Dinosaurier, die noch immer beißen

Deep Purple füllen 58 Jahre nach ihrer Gründung noch immer die Wiener Stadthalle. Rund 9.000 Besucher, ein erstaunlich vitaler Ian Gillan, zwei Virtuosen an Gitarre und Keyboards, Lidia Baich als Überraschungsgast – und eine Band, die sich hartnäckig weigert, zum eigenen Denkmal zu werden.

Deep Purple – Wiener Stadthalle, 05.10. Organized by Barracuda Music

Ja, es gibt sie noch, die sogenannten Rock-Dinosaurier. Viele sind allerdings nicht mehr übrig. Manche tingeln als Secondhand-Ausgaben über Hippie-Festivals und größere Kirtag-Shows, mitunter mit einem letzten Originalmitglied, manchmal auch ganz ohne – und gelegentlich hat man fast den Eindruck, es stehe nur noch jemand auf der Bühne, der zumindest einen gekannt hat, der die Band irgendwann einmal live gesehen hat. T. Rex, Canned Heat, Slade oder Sweet: Sie alle sind in irgendeiner Form noch buchbar.

Deep Purple 2026: Fünf Musiker, fast sechs Jahrzehnte Bandgeschichte – und noch immer weit mehr als bloße Nostalgie.
Foto: Herbert Höpfl

Dass aber eine Band aus derselben Epoche im Jahr 2026 die Wiener Stadthalle noch immer mit rund 9.000 Menschen füllen kann, ist weder Zufall noch ausschließlich der Nostalgie geschuldet. Deep Purple haben sich nie damit begnügt, ihr eigenes Denkmal zu verwalten. Die Band hat sich immer wieder neu erfunden, Besetzungswechsel verkraftet, weiter hart gearbeitet, unermüdlich getourt und regelmäßig neue Alben veröffentlicht.

Freilich sind diese Platten keine historischen Meilensteine mehr wie „In Rock“, „Machine Head“ oder „Burn“ – wie sollten sie es auch sein? Solche Alben entstehen nicht zweimal, und schon gar nicht unter denselben Voraussetzungen wie vor einem halben Jahrhundert. Bemerkenswert ist vielmehr, dass Deep Purple auch heute Musik mit höchstem handwerklichem und musikalischem Anspruch produzieren und dabei weitgehend auf Zugeständnisse an den alten Rock-Weihrauch verzichten. Sie versuchen nicht, wie Deep Purple von 1972 zu klingen. Und vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum Deep Purple 2026 noch immer eine Band sind – und nicht bloß eine reisende Erinnerung an eine große Vergangenheit.

Ein paar Töne genügen

Ziemlich pünktlich treten die alten Herren aus dem Schatten der Bühne. Die Lichter gehen an, die mächtige Videowall erwacht zum Leben – und dann reichen tatsächlich ein paar Töne: „Highway Star“. Rund 9.000 Menschen sind augenblicklich auf Betriebstemperatur. Ian Gillan tritt ans Mikrofon und stimmt jene Nummer an, die seit 1972 zu den großen Fixpunkten im Purple-Kosmos gehört.

Ian Gillan, der Frontmann und auch Motor hinter der langlebigen „Rockmaschine“ Deep Purple.

Daneben Roger Glover: aus der Entfernung beinahe unverändert, das markante Bandana um den Kopf, den Bass tief vor dem Körper. Hinter ihm Ian Paice, das letzte verbliebene Gründungsmitglied, der mit seiner Mischung aus Wucht und erstaunlicher Beweglichkeit das Schlagzeug bearbeitet. Don Airey sitzt cool und konzentriert hinter seiner Keyboard-Burg und genießt sichtlich seine Momente im Rampenlicht.

Und dann wäre da noch der Jungspund der Truppe: Simon McBride. Mit 47 Jahren könnte er altersmäßig beinahe als Nachwuchskraft durchgehen. Seit 2022 ist der Nordire fest bei Deep Purple und steht damit in einer Gitarristen-Ahnenreihe, die es in sich hat: Ritchie Blackmore und Steve Morse.

Beim vierten Programmpunkt gehört die Bühne McBride allein. Sein ausgedehntes „Guitar Solo“ ist sein persönlicher Freiraum im Set. Spätestens hier wird klar, dass er gar nicht versucht, in die Fußstapfen seiner berühmten Vorgänger zu treten. Weder sucht er die Blackmore’sche Eleganz und Dramatik noch den virtuosen, bisweilen verspielten Zugang eines Steve Morse. McBride spielt McBride: kraftvoll, direkt, modern und mit einem eigenen Rock-Vokabular. Das kann man lieben, weil hier keiner versucht, den Geist Blackmores heraufzubeschwören. Oder man vermisst als Nostalgiker gerade diese Reminiszenzen. Geschmackssache. Gut ist McBride allemal.

Simon McBride: Kraftvoll, modern und mit ganz eigener Handschrift. Foto: Herbert Höpfl

Nicht nur das Museum geöffnet

Mit „Arrogant Boy“ und „Diablo“ folgt ein kräftiger Sprung in die Gegenwart. Beide Stücke stammen vom erst im Juli erschienenen Album „SPLAT!“. Deep Purple verstecken ihr neues Material also keineswegs irgendwo zwischen den unvermeidlichen Klassikern, sondern stellen es selbstbewusst mitten ins Programm.

Danach gehört die Bühne Don Airey. Sein „Keyboard Solo“ führt zwangsläufig zu einem Namen, der über jedem Deep-Purple-Keyboarder nach ihm schwebt: Jon Lord. Ersetzen kann und soll man Lord nicht. Airey versucht es auch gar nicht. Der Tastenvirtuose hat längst seine eigene Sprache innerhalb der Band gefunden und kommt dabei dem Geist seines legendären Vorgängers manchmal erstaunlich nahe – ohne ihn zu kopieren.

Zwischen Hammond-Wucht und Tastenakrobatik: Don Airey – Jon Lord würde wohlwollend nicken. Foto: Herbert Höpfl

Mit „Lazy“ geht es zurück zu „Machine Head“ und ins Jahr 1972 – und das ziemlich überzeugend. Gerade hier darf der Nostalgiker allerdings ein wenig wehmütig werden. Gillans einst schier unglaublicher Stimmumfang und diese explosive Stimmgewalt sind naturgemäß nicht mehr dieselben, und auch Blackmores legendäre Gitarren-Eskapaden fehlen. Aber vielleicht wäre es auch völlig falsch, genau das 2026 noch einzufordern. „Lazy“ funktioniert trotzdem – anders, gereifter, aber immer noch mit ordentlich Druck.

„Sometimes I Feel Like Screaming“, „Sacred Land“ und „Lazy Sod“ führen anschließend wieder durch unterschiedliche Phasen der Bandgeschichte und unterstreichen, dass dieser Abend eben keine bloße Greatest-Hits-Parade werden soll.

Donauwalzer trifft Hard Rock

Don Airey bekommt später noch einmal Gelegenheit, seine Virtuosität auszuspielen – diesmal mit ausgesprochenem Wien-Bezug. In sein zweites „Keyboard Solo“ lässt er Johann Strauss’ „An der schönen blauen Donau“ einfließen und holt sich dafür Lidia Baich an die Violine. Eine lokale Einlage, gewiss, aber eine, die in Aireys ohnehin von Klassik, Rock und Improvisation geprägter musikalischer Welt durchaus Sinn ergibt.

An der Violine als Überraschungsgast: Lidia Baich setzt gemeinsam mit Ian Gillan bei „Perfect Strangers“ besondere Akzente.

Baich bleibt auch für „Perfect Strangers“ auf der Bühne – und damit für einen der herausragenden Momente des Abends. Der Song markiert bis heute eine entscheidende Schnittstelle der Bandgeschichte: 1984 fanden Gillan, Blackmore, Lord, Glover und Paice in der klassischen Mark-II-Besetzung wieder zusammen. Der alte Purple-Sound war wieder da, gleichzeitig hatte die Band die musikalischen Entwicklungen der Achtziger aufgesogen. Genau diese Verbindung aus Vergangenheit und Erneuerung macht „Perfect Strangers“ bis heute so stark. Baichs Violine gibt dem Klassiker in Wien noch eine zusätzliche Farbe.

Cool und lässig wie eh und je: Roger Glover – mit Bandana und Bass seit Jahrzehnten eine Konstante bei Deep Purple.
Foto: Herbert Höpfl

Das Riff, das einfach nicht sterben will

Nach „Perfect Strangers“ biegt der Abend mit „Space Truckin’“ endgültig ins Finale ein, ehe jenes Riff durch die Stadthalle donnert, das vermutlich selbst Menschen erkennen, die noch nie bewusst eine Deep-Purple-Platte aufgelegt haben: „Smoke on the Water“.

Solide, mächtig – und als Dauerbrenner vielleicht schon ein wenig abgelutscht. Aber was soll’s: Für 9.000 Fans gehört das Riff dazu, und zum gemeinsamen Mitgrölen ist es ohnehin unschlagbar.

Für die Zugaben kehrt die Band zunächst mit dem kurzen Instrumental „Guinnesis“ zurück, bevor mit „Hush“ noch einmal ganz tief in die eigene Geschichte gegriffen wird. Das von Joe South geschriebene Stück gehört seit dem Deep-Purple-Debütjahr 1968 zum Repertoire. Don Airey treibt die Nummer mit kurzen, rhythmisch akzentuierten Hammond-Figuren voran, während Glover und Paice demonstrieren, dass im Purple-Getriebe auch nach bald sechs Jahrzehnten noch erstaunlich wenig knirscht.

Am Schlagzeug das letzte verbliebene Gründungsmitglied: Ian Paice – mit 78 noch immer erstaunlich druckvoll und beweglich.

Und ganz zum Schluss natürlich „Black Night“. Ein Riff, noch einmal erhebt sich die Halle – und nach rund 100 Minuten ist Schluss.

Was bleibt? Sicherlich nicht die Illusion, hier noch einmal Deep Purple von 1972 erlebt zu haben. Gillan ist 81, Glover 80, Paice und Airey sind 78 – da darf und muss man andere Maßstäbe anlegen als vor fünfzig Jahren. Das hört und sieht man – und warum sollte man es auch verstecken? Entscheidender ist, dass diese Musiker auf der Bühne noch immer etwas miteinander anzufangen wissen. McBride darf McBride sein, Airey muss nicht Jon Lord spielen, und Gillan muss niemandem mehr beweisen, dass er jene Höhen erreicht, mit denen er vor fünf Jahrzehnten Rockgeschichte geschrieben hat.

Vielleicht unterscheidet genau das Deep Purple von so mancher eingangs erwähnten wandernden Rock-Reliquie. Hier wird nicht bloß eine alte Firmenbezeichnung über die Festivalbühnen geschoben. Deep Purple sind 2026 tatsächlich noch eine Band.

Eine ziemlich alte, zugegeben. Aber eine, die noch immer beißen kann.

Fotos und Bericht: Herbert Höpfl