Concerto > Concerto-Ausgaben > Ausgabe 6/2016 > Raphael Wressnig

Glühende Orgelwinde, saftige Klapotetzgrooves

Die Hammond-B3 hatte einen holprigen Start in die Musikwelt. Dann aber wurde sie von Granden in Jazz, Soul und sogar Progressive Rock geadelt. Mit Raphael Wressnig hat Österreich einen absoluten Topstar auf diesem Instrument, der gerade zum 20jährigen Bühnenjubiläum mit "The Soul Connection" und "Captured Live" reüssiert. 

Raphael Wressnig / FotoCredit: Jean Michel Rocknblues

Dass auch gänzlich unmusische Menschen der Kunst höchste Dienste erweisen können, bewies Laurens Hammond. Was er zunächst erfunden hatte, war ein Wechselstrom-Synchronmotor für von ihm hergestellte Uhren. In den frühen Dreißigerjahren wanderten seine Überlegungen aus der Enge der Uhrengehäuse in die weite Welt hinaus. Er suchte neue Anwendungsmöglichkeiten für seine Erfindung und bald - nämlich 1933 - hatte er die Idee zu einem neuen Tonerzeugungsprinzip, das ihn letztlich zum Bau der Hammondorgel führte. Mit der Patentnummer 1.956.350 wurde es am 24. April 1934 vom Amt in Washington als originäre Erfindung anerkannt. Obwohl sowohl George Gerswhin wie Count Basie gleich ein Exemplar bestellten, war der Weg zur Akzeptanz in Musikkreisen zunächst etwas holprig. Aber in Verbindung mit dem kurze Zeit später von Donald Leslie ersonnenen Effektgerät namens Leslie-Tonkabinett war der Weg in Gospelkirchen und Jazzklubs schlussendlich geebnet. Zu den Pionieren zählte Ethel Smith, die als "First Lady Of The Hammond Organ" bezeichnet wurde. Rhoda Scott, Shirley Scott und auch Barbara Dennerlein folgten ihrem Vorbild. Bei den Herren prägten so farbenprächtige Charaktere wie Milt Buckner, Jimmy Smith, Dr. Lonnie Smith, Jack McDuff, Jimmy McGriff, Charles Earland, Groove Holmes, Georgie Fame und Reuben Wilson die hohe Zeit des Hammondorgel-Trios in den Sechzigerjahren. Booker T. Jones führte das Instrument mit seiner in Memphis residierenden Kombo Booker T. & The M.G.´s zur Ästhetik des Soul. Auch in Genres wie Ska, Reggae und Progressive Rock spielte das sperrige Instrument bald eine Hauptrolle. In Österreich war der von Wild Bild Davis inspirierte T.C. Pfeiler Pionier am Gerät. 1978 gründete er sein erstes Hammond-B3-Trio. 

Der junge heimische Genius

Der eine Generation jüngere Raphael Wressnig (1979 in Graz geboren) dockt nun weniger an die Vorgänger im Jazz als vielmehr an jene in Blues und Soul an. Dank des Rare-Groove-Movements haben sich die souligen Orgelsounds seit 1988 ihren verdienten Platz in den Tanzlokalen zurückerkämpft. "Rare Grooves", also Aufnahmen aus den Sixties und Seventies, wurden wieder hip. Wressnig zählt seit langem zu den heißesten Musikern dieser rauchig-groovigen Sounds. Er lernte die Kunst des rechten Reibens, "Grinding" genannt, schlicht von Schallplatten der amerikanischen Großmeister. Wressnig praktizierte mit so unterschiedlichen Größen wie Oliver Mally, Karl Ratzer, Josef Zawinul, Wolfgang Ambros und sogar mit Professor Kurt Ostbahn. 2002 nahm er sein Solodebüt "Manic Organic" auf. Seither steht das Werkl nicht mehr still. 2014 war es an der Zeit, in die USA zu gehen und dort ein Album aufzunehmen. Wressnig entschied sich für New Orleans. Das famose Opus nannte sich "Soul Gumbo". Mit amerikanischen Gastsängern wie Walter "Wolfman" Washington und John Cleary glückte eine Menge beseelter Momente. Zudem leisteten auch lokale Instrumentalisten wie Meters-Bassist George Porter und Saxofonist Craig Handy pointierte Beiträge. Ebensolche Highlights wie die Groovenummern waren Balladen wie "I Want To Know" und "Sometimes I Wonder", bei denen sich Wressnig klug zurücknahm. Für die Delikatesse seiner Musik wurde er in Branchengazetten dem deutschen "Jazzthing", aber auch dem amerikanischen "Downbeat" gelobt. Drei Nominierungen im Critic´s Poll in der Kategorie "Best Organ Player" stehen zu Buche. Das war sensationell, aber kein Grund für Stillstand. 

Zwei neue Alben

Zum 20. Bühnenjubiläum kredenzt er nun das in Sao Paolo (Brasilien) produzierte Album "The Soul Connection" und das in der Heimat aufgenommene "Captured Live". Absolut genial sind die Aufnahmen, die Wressnig mit Soullegenden wie David Hudson, Wee Willie Walker und Leon Beal eingespielt hat. Wee Willie Walker erhebt etwa seine charismatische Reibeisenstimme in einer treibenden Version von Otis Clays Signature Song "Trying To Live My Life Without You". David Hudson, adelt den Tyrone-Davis-Klassiker "Turning Point" mit samtener Intonation. Und Leon Beal schließlich besticht mit gutturalem Gesang im von Bobby Bland berühmt gemachten "Don´t Cry No More". Spektakulär sind aber vor allem auch Wressnigs schwelgerische Instrumentals. Der von allerlei Bläsern umsäumte zarte Orgelgroove von "Grazing In The Grass", in den Sixties von Hugh Masakela zelebriert, ist Labsal. Derlei Perlen gibt es auf dem der Deluxe Edition beigelegten Livealbum. Vor allem Jimmy Webbs "Wichita Lineman" und Sam Cookes "A Change Is Gonna Come" begeistern da. Raphael Wressnig zeigt sich als beseelter Musiker, der statt pseudovirtuos herumzugeigen, jeder einzelnen Note tiefe Bedeutung verleiht.  Samir H. Köck

 

aktuelle CDs:
Raphael Wressnig "The Soul Connection", Pepper Cake/ZYX 
Raphael Wressnig "Captured Live", Pepper Cake/ZYX
Raphael Wressnig "Captured Live - DeLuxe Version", Pepper Cake/ZYX
 
Web-Tipp:
www.raphaelwressnig.com

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