Abseits der üblichen Routen
Seit mittlerweile 31 Jahren verbindet Outreach in Schwaz Festival und Academy. Etablierte Musiker treffen auf junge Talente, unterrichten tagsüber und stehen abends auf der Bühne. Die Distanz zwischen Künstlern und Publikum bleibt dabei gering – man begegnet einander beim Konzert, davor, danach und am nächsten Tag wieder. Drei Tage im August zeigten erneut die enorme Bandbreite des zeitgenössischen Jazz – und dass dabei nicht jedes Experiment gleichermaßen aufgehen muss.

Dass das Programm oftmals abseits gängiger Festivalrouten verläuft, hat viel mit Franz Hackl zu tun. Der aus Schwaz stammende und seit Jahrzehnten in New York lebende Trompeter kann auf ein weltweites Netzwerk von Musikerkollegen zurückgreifen. Statt vorwiegend Bands zu buchen, die gerade mit einem neuen Album auf Tour sind, entstehen viele Engagements aus persönlichen Kontakten und Begegnungen. So gelangen immer wieder Musiker nach Schwaz, die hierzulande nur selten zu erleben sind – diesmal etwa Tim Ries, Iain Ballamy oder der ukrainische Pianist Vadim Neselovskyi.
Von Tirol hinaus in die Welt
Eine eigene Rolle im Festivalgefüge spielt die Surheim Showroom Stage. Hier erhalten vor allem junge Tiroler Musiker, Studierende und Formationen mit Wurzeln in der Region eine Bühne – als Ergänzung zum internationalen Programm im SZentrum. Den Auftakt machte am Donnerstag 3HOLDIO. Das erfahrene Trio überzeugte mit ambitioniertem Zusammenspiel und bewegte sich mit seiner frei improvisierten Musik zwischen Avantgarde und kammermusikalischem Jazz. Eine neue CD hatten die drei ebenfalls im Gepäck.

Danach wechselte das Geschehen ins SZentrum, wo an drei Abenden die Main Stage im Festsaal das Zentrum des Hauptprogramms bildete. Stammgäste kennen das besondere Bühnenkonzept längst, für Außenstehende sei es kurz erklärt: Alle drei Formationen des jeweiligen Abends sitzen gemeinsam auf der Bühne, hören einander zu und wechseln sich im rund 20-minütigen Takt ab – ein während der Corona-Zeit entstandenes Format, das bis heute beibehalten wurde.
Zu den Fixpunkten in Schwaz zählt das Outreach Orchestra unter der Leitung von Franz Hackl. Hier treffen jene Musiker zusammen, die auch an der parallel laufenden Academy unterrichten. Das Ergebnis: mächtiger Big-Band-Sound, satter Groove und geballte Kraft.
Bei The Earth Synth stach vor allem die französische Pianistin Myslaure Augustin mit ihrem eigenwilligen, atmosphärischen Spiel am Fender Rhodes hervor – schade nur, dass sie viel zu selten zum Einsatz kam. Elektronische Sounds und treibende Grooves trafen dabei auf Einflüsse aus Jazz und Rock.

Das erstmals in Schwaz gastierende Kálmán Oláh Trio aus Ungarn präsentierte sich zunächst als souveräne Größe des klassischen Modern Jazz. Richtig Fahrt nahm die Sache im zweiten und dritten Teil des Sets auf, als Franz Hackl und Tim Ries dazustießen. Der in New York lebende Saxofonist Tim Ries ist seit 1999 eng mit den Rolling Stones verbunden und begleitete die Band auf zahlreichen Tourneen. Seine Wurzeln liegen jedoch im Jazz, wo seine Zusammenarbeit von Michael Brecker und Joe Henderson bis Jack DeJohnette reicht; mit seinem Rolling Stones Project überführte er später sogar Stones-Songs in den Jazzkontext. In Schwaz sorgte sein kraftvolles, zupackendes Spiel gemeinsam mit Hackl für einen regelrechten Schub. Aus dem zunächst eher traditionellen Ansatz entwickelte sich eine explosive Mischung aus Contemporary und Standard Jazz – einer der Höhepunkte des Abends.

Wenn die Mischung stimmt
Den Freitag eröffnete auf der Surheim Showroom Stage das Tiroler Trio FÖN3 mit einem offenen Modern Jazz, der sich keineswegs mit gepflegtem Zusammenspiel begnügte. Immer wieder brachen die drei aus geordneten Strukturen aus, verdichteten das Geschehen und sorgten für aufgeregte, spannungsgeladene Momente.
Zu den mit besonderer Neugier erwarteten Gästen im SZentrum gehörte Iain Ballamy mit seinem 2025 erschienenen Projekt Riversphere. Schließlich ist der englische Saxofonist – wie so mancher britische Spitzenmusiker – auf dem europäischen Kontinent eher selten zu erleben. Sein lyrisches, fein nuanciertes Spiel wurde im Zusammenspiel mit Rob Luft zur Offenbarung. Den Gitarristen, den Ballamy selbst gerne als „magical“ bezeichnet, kennt man auch hierzulande in Jazz-Insiderkreisen längst als eine der markanten Stimmen der jüngeren britischen Szene. Saxofon und Lufts fein schattierte Gitarre fanden wie selbstverständlich zueinander und ließen die große Vertrautheit der beiden erkennen. Conor Chaplin legte am Bass ein bewegliches, melodisches Fundament, während Corrie Dick am Schlagzeug mit ausgeprägtem Gespür für Dynamik das Quartett komplettierte.

Fast schon eine All-Star-Band der Münchner Szene ist das Munich Composer Collective, dessen Mitglieder vielfach selbst tragende Rollen in eigenen Projekten spielen. Geiger und Gründer Gregor Hübner führte das große Ensemble, ohne die individuellen Stimmen einzuengen. Co-Leaderin Monika Roscher setzte mit ihrer energetischen Stimme ebenso deutliche Zeichen wie in jenen Momenten, in denen sie selbst das Dirigat übernahm. Auch Saxofonistin Katharina Pfeifer, Pianist Josef Reßle, Trompeter Matthias Lindermayr und Gitarrist Leonhard Kuhn prägten das facettenreiche Gesamtbild. Das Repertoire spannte einen weiten Bogen von Antonín Dvořák über Filmmusik bis zu Eigenkompositionen.

Nils Kugelmann sprach schließlich davon, nach seinem jüngsten Album Life Score neue „Chapters“ aufzuschlagen – entsprechend viel neues Material brachte der Bassist nach Schwaz. Mit Luca Zambito am Klavier und Sebastian Wolfgruber am Schlagzeug bildet er ein bestens verzahntes Trio, das innerhalb der ausgefeilten Arrangements hellwach aufeinander reagiert und hörbar Lust am Risiko zeigt.

Nicht an jedem Abend lässt sich mit dem Outreach-Wechselspiel eine derart stimmige Dramaturgie erzielen, zumal wohl auch Tourpläne und Verfügbarkeiten die Zusammenstellung mitbestimmen. Am Freitag passte die Mischung ausgezeichnet: Ballamy, das Munich Composer Collective und Kugelmann boten drei eigenständige Zugänge, die sich bestens ergänzten und dem Publikum einen abwechslungsreichen Abend bescherten.
Mut zum ersten Schritt
Auch bei der Programmierung der Surheim Showroom Stage bewies Co-Direktor Clemens Rofner ein gutes Händchen. Earth Shelters My Precious Self wagten am Samstag in Schwaz ihren überhaupt ersten gemeinsamen Live-Auftritt – und allein dazu gehört Courage. Besonders Leonie Grössl ist in Schwaz keine Unbekannte: Schon als Neunjährige sorgte die Violinistin hier mit ihrem Spiel für Aufmerksamkeit, heute studiert sie wie ihre beiden Kollegen in Linz. Das Trio meisterte seine Premiere mit erstaunlicher Sicherheit und erntete dafür kräftigen Applaus. Ein Sprungbrett und Motivationsschub für den weiteren Weg – auch das ist und soll Outreach sein.
Energie und Emotion
Im SZentrum legte danach das Kenji Herbert Trio einen starken, ausgesprochen coolen Auftritt hin. Der Gitarrist bestach durch bemerkenswerte Lässigkeit, Vinicius Cajado am Bass trieb das Geschehen voran, während Tausendsassa Lukas König am Schlagzeug mit seiner unbekümmerten, kompromisslosen Art ordentlich Feuer machte.

Emotional intensiv geriet Perseverantia von Vadim Neselovskyi. Seine Suite für Klavier und Streichtrio kreist um Krieg, Verlust, Widerstandskraft und Hoffnung und besitzt schon aus sich heraus große Ausdruckskraft. Vielleicht wäre gerade deshalb weniger mehr gewesen. Neselovskyi erklärte die Hintergründe ausführlich und gab damit die emotionale Richtung sehr deutlich vor – dabei hätte man der Musik durchaus zutrauen können, für sich selbst zu sprechen. Auffallend war jedenfalls, dass ein Teil des Publikums gerade diesen Set für eine Pause nutzte. Ob die Schwere des Themas dafür ausschlaggebend war oder dessen sehr unmittelbare Vermittlung, sei dahingestellt. Perseverantia hinterließ jedenfalls Eindruck und bewegte.


Charmant, zugleich aber kompromisslos präsentierte sich Yvonne Moriel mit Sweetlife. Zwischen Altsaxofon, Querflöte und elektronischen Spielereien entwickelte sie mit Lorenz Widauer reizvolle Dialoge. Wenn Widauer zur Piccolotrompete griff, rückten die beiden Instrumente in den hohen Registern klanglich erstaunlich eng zusammen und verschmolzen zeitweise beinahe zu einer gemeinsamen Stimme. Stephanie Weninger an Moog und Keyboards setzte zusätzliche elektronische Akzente, während die enthusiastische Rhythmusmaschine Raphael Vorraber am Schlagzeug mächtig anschob. Eine dichte, energiegeladene Angelegenheit.

Nachspiel im Grünen
Zum Ausklang des Hauptfestivals traf man sich am Sonntag beim Jazz-Frühschoppen mit Alexander and His Hot 5 + 2 im fast urwaldähnlich verwachsenen, wunderbar grünen Garten von Franz Hackls Eltern. Bei Bier und beschwingtem Brass-Sound kamen Publikum, Musiker und Veranstalter noch einmal zusammen, es wurde viel geplaudert und auf die vergangenen Tage zurückgeblickt. Dazu strahlender Sonnenschein und die Freude über drei intensive Festivaltage – was will man mehr?
