Concerto > Concerto-Ausgaben > Ausgabe 6/2015 > Titelstory Ausgabe 6-15

Stille Nacht, irische Nacht

20 Jahre Guinness Irish Christmas

Wenn die Musik aus Irland kommt, kann die musikalische Völkerfreundschaft groß geschrieben werden. Denn spürt nicht jeder einen kleinen Iren in sich? Nicht zuletzt liegt das an jenen Iren, die seit zwanzig Jahren zum traditionellen Guinness Irish Christmas aufspielen. Das Schunkelmonster muss allerdings draußen bleiben, wenn die hohe Kunst des Zuhörens gefordert ist.

Heuer zu Weihnachten gilt es ein Jubiläum zu feiern. Um was es sich dreht? Für ein Ratespiel müssen drei Hinweise reichen: Es besitzt eine immergrüne Farbe. Es hat etwas mit Musik und mit einer gewissen Herzenswärme und Begegnungskultur zu tun. Nein, es handelt sich nicht um Kermit, den Frosch, nicht um ein Weihnachtslied, das die ach so "grühünen Blätter" des Tannenbaums besingt und auch nicht um den 1000.ten kaltherzigen und fremdenfeindlichen Nazi-Sager eines blauen Politikers. "Richtig, mit all dem hat unser Weihnachtsfest nichts zu tun", lacht Dietmar "Hasi" Haslinger, seines Zeichens Freund vieler Musiker in der ganzen Welt und im speziellen Fall verantwortlich für ein Weihnachtsfest, das in diesem Jahr zum zwanzigsten Mal im Zeichen der Musik von der grünen Insel steht. "20th Guinness Irish Christmas" heißt die Unternehmung, die Haslinger jubiläumsgerecht nach Österreich holt. "1996 startete ich mit dem ersten 'Irish Christmas Festival'. Anfänglich gab es zehn Konzerte, heuer zum Jubiläum sind es 22!"

Beim Stichwort "irische Musik" klappen die Klischeefallen natürlich schnell auf und zu, aber der bestens tätowierte Haslinger kennt sie alle und umgeht sie wie ein Pirat allzu offensichtliche Flauten. Natürlich gibt es auf seinen Veranstaltungen Musik von jener Insel zu hören, die bereits eine Harfe im Staatswappen trägt, sich selbst also ins Reich der Musik verortet. Haslingers Veranstaltungen finden allerdings ohne jenen Treibstoff statt, dem Iren bekanntlich gerne und wohlgemut zusprechen, der mit einem speziellen Zustand, einer schönen Farbe und hierzulande mit einer hässlichen Politik assoziiert wird. "Ich wollte nie die Schunkel-Iren", sagt der Mann mit dem grünen Daumen für irische Musik. "Ich setzte seit Beginn dieser Konzertreihe bewusst auf Qualität. Irische Sauflieder gibt es in diesen Konzerten nicht zu hören, geschunkelt und mitgegrölt wird auch nicht. Alle Konzerte finden in bestuhlten Locations statt und erfordern konzentriertes Hören. Das bin ich den Musikern und dem Publikum schuldig. Das Publikum ist übrigens ein sehr fachkundiges. Das sind Menschen, die Heinrich Bölls literarische Liebeserklärung an Irland, das "Irische Tagebuch" aus dem Jahr 1957, ebenso gut kennen wie die Insel, auf der sie oft genug schon mehrfach Urlaub gemacht haben. Und sie kennen natürlich die irische Musik, die Traditionen und ebenso gut die alten und neueren Musiker. Ich mag es auch nicht, wenn das Publikum ungefragt mitklatscht und deswegen das komplexe Rhythmusgefüge auf der Bühne nicht hören kann. Glücklicherweise habe ich kein einziges Mal versucht, einen kommerziellen Weg einzuschlagen. Ich bin der allerhöchsten Qualität treu geblieben und arbeite ausnahmslos mit den besten und interessantesten Vertretern des Genres. Es versteht sich folglich, dass Mobiltelefone ausgeschaltet bleiben. In stürmischen Zeiten wie diesen, da soll so ein Konzertbesuch etwas Besonderes sein, eine Art sicherer Hafen, den man für einige Stunden ansteuern kann, um Ruhe und Besinnung zu finden."

Unversehens wird Haslinger ernst und fährt sich mit den Händen durch die blonden Strubbelhaare. "Vor zwanzig Jahren hätte ich nie an ein derartiges Jubiläum gedacht. Und wir feiern jetzt, gerade jetzt, trotz ungewisser Zeiten, einer schwierigen Wirtschaftslage, einer völlig absurden Weltpolitik, Kriegen und Krisenherden. Denn gerade in dieser Lage suchen nämlich viele kulturinteressierte Menschen nach Botschaften, die direkt vom Herzen und 'aus dem Bauch' kommen." So bekommt das Weihnachtsfest im Zeichen der irischen Harfe eine Tiefendimension, an die möglicherweise niemand denkt, der Musik nur in rein musikalischen Strukturen reflektiert. Deshalb schadet es der Besinnlichkeit zur Weihnachtszeit nicht, wenn man kurz Irlands Beitrag zur Kultur- und Musikgeschichte würdigt.



Weltenklang-Chef Dietmar Haslinger

Die sind irre, die Iren?

Laut einer irischen Legende wurde Irland als Abbild des Paradieses geschaffen, als westlichster Vorposten vor dem Paradies, als Ort, frei von Versuchung und Sündenfall und außerhalb des Zugriffs des Bösen. In der Erinnerungskultur der Iren gehen die zahlreichen Einwanderungen deshalb sogar bis in die Zeit vor der Sintflut zurück, und oftmals waren die Einwanderer aus dem Mittelmeerraum und Kleinasien, aus Thrakien und Milet, Rückwanderer, die die Sehnsucht nach Freiheit und dem legendären grünen Gras wieder zurück in die Heimat führte.

Das mag nach mystisch-mythischer Verklärung der Vorzeit klingen, Tatsache allerdings ist, dass den Iren ein besonderer Ruf nicht nur nachhängt, sondern sogar vorauseilt. Sie gelten als besonders traditionsbewusst, tiefsinnig bis seelenvoll, sing- und trinkfest. Ihr Dunkelbier ohne Kohlensäure ist Geschmackssache, und ihre am Abend genossenen Käsegerichte, bei denen der berüchtigte Käsedämon in aller Munde ist, sollen schlimmste, rauschhafte Albträume verursachen. Bei international ausgetragenen Fußballspielen werden sie mit lustvoll gesungenen Fangesängen verhaltensauffällig und lassen sich selbst bei Niederlagen nicht von ihrer umarmenden burschikosen Herzlichkeit abbringen. Ihre Literatur hat Weltklasseformat, und von der legendären Evangelienhandschrift "Book of Kells" aus dem achten Jahrhunderts bis hin zu William Butler Yeats, James Joyce und Frank McCourt und Paddy Doyle zieht sich eine Linie des Schreibens über die Welt, die gleichermaßen spirituell beseelt, sozial bewusst und humorvoll sein kann. Irische Musik handelt von alldem, in ihr hallt die Geschichte Irlands allerdings nicht nur wie ein Echo zurück, sondern sie galt Jahrhunderte lang als vollendeter Ausdruck eines durchaus sympathisch anmutenden Irisch-Seins. (Wobei sich trefflich über den irischen Katholizismus und die IRA diskutieren lässt!)

Dass dieses gewisse Irisch-Sein bei aller Grundtönung immer wieder neu definiert wird, macht die Musik überdeutlich: Wenn Seamus Ennis traditionsbewusst die alten Lieder sammelte und aufbereitete, die Fureys, die Chieftains oder die Dubliners als Statthalter der irischen Folktradition in ihrem Heimatland, in Europa und in Amerika gefeiert werden, wo die Clancy Brothers und Tommy Makem in den sechziger Jahren die irische Folktradition popularisierten, dann geriet nie in Vergessenheit, dass irische Musik von Einwanderern und Auswanderern geschaffen und in die Welt getragen wurde.

Bereits vor 1300 Jahren ging von irischen Mönchen eine länderübergreifende Missionierungsbewegung aus, noch heute können irische, spirituell veranlagte Musiker wie Van Morrison und U2 als deren entfernte Enkel verstanden werden. Und wenn die alten Lieder von der "Insel der Seligen" von vergeblicher Liebesmüh, gebrochenen Herzen, vom Trinken und Feiern, von Nationalhelden und Heiligen erzählen, dann klingt in ihnen auch das Lied der Armut nach, der erzwungenen Auswanderung nach Amerika und der höchst unseligen Versklavung von 30.000 - 80.000 Iren durch die Engländer im 17. Jahrhundert. Die in die Neue Welt verkauften irischen Sklaven vermischten sich mit den aus Afrika stammenden Sklaven. Einige Musiker und Wissenschaftler schätzen folglich den irischen Anteil beim Blues und Jazz und sogar beim Voodoo recht hoch ein. Für Van Morrison ist der Blues eine irische Sache, Rory Gallagher hat ihn so überzeugend wie nur wenige andere Weiße gespielt, und selbst Adam Clayton von U 2 ist sich ziemlich sicher: "Ich glaube, die Reise fängt hier in Dublin an, bei dem, was wir in unserer traditionellen Musik haben. Wir hören Einwanderungslieder und Lieder über Ausbeutung innerhalb der irischen Kultur, von der gleichen Art wie die, die mit den Iren nach Amerika kamen und sich dort mit dem schwarzen Blues und der Gospelmusik vermischten. Das ist keine Adaption eines Stils, es ist ein Teil von uns." Weshalb es wenig verwundert, dass Paddy Doyle in seinem Erfolgsroman "The Commitments" schildert, wie (arbeitslose) Jugendliche in Dublin im Soul eines Wilson Picket ihre Erfüllung finden. Und angesichts der grassierenden Armut in Irland ist es auch kein Wunder, dass Amerika immer noch als das gelobte Land gilt, in dem die armutsflüchtenden Iren ihr Glück machen können. Gerade auch mit ihrer Musik, die sich allerdings auf dem Weg über den großen Teich leider oft genug der traditionellen Werte und Klänge entledigt und mittlerweile umstandslos dem individualistischen Anti-Folk der Singer/Songwriter-Generation zuarbeitet. "Das amerikanische Business verzuckert alles, es nimmt der neuen irischen Musik die Eier", meint Haslinger lachend und freut sich über sein Alternativangebot.

So gehört, ist irische Musik ein Teil eines Kontinuums, das von mittelalterlichen Mönchsgesängen über Folk, Blues und Soul hin zur Rock- und Popmusik reicht. Und es ist kein Zufall, sondern eine logische Notwendigkeit, dass aus dem jugendlichen Stones-, Hendrix-, Who- und Ravi Shankar-Fan der sechziger Jahre mittlerweile wohl Österreichs bedeutendster Veranstalter für Worldmusic-Events geworden ist. Mit seiner Weltenklang-Agentur feierte Haslinger 2013 sein eigenes 20-jähriges Jubiläum als Veranstalter und stellte eine 5-CD-Box mit Lieblingssongs der von ihm betreuten Musiker zusammen. Neben afroamerikanischen Blues- und Folkmusikern sind britische Musiker zu hören, halten schottische und irische Musiker das keltische Erbe wach, erklingen Klänge vom Balkan, dem Senegal und Kanada. "Seit 2008 organisiere ich die 'Scottish Folk Night', seit einigen Jahren die 'Nacht des Fado'. Im Frühling gibt es den 'Celtic Spring Caravan', und", so erzählte er im Interview vor zwei Jahren, "die 'African Pearls' mit ausgesuchten afrikanischen Musikern."

Gewissermaßen ist der Hasi der letzte Missionar irischer Lebenskunst, das wahre Urururenkerl des legendären hl. Brendan. Was uns, die wir mittlerweile alle das Keltische und Irländische in uns entdeckt haben sollten und zumindest temporär Freundschaftsiren geworden sind, zu der Frage bringt: Mit wem feiern wir denn nun die 20. Guinness Irish Christmas Night?

Stille Nacht war gestern

Natürlich ideell erst einmal mit den rund 150.000 Besuchern, die seit Beginn dieses speziellen Weihnachtsfests bislang zusammen kamen. "Die Idee zu einem 'Irish Christmas' wird seit 15 Jahren weltweit kopiert. Wir waren allerdings die Ersten, wir präsentieren "the original show" mit Szenegrößen wie Lunasa, Sean Keane, Beoga, Cathie Ryan, Alec Finn, den Smith Sisters, Paddy Keenan und zahlreichen anderen", sagt Haslinger und freut sich auf die kommenden Abende. Heuer stehen Tim Edey & Brendan Power, die Michelle Burke Band, die Rambling Boys und Edwina nig Eochaidhean auf dem Programm, und das könnte tatsächlich nicht hochkarätiger sein: Tim Edey und Brendan Power haben den BBC Radio 2 Folk Award als "best duo" gewonnen und gelten beide als ausgezeichnete Instrumentalisten. Edey ist ein hervorragender Akustik-Gitarrist, der sich seine Meriten mit eigenen CDs und im Spiel mit u.a. den Chieftains, Capercaille oder Christy Moore erworben hat; Brendan Power ist ein Weltklasse-Harmonikavirtuose, dessen Dienst gern von Van Morrison, Shirley Bassey, Kate Bush oder Sting in Anspruch genommen wird. Dem (Edey &) Power-Duo wird die Michelle Burke Band folgen. Die Sängerin, Teil der höchst lebendigen keltischen Szene in Edinburgh, wurde bekannt als Sängerin der irisch-amerikanischen Band Cherrish The Ladies und widmet sich mit ihrem Programm dem alten Irland der 1930er und 40er Jahre. Nach ihr werden die Rambling Boys die Bühne erstürmen, eine wilde Truppe, die als Boygroup wahrlich nicht mehr durchgeht. Denn das Quartett setzt sich aus altgedienten Veteranen der irischen Szene zusammen. Jeder für sich genoss als Virtuose einen ausgezeichneten Ruf in der Szene, und als sie sich zur Viererbande zusammenschlossen, brauchten sie keine Kompromisse mit Neumodischem eingehen. Altirische Balladen, traditionell wilde Jigs und Reels sind das Spezialgebiet dieser "Irish All-Stars". Krönender Abschluss des Abends wird die Tanzkunst von Edwina nig Eochaidhean sein, die sich auf die ursprüngliche Form des irischen Tanzes, den Sean-nós-Tanz, spezialisiert hat. Auf den Boden stampfen und mit den Armen wedeln, sie darf und kann das. Oder andersrum: Dieses Weihnachtsfest wird laut und wild, aber auch melancholisch und einfühlsam. Stille Nacht war gestern. Harald Justin

CD-TIPP

"Weltenklang - The First 20 Years", 5 CD-Box, Vertrieb: www.weltenklang.at

WEBB-TIPP

www.weltenklang.at

LIVE-TIPPS

01.12. IMST, Agrarzentrum

02.12. VÖLS, Blumenpark Seidemann

03.12. SALZBURG, OVAL - die Bühne im Europark

04.12. RIED, KIK

05.12. TRAISEN, Volksheim

07.12. GRAZ, Dom im Berg

08.12. ST.PÖLTEN, Bühne im Hof

09.12. BAD ISCHL, Lehartheater

10.12. ÖBLARN, KU:L

11.12. FELDKIRCHEN, Amthof

12.12. PRECENICCO (I), Auditorium comunale

13.12. BLEIBURG, Grenzlandheim

14.12. BRUCK an der Mur, Forstschule

15.12. WIEN, Metropol

16.12. WIEN, Metropol

17.12. BADEN, Cinema Paradiso

18.12. GRAFENEGG, Auditorium

19.12. OSLIP, Cselley Mühle

Kontakt

CONCERTO-Magazin,
P.O.Box 144, A-3830 Waidhofen/Thaya, Austria
e-mail: concerto@concerto.at 
Tel. (++43) 2842-54904
Fax (++43) 2742 222 333 93 92 

Bankadresse: Waldviertler Sparkasse Bank AG, Austria
IBAN: AT 44 20272 00900 000845
Swift/Bic-Code: SPZWAT21XXX
Empfänger: Concerto-Verein

Wo kann man das CONCERTO-Magazin kaufen?

Hier erfahren Sie es!