Abenteuer mit offenem Ausgang

Rückblick Jazzfestival Saalfelden 2026

Es tut gut, wieder einmal Ornette Coleman zu zitieren: „Das Thema, das du am Anfang eines Stücks spielst, ist das Territorium. Was danach kommt, ist das Abenteuer“, hat der große verstorbene Konzeptualist der kontrollierten freien Improvisation einst gemeint, der tatsächlich auch in Saalfelden zu hören war. Der Satz ist nämlich auch eine gute Kurzbeschreibung für viele der Projekte, die heuer beim Jazzfestival zu hören waren.

Etwa das Duo mit Gitarrist Giotis Damianidis und Pianist Augusto Piroda. An sich war Damianidis mit dem Projekt „Thousand Leaves“ zusammen mit Pianist Masahiko Satoh angesagt. Satoh jedoch hatte sich verletzt, und so kam es in Saalfelden zu einer spontanen Stunde zweier Musiker, die einander aber bereits kannten. Es wurde ein Lehrstück, wie man mit einem auch perkussiv eingesetzten Klavier und einer Geräuschgitarre, die sich zur Slide-Technik hin entwickelte, elegante Situationen herzustellen verstand.

Pianist Augusto Piroda.
Gitarrist Giotis Damianidis

Wenn wir schon bei Saitenkunst sind: Gleich drei Gitarren (und ein Schlagzeug) hat Posaunist Jacob Garchik eingeladen, um seine eigenwilligen Arrangements umzusetzen. Das klang wie eine dynamische Reminiszenz an den Jazzrock, mit exzentrischer Kontrapunktik befeuert, die Mary Halvorson, Brandon Seabrook und Jonathan Goldberger gitarristisch betreuten. Das war ein Projekt, das durchaus strukturierte Musik verband.

Posaunist Jacob Garchik

Ähnliches kann man über „Yeah No“ sagen, ein Quartett rund um den Saxofonisten und Klarinettisten Chris Speed mit Drummer Jim Black, Trompeter Cuong Vu und Bassist Skúli Sverrisson. Da kamen einige Stile zusammen, und vieles konnte man in die Kategorie imaginärer Folklorismen einordnen. Nette Melodien, denen Pentatonik idyllischen Charakter verlieh, waren eine angenehme Abwechslung – bei all den vielen freitonalen Programmpunkten des Festivals.

Zu den strukturierten Projekten gehörte auch das Sheen Trio von Shabnam Parvaresh. Die Bassklarinettistin forciert metrische Spielereien, in die die verzerrte Gitarre hineinintervenierte. Rockige Patterns sorgten für Drive, Bassklarinette, Gitarre und Schlagzeug überzeugten emotional dicht und mit komplexer Struktur.

Otomo Yoshihide

Zwischen Struktur und Freiheit pendelte das Quintett von Darius Jones und Otomo Yoshihide. Man hatte das Gefühl, hier würde unbewusst auf John Coltrane, dessen 100. Geburtstag heuer gefeiert wird, verwiesen. Altsaxofon traf auf japanische Gitarrenexzentrik auf modaler Basis. Hymnisch-lyrisches Melos stieg da, vom Saxofon aus, über eine herrlich nervöse Rhythmusgrundlage, der sich ekstatische Gitarrenexkurse anschlossen. Energetisch sehr stark.

Die Reize des Ungeplanten

Es gab auch Spontanes, das so nicht geplant war. Sänger Andreas Schaerer und Daniel García kamen nicht, da Schaerer gesundheitlich angeschlagen war. Stattdessen war ein Septett rund um Schlagzeuger Jim Black zu hören. Es tobte sich auf höchstem Niveau Richtung Exzess aus. Das Ungeplante kann seine Reize schon entfalten. Etwa bei der Formation SDLW – bei der aber das „D“ abhandenkam. Vibrafonist Christopher Dell fiel aus, weshalb Pianistin Tamara Stefanovich, Drummer Christian Lillinger und Bassist Jonas Westergaard als Trio die Vorzüge spontaner Kommunikation demonstrierten. Hervorzuheben ist Drummer Lillinger. Seine dezente, impulsgebende Kunst ist eine Besonderheit.

Tamara Stefanovich

Schwächeres? Nun ja. Harmlos wirkte Henriette Eilertsen. Die norwegische Flötistin und ihr Trio entwerfen eine eher schüchterne Form von Kammermusik, in der das geläufige Flötenspiel bisweilen etwas klischeehaft anmutet. Was in Improvisationen gemeinhin als Verzierung fungiert, wird hier beinahe zur stereotypen Hauptsache.

Vom Auftrag zum großen Shake

Ganz anders die Auftragskomposition des Festivals: „Strange Motion“ entfaltete sich zunächst langsam und kammermusikalisch, um sich zunehmend zu expressiver Subjektivität aufzuschwingen. Kontraste entstanden zwischen wilden Soli und unvermittelt einsetzenden, zarten Patterns; kollektive Improvisationen trafen auf reizvolle klangliche Momente. Komponistin und Meistersaxofonistin Yvonne Moriel verstand es, die individuellen Qualitäten von Keyboarder Antonis Anissegos, Harfenistin Miriam Adefris, Bassist Manu Mayr und den Drummern Toma Gouband und Max Andrzejewski zu einem überzeugenden Ganzen zu verbinden.

Bot tolles Auftragswerk zum Auftakt in Saalfelden: Yvonne Moriel

Yvonne Moriel war auch Teil jener besonderen Aktion, mit der Shake Stew daran erinnerte, dass vor zehn Jahren in Saalfelden die internationale Karriere der Band ihren Ausgang nahm. Die Formation um Lukas Kranzlbinder verschmolz – durch die Stadt wandernd – mit den Klängen örtlicher Blaskapellen. Das Projekt „The Big Shake – A Saalfelden Homecoming“ brachte Shake Stew mit der Bürgermusik Saalfelden und der Eisenbahner Stadtkapelle Saalfelden zusammen. Gemeinsam zog man durch die Straßen und ließ die substanzvollen, zugleich zugänglichen Melodien von Shake Stew in großzügig erweiterten Arrangements erklingen. Sympathisch. (tos)

Abenteuer abseits der Mainstage

Wer beim Jazzfestival Saalfelden ausschließlich die Mainstage im Congress besucht, bekommt nur einen Teil dessen mit, was dieses Festival ausmacht. Gerade das Nexus und die Otto-Gruber-Halle sind jene Orte, an denen stilistische Grenzen besonders unbekümmert überschritten werden. Das konnte konzentriert und subtil sein, aber ebenso laut, brachial oder tanzbar – und manchmal hatte das Ergebnis mit herkömmlichen Jazzvorstellungen nur noch am Rande zu tun.

Eines der ersten Ausrufezeichen setzte im Nexus das LAVAQUARTET mit Almut Kühne. Ihre ausgeprägte Vokalakrobatik verlangte zunächst durchaus etwas Gewöhnung, und auch musikalisch begann die Sache eher unspektakulär. Doch das Quartett steigerte sich enorm: Aus anfänglicher Fadesse entwickelte sich eine ungemein spannende, emotionale und energiegeladene Performance, die schließlich regelrecht euphorisierte. Ein erstes Highlight, das noch über die folgenden Festivaltage nachwirkte.

Almut Kühne

Völlig anders funktionierte DAUGHTERDAUGHTER. Schon die Besetzung mit zwei Saxofonen, Cello und Schlagzeug versprach Ungewöhnliches. Besonders stark geriet das Zusammenspiel der Saxofonistinnen Camila Nebbia und Amalie Dahl, die sich gegenseitig herausforderten und immer wieder neue Impulse setzten.

Eine Flötistin als Entdeckung

Eine Musikerin sollte einem im Laufe des Wochenendes gleich zweimal nachhaltig begegnen: Delphine Joussein. Bei SAUVAGES PARADIS im Nexus entwickelten sich viele Stücke aus ruhigen Passagen, verdichteten sich kontinuierlich und konnten sich schließlich bis zur Ekstase steigern. Mittendrin Joussein, die ihrer Flöte mit enormer Energie Töne entlockte, die mit landläufigen Vorstellungen von diesem Instrument nicht mehr allzu viel zu tun hatten.

Die Entdeckung für für Besucher des Nexus und der Gruber-Halle: Die französiche Flötistin Delphine Joussein

Später tauchte sie in der Otto-Gruber-Halle erneut auf, diesmal bei TRUNK im Duo mit Trompeter Aymeric Avice. Und spätestens hier war klar: Diese in unseren Breiten noch kaum bekannte Französin gehörte zu den Insider-Überraschungen des Festivals. Mit Elektronik, Schlagwerk, Trompete und Flöte ließen Joussein und Avice ihrer Improvisationslust freien Lauf. Hier flogen die Fetzen – allerdings mit Stil.

Überhaupt durfte es in der Gruber-Halle ordentlich zur Sache gehen. EARTHBALL setzte auf die rohe Direktheit des Punk, versetzte diese mit Noise-Attacken und ließ dazwischen immer wieder jazzige Freiräume entstehen. Einen zusätzlichen Reiz brachte Bassistin Isabel Ford ins Spiel, wenn sie betont cool und beinahe lasziv ins Mikrofon sang. Rau, provokant und musikalisch allemal auf der Höhe.

Cool Punk Cat: Die Kandierin Isabella Ford von Earthball

Noch konsequenter verabschiedeten sich KOMFORTRAUSCHEN von jeder Erwartung, die man mit einem Jazzfestival verbinden könnte. Das Berliner Trio lieferte zu später Stunde Techno pur – Erinnerungen an die österreichischen Elektro Guzzi drängten sich auf, nur wirkte das hier noch unmittelbarer und kompromissloser. Gitarre, Bass und Schlagzeug erzeugten einen derart druckvollen, pulsierenden Sound, dass analytisches Zuhören irgendwann völlig nebensächlich wurde. Einfach hineinziehen lassen, abschalten, in Trance geraten und abheben.

Nicht jede Überraschung muss laut sein

Dass Abenteuerlust nicht automatisch Lautstärke bedeutet, zeigte wiederum Marta Sanchez im Nexus. Im Gegensatz zu ihrem Ensemble-Auftritt auf der Mainstage am Tag zuvor konnte sie bei ihrem Solokonzert „For The Space You Left“ wesentlich stärker ihren persönlichen Stempel aufdrücken. Allein am teilweise präparierten Klavier kamen ihre individuelle Klangsprache sowie ihr Gespür für rhythmische und harmonische Verschiebungen viel deutlicher zur Geltung. Für mich war dieser konzentrierte Soloauftritt weitaus interessanter als der Gig tags zuvor.

Im Nexus solo besonders überzeugend: Marta Sanchez

Interessanterweise waren es also nicht unbedingt jene Formationen, von denen man sich im Vorfeld besonders viel erwartet hatte, die am stärksten hängen blieben. MEL*E etwa vereinte mit Viola Hammer, Judith Ferstl und Judith Schwarz gewissermaßen eine All-Star-Besetzung der jungen österreichischen Jazzgeneration. Das Trio spielte dicht, rhythmisch und mit ordentlich Druck, doch die konsequente Konzentration der Stücke auf ihre jeweiligen Grundideen wurde auf Dauer auch zur Schwäche. Überraschende Wendungen, Ecken und Kanten und damit letztlich etwas Abwechslung fehlten.

Vielleicht liegt genau darin eine besondere Qualität von Saalfelden: Die spannendsten Begegnungen müssen nicht zwangsläufig dort stattfinden, wo die großen Namen auf der Mainstage stehen. Nexus und Gruber-Halle boten reichlich Gelegenheit, sich auf Musik einzulassen, von der man vorher nicht genau wusste, wohin sie führen würde. Und manchmal waren es gerade jene Namen, die man vorher kaum oder gar nicht auf dem Radar hatte, die am längsten im Gedächtnis blieben. (hörb)

Artikel: Ljubisa Tosic /Herbert Höpfl
Alle Fotos: Herbert Höpfl