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Einst war er Edith Piafs Blödgenie: Charles Aznavour

Allen Widrigkeiten zum Trotz wurde aus dem bitterarmen Shanur Waghinak Asnawurjan der Chansonsuperstar Charles Aznavour, der etwa 200 Millionen Tonträger weltweit verkaufte. Jetzt gastiert er 93jährig in der Wiener Stadthalle.

Charles Aznavour / FotoCredit: Marco di Domenico

Es klang nach einem harmlosen Routinejob, der Aussicht auf ein wenig Publizität bot. Nur zwei Chansons sollte er im Washington-Saal vor Publikum singen, bat eine Radiostation. Doch als Charles Aznavour seinen wie stets leicht angstvollen Blick über die Köpfe des Publikums schweifen ließ, traf es ihn wie ein Blitz: Edith Piaf, die große Edith Piaf, saß samt Entourage in der ersten Reihe und machte ihm Zeichen. An diesem Tag von Lampenfieber zu sprechen, wäre der reinste Euphemismus: aus dem schon gewohnten Zittern wurde Parkinson-mäßiges Schlottern. Die damals unbestrittene Regentin des Chansons signalisierte dem karrieremäßig schon einige Jahre dahin grundelnden Nachwuchschanteur ihr Interesse. Diese Göttin des Gassenpathos lud ihn nach der Sendung in ihr Appartement in der Rue La Boétie. Die weitläufigen Räumlichkeiten waren alles andere als überladen. Ein paar einsame Sessel standen herum, ein Flügel, Bücher und Schallplatten waren über den Boden verstreut. Die Diva ließ sich auf einem schwarzen Ledersessel nieder und begann, den Newcomer vor versammelter Claqueursgesellschaft auszufragen. Aznavour, den eleganten Konversationston nicht beherrschend, trat von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen. Spöttische Blicke durchbohrten den chronisch Schüchternen. Da trat der junge Mann die Flucht nach vorne an, erzählte von seinen Wurzeln in der Straßenmusik und kleinen Tanzcafés und eröffnete der Piaf, ein Chanson für sie geschrieben zu haben. Plötzlich veränderte sich die feindliche Stimmung. Die gefeierte Sängerin geriet in nostalgische Stimmung und verlangte vom verdatterten Aznavour einen Tanz: Musette-Walzer, Paso Doble, Walzer - es wurde ein Marathon. Völlig erschöpft proklamierte sie ihren Freunden: "Keine Einwände, das ist ein echter Mann!" Vollends adoptiert war er, als sie ihm kurze Zeit später eröffnete: "Du bist ab jetzt mein kleines Blödgenie".

Nun, von Genie zu sprechen, ist wohl eher unpassend. Charles Aznavour, Sohn eines armenischen Künstlerehepaares, das vor dem Genozid in der Türkei flüchten musste, hat sich seine Karriere hart erarbeitet. Der 1924 geborene Sänger, Schauspieler, Komponist und Autor, begann früh, als Kinderschauspieler und Tänzer zum wechselhaften Familieneinkommen beizutragen. Kleingewachsen, mit einer großen Nase ausgestattet, war er im Grunde alles andere als eine stolze Bühnenerscheinung. Zäh und letztlich erfolgreich kämpfte er gegen seine Handicaps an - gegen die Ärzte, die befanden, er könne gar nicht singen, weil doch eines seiner Stimmbänder sich weigerte mitzuschwingen. Doch genau diese "Un-Stimme" war es, mit der Aznavour die Wahrhaftigkeit erfolgreich ins Chanson einziehen ließ. In seiner Liedkunst macht er kurzen Prozess mit zuckrig-klebrigen Liebesphantasien, wie sie die Chansons dieser Tage prägten. "Glaub dem schönsten Mund nicht, wenn er nur von Liebe spricht..." warnte der leidenschaftliche Verfechter des Glücks des Augenblicks. Überall lauern Desillusion und Desolation, deshalb heißt es, die guten Momente zu genießen. Liebe ist für ihn hinreißende Körperlichkeit, Ekstase mit Ablaufdatum. Der Schmerz ist in allen amourösen Zusammenhängen immer mitgedacht, am schönsten vielleicht in seinem für die große portugiesische Fado-Sängerin Amalia Rodrigues komponierten "Mourir D´ Aimer". Kein Wunder, dass der große Jean Cocteau befand: "Aznavour hat die Verzweiflung volkstümlich gemacht!".

Dieses bluesgetränkte Image ließ ihn auch zum gefragten Schauspieler in großen Filmen u.a. von Francois Truffaut, René Clair, Claude Lelouch, Atom Egoyan und Claude Chabrol werden. Zahllose große Künstler von Compay Segundo über Bob Dylan, von Nina Simone bis Liza Minelli interpretierten Klassiker wie "Emmenez-Moi", "Hier Encore" und "Comme Ils Disent"; Aznavours seelenvolle Lieder, von denen er über siebenhundert komponierte. Seine in fünf Sprachen gesungenen Chansons, die er viele Millionen Mal verkaufte, ließen ihn zu einem Superstar werden, der all die selbstherrlichen Kritiker in Frankreich Lügen strafte, die ihn jahrelang negierten. Nur kurz währte Charles Aznavours Größenwahn-Phase in der er rosarote Limousinen fuhr und mit Playboy-Attitüden im St. Tropez der siebziger Jahre von sich reden machte. Der sozial engagierte Künstler schrieb unermüdlich weiter und erfreute abwechselnd die Jazzfreunde mit wunderbaren Alben wie "Jazznavour" (u.a. mit Dianne Reeves und Jacky Terrasson) sowie die Chansonliebhaber mit melancholisch getönten Werken wie dem aktuellen "Insolitement Votre". Denn nach wie vor knuspert es verführerisch, das Brot der Armen: L´Amour.
Samir H. Köck

 

Konzert-Tipp:

Charles Aznavour , Wiener Stadthalle am 9. Dezember 2017, 19.30h

 

 

Aktuelle CD (plus DVD):

„Aznavour Live „Palais Des Sports 2015“, Universal

 


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