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Michael Janisch – Ein Mann vieler Welten

Mit "Worlds Collide" veröffentlicht der im Vereinigten Königreich residierende Amerikaner Michael Janisch sein drittes Album als Leader auf seinem eigenen Label Whirlwind Recordings. Seinen Alltag verbringt der Bassist zwischen verschiedenen kulturellen - primär der britischen und der amerikanischen - Welten, während er gleichzeitig ein intensives Doppelleben als Musiker sowie in der Rolle des Label Chefs führt. Damit nicht genug, offenbart der umtriebige Unternehmer auf seinem neuesten Werk nicht nur im Titel der CD, sondern vor allem mit dem Inhalt, in welchem Ausmaß er sich musikalisch in den verschiedensten Stilrichtungen zu Hause fühlt. Nach ihm dürfen diese vielfältigen Musikrichtungen nicht auseinandergehalten werden, sondern müssen miteinander kollidieren.

Michael Janisch / FotoCredit: Carl Hyde

Es ist kein Leichtes, wenn man im Grunde genommen zwei Vollzeitjobs gleichzeitig ausübt. Der in Wisconsin aufgewachsene Bassist Michael Janisch emigrierte 2005 nach Großbritannien zu seiner zukünftigen Ehefrau Sarah und gründete dort 2010 das Label Whirlwind Recordings, auf welchem er im Gründungsjahr noch sein Debütalbum "Purpose Built" veröffentlichte. Seitdem befindet er sich das Jahr über stets mit einem Fuß im Studio und mit einem anderen auf Tour, während zwei weitere entweder vor dem PC und am Telefon sitzen oder neue Kompositionen schreiben. Wie das aufgehen soll, weiß wohl nur er selber. Dass es zum Jahresende noch einmal besonders heiter wird, beweist der verzögerte Prozess der Kontaktaufnahme für das Interview mit ihm. Die Erklärung: "Ich bekomme unheimlich viele Anrufe und Mails von Nummern und Adressen, die ich nicht kenne. Meistens sind es irgendwelche Anfragen für das Label. Vor allem gegen Ende des Jahres fällt vielen Künstlern plötzlich ein, dass sie zu Beginn des nächsten Jahres doch gerne ein Album bei Whirlwind Recordings veröffentlichen würden." Im Großen und Ganzen kann er die Arbeitslast aber ohne weitere Probleme bewältigen und freut sich über die viele Beschäftigung und neue Musik. Dennoch erfordert es viel Disziplin und Konzentration, sich um so viele Dinge gleichzeitig zu kümmern. So kommt es, dass, wenn man mal mehrere Stunden im Tourbus sitzt und alle anderen ein Nickerchen machen, er den Laptop auspackt, um diverse Arbeiten für das Label zu koordinieren. Gleichzeitig erfordert das Dasein als Labelchef in London auch eine gewisse lokale Präsenz, die ihm das Familienleben mit seiner Frau und zwei Töchtern ermöglicht. Schließlich ist Sarah auch einer der Hauptgründe, weshalb er sich überhaupt in London befindet.

Er lernte sie auf einem Kreuzfahrtschiff in der Karibik kennen, wo er seinen Studienabschluss am Berkley College of Music Boston mit anderen Freunden und Absolventen zelebrierte: "Meine Berkley-Freunde und ich bekamen das Angebot, mehrere Monate auf einem Kreuzfahrtschiff als Musiker zu arbeiten und entschieden uns sehr spontan es anzunehmen und somit zwischen dem Studium und dem Vollzeit-Arbeitsleben auch etwas entspannen zu können. Während wir den ganzen Abend Standards spielten, arbeitete meine jetzige Frau dort im medizinischen Spa. Nachdem mein Vertrag ausgelaufen war, kehrte ich mitten im Winter nach New York zurück. Mir bekam der Winter nicht gut, da ich noch vom tropischen Klima verwöhnt war und Sarah vermisste, woraufhin ich sie, nach Auslauf ihres Vertrags, in London besuchte. Wie man sehen kann, blieb es nicht einfach nur bei einem Besuch."

Label-Besitzer und Jazzmusiker:Michael Janisch / FotoCredit: Carly Hyde

Seit dem Umzug nach England und der darauf folgenden Gründung von Whirlwind Recordings nimmt die Frequenz der Veröffentlichungen auf seiner Plattenfirma stetig zu. Noch beeindruckender als die Quantität allerdings äußert sich das qualitativ hochwertige Niveau der Erscheinungen auf dem Label: Neben etablierten musikalischen Größen wie den Gitarristen Rez Abbasi und Matthew Stevens einerseits oder den Saxophonisten Seamus Blake und Walter Smith III andererseits, vertritt Whirlwind Recordings auch die Interessen der ebenso talentierten und vielversprechenden jüngeren Generation an Jazzvirtuosen. Diese wird zum Beispiel von dem internationalen Viergespann Scopes repräsentiert, das in diesem Jahr sein selbstbetiteltes Debüt für das Label veröffentlicht hat. Wo es im Detail auf seinem Label musikalisch hingehen soll, ist Janisch eigentlich egal, Hauptsache, es ist gut: "Ich bin von einem breiten Spektrum an Musik fasziniert und inspiriert. Ich beschäftige mich ständig damit, neue Musik zu erkunden und liebe es zu sehen, auf welche innovativen Ideen die Menschen kommen."

Auch über die derzeitige Welle an vom Afrobeat beeinflussten Jazz, welche in der englischen Hauptstadt in den letzten Jahren Gehör gefunden hat, verliert Janisch ein paar Worte: "Einiges von der Musik höre ich sehr gerne, anderes ist nicht ganz meins. Aber so ist es ja mit jedem Genre. Im Groben handelt es sich bei dieser Musik, welche ja mittlerweile auch in den Mainstream-Medien großen Anklang findet, einfach um Jambands, die vom Afrobeat beeinflusst sind. Ich spiele auch mit vielen von diesen Leuten, und es kann schon eine Menge Spaß machen, einen Paar-Akkorde-Groove aufzubauen und auszukosten. Nach ein paar Songs wird es für mich aber uninteressant, ich vermisse dann das kompositorische Element." Janisch kommt in diesem Zusammenhang auf eine neue Kluft zu sprechen, die sich auch auf seinem neuen Album musikalisch abbildet: "Ein besonderes Phänomen, das für mich heraussticht, ist, dass mittlerweile viele junge Menschen ausschließlich durch diese vom Afro-Beat beeinflusste Szene Zugang zum Jazz finden. Demzufolge haben sie aber oft so gut wie keine Ahnung von anderen Jazzströmungen, weder den vergangenen noch von jenen in der Gegenwart. So kommt es, dass sich manche Leute mein neues Album anhören und mich anschließend fragen, weshalb ich nicht mehr Songs wie "Another London" schreibe, weil sie mit dem Rest nicht viel anfangen könnten. Andere Musikbegeisterte, die eher vom traditionellen Jazz kommen, können wiederum gerade mit dem Song nicht viel anfangen, freuen sich dann aber über klassische Jazzkompositionen wie "The JJ I Knew" oder "Pop". Das ist es im Kern, was mir am meisten Freude bereitet: Menschen, die vielleicht nur von einer Strömung Musik wissen, viele verschiedene Facetten des Jazz näher zu bringen. Das ist natürlich auch einer der primären Gründe für diesen spezifischen Titel meines neuen Albums."

Michael Janisch im Abbey Road Studio / Foto: Rob Blackham

Mit "Worlds Collide" tut Janisch genau das: Von modernen Groove-orientierten Kompositionen wie "Another London" oder "An Ode to a Norwegian Strobe" über abstrakte Jazzübungen wie "Frocklebot" bis hin zu kernigen Fusion Explosionen wie dem adäquat betitelten Schlusslicht "Freak Out" bewegt sich Janisch mit seiner Band stets entlang der Grenzen diverser Genres und befriedigt somit eine breite Hörerschaft. Gleichzeitig konfrontiert er sie mit Neuem, vermutlich Ungewöhnlichem. Neben dem eklektischen Musikgeschmack Janischs ist auch der zeitlich verschobene Kompositionsprozess eine Begründung für die breite Palette an Klangfarben und Strukturen, die hier aufgeboten wird. Tatsächlich entstanden die Stücke auf dem Album zu unterschiedlichen Zeitpunkten und aus unterschiedlichen Anlässen. So war beispielsweise das Albumeröffnende "Another London" ursprünglich für einen Indie-Film gedacht, für den schlussendlich die finanziellen Mittel zur Realisation fehlten. "Bei diesem Song passiert kompositorisch eigentlich viel mehr, als die Oberfläche vermuten lässt und er erfährt auch einiges an Entwicklung. Gleichzeitig hat das Stück aber diesen eingängigen throw-back 80s Vibe." "An Ode To a Norwegian Strobe" auf der anderen Hand entstand innerhalb einer Woche, in welcher Janisch das Haus ausschließlich für sich hatte und die Isolation für dieses Stück alleine beanspruchte. Die besondere Konzentration ist dem Stück anzumerken und äußert sich unter anderem im komplexeren Zusammenspiel, welches um ein virtuoses Gitarrenostinato aufgebaut ist. "Neben Groove-orientierten Stücken schreibe ich auch gerne etwas komplizierte Sachen, die vielleicht mehr von komponierten Elementen und erhöhter Dynamik geprägt sind. "An Ode To A Norwegian Strobe" ist einer dieser Songs, der wirklich nicht einfach zu spielen ist. Er ist von vielen verschiedenen Melodien und vertrackten Rhythmen durchzogen." Doch schreibt der Amerikaner komplizierte Dinge selbstverständlich nicht des Anspruchs halber: "Ich habe ganz einfach Spaß an komplexen Elementen und bin von dem Vorurteil mancher, Jazz sei oft zu *intellektuell*, tatsächlich auch wirklich gelangweilt. Als sei das, was Charlie Parker damals geschrieben und gespielt hat, nicht von hohem intellektuellem Anspruch gewesen. Intellekt und Emotion können sich sehr intensiv ergänzen. Ich weiß, das mag sehr egoistisch klingen, aber ich schreibe Musik nicht für ein Publikum, sondern ich schreibe Musik, die ich selber mag. Heute habe ich einfach das Glück, dass einigen Leuten dasselbe gefällt wie mir". Für die angemessene Durchführung solcher ambitionierten Nummern bedarf es natürlich auch der entsprechenden Musiker. Auch in diesem Punkt kommt Janisch aber nicht zu kurz, wobei er vor allem Rez Abbasi hervorhebt und behauptet, dass er "zwar einen internationalen Ruf haben mag, aber dieser bei weitem nicht so ausgeprägt sei wie er sein müsste. Er [Rez Abbasi] ist ein phänomenaler Musiker und sein Album "Unfiltered Universe" (2017) ist auf jeden Fall ein Highlight auf Whirlwind Recordings.", meint Janisch.

Für die Aufnahmen von "Worlds Collide" im Jahr 2017 arbeitet Janisch im berüchtigten Abbey Road Studio 3 auch über Abbasi hinaus mit der Creme de la Creme seines eigenen Labels zusammen: Neben Clarence Penn am Schlagzeug und den Bläsern Jason Palmer und John O'Gallagher tauchen auch die Gäste John Escreet, George Crowley und Andrew Bain auf, um den jeweiligen Stücken das i-Tüpfelchen aufzusetzen. Wie die Kollaboration mit diesen Musikern zu Stande kam, ist ein wenig dem Zufall geschuldet. Nach einer ausgiebigen Tour für das vorangegangene Album musste Janisch erstmal durchatmen: "Nach der Tour für Paradigm Shift war ich ziemlich ausgebrannt. Die Tour umfasste über 140 Gigs, und das logistische Drumherum war viel Arbeit. Darüber hinaus wird dasselbe Repertoire mit der Zeit natürlich auch immer fader. Der Grund, weshalb sich jene Formation jedoch schlussendlich auflöste, lag darin, dass die Mitglieder entweder aus London wegzogen oder gar nicht erst in England lebten. Somit konnte ich kein neues Material mit ihnen entwickeln. Als Whirlwind Recordings dann sowohl ein Showcase für drei Bands im EFG London Jazz Festival wie auch eines bei einem Kulturfest in der nördlichen englischen Stadt Holt angeboten wurde, bot sich natürlich die Gelegenheit, mit dem nun verfügbaren Budget dieses fantastische Aufgebot an Musikern - ja eigentlich Superstars - zu holen. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt zwar noch kein richtiges Bandkonzept ausgearbeitet, aber eben diese ganzen Kompositionen, welche ich mit der Zeit angesammelt hatte. So kam es nach einer neuntägigen Tour dann zu den Aufnahmesessions für "Worlds Collide"."

Selten kommen die Dinge im Jazz so gut zusammen, wie es für Janisch 2017 der Fall war, und der Bassist/Komponist scheint auch für die Zukunft große Pläne zu haben. Neben bereits geplanten Touren im Januar und September nächsten Jahres werden letzte Details für weitere Konzerte in 2020 noch ausgearbeitet, bevor Janisch dann auch schon das nächste Album aufnehmen will. Bei dieser Gruppe soll es sich nämlich nicht um ein einmaliges Projekt handeln, sondern um eine langfristige Kollaboration. Bis es aber so weit ist, kann erstmal das aktuelle Album der Band unter die Lupe genommen werden, welches randvoll mit unterschiedlichsten Ideen und spannenden Klängen gepackt ist. Michael Janisch selber fasst treffend zusammen: "Die Musik auf "Worlds Collide" kann als Analogie zu meiner unerschöpflichen Neugier verstanden werden. Das Album ist ein ziemlich guter Indikator für das, was man in der Zukunft von mir und dieser Gruppe erwarten darf". Friedrich Kunzmann

Aktuelle CD

  • Michael Janisch, "Worlds Collide", Whirlwind Recordings
  • Rez Abbasi, "A Throw of Dice", Whirlwind Recordings

WEB-TIPP

www.michaeljanisch.com 

www.whirlwindrecordings.com

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