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Mario Rom’s Interzone „Am liebsten ewig weitermachen“

Trompete + Kontrabass + Schlagzeug = Interzone. Eine Formel, die seit einem Jahrzehnt für Jazz der Qualitätsklasse 1 steht. Ein österreichisches Trio, das schon die ganze Welt bereist und überall für Aufsehen gesorgt hat. Drei Freunde, die mit dem Tonträger "Eternal Fiction" ihr zehnjähriges Bandjubiläum feiern.

Mario Rom's Interzone / FotoCredit: Severin Koller

Wenn es stimmt, dass der Schlüssel zum Erfolg einer Band vor allem in der Chemie zwischen den einzelnen Musikern liegt, dann darf Mario Rom's Interzone als überzeugender Beweis für diese Theorie gelten. Mario Rom, Lukas Kranzelbinder und Herbert Pirker sind sich einig, dass es gleich zu Beginn "gefunkt" hat und dass sich daran bis heute nichts geändert hat. "Unser erstes Konzert war in Linz im Bohème, das ist ein ganz kleiner Club, den es leider nicht mehr gibt. Und eigentlich war da die Art, wie wir miteinander spielen, schon im Kern vorhanden", sagt Pirker, und Kranzelbinder fügt hinzu: "Es war sofort ein Stil da, ein Bandsound. Oft spielt man ja ein paar Jahre lang und irgendwann kristallisiert sich ein Bandsound heraus, aber bei Interzone war das relativ schnell klar."

Es begann also Ende 2010 in Linz. Die Studienkollegen Mario Rom (Trompete) und Lukas Kranzelbinder (Bass) kannten einander schon von diversen Ensembles an der Bruckneruniversität. So entstand die Idee mit der Triobesetzung, und der Wunschkandidat für das Schlagzeugstockerl war der etwas ältere Herbert Pirker. "Der Herbert war schon der Star und wir noch zwei junge, resche Jazzsemmeln ..." Und hier kam die Sache mit der Bandchemie ins Spiel, denn sofort hatten alle drei das starke Gefühl, musikalisch an einem Strang zu ziehen, obwohl man auch bei Interzone intensiv an jedem neuen Musikstück feilt, bis heute. "Das ist von Anfang an ein absoluter Segen gewesen, es hat auch nie großen Gesprächs- oder Diskussionsbedarf über die Musik gegeben. Wir haben viel an der Musik gearbeitet und viel darüber geredet, aber es war nie so, dass wir total konträre Meinungen darüber gehabt hätten, wie die Band klingen soll oder wo es hingehen soll. Nein, wir haben immer einfach gespielt. Das klingt wie eine abgedroschene Phrase, aber so etwas ist extrem wertvoll."

Mario Rom: „Jede Band braucht einen Helden, der vorn steht. “ / FotoCredit: Theresa Pewal

Orte der Sehnsucht

Was die drei jungen Männer verbindet, ist nicht nur eine intensive musikalische Seelenverwandtschaft, sondern auch eine Vorliebe für das Mehrdeutige, Skurrile, ja Mystische. Es fängt schon damit an, dass sie ihr Trio nach einer Kurzgeschichtensammlung des Beat-Literaten William S. Burroughs (1914-1997) benannten. "Interzone" ist das Kürzel für die "International Zone" in der marokkanischen Stadt Tanger, in der Burroughs in den 1950er Jahren lebte und arbeitete. Das erste Album "Nothing Is True" (mit mehreren Anspielungen auf Burroughs) erscheint 2012 auf dem Musikerlabel Laub Records quasi in Eigenregie. Durch einen Artikel in der deutschen "Zeit" erhält das junge Trio unerwartete Publicity und schafft es im September desselben Jahres sogar, in der ehemaligen "Interzone" beim TANJazz Festival in Marokko ein Release-Konzert zu spielen. Von da an geht es steil bergauf.

Irgendjemand in der Band hat die Idee mit dem einheitlichen Erscheinungsbild. Als beim nächsten gemeinsamen Termin zufällig alle drei in beigen bzw. grauen Anzügen auftauchen, nimmt man das als Fingerzeig und umgibt sich von da an mit einer ironisch-geheimnisvollen Aura, die oft durch die Wahl der Foto-Locations unterstrichen wird. Sehr bald wird der Fotograf Severin Koller quasi zum vierten Bandmitglied, indem er diese Band-Inszenierungen an spektakulären Orten der Sehnsucht in die Tat umsetzt: eine Hängebrücke irgendwo im Dschungel, ein Felsgrat in einer südafrikanischen Hochebene, die Isla de las Muñecas (Puppeninsel) am Rand von Mexico City, das French Quarter in New Orleans, die Niagarafälle...

Zu diesem Gesamteindruck tragen Platten- und Songtitel und natürlich die Musik selbst bei, die immer mehrfach und individuell gedeutet werden können, aber nicht müssen. Herbert Pirker: "Wir sind Fans von Kunst, die einem nicht alles erklärt, sondern die einem für die eigene Phantasie viel Spielraum lässt. Interzone ist mehr als nur die Musik, die wir spielen, obwohl die natürlich total im Fokus steht und das Wichtigste ist. Aber das ganze Drumherum gehört für uns genauso dazu und trägt zum Konzerterlebnis bei. Die Phantasie soll angeregt werden und es soll eine mystische Stimmung entstehen. Das ist vom gesamtkünstlerischen Standpunkt aus sehr wichtig für mich."

Nicht weiter verwunderlich, dass sich die drei Musiker ihre Inspirationen nicht nur von William S. Burroughs holen, sondern - um nur ein Beispiel zu nennen - auch bekennende Fans von Regisseur David Lynch und da speziell von "Twin Peaks" sind. Ab dem zweiten Album beginnt das Trio seine Musik auch mittels Videos zu verbreiten. Im Fall von "Everything Is Permitted" (2015) ist das eine verschrobene Crime-and-Mystery-Serie in mehreren Teilen, die an einigen der oben genannten Locations spielt und zumindest im Jazzgenre ziemlich einzigartig dasteht. Das Trio wird zu renommierten Festivals in aller Welt geladen, von Kanada bis Israel, von Südafrika bis Argentinien, und verbindet seine Konzertreisen meistens mit Foto- und Video-Shootings. "Da hat oft eines das andere ergeben, vieles war auch Zufall. Vielleicht können wir irgendwann einmal ein Buch schreiben über alle diese absurden Abenteuer, die da passiert sind." Apropos Film: Liveaufnahmen mit Mario Rom's Interzone erhalten auch einen prominenten Platz in Erwin Wagenhofers herrlichem Film "But Beautiful" (2019), der von verschiedenen Möglichkeiten handelt, in einer zunehmend absurden Welt Schönheit und Lebenssinn zu finden.

Lukas Kranzelbinder: „Wir haben einfach gespielt und tun es noch immer, und das geht sehr gut. Eigentlich ist es ein Geschenk.“ / FotoCredit: Pewal

Auch das dritte Album aus dem Jahr 2017 trägt einen kryptischen Titel: "Truth Is Simple To Consume". Wieder gibt es einige Videos, die vor allem junges Publikum ansprechen und Spaß machen sollen. Auch das ist eine Besonderheit dieser Band: Man strebt eine tiefe und echte Kommunikation mit der Zuhörerschaft an. "Für uns ist es sehr wichtig, dass unsere Musik für jeden zugänglich ist und nicht so ein elitäres Ding, für das man ein dreitägiges Einführungsseminar braucht." Wie Rom, Kranzelbinder und Pirker es schaffen, ihrer Musik große innere Komplexität zu verleihen, sie aber dennoch an der Oberfläche leicht und einfach klingen zu lassen, bleibt ihr Geheimnis, ganz nach dem Motto "simple is not easy".

Das neue Album: "Eternal Fiction"

Laut Lukas Kranzelbinder besitzt das neue Interzone-Album "eine gewisse Magie", denn die Studioaufnahmen fanden Ende Februar 2020, wenige Tage vor dem ersten Corona-Lockdown, statt; das Musikvideo zum Titel "Phenomenon" wiederum wurde am letzten Tag vor dem November-Lockdown im Wiener Prater gedreht. "Es fühlt sich so an, als ob die Musik immer einen Weg findet, an die Öffentlichkeit zu kommen. Wir sind zuversichtlich, dass die Release-Konzerte im Januar klappen werden. Natürlich sind die Bedingungen sehr hart: Wir hätten heuer im Sommer eigentlich zwei Wochen in Kanada auf Tour sein und eben dieses Album präsentieren sollen. Wenn so etwas ausfällt, dann ist das schon bitter."

Mario Rom sieht den neuesten Tonträger als logische Fortsetzung des Bandkonzepts: "Alle unsere Alben tragen Titel, die sehr offen deutbar sind und viel Raum für individuelle Interpretation zulassen bzw. zum Nachdenken anregen sollen. Auf uns und unsere Musik bezogen bedeutet 'Eternal Fiction', dass wir auch nach mittlerweile zehn Jahren Bandgeschichte und vielen Konzerten immer noch größte Freude haben gemeinsam zu spielen, zu kreieren und zu erfinden und es sich für uns so anfühlt, als ob wir am liebsten ewig weitermachen möchten." Als wesentliche gedankliche Anregung erwähnt Rom das Buch "Eine kurze Geschichte der Menschheit" von Yuval Noah Harari, in dem es um die Bedeutung von Mythen im Bezug auf die Entstehung unserer Gesellschaft geht. "Unsere Gesellschaft funktioniert, weil wir alle an ähnliche Geschichten oder Erfindungen glauben, wie zum Beispiel Geld, Länder, Grenzen, Religion oder auch die Definition von Erfolg etc. Diese Erfindungen sollten uns das Leben leichter machen, aber nicht der alleinige Zweck unseres Lebens werden. Mit dem Titel des Albums wollen wir also scheinbar selbstverständliche Dinge immer wieder hinterfragen und nicht als 'immer schon dagewesen' hinnehmen."

Herbert Pirkner: „Interzone ist mehr als nur die Musik, die wir spielen.“ / FotoCredit: Pewal

Wie schon auf den Vorgängeralben vermitteln die einzelnen, durchaus sehr unterschiedlichen Tracks zusammen den Eindruck eines Road Movies, in dem sich Groove und Lyrik, Kraft und Zerbrechlichkeit in einzigartiger Weise die Waage halten. Tatsächlich legen Rom, Kranzelbinder und Pirker mit großer Sorgfalt die Reihenfolge der Songs fest und scheuen auch nicht davor zurück, bereits aufgenommenes Material wegzulassen, wenn es nicht in die Dramaturgie einer Platte passt. Über diese und andere Fragen entstehen heftige Diskussionen, aber niemals Streit, wie Herbert Pirker betont: "Natürlich gibt es wie in jeder menschlichen Beziehung auch bei uns Konflikte, aber das geht nie in eine Richtung, wo wir als Band zerbrechen. Wir setzen uns gemeinsam hin und reden das so lange aus, bis es gegessen ist, und dieses Ergebnis zählt dann." Die drei Musiker sehen sich als demokratisches Kollektiv, in dem der Einzelne keine fixe Rolle erfüllt, sondern jederzeit jede Funktion im musikalischen Geschehen einnehmen kann. Lukas Kranzelbinder: "Natürlich ist die Trompete das Lead-Instrument in dieser Konstellation. Dazu kommt aber, dass Herbert und ich in diesem Trio extrem viel gestalten und beeinflussen können und auch den Raum dazu haben."

Jeder der elf Songs auf "Eternal Fiction" hat einen eigenen Hintergrund, den man nicht unbedingt kennen muss, um die Musik zu genießen. Mario Rom: "Ob und wie sich die jeweilige Geschichte persönlich für einen zeigt oder was diese Geschichte ist, bleibt der eigenen Fantasie und dem Moment überlassen." Im Interview stellt sich heraus, dass einzelne Songs doch eine eindeutige Botschaft tragen. Da wäre zum Beispiel das karg-melancholische "Chant For The Voiceless", in dem der Trompeter das Faktum thematisiert, dass weltweit pro Sekunde 2200 Tiere getötet werden. "Das Stück soll Mitgefühl mit diesen Lebewesen und auch mit Menschen in schweren Situationen ausdrücken und ist denen gewidmet, die aufgrund unseres Konsumverhaltens leiden oder sterben."

Das Album klingt in ausgelassener Stimmung aus. Mit "Here's To Another Decade", das auf einem swingenden, leicht parodistischen Bebop-Thema beruht und im Mittelteil in fröhliche Anarchie ausbricht, gibt sich die Band quasi selbst den Auftrag zum Weitermachen - etwas, das wir Hörerinnen und Hörer uns nur wünschen können. In den Worten von Schlagzeuger Herbert Pirker: "Als Dienstältester kann ich das sagen: Zehn Jahre ist für viele Bands so ein Knackpunkt. Wenn man es über diesen Punkt schafft, dann weiß man, dass man für die Ewigkeit miteinander spielen wird, oder bis man halt den Löffel abgibt." Martin Schuster

aktuelle CD/Vinyl:

Live-Tipps:

  • 13.01.: Stockwerk Graz
  • 16.01.: Porgy&Bess Wien
  • 20.01.: Spielboden Dornbirn
  • 24.01.: Café Traxlmayr Linz
  • 27.01.: Jazzclub Unterfahrt München
  • 28.01.: Jazz Dekadenz Brixen
  • 29.01.: Jazzit Salzburg

Band-Diskografie:

  • "Nothing Is True", Laub Records (2012)
  • "Everything Is Permitted", Traumton Records (2015)
  • "Truth Is Simple To Consume", Traumton Records (2017)

Web-Tipp/Videos:

www.mr-interzone.at

 

 

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