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Matthias Loibner: „Der persönliche Zugang ist wichtig“

Matthias Loibner ist der wohl vielseitigste und meistbeschäftigte Drehleierspieler der Welt. Die Liste derer, mit denen er schon zusammengearbeitet hat, ist seitenlang. Viele Projekte laufen. Bekannt wurde er in den 90ern als Mitglied einer der epochalsten Ensembles der neuen Volksmusik, der experimentellen Deishovida. Von Barockmusik bis zu Elektronik ist bei ihm alles drin. Aktuell ist sein Soloprojekt "Lichtungen" auf CD erschienen.

Es kann schon vorkommen, dass die Leute glauben, dass er das Drehleierspiel nur hobbymäßig betreibt. Dann nämlich, wenn die Zuhörer auf eine bestimmte Musikrichtung fixiert sind und sie ihn eben schon länger nicht mehr in diesem Kontext wahrgenommen haben. Dabei war der Mann zwischenzeitlich schon in den USA und ist mehrmals quer durch Europa gejettet. Das ist einer der Gründe, weswegen der Steirer recht gerne im 3. Wiener Gemeindebezirk wohnt. Die relative Nähe zum Flughafen ist ihm nur recht. Dass die Landstraße darüber hinaus einen interessanten Mix an Menschen und Angeboten bietet, kommt hinzu. Alleine letzten Sommer hat er an 15 verschiedenen Projekten in mehreren Ländern mitgewirkt. Sie alle im Detail aufzuzählen, würde bei weitem den Rahmen sprengen.

Matthias Loibner / Foto Julia Wesley

Mit allen Sinnen

Matthias Loibner setzt sich keine stilistischen Grenzen und ist offen nach allen Seiten und mit allen Sinnen. Freilich geht es ihm auch darum, verschiedene Sachen zu machen, um die dahinter steckenden Menschen kennenzulernen. Die Lebenszugänge sind denn bei den Leuten sehr different, je nachdem, wo sich das musikalische Selbstverständnis befindet. Für sich mit Barockmusik Beschäftigende geht es da schon mitunter um die beste Pasta im Restaurant, Didgeridoo-Spieler beschäftigen sich mit dem Beseelten ihrer Musik, und Jazzer unterhalten sich etwa darüber, was Herbie Hancock zu diesem oder jenem gesagt hat. So gesehen ist er ein Außenseiter, nicht zuordenbar. Freilich gibt es dann auch noch die Familie der nicht Zuzuordnenden. Man kennt sich untereinander. Dazu zählen unbedingt der Trompeter Franz Hautzinger und der Perkussionist und Hang-Spieler Peter Rosmanith, jeder für sich eine Lichtgestalt der österreichischen Musikszene. Mit ihnen trifft er sich, um zwischen Jazz, World und Klassik "temporäre Klangoasen zu errichten" im Projekt Fidibus. Das ist ihm sehr wichtig. Auch, dass bald einmal eine CD von ihnen zum Vorschein kommt.

Der persönliche Zugang ist bei allen Sachen wichtig, das Menschliche steht bei ihm stets im Vordergrund. Er spielt eigentlich nur mit Freunden, möchte eine gute Zeit verbringen. Hier darf auch nicht Nataša Mirković vergessen werden, eine Seelenverwandte. Mit ihr hat er unter anderem das großartige Album "Ajvar & Sterz" eingespielt, das Bearbeitungen südosteuropäischer Stücke, aber auch den "Leiermann" der "Winterreise" enthält. Auch mit den Strottern musiziert er immer wieder. Wie verhält es sich mit einer zweiten Drehleier? Ein Projekt mit mehreren Drehleierspielern gemeinsam gestaltet sich, obwohl durchaus schon probiert, eher schwierig. Schon alleine im Grunde ein Orchester, funktioniert das Zusammenspiel eher nur mit maximal zwei Drehleiern. Darüber hinaus arbeitet er immer wieder fürs Theater. Anfang nächsten Jahres entwickelt er am Residenztheater in München über 6-7 Wochen gemeinsam mit dem Schweizer Jürg Kienberger Musik für ein neues Stück.

Bilder, die bewegen

Seine soeben erschienene Solo-CD wurde in einer abgelegenen kleinen Kirche bei Trahütten in der Nähe von Deutschlandsberg aufgenommen. Eingespielt wurden die 12 Stücke im Laufe von 6 Tagen. Es war der perfekte Rahmen. Nur er und seine Drehleier, sonst nichts. Es sind darauf Bilder, die ihn bewegen. Wirkliche Bilder, keine ausgedachten. Nicht etwas in der Art, wie berühmte Geschichten aus dem spanischen Bürgerkrieg vertont werden. Staunbilder sind es. Beseelte Musik im wahrsten Sinne des Wortes, durchaus auch mit Ecken und Kanten. Das bringt der Klang der Drehleier ja auch so mit sich. Auch ist es ihm wichtig, nur zu erzählen, was man auch persönlich erlebt hat. "Wenn du was zu erzählen hast, dann hören dir die Leute zu. Als Menschen mit Menschen." Das ist sehr tief wahr. Einmal verinnerlicht, geht diese geht diese Musik nicht wieder weg.

Artikel: Werner Leiss, Fotos: Julia Wesely

AKTUELLE CD

Matthias Loibner „Lichtungen“, Traumton Records

WEB- TIPP

matthias.loibner.net

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