Interview Forq 18.10.2019, Salzburg

Hier lesen Sie das vollständige Interview zum Artikel der CONCERTO-Ausgabe 6-19. 

FORQ /FotoCredit: Archiv Concerto

Martin Schuster: Gibt es einen Unterschied zwischen amerikanischem und europäischem Publikum, und auch Unterschiede zwischen einzelnen europäischen Ländern?

Chris McQueen: Ja, sowohl als auch. Wir haben den Eindruck, dass europäisches Publikum generell besser zuhört.Kevin Scott: Die benehmen sich besser.CMQ: An manchen Orten ist das Publikum undisziplinierter, z.B. in Irland oder Polen.Henry Hey: Wir haben in Bukarest gespielt, da sind sie auch ziemlich ausgeflippt.CMQ: Aber es kommt auch sehr auf den Veranstaltungsort an, denn manchmal spielen wir in Theatern. Dortverhalten sich die Leute sehr höflich, für unseren Geschmack fast zu höflich. Und dann wieder spielen wir in Rock-Clubs. Es gibt also einige Variablen, aber es kommt sehr auf das jeweilige Land an.

HH: Wenn ein Publikum sehr zurückhaltend ist, versuchen wir sie manchmal dazu zu bringen, doch ein weniglauter zu sein. Wenn die Zuhörer wie Steine dasitzen, dann sind wir als Band auch nicht so motiviert. Wenn siesehr weit weg sitzen, holen wir sie manchmal vor die Bühne. Wir sagen dann: Stellt euch doch knapp vor dieBühne und nehmt an diesem Konzert teil. Bei Musik geht es um Kommunikation, und wir wollen mit unseremPublikum kommunizieren.

MS: Ist FORQ vor allem eine Live-Band?

HH: Ja, klar. Es ist auch eine Studio-Band, aber vor allem eine Live-Band.KS: Ja, total.SMQ: Wir konzentrieren uns sehr darauf, unsere Alben genau so zu machen, wie wir sie wollen. Aber wir sehenunsere Live-Auftritte als ein vollkommen anderes Konzept. Wir spielen unsere Songs so, dass sie live wirklich gutfunktionieren, und dabei machen wir uns nicht allzu viele Gedanken darüber, dass wir genau das Albumnachspielen. Aber es sind zwei verschiedene Dinge für uns.
MS: Und im Studio habt ihr mehr Möglichkeiten, um euch auf Sounds und Details zu konzentrieren.HH: Natürlich. Wir lieben einzigartige, ausgeflippte Sounds, und wir lieben es, alles Mögliche auf ungewohnteWeise zu kombinieren.

MS: Ich sollte jetzt nicht das Wort "Fusion" sagen, weil ihr das nicht so liebt im Bezug auf FORQ. Können wiruns darauf einigen, dass ihr eine Groove-lastige Band seid?

HH: Wenn wir danach gefragt werden, sage ich meistens: Es ist improvisierte, Groove-basierte Musik. Manchmalwird das Jazz genannt, manchmal Funk oder Rock ... Manchmal nennen sie es FUSION. Mir wäre es lieber, wennFusion nicht nur diese eine spezielle Bedeutung hätte, aber wenn man es genau nimmt, ist es eine gute Erklärungfür Musik, bei der Genres kombiniert werden. Und das machen wir ja.KS: Eine Zeitlang war es ja in Ordnung, aber dann kamen Leute, die sehr schlechte Fusion machten, und jetzt istder Begriff ein wenig negativ besetzt.

MS: Seht ihr euch selbst als Teil irgendeiner Tradition?

SMQ: Nein, nicht wirklich. Wir alle haben natürlich unsere musikalischen Vorlieben, was Bands und Plattenangeht. Wir stehen in dieser Tradition von Musikern, die ihre eigene Musik machen, herumreisen und fürverschiedene Leute in verschiedenen Ländern spielen und dabei hoffentlich einen guten Eindruck hinterlassen.Aber wir würden das nicht auf eine bestimmte Band oder Musikrichtung festlegen. Wir wurden ja alle anverschiedenen Orten geboren und sind mit unterschiedlichen Arten von Musik aufgewachsen.HH: Wenn es um irgendeine Tradition bei uns geht, dann ist es die Band: Vier Leute kommen zusammen undkreieren einen speziellen Sound. Es ist eine Mischung von Persönlichkeiten, und wenn du es zum zweiten Malhörst, dann weißt du, dass es etwas Einzigartiges ist.

Was ist das für ein Sound?

Oh, es ist FORQ! Wir hoffen, dassdas unsere Tradition ist: Eine Gruppe, die lange genug zusammen spielt, um einen einzigartigen Sound zukreieren, im Gegensatz zu der Einstellung "Der ist ein großartiger Solist, hör dir diese Wahnsinnsaufnahme an!"
MS: Wenn ich mir die Songs auf "Four" anhöre, bekomme ich das Gefühl, dass ihr eine Menge Spaß beimSpielen habt ...SMQ: Ganz sicher. Das wird auch immer wichtiger, je länger wir zusammen sind: Wir wollen den Spaß in unsererMusik betonen...HH: ... und den Humor.SMQ: Heutzutage gibt es so viel Musik, die viel zu ernst ist, die sich selbst zu ernst nimmt. Wir erzählen gern mitunseren Songs Geschichten oder malen Bilder. Es ist etwas Expressives. Auf dem neuen Album gibt es Songs, dievielleicht nicht von vornherein auf Humor basieren, aber wenn ein Song in diese Richtung gehen will, dann lassenwir das zu.

MS: Es gibt da so eine Stelle bei "Grifter", wo ihr euch mit kurzen Solo-Statements abwechselt ...

SQM: Ja, ja, das genießen wir sehr und fordern uns auch heraus. Wir haben das auch gefilmt, und es wurde dannimmer verrückter. Wir begriffen dann plötzlich, dass wir uns eine halbe Stunde in diesem Labyrinth verlaufenhatten und mussten uns dann selbst zurückholen. Es soll ja schließlich auch ein Genuss sein, sich diese Platteanzuhören, und es soll nicht wirken wie ein Comedy-Sketch. Aber ja, es gibt da ein Hin und Her zwischen tausendverschiedenen Instrumenten ... Wir versuchen die Balance zu halten zwischen diesen verrückten Sachen undeinem Song, der noch immer musikalisch sinnvoll ist.

MS: Ihr habt gerade euer viertes Album veröffentlicht. Kann man sagen, dass es eine kontinuierliche Geschichtevom ersten zum zweiten und so weiter gibt?

HH: Es ist ein Werdegang. Die Band begann als ein paar Leute, die gern miteinander spielten. Das war in derberühmten 55 Bar in New York. Kevin war dort Stammgast, und wir haben auch als Band dort schon oft gespielt.Dann haben wir begonnen, diesen Bandsound zu entwickeln. Das war dann ab dem zweiten Album, als Chris anBord kam. Er geht alles vom Klang her an, und er hat ganz eigene Ideen davon, wie eine Gitarre klingen kann.Auch Kevin brachte interessante Bass-Sounds ein. Unser Werdegang von der ersten bis zur vierten Platte istgeprägt von diesem Streben nach einem eigenen Sound, sowohl individuell als auch als Band. Darauf sind auchdie Kompositionen abgestimmt, und wir konzentrieren uns darauf, das zu verfeinern.
CMQ: Wir können mit FORQ die Musik machen, die wir gern schreiben, und zwar genau jetzt. Da denkt man nichtso sehr über die Bandgeschichte nach, denn wenn wir ein Album machen, dann besteht es aus der Musik, die unsgenau in diesem Moment beschäftigt. Das Album erhält allein schon dadurch seinen eigenen Sound und seineeigene Geschichte, weil wir uns alle mental am gleichen Ort befinden. Aber unser Werdegang ist sicher nichtgeplant. Jedes Album spiegelt unser Leben wider. Wenn wir das nächste Mal für Aufnahmen zusammen kommen,wissen wir überhaupt nicht, wie es klingen wird. Wir könnten dann etwas Außergewöhnliches machen, indem wirnichts Außergewöhnliches machen ...

MS: Wie wär's mit einem akustischen Album? Standards!

HH: Ja, Akkordeon, akustischer Bass und Gitarre ...KS: Und eine Teekiste.HH: Eine Bongo-Trommel.

MS: Wie hängt die Geschichte von FORQ mit Snarky Puppy zusammen?

CMQ: Es sieht nach sehr vielen Parallelen aus, weil der erste Bassist von FORQ eben Michael League war, und erist natürlich Mr. Snarky Puppy. Natürlich konstruieren manche Leute dann Zusammenhänge, und wir verstehendas auch. Aber FORQ ist seit Jahren etwas Eigenes, auch wenn JT und ich manchmal mit Snarky Puppy spielen. Wirmöchten aber nicht, dass man FORQ als kleinen Ableger von Snarky Puppy betrachtet. Es war von Anfang an eine total andere Band, auch wenn das von außen vielleicht nicht so aussieht. Aber auch im Internet steht jede Menge Blödsinn darüber.

HH: Michael League und ich gründeten FORQ zusammen. Das war zu einer Zeit, als es gerade mit einer anderenBand langsam zu Ende ging, nämlich mit Rudder. Das war eine Band, in der ich mit Keith Carlock, Tim Lefebvreund Chris Cheek spielte. Michael hatte Snarky Puppy schon ganz allein auf die Beine gestellt, und sowohl er alsauch ich entschieden uns, etwas zu machen, das weder mit Snarky noch mit Rudder etwas zu tun hatte. Wirfragten dann noch JT als Schlagzeuger und den Gitarristen Adam Rogers, das war ein vollkommen eigenständigesProjekt. Michael war eben auch dabei. Als Chris dann an der Gitarre einstieg, war das auch nicht, weil er vorhermit Snarky Puppy gespielt hatte.CMQ: Wir sind jetzt auch vom Snarky Puppy Label weggegangen. Diese neue CD kommt auf unserem eigenenLabel heraus, das ist sozusagen unser Schritt in die Unabhängigkeit.HH: Und wir haben jetzt Kevin Scott am Bass, der seit zwei Jahren mit uns fix auf Tournee ist!

MS: Henry, deine Keyboard-Sounds sind sehr speziell. Du kreierst sie auch zum Teil selbst?

HH:Ich bin ein großer Fan von allen möglichen Vintage-Keyboards. Ich habe es gut, denn meine Frau ist auchMusikerin und versteht mich, denn ich habe 16 Keyboards in meinem Wohnzimmer in Manhattan, in einer 70-Quadratmeter-Wohnung, Orgeln und Synthesizer und so weiter. Ich spiele gern auf allen diesen Instrumenten,und als wir die neue Platte aufnahmen, habe ich sie alle in einen Lieferwagen geladen und ins Studio gebracht,und ich habe mir sogar noch drei weitere ausgeborgt. Ich liebe alle diese Sounds, aber wir können das aufTournee nicht alles mitnehmen. Wir müssen ja auch mit dem Flugzeug reisen, deshalb bringe ich einen Laptop mitund ein kleines Keyboard, und das ist meine ganze Ausrüstung. Ich versuche so gut wie möglich alle Sounds alsSoftware nachzubauen. Das ist harte Arbeit, und ich mache das schon eine ganze Weile, aber inzwischen kann iches schon sehr gut. Ich liebe seltsame, unübliche Sounds.

MS: Henry und Chris, ihr seid die zwei Hauptkomponisten auf dem neuen Album. Wie genau arbeitet ihr eureKompositionen aus, bevor ihr sie zum ersten Mal in eine Probe mitbringt?

CMQ: Wir versuchen so viel wie möglich auszuarbeiten, einfach aus praktischen Gründen. Wir habennormalerweise ein kleines Zeitfenster, weil jeder von uns auch mit anderen Dingen beschäftigt ist. Wenn man nureine Idee mitbringt und dann darüber jammt, dann kann es einen ganzen Tag dauern, bis etwas Brauchbaresherauskommt. Das haben wir alle schon oft gemacht, vor allem als wir noch jünger waren, und das ist auch etwasganz Tolles für eine Band. Aber bei FORQ sollte ein Demo schon so nahe wie möglich am Endprodukt sein, unddas Schöne an dieser Band ist, dass alle mit ihrer Kreativität etwas beitragen. So dauert es dann vielleicht zweiStunden, um festzulegen, wie man am besten von diesem Teil in diesen Teil kommt oder ob man etwaswiederholen sollte. JT schreibt fast immer seine eigenen Schlagzeugnoten, aber wenn ich die schon mitbringe,kann es auch sein, dass ihm gleich mein Vorschlag gefällt. Insgesamt spart man viel Zeit, wenn man auch dieArrangements schon fast fertig mitbringt und das als Ausgangspunkt nimmt.HH: Ja, es ist spannend etwas zu schreiben und dann zu sehen, wie sich das total verändern kann und überraschend sein kann. Manches in unserer Musik klingt nach Pop, aber es gibt immer Momente, wo man beim Zuhören sagt: Was ist da gerade passiert? Und meiner Meinung nach sind das die besten Momente in jeder Artvon Musik. Ich liebe Überraschungen, und wenn wir schon mit fertigen Kompositionen zur Probe kommen, können wir dieses Überraschungsmoment besser kalkulieren.

MS: Werdet ihr nächstes Jahr wieder in Europa spielen?HH: Ja, im April. Vielleicht auch wieder in Österreich.

MS: Henry, du hast auch mit David Bowie kurz vor seinem Tod zusammengearbeitet, speziell an seinem Musical"Lazarus". Es gibt ja jetzt wieder Shows davon ...HH: "Lazarus" ist sein letztes Werk, und es ist für die Bühne geschrieben worden. Er hatte die Grundidee und ließsie von dem Autor Andy Walsh ausarbeiten. Ein Teil davon sind 17 von Davids Songs. Ich habe mit Davidzusammengearbeitet, was die Arrangements und Adaptionen dieser Songs für das Musical anbelangt. Es kam2015 in New York heraus, dann ein Jahr später in London, und jetzt hatte es gerade in Amsterdam Premiere. Dasist die dritte offizielle Version, dazu gab es auch Fassungen, die in Lizenz vergeben wurden, in Österreich undDeutschland. Die verwenden zwar auch meine Arrangements, aber das sind sehr freie Bearbeitungen, die nichtvon mir stammen.

MS: Du hast aber auch auf dem Original Soundtrack gespielt, oder?

HH: Ja, und Chris auch, er war die erste Gitarre.

MS: Was war dein stärkster Eindruck von David Bowie?

HH: Er war ein außergewöhnlicher Mann, der netteste, freundlichste Mensch, den man sich vorstellen kann. Erwar immer daran interessiert, was andere Künstler machen. Trotz seiner Krankheit arbeitete er mit Schauspielernund Sängern, und man bemerkte diese Freude in seinen Augen, als er sah, was andere Leute aus seinem Werkmachten. Er behandelte jeden als gleichgestellt, und am liebsten setzte er sich mit Leuten einfach zusammen. Esging nicht um "David Bowie Superstar". Das war ihm zuwider, er wollte ganz locker mit allen reden. Für mich warer ein Vorbild dafür, wie Menschen einander behandeln sollten.

CD-Tipp:

FORQ „Four“, Forq Eigenverlag

Web-Tipp:

www.forqmusic.com 

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