Concerto > Concerto-Ausgaben > Ausgabe 6/2019 > Voodoo Jürgens

Scheitern an sich ist interessant

Voodoo Jürgens erzählt wieder Geschichten.

Das Debüt gleich ein Erfolg. Zahllose Interviews und Dauerpräsenz. Drei Jahre Konzerte und andere Projekte, etwa im Rabenhoftheater, jetzt der neue Tonträger. Voodoo Jürgens ist in dieser Zeit zu einer Marke geworden. Einer Marke, die von manchen in ein Klischee gedrückt wird, vor allem auch fotografisch. Das Bier, der Tschik, das Beisl. "Bassenapoet" oder "Beislpoet" wurde er, keinesfalls abwertend indessen, genannt. Ausdrücke, die ihm ebenso "wuascht" sind wie "Austropop", letztlich aber auch nicht wirklich stören, denn "irgendwie muss man sich ja ein Bild machen". Nun also "'s klane Glücksspiel". Passt ins Bild. Daher ab ins Wiener Cafe Weidinger zum Interview. Klischeebefreit.

Voodoo Jürgens gibt sich alles anders als bedeckt beim Interview mit dem CONCERTO / FotoCredit: Hoscher

Seit deiner ersten Platte "Ansa Woar" sind drei Jahre ins Land gezogen. War das bewusst, oder ist das einfach dein Arbeitsrhythmus?

Ich würde nicht sagen, dass es mein Arbeitsrhythmus ist, alle drei Jahre eine Platte herauszubringen. Ich tue das dann, wenn es mich freut und ich das Gefühl habe, dass sich genug aufgestaut hat, das heraus muss. Wir haben seit "Ansa Woar" sehr viel live gespielt, und das ist für mich nicht gerade die inspirierendste Zeit, um Songs zu schreiben. "Ansa Woar" hat ohnehin eine lange Zeit live bestanden, doch nun war das Gefühl da, dass wir auch neues Material brauchen.

War kein früherer Druck gegeben?

Es gab nach der ersten Platte schon Anfragen von Major-Labels. Da hätte man schnell etwas nachlegen müssen. So gesehen bin ich schon auch bewusst ausgewichen.

Anlässlich der "Ansa Woar" hast du einmal erwähnt, du hättest dich zum Schreiben drei Monate zurückgezogen und dich einem mehr oder minder fixen Tagesablauf unterworfen. War das bei "'s klane Glücksspiel" auch so?

Im Prinzip war es genauso. Ich funktioniere am besten in der Früh. Ich gehe etwas spazieren und setze mich dann zum Schreiben hin. Wir haben daher auch eine gewisse Auszeit von den Konzerten genommen, denn am Abend zuvor spielen geht bei diesem Konzept nicht. Ich muss da eine gewisse Ruhe aufbauen, um ins Schreiben hineinzukommen.

Die Themen der neuen Platte sind meinem Gefühl nach wieder eine Art Milieustudie der "kleinen Leute" und "kleinen Strizzis". Ist das der Kosmos, in dem du deine Themen findest?

Es war für mich irgendwie so, dass sich mit der ersten Platte etwas aufgetan hat, was spannend genug war, um einige Dinge weiter zu stricken. Das muss nicht immer so bleiben, aber einiges war noch nicht auserzählt. Ich habe mich einfach gefreut, etwas gefunden zu haben, in dem ich mich wohl fühle. Ich erzähle gerne Geschichten.

Tom Waits oder Randy Newman?

Eindeutig Tom Waits! 

Nick Cave oder Townes Van Zandt?

Beide! Ich habe auch ein Country-Projekt, und da haben wir uns sehr auf Townes gestürzt.

Wenn du jemandem, der noch nie einen Song von dir gehört hat, deine Musik beschreiben müsstest, wie würde das ausfallen?

Meine Musik kommt vom Geschichtenerzählen, im Wienerischen Dialekt, aus dem folkigen Bereich. Das Storytelling ist mein Kern. Zuerst setze ich mich hin und schreibe den Text. Der kann auch schon mal lange ohne Melodie für sich stehen. Musikalisch ist die Instrumentierung breiter geworden. Da fließt viel mit ein. Ich wollte z.B. zwar kein Jazz-Album machen, habe in letzter Zeit aber viel Jazz gehört. Im Laufe der Jahre, vor allem nachdem ich zur deutschen Sprache gewechselt bin, ist mir das klassische Popformat im Weg gestanden, also Strophe-Refrain-Strophe etc. Davon habe ich mich entfernt, auch wenn ein Song immer kompakt und auf das Wesentlichste reduziert sein muss. Aber man darf schon auch ausholen und Dinge verbildlichen. "Cafe Fesch" war eigentlich der Punkt, an dem ich dachte: "So kann ich's machen!"

Voodoo Jürgens /FotoCredit: Ingo Pertramer

"'s klane Glücksspiel" klingt für mich musikalisch sehr vielschichtig, sowohl von der Instrumentierung als auch von der Stilistik her. War nach deiner Band, Die Eternias, Voodoo Jürgens nicht eigentlich als Solo-Projekt angelegt?

Die Eternias hat es relativ lange, über zehn Jahre gegeben. Irgendwann war aber das Ende abzusehen, die Leute hatten ihre Jobs etc., das Ganze wurde zu einer Art Wochenend-Band. Ich habe das verstanden, es war mir aber zu wenig. Aus der Erfahrung der Gruppe heraus wollte ich dann etwas für mich alleine machen, so unkompliziert wie möglich. Ich bin dann oft mit der Gitarre in den Zug gestiegen, um irgendwo zu spielen, aber natürlich auch in Wien, in Beisln. Das war easy, aber gemeinsam mit anderen Musik zu machen, hat mir immer getaugt. Es war wichtig, mir selbst zu beweisen, dass es auch alleine geht, doch letztlich hat sich alles optimal entwickelt, wie es jetzt ist. Es war cool, Leute zu finden die mitmachen, und so ist wieder eine Band entstanden, aber mit anderer Dynamik als bei Die Eternias. Letztere waren vier MusikerInnen, die miteinander Musik machten, jetzt ist es zwar auch eine Band, aber die Verantwortung und Letztentscheidung muss einer treffen. Das war das Neue, Ungewohnte daran. Die Solo-Option bleibt mir immer offen, und irgendwann werde ich das auch sicher wieder machen. Das läuft mir nicht davon!

Du begegnest den Protagonisten deiner Songs ohne erhobenen Zeigefinger, fast empathisch. Täuscht das?

Das entstammt sicher einer gewissen Sympathie für Leute, bei denen nicht alles rund läuft. Wenn ohnehin alles passt, wüsste ich nicht, worüber ich erzählen sollte. Scheitern an sich ist interessant, ebenso das Kämpfen mit dem Alltag. Man merkt, dass viele Leute unzufrieden sind. Aus dem entsteht manchmal auch Hass, etwa beim Ausländerthema. "Lebenswerteste Stadt" oder Ähnliches, bringt dir nichts, wenn es nicht deine Lebenssituation widerspiegelt. Das übersieht man oft. "'s klane Glücksspiel" ist aber keine Konzeptplatte, jeder Song steht am Ende für sich.

Wieviel von dir steckt eigentlich in Voodoo Jürgens?

Ich packe sehr viel von mir hinein. Eine derartige Figur schafft aber natürlich schon die Möglichkeit, mehr darauf zu projizieren. Ab und zu überspitzt man auch, obwohl es sehr nahe bei mir drinnen ist. Ich schone mich da nicht wirklich, mache mich da schon auf.

Aber "Voodoo Jürgens" frisst dich nicht auf, wie eine Gefahr, die Willi Resetarits im Interview mit uns einmal mit Ostbahn-Kurti verband?

Nein. Das hat mir Willi auch erzählt, und ich kann das gut nachvollziehen. Man ist da schnell drinnen, und die Voodoo-Figur gibt das auch her. Im Endeffekt stehen auch hier die "Schnapserln" schnell da. Man hält sich dann nicht immer heraus, wenn's passt, bleibt man halt länger. Aber ich habe mir angewöhnt, dass es auch nicht schlimm ist, wenn ich einmal heimgehe, gerade, wenn wir unterwegs sind. Exzessives Zelebrieren muss nicht jeden Tag sein. Ein bisschen bedachter manchmal, schadet auch nicht.

Nun hast du auch Projekte neben der Musik. Wird sich das fortsetzen?

Ein wenig hat sich die Schauspielerei aufgetan. Mit einem Freund habe ich gerade einen Langspielfilm fertig gemacht, DIY-mäßig. Ein weiteres Projekt ist für Herbst geplant. Schauspielerei hatte ich interessehalber immer schon im Hinterkopf. Das kann mich als "Schreiberling" weiter und auch für Voodoo Jürgens etwas bringen. Ich finde, es ist wichtig, sich ebenso mit anderen Disziplinen zu befassen. Dann tut sich automatisch das Nächste auf.

Also kein Gedanke daran "kann ich mit Vierzig oder Fünfzig noch den Voodoo geben"?

Das kann ich drehen, wie ich will, so bin ich nie d'rauf gewesen und werde es sobald auch nicht sein. Als mit Ende Zwanzig alles ein bisschen trostlos war, habe ich mich ein wenig damit abgefunden, dass ich halt ab und zu spielen werde und eine Oasch-Hackn nebenbei mach'. Trotzdem habe ich gewusst, dass ich das eben so durchziehen werde. In Kauf nehmen, dass man wenig hat und lieber das machen, was mir taugt. Selbst wenn jetzt irgendwann alle Stricke reißen würden, wäre das zwar am Anfang auch oasch, aber im Grunde brauche ich nicht viel. Lieber ist es mir natürlich, wenn's rennt, und ich werde klarerweise daran arbeiten, dass es so bleibt.

Der Hektik des langsam einsetzenden, alltäglichen Abendverkehrs am Lerchenfelder Gürtel wurde - wie stets - der Zutritt zum Cafe Weidinger verwehrt, ein Zustand, der den immer weniger werdenden Alt-Wiener Cafes und Beisln gemein ist und war. Ein Gespräch hier zu führen, hat nichts mit Pose zu tun, sondern dient der Unterhaltung, im wahrsten Sinne des Wortes. Auch wenn inzwischen das Rauchverbot ebenso Einzug gehalten hat wie überall. Der erste Tschik seit Längerem muss daher bis zum Verlassen des Etablissements warten, allerdings keine Sekunde länger. Nicht dem Image, sondern dem Verlangen geschuldet. Authentisch. Voodoo Jürgens ist mit keiner Faser Klischee und schon gar keine Kunstfigur. Voodoo Jürgens ist schlicht und ergreifend Voodoo Jürgens. Auch, wenn dies selbst schon wieder nach Klischee klingt!

Und Bob Dylan heißt in Wirklichkeit übrigens auch nicht so. 

Dietmar Hoscher

VINYL/CD-TIPP

  • Voodoo Jürgens "'s klane Glücksspiel", Lotterlabel

LIVE-TIPPS

  • 2.12. & 3.12.: Wien, Arena
  • 4.12.: Salzburg, Rockhouse

  • 5.12. & 6.12.: Innsbruck, Treibhaus

  • 7.12. Saalbach, Bergfestival

  • 11.12. Linz, Posthof

  • 12.12. St. Pölten, Cinema Paradiso

  • 13.12. Graz, Orpheum

  • 20.12. Ebensee, Kino

Web-Tipp: 

www.voodoojuergens.com 

 

 

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