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Rock goes Jazz goes Rock The Base & Jazz Orchester Steiermark – The Big Base

 

Aus der Steiermark ist ein großes Tuten und Blasen rund um die Indie-Rock Kultband The Base zu vermelden. Was das wohl zu bedeuten hat?

The Big Base Band live/ Foto: Peter Purgar

Was macht eine Österreicherin, einen Österreicher aus? Glauben wir den für das simple Gemüt passend formulierten Sonn- und Feiertagsreden, so bestimmt sich die nationale Identität durch den Stolz auf Berge und Seen, für deren Entstehen kein Österreicher je eine Hand gerührt hat. Derart unberührt vom Weltenlauf bestehen die Bewohner inwendig aus Schnitzel, gekleidet in Lederhosen und Dirndl. Blasmusik, "Volksrock'n'Roll" und Nationalismus liegen in der Luft. Ohne den schäbigen Rest der Welt wäre man glücklicher und stolzer.

Da man aber in Wien sowieso alles anders sieht, hupfen wir einfach woanders hin und fragen nach dem typisch Österreichischen in einem ganz anderen Bundesland. Wo laufen sie denn, diese Alm- und Alpen-Bewohner? Etwa in der Steiermark, gar in Graz?

Wer irgendeinem Musik-, gar Jazzinteressierten im deutschen oder gar internationalen Sprachraum allerdings das Stichwort "Graz" entgegenruft, dem wird eben nicht mit einem Schnitzel zurückgewunken.

Denn Jazzhistoriker werden an das Konzert der Jazz-Ikone John Coltrane erinnern, das er am 2. November 1962 im Grazer Stefaniensaal abhielt. Und was wäre Graz ohne das 1964/65 an der Akademie Graz gegründete Institut für Jazzforschung, heute bestens in der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz aufgehoben. Zu denen, für die ein im damaligen Sprachgebrauch so genannter "Lehrstuhl für "musikalische Afro-Amerikanistik" vorgesehen war, gehörte der bekennende deutsche, anglisierte und später österreichische Marxist, der bestens in der amerikanischen und britischen Szene vernetzte Jazz-Kritiker, Autor und spätere Sexualforscher Ernest Borneman. Statt seiner war es Alfons Dauer (1921 - 2010), der bis 1991 den Lehrstuhl für Afro-Amerikanistik innehatte und bahnbrechende Arbeiten zum Jazz verfasste. So gingen von Graz wegweisende Impulse für die internationale Jazz-Szene aus. Amerikanische Dozenten wie Mark Murphy oder Sheila Jordan sorgten für praktische Nachhilfe, und die einheimische Jazz-Szene lehrte wo? In Graz. Hier verbindet sich Jazz mit der Welt, wird der Jazz als Weltmusik zu einer österreichischen Angelegenheit. Vice versa.

Einer der hochangesehensten Lehrer zwischen 1983 und 2000 war Karlheinz Miklin. Und der ehemalige Professor der Saxofon-Klasse ist alles andere als jemand, der die Welt draußen halten will und sich mit einem Schnitzel hinter einer Mauer auf einer Berghütte verschanzen will. Als Vortragender und als Musiker war er in Berlin, Bern, Basel, Den Haag, Barcelona, Buenos Aires, Porto, Riga oder Seattle zu hören. Der international geschätzte und mit Preisen prämierte Miklin entspricht also nicht einen Moment lang dem Klischeeösterreicher.

Karlheinz Miklin, der Saxofonist, ist nicht mit Karlheinz Miklin, dem Schlagzeuger, zu verwechseln. Immerhin aber stehen beide in einem Verwandtschaftsverhältnis zueinander, sind Vater und Sohn. Wie der Vater, so der Sohn. Auch er bewegt sich auf seinen Fellen nicht auf den Pfaden des Brauchtums und der einheimischen Volksmusik. Er ist Schlagzeuger bei The Base, einer Band, die, so heißt es, "Indie-Rock" mache. Schubladen wie "Indie-Rock" sind natürlich genau so doof wie Klischees, und wer sich die Musik des Trios anhört, kann sich eigentlich nur fragen, warum diese Band aus Graz nicht weltberühmt, also eher "overground" als "underground" ist. "Slomo Mother's Son" - bitte jetzt googeln bei YouTube - etwa ist ein ruhig gehaltener Song mit eingängiger melodiöser Hookline, einem soliden Fundament aus Drums, Bass- und Gitarrenklängen, einigen Zaubertönen von Geige und Trompete, getragen von einer dunkel-dröhnenden Stimme mit englischem Gesang. Der Song, zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle gespielt, könnte Weltgeltung haben, der Gesang könnte aus der Wüste Nevadas oder Tuscons kommen. Melancholie, die überall passt.

Allein, die Stimme gehört Norbert Wally. Der ist seines Zeichens seit Ende der achtziger Jahre Sänger der in Graz gegründeten Band The Base. Doch selbst das Video, das ihn zeigt, wie er durch Straßen geht und dann in einer Art Kellerbar landet, wo er seine Bandgenossen trifft, könnte in jeder westlichen, rock-affinen Stadt des Westens spielen. Es wurde aber in Graz gedreht. "Ja", beantwortet Wally die Frage nach dem Drehort. "Da gehe ich in den 'Scherbengarten'", erklärt er. Der "Scherbengarten" ist offensichtlich eine in Graz beliebte Location für eine Musik, die sich in Kellerräumen verkriecht, aber Weltgeltung haben sollte.

Der kundige Betrachter erkennt zudem nicht nur die Base Mitglieder Norbert Wally, Karlheinz Miklin und Albrecht Klinger, sondern in den Mitspielern an der Geige und Trompete die Virtuosen Kurt Bauer und Imre Bozoki.

1997 konnte man, weit entfernt von Graz, Kurt Bauer auf der Musikmesse POPKOMM in Köln (D) erleben, wie er aufgekratzt Werbung für seine damalige, in Graz stationierte Band Deishovida machte. Bandmitglieder waren neben ihm der heute weltberühmte Drehorgelspieler, mittlerweile in Wien lebende Matthias Loibner und der Akkordeonist Lothar Lässer, den es vor einigen Jahren zu Stefan Sterzingers "Experience" nach Wien verschlug. Alle drei waren später im Sandy Lopocic Orkestra zu finden, jener Band, die mit ihrer Mixtur aus Jazz und Balkanwildheit maßgeblich den Balkan Brass Hype in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends entfachte. Mit Shantel ging es weiter, und Bauer war abermals mit dabei und spielte in den Clubs der Welt zum Tanz auf.

Als der Name von Sandy Lopicic, verbunden mit einer Erzählung von wilden gemeinsamen Slibovic-Räuschen und Cevapcici-Orgien fällt, muss Wally lachen. "Sandy ist ein lieber Freund von mir, wir fahren zusammen in den Urlaub und gleich habe ich mit ihm und anderen Musikern eine Probe für ein 'David-Bowie-Tribute-Concert'." Mit anderen Worten: Der serbisch-österreichische Musiker, der mit seinem Orkestra einst die Bühnen der Welt stürmte, ist nach der Auflösung der Band in Graz geblieben und hat sich dort ein eigenes Universum rund um Theatermusiken und Projekte geschaffen. Und in dem dank Bowie von Major Tom gelenkten Raumschiff treffen sich die Welten von Rock, Balkanfolklore und Jazz. Wobei Ziel und Abflugsort beide Male die Steiermark ist.

Weltoffenheit lässt sich offenbar lernen und lehren. In Graz.

Foto: Rainer Rygalyk

Basisarbeit

The Base sind eine Band aus Graz, die nach internationalem Rock klingt. 1996 erschien ihre erste EP, "Jet Crash Kills" mit vier Songs. Danach erschienen, fast im Zweijahresrhythmus, Alben, mit denen sich das Trio unter die Top 5 des Amadeus Awards spielte. In Wien standen sie mit Element of Crime auf der Bühne des Burgtheaters, traten aber auch in L.A. und in London auf. Zumindest in Graz genießen sie Kultstatus, und Wally ist selbstbewusst genug, um Fragen nach Einflüssen auf ihre Musik auf eine ganz eigene Art zu beantworten: "Einflüsse? Wir sind schon so lange The Base, da sind wir schon unser eigener Einfluss!" Er lacht, und das dunkle Timbre seiner Stimme erinnert an ... und da führt er den Satz schon zu Ende " ...ja, es stimmt. Natürlich, wegen meiner Stimme stellt Nick Cave eine Verbindung dar. Und klar, früher habe ich auch Beatles, Kinks und Pink Floyd gehört. Aber heute sind wir seit Jahrzehnten eben The Base! Als Base sind wir hier Kult." 2017 erschien "Disco Bazaar", und zur Jahreswende 2018-2019, also knapp den Zweijahresrhythmus einhaltend, erscheint das Werk, das die Basis noch einmal vergrößern soll.

Denn es gilt ein neues Werk zu feiern, bei dem, als wäre es das Natürlichste der Welt, Rock und Jazz eine Hochzeit feiern. Es heißt " The Base & Jazz Orchester Steiermark - The Big Base Band". Bekanntlich rümpfen Kritiker bei derlei Fusionen die Nase. Ob es nun heißt, Jazz goes Classic oder Classic goes Rock oder Jazz goes Rock, das Ergebnis derartiger künstlerischer Verfeinerungen der Genres ist zumeist prätentiös, swingt oder rockt nicht und unterspringt die von den jeweiligen Genres definierten Ansprüche. Die Lederjacke passt halt nicht jedem, und Frack tragen muss auch erst gelernt werden. Mit den Worten "Du musst dir das neue Album einfach einmal anhören, das ist kein einfacher Genremix", gelingt es Wally, den ersten kritischen Einwurf zurückzuweisen. "Ich singe meinen Part exakt wie mit The Base. Aber die Arrangeure haben den Rest drumherum auseinandergenommen und neu wieder zusammengestellt, interpretiert. Die Jazzer haben also nicht einfach nur einige Teile jazzmäßig schneller gespielt nach dem Motto 'Jetzt swingen'." Mögliche etwaige eigene Widerworte müssen zudem tapfer hinuntergeschluckt werden, weil die Post in Wien nicht weit- und weltläufig genug war, die Demo-CD rechtzeitig zuzustellen. Sigi Feigl fügt hinzu: "Natürlich laufen wir mit dem neuen Projekt Gefahr, uns zwischen alle Stühle zu setzen. Es gibt die beinharten Base-Fans und die Jazz-Fans. Aber wir verjazzen nicht Rock. Sondern versuchen, einen neuen Zugang zum Werk von The Base zu finden. Hier müssen die Arrangeure - Viola Hammer, Peter Lenz, Christof Ressi, Emiliano Sampaio und Vincent Veneman - gelobt werden. Es war ihre feinfühlige Arbeit, die das Orchester glänzen lässt." Herrlich aufpoliert erklingt das Ganze: Wallys Timbre, röhrende Saxofone und pustende Posaunen, die Jazzer treiben die Rocker voran; es fetzt, weil es passt.

Warum Feigl nicht die Musik der Beatles, der Kinks, der Who oder Pink Floyd, gar die von Nick Cave verjazzt, erklärt sich einfach: "Ich kenne und liebe die Musik der Band schon seit über zwanzig Jahren. Und Peter Lenz, einer unserer Arrangeure, kennt und liebt sie noch länger! Er ist quasi mit ihr aufgewachsen." Für Fanliebe gibt es Extrapunkte und deshalb ist das eine Antwort, die punktet. Sie ist allerdings nur ihr erster Teil.

Foto: Rygalyk

Blasen bis zur kulturellen Identität
Feigl kennt auch den zweiten. Er ist gewissermaßen das Hirn hinter dem neuen Projekt. Wie so viele österreichische (Jazz-)Musiker, die das Tuten und Blasen in einer Blaskapelle erlernten, begann auch der 1961 in Leibnitz Geborene sein Spiel auf der Klarinette in einer derartigen Formation. Als 15-Jähriger hatte er dann sein besonderes Erweckungserlebnis: "Ich habe eine Aufnahme von Benny Goodman gehört und sie zu Haus gespielt, bis sie zerbrach." Goodman, Glenn Miller, sie hatten in dem jungen Feigl einen begeisterten Hörer gefunden, der es nicht beim Hören beließ. 1979 gründete er bereits die Big Band Süd, die alsbald ein stark vom Jazz beeinflusstes Programm spielte. Rund um das Orchester gab es zudem Workshops, entfaltete Feigl zunehmend auch seine Fähigkeiten als Veranstalter und Lehrer, nicht zuletzt auch in seiner von ihm gegründeten privaten "Musikschule Sigi Feigl". Ja, er hat bei Karlheinz Miklin studiert, und er hat Big Bands geleitet, in denen er u.a. den von ihm hoch verehrten Bob Brookmeyer mit Art Farmer and Toots Thielemans, Bobby Shew, Ed Neumeister, Dusko Goykoviv, Bosko Petrovic, Frank Mantooth und Mark Murphy als Gäste begrüßen konnte. In Graz und in Leibnitz hat er über 1500 Veranstaltungen im Kultursektor organisiert, von den Leibnitzer Jazztagen hin zu den Leibnitzer Bluestagen, er hat das HGM Jazzorkestar Zagreb aufgebaut und geleitet, das u.a. ein Beatles-Tribute-Album einspielte, er hat eine Big Band in Graz aufgebaut, aus der Heinrich von Kalnein und Michael Schaffer die erfolgreiche Jazz Big Band Graz machten und eben jetzt mit dem Jazz Orchester Steiermark das laut Eigenwerbung "vielleicht ungewöhnlichste und spannendste Crossover-Experiment in der jüngeren steirischen Musikgeschichte" aufgestellt.

Ein wichtiger Faktor beim Musikmachen lässt sich in seiner Biografie ablesen: Er ist eben nicht nur Musiker, sondern darüber hinaus Lehrer und Organisator. "Mir ist es wichtig, dass wir die Talente der Region entwickeln, dass wir uns als steirische Musiker und Musikerinnen zusammen finden." Insofern war es nur logisch, dass sich das Jazzorchester Steiermark nicht der Musik von Nick Cave, sondern der von der Grazer Band The Base zuwandte. Die Fanliebe ist eben nur eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite steht die Entwicklung der eigenen kulturellen und regionalen Identität. Wer sie anhand einer Musik wie dem Jazz sucht, der das Prinzip der Weltoffenheit in sich trägt, kann nicht auf den Holzweg geraten und zwischen Bergen und Seen verloren gehen. ......Harald Justin

CD - TIPP

The Base & Jazz Orchestra Steiermark "The Big Base Band, Konkord

WEB - TIPP

www.the-base.at 

www.gamsbartjazz.at 

LIVE - TIPP

24.01.: Wien, Porgy & Bess, 20.30 Uhr, www.porgy.at 

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