Concerto > Concerto-Ausgaben > Ausgabe 6/2020 > Julia Lacherstorfer

Erkunden der Vergangenheit

Die renommierte Musikerin Julia Lacherstorfer gräbt auf ihrem Album "Spinnerin" tief in Kindheitserinnerungen, sucht nach geliebten Familienmitgliedern und interpretiert authentische Volksmusik, die nicht unaufhaltsam von plärrendem Kitsch geschwärzt wird.

Julia Lacherstorfer / FotoCredit: Julia Geiter

Volksmusik hörte und spielte man im Hause Lacherstorfer in Bad Hall oft und gerne. Dies prägte Julia für ihre Zukunft als professionelle Musikerin relevant. Ab 2003 studierte sie an der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Wien u.a. Musikwissenschaft und Musikerziehung (Hauptfach Violine). In Folge begann Lacherstorfer 2010 mit dem Jazzstudium in Linz an der Anton Bruckner Universität, das sie 2015 erfolgreich abschloss. Julia Lacherstorfer ist besonders mit 2 ihrer Projekte illuster geworden: Alma (Quintett) und Ramsch und Rosen, ein Duo mit Multinstrumentalist Simon Zöchbauer. Dazu probiert Lacherstorfer als Intendantin des Festivals "Wellenklänge" in Lunz am See (Niederösterreich), gleichgesinnte MusikerInnen auf die Bühne zu bringen, um beim Publikum Neugierde und Appetit nach Neuem zu entfachen.

Die Karriere - eine Erfolgsgeschichte

Auszeichnungen stellten sich mit Alma und seiner zeitgenössischen Volksmusik recht bald ein: Z.B. 2013: Bestenliste der deutschen Schallplattenkritik, 2017: deutscher Weltmusik-Sonderpreis RUTH oder 2019: Förderpreis der Stadt Wien. Aktuelle Auszeichnungen wie der "Hubert von Goisern Kulturpreis 2020" sind bei der Oberösterreicherin treffsicher angekommen. Parallel zu diesen Ehrungen realisierte Lacherstorfer Kompositionsaufträge, Workshops und viel beachtete Tonträger mit Alma, Ramsch und Rosen oder Aufstrich.

Bei einem Gespräch mit CONCERTO erklärt Julia, dass das Besondere an den 15 Titeln der neuen Platte ist, weil sie die Lieder aus der Perspektive der Frau erzählt, also "a female narrative". Kurzum: Der Mann hat auch bei der Volksmusik das Sagen. Lacherstorfer schildert von der Masse der Frauen, die keine Möglichkeit sehen, eine Karriereleiter durch Bildung zu erklettern. Von diesen Frauen handeln einige der traditionellen Lieder, die Julia Lacherstorfer bearbeitete und mit tiefen Emotionen verflocht. Auf "Spinnerin" verantwortete die Künstlerin Musik & Konzept, spielt die Geige, singt und drückt das Harmonium. Lukas Froschauer kümmerte sich um das Sounddesign & Live-Electronics. Die Cellistin (und Sängerin) Sophie Abraham ist wie Lacherstorfer eine passionierte Grenzgängerin, deren Aufmerksamkeit der Klassik, zeitgenössischen Strömungen und experimentellen Ausflügen gilt.

Prominente Gäste im Aufnahmestudio

Neben den Genannten waren noch einige andere bekannte MusikerInnen mit Julia im Studio: z.B. Schwester Marlene Lacherstorfer (kb), Joanna Lewis (v) oder Lena Fankhauser (va).

Im Interview unterstreicht Lacherstorfer ihre zentrale Motivation, "Spinnerin" aufgenommen zu haben: Sie will (endlich einmal) Volkslieder aus der Perspektive der Frau publik machen, um ein Umdenken zu initiieren. Bis jetzt kommt ja das Weibliche eher nur als fesches Dirndl vor, das der Mann über den Tanzboden schwingt und zum Jauchzen bringt. Über ein schmatziges Busserl wäre eventuell auch noch zu singen.

Jedes Lied löst Betroffenheit aus

Um die Themen des berührenden Albums enger zu definieren, einige Beispiele: "Irgendwann" besingt eine Frau, die ihr Leben lang gerackert hat und trotzdem für ihr Leben dankbar ist. Sie wird müde und wartet auf den Tod. "Frieda" ist ein Lied über Julias Großmutter, die erst vor 5 Jahren verstarb und sich stets um die Kinder ihrer Familie aufopfernd kümmerte. Ein traditionelles Lied ist "Bitte Bitte, Herr Hauptmann", in dem eine Frau einen Militaristen überreden will, ihren Mann vom Krieg zu verschonen. Elfriede, der Mutter Julias, ist "Spinnerin" gewidmet, da sie viel am Spinnrad arbeitete und sich dabei "innere Ruhe" holte. "König Salomon" stellt eine alte Dame vor, die mit 91 Lacherstorfer viel aus ihrem langen Leben erzählte. Das düstere Lied "Und der See schweigt" hat zum Inhalt, dass 7 Menschen auf der Bootsfahrt zur Kirche im Zeller See ertranken. Die Drehleier des Vaters, die Julia als Kind oft hörte, kommt in "Leierfrau" vor. Die "Kablerin" ist die Lebensgeschichte Margareta Lengauers. Julia verwendet bei diesem Song das Hackbrett, ein Instrument ihrer Kindheit. Der finale Song ("Totenlied") ist für unsere Lebenszeit unabdingbar. Das blüht uns allen. Ernst Weiss

CD-TIPP:

Julia Lacherstorfer, "Spinnerin", Lotus Records, Vertrieb: Lotus

WEB-TIPP: 

www.julialacherstorfer.at

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