„Beware Of The Golden Fang“ - Lukas Kranzelbinders Shake Stew

Nicht nur Jazzjournalisten horchten auf, als Bassist Lukas Kranzelbinder mit der siebenköpfigen Formation Shake Stew heuer das Saalfelden Festival fulminant eröffnete. Dabei war dieses Konzert nur ein kleiner, wenn auch wichtiger Teil eines großen Masterplans...

FotoCredit: Severin Koller

"Die Schulband in meinem Gymnasium hatte keinen Bassisten. So fragten sie mich, da war ich 14. Ich bin dann relativ schnell zum Kontrabass gewechselt und habe in Klagenfurt neben der Schule ein Studium begonnen. Wenn man sich meine Hände anschaut, war dieses Instrument sicher eine gute Entscheidung..." Lukas Kranzelbinder ist nicht nur, was seine Hände anbelangt, eine imposante Erscheinung. Derzeit ist der 28-jährige Bassist, Komponist, Labelbetreiber, Bandleader und Organisator drauf und dran, dem europäischen Jazz einige kräftige Impulse zu geben.

Kranzelbinder schloss sein Studium bei Peter Herbert an der Bruckner-Privatuniversität in Linz ab und fand sich sehr schnell inmitten der innovativen und selbstbewussten Wiener Szene wieder. Schon im zarten Alter von 17 hatte er das Projekt "Almrausch(en)" mit Extremkonzerten auf Bergesgipfeln gestartet; "Lukas im Dorf" hieß ein weiteres Projekt des Bassisten, aus dem ein kurzlebiges Quartett mit Wolfgang Schiftner, Christian Grobauer und Phil Yaeger entstand. Mit Manu Mayr und Martin Eberle gründete er das Label Laub Records, das CDs von Kompost3, Jazzorchester Vorarlberg, Mario Rom's Interzone und anderen veröffentlichte. 

Foto: Herbert Höpfl

Projekte über Projekte

Ja, Mario Rom's Interzone: Das Trio aus Trompete, Kontrabass und Schlagzeug hat in den letzten fünf Jahren einigen Staub aufgewirbelt und zählt zu Österreichs heißesten Jazzexportartikeln. Die Herren Rom, Kranzelbinder und Pirker begeistern nicht nur in Europa, sondern auch in Mexiko oder beim Rochester Festival (USA) Publikum und Kritiker. "Im Juni 2017 sind wir zwei Wochen auf Kanada-Tournee. Bis jetzt haben wir fünf Festivalauftritte dort, und das ohne Vermittlung der Botschaft. So etwas passiert einem nicht so oft, das ist alles eine Folge unseres Auftritts in Rochester." Soeben hat das Trio nach "Nothing Is True" und "Everything Is Permitted" seine dritte CD aufgenommen, die im Oktober 2017 erscheinen wird.

"Zusätzlich zu den Bands, in denen ich spiele, habe ich mir immer wieder Großprojekte 'eingetreten'", meint Lukas Kranzelbinder schmunzelnd. Weil es ihn störte, dass die innereuropäischen musikalischen Grenzen noch immer sehr dicht sind, rief er 2010 das Polyamory Sound Festival ins Leben, um Wien, Berlin und Köln zu vernetzen; die zweite Auflage des Festivals 2011 brachte dann MusikerInnen aus Wien, Paris und London zu grenzübergreifenden Konzerten und Sessions zusammen. 2012 sah sich der damals 24-jährige Kranzelbinder vor der Aufgabe, für den Carinthischen Sommer eine Oper zu schreiben. "Muchogusto" erzählt die Story eines spanischen Frauenhelden unter dem Motto "Tantas curvas y yo sin frenos!" ("So viele Kurven und ich keine Bremsen!").

Vielbeschäftigt und selbstbewusst

Lukas Kranzelbinder ist ein Musiker, der sich nicht nur in jedem seiner Projekte mehr als 100% engagiert, sondern der sich auch viele Gedanken über seine Arbeit und die seiner KollegInnen macht. "Es gibt so viele Bands und CD-Veröffentlichungen, dass man sogar als Mitglied der Szene den Überblick verliert, und teilweise ist nicht sicher, ob es dafür überhaupt eine Nachfrage gibt. Ich sage heute: Vielleicht nur ein, zwei Projekte, aber in denen wirklich kontinuierlich und konsequent an der Musik arbeiten." Der Bassist gehört aber - siehe das Polyamory Sound Festival - auch zu jenen, die sich nicht mit der österreichischen Jazzwelt begnügen wollen. So hebt Kranzelbinder die Wichtigkeit internationaler Vernetzung hervor: "Es gibt zur Zeit in Österreich eine großartige und lebendige Szene, von der ich mich stark inspirieren lasse! Um es sich in seiner eigenen Blase aber nicht zu gemütlich zu machen, tut es manchmal auch gut, über den Tellerrand zu blicken."

Als Lukas Kranzelbinder die heurige Carte Blanche für das Eröffnungskonzert des Jazzfestivals Saalfelden bekam, sah er das zugleich als Ehre und als Herausforderung. Abgesehen von der Musik, die er einigen seiner Lieblingsmusiker auf den Leib schrieb, wollte er auch mit seiner Schlussansage am 26. August einen aktiven, positiven Zugang zur Musik und vor allem zur derzeitigen Szene einfordern. "Wir alle sollten das Urteilen und das Vergleichen mit der Vergangenheit hintan stellen, stattdessen einfach die Musik aufnehmen, ohne sofort zu kategorisieren und zu werten. Das habe ich mit meiner Ansage gemeint."

Starke und überlegte Worte eines 28-Jährigen, dessen Karriere gerade einmal 10 Jahre dauert. "Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die junge Jazzszene großartig entwickelt. Natürlich kann man ständig darüber reden, wie das in Bezug auf die 1950er Jahre aussieht; das ist auch OK für mich, aber es betrifft mich persönlich nicht so stark."   

Die neue Band: Shake Stew

Also was bedeutet dieser kryptische Bandname? Kranzelbinder grinst verschmitzt und fühlt sich wahrscheinlich wie ein gerissener Marketingtyp, der gerade einen neuen Markennamen aus dem Boden gestampft hat. Die Idee bestand einfach darin, zwei gut klingende Wörter zu finden und sie dann erst mit Inhalt zu füllen. "Das steht einmal so da und gibt der Band die Möglichkeit, den Begriff mit der Musik zu prägen. Irgendwann assoziierst du dann Shake Stew mit dieser Musik. Aber du kannst es auch so interpretieren: Ein Stew ist ein Eintopf, in den tausend verschiedene Sachen reinkommen - was ich durchaus auf meine Musik beziehen kann. Shake Stew ist ein Eintopf, der noch einmal von sieben Leuten kräftig durchgeschüttelt wird."

Zuerst überlegte sich Kranzelbinder, wen er in seiner Band haben wollte, erst dann ging es ans Komponieren. "Ich hatte keine spezielle Besetzung vor Augen, sondern vielmehr die einzelnen Musikerpersönlichkeiten." So ergab es sich, dass Shake Stew je zwei Schlagzeuger - Herbert Pirker und Niki Dolp - und zwei Bassisten - Manu Mayr und Lukas Kranzelbinder - hat. Dazu der Bläsersatz: Trompeter Mario Rom und die beiden Saxofonisten Johannes Schleiermacher und Clemens Salesny. Ein Dreamteam, das nicht nur im Frühjahr auf Tournee in Österreich und Deutschland geht, sondern auch von Dezember 2016 bis Juni 2017 als Stage Band im Wiener Porgy & Bess (mit Mathias Koch statt Herbert Pirker) kräftige Akzente setzen will.

Musik als Katharsis

"Ich dachte mir: Wenn ich jemals eine große Band mache, dann ist das jetzt meine Chance. Ich schreibe Musik auch immer für spezielle Personen." Die Hauptinspiration in der Kompositionsphase war Thomas Pynchons Roman "Inherent Vice" bzw. dessen Verfilmung. Der Bassist liebt es, sich während des Schreibens in bestimmte Stimmungen zu bringen und diesen "Vibe" als Ausgangspunkt zu nützen. "Pynchons Buch ist ja eine Stoner-Geschichte. Das muss man natürlich mit einem gewissen Augenzwinkern sehen, aber man kann sich auch davon anregen lassen. Diese zusätzliche Dimension zieht sich durch viele Stücke auf der Platte."

Auffällig ist, dass fast alle Solos auf "The Golden Fang" dem jeweiligen Solisten die Rolle des Predigers zuteilen: Hier ist ein besonders begabter Mensch, der Emotionen und Botschaften in Töne übertragen kann und der, wie in der griechischen Tragödie, in den Zuhörern eine Katharsis bewirken kann, also eine seelische Reinigung durch Ausleben innerer Konflikte und verdrängter Emotionen.

Zurück zu den Facts: Lukas Kranzelbinder will mit Shake Stew das Konzept der Stage Band im Porgy & Bess neu definieren. Man bietet an insgesamt 6 Abenden jeweils ein eigenes Programm, zu dem auch Gäste eingeladen werden: "Zum ersten Mal gibt es einen kostenlosen Stage Band Pass. Damit ist jedes dritte Konzert gratis, das kann man also zweimal in Anspruch nehmen. Pro Abend bekommt man einen Download-Code, mit dem man zwei Tage später eine Live-Nummer hören kann. Das heißt, wenn du zu allen 6 Abenden kommst, hast du am Ende der Saison ein Live-Album. Es wird auch ein spezielles Bühnenbild und einen eigenen Drink an der Bar geben." Außerdem wird "The Golden Fang" nicht nur als CD, sondern auch als Doppelalbum auf goldenem Vinyl erscheinen. Na, wenn das nichts Besonderes ist...

CD-Tipp:

Shake Stew "The Golden Fang", Traumton, Vertrieb: Indigo
(Originalton zum Album von Lukas Kranzelbinder)

Web-Tipp:

www.shakestew.com

Live-Tipps:

- 02.12.: Wien, Porgy & Bess (Album Release)
- 14.01.: Wien ,Porgy & Bess (Introducing Queen Mu)
- 15.02.: Wien, Porgy & Bess (Contemporary Stew)
- 16.02.: München, Unterfahrt
- 17.02.: Nürnberg, Jazzstudio

- 16.03.: Wien, Porgy & Bess (The Golden Fang)
- 18.03.: Bad Hofgastein, Snow Jazz Gastein
- 20.04.: Wien, Porgy & Bess (Introducing King Shabaka)
- 21.04.: Salzburg, JazzIt
- 01.06.: Wien, Porgy & Bess (Grande Finale)

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