ulmer würde ihn mit seinem Forscherdrang und den damit verbundenen, ständigen Fragen „verrückt machen“. Doch Ulmer hatte längst seinen Stil gefunden, machte sich an die erste eigene Plattenaufnahme und riss Kritik wie Publikum mit seiner Mischung aus Free Funk, Jazz und Rocksprengseln zu Begeisterungsstürmen hin. Auftritte mit Public Image Limiteds oder Captain Beefhart taten ein Übriges. Schließlich standen auch die Plattenfirmen Schlange, um den Künstler unter Vertrag zu nehmen.


CBS

„Zu dieser Zeit suchten die Plattenfirmen aktiv nach Talenten. Du musstest nicht zu ihnen gehen, sie kamen zu dir! Meine Platte „Tales Of Captain Black“, auf welcher auch Ornette zu hören war, hatte Aufmerksamkeit erregt. Das war eigentlich der Start meiner eigenen Karriere. Ich hatte damals einen jungen Manager, und wir produzierten „Are You Glad To Be In America“. Rough Trade nahm mit mir diese Platte in New York, in den RCA Studios, auf und mischte sie in London ab, wo ich gerade auf Tour war. So kam das Album zunächst in England heraus. „Are You Glad To Be In America“, relased in England! (lacht) Der Erfolg war überwältigend!“ Sechs Monate später kam Ulmer in die Staaten zurück und war aufgrund der beiden erwähnten Alben in aller Munde. „Somebody has to tame James Blood!“, charakterisiert Ulmer lachend die damalige, ihn betreffende Stimmung. Columbia, Warner Bros. und Atlantic Records kämpften darum, „Are You Glad…“ in Amerika herausbringen zu dürfen. Letztlich entschied sich Ulmer für Columbia/CBS und einen Vertrag über drei Alben. „Sie hatten also drei Alben lang Zeit, mich in jene Richtung zu drängen, in der sie mich haben wollten! Wir mussten damals mit einem sehr funkigen Beat arbeiten, denn CBS wollte sich in dieser Szene etablieren. Auf dem dritten Album sollte ich dann auch Hendrix und Springsteen covern und mehr kommerziell spielen. Das habe ich abgelehnt und auch beschlossen, ohne Bass aufzunehmen. Die letzte Platte für CBS enthielt also Gitarre, Violine und Schlagzeug. Sie hörte sich gut an, aber daraufhin beschloss CBS, den Vertrag mit mir nicht zu erneuern. Würden sie mich heute darauf ansprechen, Covers zu machen, würde ich es wahrscheinlich tun, denn mit über 40 eigenen Platten kann man auch Coverversionen einspielen. Doch damals war ich noch nicht bereit dazu. Die Plattenfirma wollte eben „nur“ verkaufen, ich aber Musikgeschichte schreiben! Einmal sorgte CBS sogar für einen Artikel im People Magazin, und unter meinem Bild stand: „James Blood Ulmer, The Darling of Avantgarde!“ Das fand ich dann doch etwas eigenwillig.“ Ulmer wollte kompromisslos jene Musik aufnehmen, welche für ihn die wichtigste war: seine eigene. Zu lange hatte er auf diese Chance gewartet, zu lange in Bands anderer gespielt und deren Stil gestützt. Dass das Major-Label ihn gerade wegen seiner musikalischen Eigenständigkeit fallen ließ, beurteilt er heute im Rückblick milde, gibt sogar zu Protokoll, er habe „eigentlich gute Erinnerungen“ an die Zeit bei CBS. Damals jedoch war Ulmer gezwungen, sich nicht nur nach neuen Herausforderungen sondern vor allem auch neuen Märkten umzusehen.


Europa

Durch seine ursprüngliche Kooperation mit Rough Trade war James Blood Ulmer vor allem in England, aber auch auf dem europäischen Kontinent beileibe kein Unbekannter. Darauf ließ sich aufbauen. „Das war die nächste Station in meiner Karriere. Ich tourte damals sehr viel in Europa. Es begann eigentlich ebenfalls mit Rough Trade, denn sie hatten einen Booking-Agent, der in ganz Europa Tourneen buchte. Columbia hatte ebenfalls Büros in Europa, und das fügte sich gut zusammen.“ Zudem erwies sich Europa – mit den Worten Ulmers – als „freier und offener“. In Amerika wollten das Publikum wie das Business eher eine Perpetuierung des bereits Gehörten mit Schlagseite zum Mainstream. Etwas, vor dem Ulmer keinesfalls in die Knie gehen wollte und es konsequenterweise auch nicht tat. Lediglich New York sei eine Ausnahme gewesen, „dort konntest du auch Blues, Jazz oder Avantgarde zum Besten geben.“ Also festigte James Blood Ulmer vor allem auch über Europa seine Ausnahmestellung und seinen exquisiten Ruf in der Jazzszene.


Blues

Obgleich der Blues im musikalischen Umfeld Ulmers stets präsent war, hatte der Musiker dessen Pfade selbst nie beschritten. Dies änderte sich erst, als Living-Colour-Gitarrist Vernon Reid die Idee gebar, James Blood Ulmer wäre geradezu prädestiniert, ein Zwölftaktalbum einzuspielen. Also kontaktierte er Ulmer. Dieser war überrascht, überlegte und meinte dann: „Wenn du dich um die Songs, die Band und die Proben kümmerst, spiele ich den Blues!“ Ohne Reid hätte er niemals diese Richtung eingeschlagen, betont der 72-Jährige. Er war seit seinen ersten Tonträgeraufnahmen Ende der Siebziger einen weiten Weg gegangen, um nun bei jener Musik anzukommen, welche dereinst in seinem Elternhaus verpönt gewesen war. „Ich musste nicht einmal mein Spiel ändern und bemerkte, dass Blues ohnehin das Fundament meiner Musik war. Das harmolodische Konzept ist der Blues. Es ist seine Basis! Das ist eigentlich auch logisch, denn Blues ist die freieste Musikform, die es gibt. Ich habe ziemlich lange gebraucht, um dies herauszufinden!“ Man schrieb das Jahr 2001, und „Memphis Blood: The Sun Sessions“ brachte James Blood Ulmer einmal mehr in die Schlagzeilen. „Man sollte Blues und Jazz von alten Konventionen befreien und auch HipHop aus dem Ghetto holen. Der Blues ist für viele mit negativen Emotionen behaftet und wird von ihnen daher abgelehnt. Mir geht es teilweise auch so, denn ich bin noch zur Zeit der Rassentrennung aufgewachsen und verbinde daher den Blues damit. Ich spreche nicht viel über dieses Thema, aber es ist nach wie vor präsent. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich manche Menschen im Rassismus geradezu wohl fühlen. Oft ist dies gar nicht persönlich gemeint, sondern eine bestimmte Art des Denkens. Etwas, das es eigentlich überhaupt nicht geben dürfte!“


Neues

Seit 2006 ist James Blood Ulmer ohne Plattenvertrag. Er selbst empfindet dies nicht als Nachteil, habe es ihm dieser Zustand doch ermöglicht, „viele neue Dinge auszuprobieren“. Im Eigenverlag produzierte er zudem zahlreiche Tonträger, welche bei seinen Konzerten erhältlich sind. Dennoch hält er die Zeit nun für reif, auch wieder ein „offizielles“ Album herauszubringen. „Ich möchte dies definitiv tun, auch um die Entwicklungen der letzten Jahre einem breiteren Publikum auf Platte näher bringen zu können“. James Blood Ulmers Historie zeigt, dass potentielle Plattenfirmen gut beraten wären, hier rasch zuzugreifen. Bis dahin ist der Künstler beständig, wenngleich nicht inflationär, sondern mit gesundem Augenmaß live unterwegs, demnächst auch im Wiener Porgy & Bess. An drei aufeinanderfolgenden Abenden wird Ulmer einen Überblick über das breite Spektrum seines derzeitigen Schaffens geben. Unter anderem mit den Streichern des Koehne Quartet oder auch mit Wolfgang Puschnig an seiner Seite. Und das alles ganz ohne Gimmicks. Dietmar Hoscher


CD-TIPP:

  • James Blood Ulmer „Bad Blood In The City“, Hyena Records

LIVE-TIPP:

  • 23. 01.: James Blood Ulmer, „Austrian Project“, Wien, Porgy & Bess

  • 24. 01.: James Blood Ulmer, „Harmolodic Guitar with Strings“, Wien, Porgy & Bess

  • 25. 01.: James Blood Ulmer, „Music Revelation Ensemble“ feat. Wolfgang Puschnig, Wien, Porgy & Bess



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