Triple Ace - Vergangenheitsbewältigung auf Topniveau

Wer hätte nicht gerne beim Pokern drei Asse auf der Hand? Dieses österreichische Klaviertrio ist eindeutig auf der Gewinnerstraße, was superben Jazz anbelangt. Selten haben sich Tradition und zeitgemäßes Musikverständnis zu schöneren Ergebnissen verbunden als bei Oliver Kent, Uli Langthaler und Dusan Novakov.

Triple Ace / FotoCredit: Peter Kainrath

"Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme". Dieser Thomas Morus zugeschriebene Satz wurde später u. a. von Benjamin Franklin oder Gustav Mahler zitiert und passt hervorragend zu den musikalischen Intentionen des Trios. Pianist Oliver Kent nennt es im Interview ironisch "Vergangenheitsbewältigung"; dieses Wort hat oft einen negativen Beigeschmack, aber bei Triple Ace ist das anders. Man geht hier mit fundiertem Wissen und Respekt, aber auch mit großer Experimentierfreude an musikalische Vorlagen heran, die ja teilweise 100 Jahre auf dem Buckel haben, wenn man die ältesten Beispiele aus dem Great American Songbook betrachtet.

"Schuld" waren einmal mehr die Corona-Lockdowns. Schlagzeuger Dusan Novakov ist stolzer Besitzer eines kleinen Studios, in dem auch der private Flügel von Oliver Kent steht. Man trifft sich dort ohnehin regelmäßig, und in den vergangenen eineinhalb Jahren taten das die drei Musiker eben noch öfter. Sie schöpften aus ihrem reichen Repertoire, fügten neue Kompositionen und Ideen hinzu und experimentierten nach Herzenslust. Bassist Uli Langthaler erinnert sich: "Bei den Standards haben wir ziemlich herumprobiert und verschiedenste Versionen aufgenommen. 'The Way You Look Tonight' haben wir meistens im Medium-Tempo gespielt. Dann haben wir einmal zum Spaß eine ziemlich freie Version versucht, und die hat uns im Endeffekt am besten gefallen."

Dieses Trio besteht seit ca. 15 Jahren und fungiert auch als Rhythmusgruppe für größere Formationen, etwa im Quintett Worry Later mit Daniel Nösig (tr) und Thomas Kugi (sax). Kent und Langthaler haben auch (mit Mario Gonzi am Schlagzeug) 2009 eine Septett-Platte aufgenommen, bei der Jörg Engels (tr), Johannes Enders und Thomas Kugi (ts, bs) sowie Johannes Herrlich (tb) mitwirkten. Oliver Kent: "Nach all diesem 'Gebläse' hatten wir wieder Lust mehr Trio zu spielen, und für uns war das eine natürliche Kombination, denn Dusan kennen wir auch schon ewig." Der Name des Trios leitet sich von einer Komposition des Pianisten ab, die auch auf der ersten CD-Produktion zu hören war. Bis dato gibt es drei Tonträger von Triple Ace (siehe Diskografie), wobei der neueste, "Triple Ace Triple", im luxuriösen 3-CD-Format erschienen ist - eine außergewöhnliche Entscheidung, wie auch die drei Musiker zugeben.

Triple Ace / FotoCredit: Lilia Kirilova

Warum gleich drei CDs?

Labelchef Peter Guschelbauer von Alessa Records stellt im Booklet sarkastisch fest: "Man muss wirklich verrückt sein, um in einer Zeit wie dieser eine Dreifach-CD zu produzieren... Möge sich die Musik von Triple Ace pandemisch verbreiten!" Aber wie kam es zu diesem Jazz-Triptychon, in dem ein Mittelstück mit Eigenkompositionen von einer CD mit Standards sowie einer weiteren CD mit jazzigen Versionen von Popsongs aus den 1960er und 1970er Jahren flankiert wird? Nun, prinzipiell besteht das Repertoire von Triple Ace seit Anbeginn aus diesen drei Komponenten, denn Uli Langthaler und Oliver Kent sind selbst fleißige Komponisten, und man hegt eine gemeinsame Vorliebe für interessante Popsongs. Auf dem ersten Tonträger "Triple Ace Trio" fand sich John Lennons "Jealous Guy", auf dem zweiten, "Faces", interpretierte man Lennon/McCartneys "Norwegian Wood".

Wobei "interpretieren" oder "covern" hier nicht die richtigen Wörter sind. Kent, Langthaler und Novakov sind mit allen Wassern gewaschene und erfahrene Musiker, die sich von außergewöhnlichen Akkordprogressionen oder Melodien magisch angezogen fühlen, sie mit großem Vergnügen bearbeiten, dehnen, in einen neuen Kontext stellen, das Metrum verändern - und damit genau jene Rolle einnehmen, die Jazzmusikern am besten liegt: hervorragendes Material in möglichst noch besseres zu verwandeln und das Publikum damit zu überraschen. Dabei ist es völlig nebensächlich, woher der Input stammt - sei es nun "Someone To Watch Over Me" aus einem Gershwin-Musical anno 1926, Marvin Gayes Soul-Klassiker "What's Going On" (1971) oder der Beach-Boys-Heuler "Kokomo" (1988). Dieses selbstverständliche Nebeneinander von Jazz- und Pop-Ausgangsmaterial ergibt sich schon aus der musikalischen Sozialisation der drei Musiker, die alle aus hochmusikalischen Familien stammen und die stilistische Vielfalt seit ihrer Jugend kennen. Oliver Kent: "In der Kindheit kann man sich ja oft nicht aussuchen, was man hört. Das schwebte irgendwo herum und setzte sich fest, und als Musiker erinnert man sich manchmal später an diese Stücke: Ach ja, genau, da war ich doch erst acht und habe das auf einer Reise nach Griechenland gehört. Als Jazzmusiker reizt es einen immer wieder, einen Song aufzugreifen und ihn zu bearbeiten."

Alle drei Musiker sind erst in ihren späten Teenagerjahren auf den Jazz gestoßen. Dusan Novakov: "In meiner Jugend in Serbien hörte ich viel R&B, Hardrock und Punkrock. Vor kurzem kam ich aber im Gespräch mit Oliver drauf, dass wir in der Sendung 'I Love Jazz' in unserer späteren Jugend mehr oder weniger dieselben Platten gehört haben: Art Blakey's Jazz Messengers, Mingus, Monk und so weiter." Bei Uli Langthaler wurde zu Hause viel gesungen, und es gab vor allem Klassik zu hören - aber nicht nur: "Mein Vater war Grafiker und er hatte einen Job in England. Von diesem Job kam er mit einer Hendrix-Platte und einer Stones-Platte zurück, glaube ich. Ich war zwölf und für mich war das ein Aha-Erlebnis."

Triple Ace live on stage / Foto: Peter Kainrath

The Great American Songbook

Das Spielen von Standards und deren ständige kunstvolle Neuinterpretation auf der Basis der Jazztradition gehören für die ausübenden Musiker Kent, Langthaler und Novakov ganz selbstverständlich zum täglichen Brot. Wenn man die drei live hört und beobachtet, merkt man sehr bald, auf welch hohem Niveau hier musiziert und kommuniziert wird: Alle drei sind versierte Solisten, die locker Zitate aus anderen Songs einfließen lassen oder - ganz im klassischen Sinn - motivisch arbeiten und damit das Tonmaterial verdichten. Sie können aber auch gut zuhören und bilden somit die optimale Unterstützung für den jeweiligen Solisten. Und sie stellen sich bewusst gegen einen Modernismuszwang um jeden Preis. Uli Langthaler: "Ich glaube nicht, dass es etwas gibt, das überhaupt noch nie da war. Es ist ja auch kein Qualitätskriterium: Nur weil es etwas noch nicht gegeben hat, muss es noch nicht gut sein. Für mich ist es eine Gratwanderung: Natürlich möchte ich etwas Eigenes, Neues schaffen, aber ich habe auch großen Respekt vor der Tradition. Also ich würde die Tradition jetzt nicht beiseite lassen, nur weil ich Angst hätte, dass es dann zu wenig neu ist. Ich sehe es so, dass das Neue aus der Tradition heraus entstehen kann, mit einer gewissen Qualität."

Oliver Kent erklärt, was die anhaltende Faszination dieser Musical- und Showtunes ausmacht, die im Allgemeinen als Great American Songbook bezeichnet werden: "Als ausübende Jazzmusiker spielen wir die gängigen Standards sowieso regelmäßig, und wenn wir ein Programm für eine CD-Aufnahme zusammenstellen, sind wir natürlich auf der Suche nach eher ungewöhnlicheren Titeln." So kommt es, dass sich auf CD1 von "Triple Ace Triple" Stücke wie "Old Folks" im klassischen, swingenden Klaviertrio-Stil finden, aber auch Frederic Loewes "I've Grown Accustomed To Her Face" aus dem Musical "My Fair Lady" (1956) als Jazzwalzer oder Duke Pearsons Hardbop-Ballade "You Know I Care" aus den 1960ern. "Man muss einen Song eine Zeit lang spielen, dann merkt man, ob er zu einem passt", erläutert Uli Langthaler die Herangehensweise des Trios: Man probiert meistens mehrere unterschiedliche Versionen eines Songs aus, bis man sich wohlfühlt. Manchmal bleibt man eben näher am Original, manchmal geht man auch ungewohnte Wege.

Die Eigenkompositionen

Wie schon erwähnt, sind die Musiker von Triple Ace auch versierte Komponisten, die sich (wie Uli Langthaler) in der Tradition eines Monk, Mingus oder Ellington sehen: "Das sind Komponisten, die für Jazzmusiker geschrieben haben. Die würde ich als Vorbilder betrachten, nicht dass ich glaube, dass ich da nur irgendwie in die Nähe komme. Die haben wirklich für Jazzbands geschrieben, während das Great American Songbook für Orchester komponiert wurde. Das ist auch großartig, aber einfach ein anderer Zugang." CD2 von "Triple Ace Triple" besteht aus älteren, bewährten Originals, aber auch aus ganz neuen Stücken. Zwei davon, Kents "On The Run" und Langthalers "Now And Then", reflektieren die Lockdown-Situation im Jahr 2020 auf verschiedenste Weise, während "D's Delight" als Schlagzeug-Feature für Dusan Novakov konzipiert ist.

Die mittlere CD des Box-Sets zeigt wohl am besten, was den besonderen Triple-Ace-Sound ausmacht und wie sich das Trio inmitten aller Konkurrenz damit positioniert. Oliver Kent: "Es gibt einerseits die Idee, traditionell zu spielen und stilistisch im Rahmen des klassischen Klaviertrios zu bleiben, und es gibt Bands, die wollen das unbedingt sprengen. Wir sehen uns in keiner dieser beiden Kategorien. Wir versuchen beides, aber nicht unbedingt auf Druck. Ohne das jetzt wertend zu meinen: Genauso, wie wir drei miteinander spielen, hat es das noch nicht gegeben."

Triple Ace / FotoCredit: Lilia Kirilova

Die Pop-Songs

"Colours in Jazz" steht als Untertitel auf der Homepage der Band, und auf der Suche nach immer neuen "Colours" und Anregungen sind Kent/Langthaler/Novakov schon öfter im Pop- oder Soulbereich fündig geworden. So auch auf CD3 des Box-Sets: Aus den hunderten im vorigen Jahr aufgenommenen Tracks wurden schließlich neun ausgewählt, die das Trio für besonders gelungen hält. Oliver Kent: "Es macht Spaß, sich damit zu spielen und das dem Original gegenüberzustellen. Wir nehmen diese Stücke als Einladung kreativ zu spielen, und das tun wir mit dieser romantischen Vergangenheit, dass wir sie eben aus unserer Jugend kennen. Sie klingen in unserer Interpretation natürlich völlig anders."

Man findet auf CD3 u. a. zwei Beatles-Nummern, die Chicago-Ballade "If You Leave Me Now" (im 5/4-Takt!), Brian Wilsons wunderbares "God Only Knows", "Alfie" von Burt Bacharach, aber auch L. Russell Browns "Yellow Ribbon" und das schon erwähnte "Kokomo", den karibisch-fröhlichen Beitrag der Beach Boys (ohne Brian Wilson) zum Soundtrack des Films "Cocktail". Uli Langthaler: "Diese Songs haben durchaus Substanz. 'Yellow Ribbon' hat eine Akkordprogression, die auch in einem Jazzkontext vorkommen könnte. Ich finde es fordernd, dass sich viele Popsongs nicht an herkömmliche Kadenzen oder Formen halten, wie Marvin Gayes 'What's Going On'. Manchmal ist es einen Takt länger, als man glaubt, oder es fehlt ein Takt, weil es eben nach dem Text komponiert ist. Wenn man das Popstück hört, fällt einem das gar nicht auf, erst, wenn man darüber improvisiert."

Alles in allem ist "Triple Ace Triple" ein ausführlicher Blick in den musikalischen Kosmos eines hochkarätigen Klaviertrios, das sich auch menschlich hervorragend versteht und das Gemeinsame vor das Individuelle stellt. Oliver Kent fasst es so zusammen: "Was ich an Dusan und Uli schätze, ist die Lust zu experimentieren. Gleichzeitig bietet jeder ein Fundament, wenn es einmal von meiner Seite Ausflüge gibt... Ich kann quasi machen, was ich will und immer darauf zählen, dass ich nicht allein gelassen werde. Es gibt bei Triple Ace keine Egotrips, das ist ganz wichtig. Wir sind immer alle gleichberechtigt, keiner stellt sich künstlich in den Vordergrund, und es kann alles passieren." Martin Schuster

Triple Ace "triple” 3-fach CD Album, Alessa Recordings

Aktuelle 3-fach-CD:

Diskografie:

  • Triple Ace "Triple Ace Trio", The Montreux Jazz Label (2012)

  • Triple Ace "Faces", Alessa Records (2016)

  • Worry Later "Humpty Bump", Alessa Records (2017)

  • Worry Later "Live At Jazzland/Vienna", Alessa Records (2020)

Web-Tipp:

Live-Tipps:

05.02.: Passau, Café Museum,

06.02: Passau, Café Museum

08.02: Wels, Musikwerkstatt

18.02: Wien, Jazzland

19.02: Wien, Jazzland

04.03: Wien, Jazzclub ZWE

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