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Aus der Stille – in die Stille radio.string.quartet

Dieses Streichquartett garantiert seit mehr als einem Jahrzehnt außergewöhnliche Hörgenüsse über Stilgrenzen hinweg; auf dem neuen Album "in between silence" überrascht es mit sehr persönlich gefärbten Statements.

radio.string.quartet / FotoCredit: Andreas Jakwerth

Das 2004 gegründete radio.string.quartet wagte vor drei Jahren einen Neuanfang: Nach großen internationalen Erfolgen mit Live- und Studioprogrammen, die u.a. der Musik John McLaughlins oder Joe Zawinuls gewidmet waren, schien die Zeit für Veränderungen gekommen. Man kehrte wieder zum ursprünglichen Namen zurück, es gab Umbesetzungen, und vor allem wollte man neue musikalische Wege beschreiten. Das Resultat dieser langen gemeinsamen Suche liegt nun mit "in between silence" vor; die draufgängerisch-virtuose Herangehensweise früherer Jahre ist musikalischer Reduktion in völlig verändertem Klangbild gewichen.

"Wenn eine Gruppe über Jahre besteht, dann passiert es, dass sich einzelne Weggefährten neue Wege suchen und andere weitermachen wollen. Auch die Lebensumstände ändern sich... Umbesetzungen kommen einfach vor. Wir sind sehr dankbar für alles, was frühere Mitglieder mit uns geteilt haben, aber genauso neugierig sind wir auf die Zukunft dieses Quartetts." So kommentiert Bratschistin und Gründungsmitglied Cynthia Liao die personellen Veränderungen; nachdem Johannes Dickbauer schon 2011 durch Igmar Jenner abgelöst worden war, kam nun Sophie Abraham als Nachfolgerin von Asja Valcic am Cello. Das Wort "vienna" wurde wieder aus dem Bandnamen gestrichen, um gewissen Klischees und Hörerwartungen auszuweichen. Igmar Jenner: "Unsere Musik hat sehr wenig örtlichen Bezug, deshalb wollten wir zu diesem neutraleren Namen zurückkehren, den das Quartett auch ganz am Anfang getragen hat."

Drei Jahre als Garagenband

2014 fand also die Zäsur in der Geschichte des radio.string.quartet statt. Nach dem Album "Radiodream" (2011), das hauptsächlich aus Eigenkompositionen bestand, und der vielfach ausgezeichneten Zawinul-Hommage "Posting Joe" (2013) zog man sich zurück, um das neue Programm in aller Ruhe reifen zu lassen. Und so wurde das Streichquartett zur Garagenband: In der zum Heimstudio umgebauten Garage des Violinisten Igmar Jenner erarbeitete man neue Stücke, feilte an Arrangements und tüftelte am Sound. Jenner: "Vom ersten Layout bis zum Abschluss der Produktion vergingen drei Jahre, und 90% der Aufnahmen stammen aus meiner Garage."

Ein Stück galt für das Quartett erst dann als fertig, wenn es absolut stimmig war. Sophie Abraham: "Wir haben uns für bestimmte Passagen, und das konnten auch nur drei Takte sein, Monate oder sogar Jahre Zeit gelassen, bis die Phrasierung wirklich gepasst hat. Es war ein sehr langer Weg, um eine Stimmung einzufangen, die wirklich zum jeweiligen Stück passt." Man hat dieses Mal nicht versucht, den Studio-Sound in die Live-Situation zu übertragen, sondern geht mit teilweise unterschiedlichen Arrangements ganz bewusst auf die unterschiedlichen räumlichen Gegebenheiten ein. "Die wichtigste Frage ist immer, ob wir uns wohlfühlen. Ein paar Arrangements haben sich auf diese Weise stark geändert", ergänzt Bernie Mallinger.

radio.string.quartet / Foto: Andreas Jakwerth

Der neue Sound

Was an der neuen CD "in between silence" auffällt, ist der meist ätherische Klang der vier Streichinstrumente - sehr obertonreich, quasi "sotto voce". Das Klangspektrum wird außerdem durch die Stimmen aller vier MusikerInnen sowie durch sparsame Elektronik erweitert; auf je einem Stück sind der Berliner Techno-Künstler Henrik Schwarz und der norwegische Keyboard-Magier Bugge Wesseltoft (er fungierte auch als Koproduzent) zu hören. Igmar Jenner: "Wir haben immer mit Klängen experimentiert. Es kommt aber immer darauf an, was ein Stück braucht. Wenn es einen klassischen Geigenton verlangt, dann machen wir das natürlich auch. Wir versuchen aber nicht zwanghaft irgendwelche Sounds zu finden und diese einzubauen, weil sie noch niemand gehört hat."

Auf der Suche nach Klangerweiterungen ergab es sich wie von selbst, dass vor allem Bernie Mallinger und Sophie Abraham ihre Stimmen einsetzten, sei es nun mit oder ohne Text. "Eine Stimme kommt noch unmittelbarer von innen als ein Instrument. Viele der neuen Stücke entstanden aus dieser Klangvorstellung", erklärt Sophie Abraham. "Es gibt nur ganz wenig Text auf der CD, und bei 'The World According To Hugo And Jun' haben wir Teile von Hugo v. Hofmannsthals Gedicht 'Was ist die Welt?' in eine instrumentale Melodie übertragen." Die zweite Inspiration für diese Komposition war das Lost Memory Theatre des japanischen Trompeters Jun Miyake.

Nicht nur die Vokalpassagen prägen das Klangbild, sondern auch die Verwendung von Oktavgeigen. Jenner und Mallinger spielen über weite Strecken mit Violinen, auf die spezielle Saiten aufgezogen sind und die genau eine Oktave tiefer klingen: "Das ist ein ganz dichter, breiter Klang, nicht so fokussiert wie bei einer normalen Geige, sehr warm und wohlig, aber mit vielen Obertönen."

Ist "in between silence" ein Konzeptalbum? Ja, meint Bernie Mallinger, insofern es thematisch um alle Aspekte des Lebens geht: "Wir spielen das Lied vom Leben, das voller Chaos, Energie und Schönheit ist." Dabei geht man mit musikalischen Mitteln der Frage nach: Was passiert zwischen der Ruhe vor dem Anfang des Lebens und der Stille nach seinem Ende? Dabei mag auch eine Rolle gespielt haben, dass es innerhalb des Quartetts während des dreijährigen Produktionsprozesses zwei Hochzeiten und drei Geburten gab.

radio.string.quartet live beim Jazz & The City Salzburg, 2017 / Foto: Herbert Höpfl

Quasi eine Pop-Produktion

Weil das Etikett "CrossoverJazzClassicPopFusionRockNewMusicElectronic", das man zuerst verwenden wollte, doch etwas beliebig klingt, haben Mallinger/Liao/Abraham/Jenner im Booklet-Text einige Künstler vermerkt, die sie in letzter Zeit inspiriert haben: Nine Inch Nails, Franz Schubert, Feist, e.s.t., Arvo Pärt, Bugge Wesseltoft/Sidsel Endresen, Jun Miyake und E.W. Korngold. Bernie Mallinger über den Entstehungsprozess: "Wir verspürten eine große Sehnsucht nach Schönheit und Ruhe, die wir mit unseren Kompositionen und Interpretationen ausdrücken wollten. Wir erkannten sehr schnell, dass es uns nicht um vordergründige Virtuosität ging, sondern darum, alles Unnötige wegzulassen und nur das zu spielen, was dem Song dient."

Mit "in between silence" hat das radio.string.quartet auch das Plattenlabel gewechselt und veröffentlicht auf Jazzland Recordings Norway. Dass Labelgründer Bugge Wesseltoft als Koproduzent fungierte und für das Stück "Breathe" selbst in die Tasten griff, empfinden die Mitglieder des radio.string.quartet als Glücksfall. "Wir haben eine weitere Perspektive gesucht und sie mit Bugge gefunden", sagt Cellistin Sophie Abraham. "Er verfügt über eine enorme stilistische Bandbreite und ist trotzdem immer als Persönlichkeit erkennbar."

Die neue CD entstand unter Bedingungen, die man sonst nur bei einer Pop-Produktion genießt, denn die Musik hatte Zeit zu reifen, wurde immer wieder in Frage gestellt und mit Samples und Overdubs angereichert, bis das Ergebnis befriedigend war. Was das radio.string.quartet allerdings von Bugge Wesseltoft lernte, war die Kunst der Reduktion auf das Wesentliche. "Wenn man so lange Zeit an einem Album arbeitet, kann man sich schon leicht verlieren", erzählt Bernie Mallinger. "Bugge hatte den Vorteil, dass er die Musik zum ersten Mal hörte. Dann sagte er Sachen wie: 'OK, das ist schön, aber das hier verstehe ich nicht'. Und auf sehr höfliche Art meinte er bei manchen Stellen: 'Das gefällt mir jetzt vielleicht nicht so'. Dann haben wir alles noch einmal überarbeitet, und im Endeffekt ist es dadurch ein viel besseres Album geworden. Und das ist wohl der beste Input, den man von einem Produzenten bekommen kann."

Bugge Wesseltoft im Originalton: "Dieses Quartett klingt ohnehin schon so gut, es hat seinen eigenen Sound, an dem es lange gearbeitet hat. Und alles, was man noch hinzufügt, jedes Arrangement, jede Vokalpassage, darf von diesem Klang nicht ablenken. Deshalb habe ich mich bei der Produktion darauf konzentriert."

Martin Schuster

CD-Tipp:

- radio.string.quartet "in between silence", Jazzland Recordings Norway

Konzert-Tipp:

radio.string.quartet:
23. Jänner 2018, Wien, Sargfabrik, 19.30 Uhr, www.sargfabrik.at 

Web-Tipp:

www.radiostringquartet.net

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